Buenos Aires war im frühen 20. Jahrhundert eine Metropole im Aufbruch, durchtränkt von europäischer Kultur. Künstler wie Pablo Neruda und Federico García Lorca galten hier in den 30er Jahren als die „Attraktionen“ und trafen im Café Tortoni oder bei nächtlichen Streifzügen mit einheimischen Geistesgrößen zusammen. Das Leben der beiden Dichter in der Hauptstadt Argentiniens beschreibt Sieglinde Oehrlein.

Literarischer Streifzug

Geräuschvolle Anwesenheit – Pablo Neruda und García Lorca in Buenos Aires

Von Sieglinde Oehrlein

Tango, Teatro Colón und saftige Steaks – das verbinden heutige Touristen mit Buenos Aires. Es gab jedoch Zeiten, da waren Künstler wie Pablo Neruda und Federico García Lorca die „Attraktionen“ der Stadt. Sie waren in der Presse allgegenwärtig, unternahmen nächtliche Streifzüge und trafen sich mit einheimischen Geistesgrößen im Hotel Castelar, im Café de Florencia, im Café 36 Billares und im Café Berna nahe der Plaza de Congreso. Leicht süffisant schrieb die Autorin Norah Lange, die eher dem intellektuellen Kreis um Jorge Luis Borges nahestand: „… die geräuschvolle Anwesenheit des Gespanns Lorca-Neruda in Buenos Aires während jener Monate (der Jahre) 1933 und 1934 beherrschte das künstlerische Klima der Stadt vollkommen”.

Pablo Neruda war seit August 1933 chilenischer Honorarkonsul in Buenos Aires, bevor er im folgenden Jahr Konsul in Barcelona und 1935 in Madrid werden sollte. Mit seiner ersten Frau Maruca wohnte er in der Straße Corrientes Nr. 456 im obersten Stock.

Lorca war am 13. Oktober 1933 in Buenos Aires angekommen, mit einer Einladung der „Gesellschaft der Freunde der Kunst“ und einem Vertrag mit Juan Reforzo, dem Ehemann der Schauspielerin Lola Membrives, in der Tasche. Er quartierte sich im Hotel Excelsior ein, dem heutigen Hotel Castelar. Sein Zimmer Nummer 704 wurde siebzig Jahre nach seinem denkwürdigen Besuch als Erinnerungsstätte restauriert.

Die Dichter Pablo Neruda und García Lorca hatten sich am 14. Oktober 1933 im Hause des Schriftstellers Pablo Rojas Paz in der Straße Charcas 900 kennengelernt, wo Lorca oft als Ehrengast verkehrte. An seine Mutter schreibt er: „Bei ihm habe ich einen ganz außergewöhnlichen chilenischen Dichter kennengelernt, Pablo Neruda; seine Verse sind so gut, dass mir meine dagegen unbedeutend erscheinen“. Und weiter berichtet er: „Nach Mitternacht aßen wir ‚puchero’ (einen Gemüseeintopf mit Fleisch) … und gegen zwei Uhr begannen wir uns zu amüsieren. Ich erfinde Monologe, verkleide mich, und trage die langen Geschichten vor, die mir der Hirte erzählt hat … Und ich rezitiere Gedichte von Neruda. Die meinen nicht, denn die seinen sind zu perfekt – unmöglich, ihnen Konkurrenz zu machen“.

Bei einem „Bankett, das der PEN-Club im Hotel Plaza für Federico und mich gab“, wie Neruda in seiner Autobiographie schreibt, hielten die beiden am 20. November 1933 zu Ehren des nicaraguanischen Dichterkollegen Rubén Darío einen „zweistimmigen Vortrag“. Ruben Darío hatte Buenos Aires 1893, 1898, 1906 und 1912 besucht und war dort in den diversen Cafés anzutreffen. Im heute frisch renovierten Casino im Tigre-Delta schrieb er seine Divagaciones.

Ein anderer Besuch der beiden Freunde galt Natalio Botana (1888-1941), dem Gründer und Direktor der Zeitung La Crítica. Darüber schreibt Neruda in Ich bekenne, ich habe gelebt: „Wir waren eines Abends von einem jener Millionäre eingeladen worden, die nur Argentinien oder die Vereinigten Staaten hervorzubringen vermögen“.

