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Filmkritik

Take Shelter

Das Ende ist nah: Im neuen Film von Jeff Nichols spielt Michael Shannon einen Familienvater, der von apokalyptischen Visionen gequält wird.

Von Kai Mihm

Das Ende der Welt befindet sich im Kino für gewöhnlich fest in den Händen des Mainstream. Gelegentlich aber verschieben sich die Parameter ein wenig in Richtung „Arthouse” und Autorenkino. Lars von Triers „Melancholia“ etwa jagte einen Kometen in Richtung Erde und die Coen-Brüder bedienten sich gleich bei Hiob, um in „A Serious Man“ einen gewaltigen Sturm auf ihren Protagonisten loszulassen. Wie eine sehr viel ernstere Variation des Coen-Films mutet nun „Take Shelter” an, der neue Film von Jeff Nichols, der 2007 mit „Shotgun Stories” ein beeindruckendes Regiedebüt gab. Im Mittelpunkt steht ein Mann namens Curtis, der mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter im amerikanischen Mittelwesten lebt. Das provinzielle Heartland der Vereinigten Staaten war auch der Spielort von „A Serious Man“ und ähnlich wie Larry Gopnik wird auch Curtis plötzlich von bizarren Alpträumen und bedrohlichen Visionen geplagt, fürchtet um seine Existenz und sieht sich am Ende einem gewaltigen Sturm gegenüber. Anders aber als der mittelständische Akademiker Gopnik sucht der working-class-Dad Curtis sein Heil nicht in einer spirituellen Sinnsuche (bezeichnenderweise spielt Religion in „Take Shelter“ nur durch ihre Abwesenheit eine Rolle).
Mit der Zielstrebigkeit eines Mannes, der es gewohnt ist, Probleme beim Schopf zu packen, sucht er nach rationalen Erklärungen für seine Leiden. In einer der berührendsten Szenen sitzt er bei einem Seelsorger und trägt in nüchternem Tonfall die Auswertung einer psychiatrischen Checkliste vor, mit der er sich selbst auf Symptome von Schizophrenie untersucht hat. Dennoch, und das macht den Film so faszinierend, begnügt Nichols sich nicht mit dieser Erklärung. Bis zum Schluss lässt er in der Schwebe, ob Curtis ein Visionär oder ein Wahnsinniger ist. Er zeichnet das Porträt eines paranoiden Mannes und zugleich das eines Propheten. In dieser Ambivalenz wiederum erinnert Curtis' Verhalten an den Vater aus Kurosawas „Bilanz eines Lebens“, der eine drohende Atomkatastrophe vorhersagt und von seinen Mitmenschen für verrückt erklärt wird.

Stürme sind bekanntlich schon seit Shakespeare treffliche Metaphern für die inneren Unruhen eines Protagonisten, einer Gesellschaft. Von amerikanischen Kritikern wurde „Take Shelter“ denn auch als Parabel auf eine Nation in der wirtschaftlichen Krise gelesen. Aber auch jenseits dieser sehr spezifischen Lesart funktioniert der Film als universelles Drama einer Verunsicherung. Er erzählt von der Last eines einfachen Mannes, der fürchtet, den an ihn gestellten Erwartungen nicht mehr gerecht werden zu können. Die Tragik liegt darin, dass Curtis alles tut, um seine Familie zu “schützen” und ihre Sicherheit genau dadurch aufs Spiel setzt.

Und auch wenn man Michael Shannon nach „Bug“ oder „My Son, My Son, What Have Ye Done“ in der Rolle des Psychotikers langsam nicht mehr sehen kann, erweist er sich als perfekte Besetzung. Mit einem zwischen Melancholie und Furor changierenden Blick und einem verkniffenen Zug um den Mund gibt er der existentiellen Not ein Gesicht. Die stärksten Momente hat er gleichwohl nicht während der bedrohlichen Visionen, sondern, wenn Curtis gegen alle psychischen Widerstände versucht, ein normales Leben zu führen. In winzigen gestischen und mimischen Signalen macht Shannon den herzzerreißenden Kampf seines Charakters sichtbar. Ganz ähnlich verhält es sich mit Jessica Chastain, deren Rolle als engelsgleiche Ehefrau an ihren Part