Verheiratet war Botana mit Salvadora Medina Onrubia, einer angeblichen Anarchistin, die im Pelzmantel und Rolls Royce zu Gewerkschaftsversammlungen fuhr. In seiner Villa „Los Granados“ im Vorort Don Torcuato war José Ortega y Gasset zu Gast, und der Mexikaner Siqueiros hinterließ ein im Jahr 2009 restauriertes Wandgemälde. „Es handelte sich um einen aufsässigen Autodidakten, der mit einem Revolverblatt ein märchenhaftes Vermögen erworben hatte. Sein von einem unermeßlich großen Park umgebenes Haus war die verkörperte Traumvorstellung des schwungvollen Neureichen. Hunderte von Käfigen mit Fasanen aller Farben und aller Länder säumten den Weg. Die Bibliothek bestand aus steinalten Büchern, die er telegraphisch auf Auktionen europäischer Bibliophiler kaufte; sie war riesig und überfüllt. Doch das Spektakulärste war der Fußboden des gewaltigen Lesesaals, ganz mit Pantherfellen ausgelegt, dicht vernäht zu einem riesigen Teppich. Ich erfuhr, daß der Mann Agenten in Afrika, Asien und am Amazonas unterhielt, die nur dazu da waren, Felle von Leoparden, Ozeloten und Riesenkatzen für ihn aufzukaufen, deren Zeichnung unter meinen Füßen in der prunkvollen Bibliothek schimmerte. So lagen die Dinge im Haus des berühmten Natalio Botana, des mächtigen Kapitalisten, Herrschers über die öffentliche Meinung von Buenos Aires“, schreibt Neruda.

Man glaubt es ihm, wenn man vor dem Gebäude der Zeitung La Crítica in der Avenida de Mayo 1333 steht. Entworfen wurde es im Art-Nouveau-Stil von den ungarischen Architekten Gyorgy und András Kalnay. Neben modernster technischer Ausstattung für die Zeitungsherstellung wie Rohrpost, Förderbänder, Funk- und Telegraphenstation verfügte es über Restaurant, Gymnastikraum, Friseur und moderne Brandschutzvorrichtungen.

Im Nebentrakt, dem erst 1909 eröffneten Hotel Majestic, fand im September 1913 die Hochzeitsfeier des Tänzers Vaclav Nijinskij statt, der mit den Ballets Russes im Teatro Colón gastierte; er bewohnte fünf Zimmer im dritten Stock, angeblich ist noch das Geschirr vorhanden, das er benutzte. In dem Hotel nächtigten Rubén Darío und der spanische Romancier Blasco Ibáñez anlässlich der 100-Jahr-Feiern der Unabhängigkeit Argentiniens, doch dem Hotel war nur ein kurzes Leben beschieden; eine der letzten Berühmtheiten, die es beherbergte, soll 1929 Le Corbusier gewesen sein. Das Buenos Aires, das Lorca und Neruda erlebten, war eine Metropole im Aufbruch, durchtränkt von europäischer Kultur, auf der Theaterbühne wie in der Architektur oder im gesellschaftlichen Leben.

Ebenfalls auf der Avenida de Mayo treffen wir auf die „Diva“ unter den Cafés von Buenos Aires, das Tortoni. Auch hier war Neruda zu Gast, und wiederum in bester Gesellschaft. Bis 1943 war das Tortoni Treffpunkt der Künstlerrunde, „La Peña“. Dazu gehörten der Maler Quinquela Martín, die Schriftstellerin Alfonsina Storni, Besucher waren der Tangokönig Carlos Gardel, Arthur Rubinstein, Toscanini und Ortega y Gasset, Hillary Clinton und König Juan Carlos von Spanien. Die Gäste goutierten Bier oder Sidra, Eiscreme mit Eierschaum und Zimt und vor allem im Winter die typisch spanischen „Churros“ (Spritzgebäck) mit heißer Schokolade. Frequentiert wurde das Tortoni von den Redakteuren der Zeitungen La Crítica, La Prensa, Noticias Gráficas, El Argentino, La Época und La Razón, die alle ihren Sitz auf der Avenida de Mayo hatten.

Die holzgetäfelten Wände mit Spiegeln, die Lüster an der Decke, die Registrierkasse, Tische und Stühle aus dunklem Holz und die dämmerige Atmosphäre vermitteln zwar noch heute etwas vom Stil vergangener Zeiten, im Übrigen sind die lässig gekleideten, Coca Cola trinkenden Touristen selber schuld, dass das Tortoni nicht mehr das ist, was es einst war.

Die weitere Spurensuche führt in das völlig verlassene Pampaörtchen Polvaredas und von dort über Stock und Stein zu der ehemals hochherrschaftlichen und heute verfallenen Villa „Grandes Polvaredas“. Dort, wo sich die damalige High Society zu luxuriösem Landleben traf, manche Gäste mit dem Flugzeug eingeschwebt kamen, wurde Delia del Carril, Nerudas zweite Frau, am 27. September 1884 oder 1885 geboren, auf dieser Estancia mit 38 Zimmern verbrachte sie ihre Kindheit. Ihr Vater, Abgeordneter und Gouverneur der Provinz, sollte sich 1899 im Garten ihres Hauses in der Avenida Santa Fe 3137 in Buenos Aires erschießen. Ihrem Großvater, Salvador María del Carril (1798-1884), ist eine Straße gewidmet – eine Ehre, die Neruda gar nicht und García Lorca erst mit großer Verspätung zuteil wurde. Neruda und Delia lernten sich in Madrid kennen, sie heirateten am 2. Juli 1943 im mexikanischen Tetecala.

Pablo Neruda mit seiner zweiten Ehefrau Delia
Pablo Neruda mit seiner zweiten Ehefrau Delia

Neruda hätte noch zwei weitere argentinische Anekdoten beizusteuern: 1939 verließ er Chile mit einem Pass auf den Namen Miguel Ángel Asturias, des späteren guatemaltekischen Nobelpreisträgers. Dieser war ab 1947 Kulturattaché seines Landes, und von 1955 bis 1962 lebte er im argentinischen Exil, verheiratet war er mit der Argentinierin Blanca Mora y Araujo. An der Avenida del Libertador 218 erinnert eine Plakette an ihn.

Während diese Episode offenbar ohne Probleme verlief, wurde Neruda Anfang April 1957, auf der Reise zu einer Friedenskonferenz in Colombo, von der Geheimpolizei verhaftet und eineinhalb Tage im Hauptgefängnis von Buenos Aires festgehalten: „Es regnete in jener Nacht. Dicke Tropfen fielen aus Buenos Aires’ dichtverhangenem Himmel. Ich war verwirrt. Perón war bereits verjagt. General Aramburu hatte die Tyrannei im Namen der Demokratie gestürzt. Trotzdem, ohne zu wissen, wie noch wann, warum und wo, ob aus diesem oder einem anderen Grund, ob wegen nichts oder wegen allem, erschöpft und krank, wurde ich verhaftet.“ Erst auf öffentlichen Druck seiner Freunde kam er wieder frei: „Etliche Stunden später hatte die Solidarität der Schriftsteller und Freunde in Argentinien, Chile und anderen Ländern funktioniert. Man holte mich aus der Zelle, brachte mich ins Revier, gab mir meine Besitztümer zurück, ließ mich frei.“

Poetischer verlief der Abschied García Lorcas, der statt zwei Wochen fast sechs Monate in Buenos Aires geblieben war: „Es scheint mir, als ließe ich einen Teil von mir in dieser Zauber-Stadt. In kurzer Zeit habe ich Freunde gewonnen, die ich glaube, schon mein Leben lang zu haben… Morgen, am Schiff, seid bitte alle fröhlich. Laßt uns so tun, als würde ich nur ins Tigre-Delta fahren und als würden wir uns in ein paar Tagen wiedersehen.“ Dazu sollte es nicht kommen, in den ersten Bürgerkriegstagen, in der Nacht zum 20. August 1936, wurde Federico García Lorca bei Granada ermordet. Neruda starb am 23. September 1973, zwölf Tage nach Pinochets Putsch in Chile. Sein Haus in Santiago wurde von den Militärs verwüstet.

Pablo Neruda erhielt 1971 den Nobelpreis für Literatur
Pablo Neruda erhielt 1971 den Nobelpreis für Literatur

erstellt am 18.3.2012

Pablo Neruda, um 1930
Pablo Neruda, um 1930

Die Armut

Ach, du magst nicht, dich erschreckt die Armut,
du magst nicht mit zerrissenen Schuhen zum Markt gehn
und heimkommen mit dem alten Kleid.

Liebe, wir lieben nicht,
wie es die Reichen möchten, das Elend.
Wir werden es ausrotten, ausreißen wie einen üblen Zahn,
der bis heut das Herz des Menschen geplagt hat.

Aber ich will nicht, daß du die Armut fürchtest.
Kommt sie, durch meine Schuld, zu deiner Wohnung,
fegt sie deine goldenen Schuhe fort,
soll sie nicht fortfegen dein Lachen,
das mir das Brot meines Lebens ist.

Kannst du die Miete nicht bezahlen,
geh zur Arbeit mit stolzem Schritt und denke,
meine Liebe, daß ich dich sehe
und wir zusammen der größte Reichtum sind,
der je auf der Erde zusammenkam.

Pablo Neruda

Federico Garcia Lorca
Federico Garcia Lorca

»Alle Dinge haben ihr Geheimnis, und die Poesie ist das Geheimnis, das alle Dinge haben.«

Federico Garcia Lorca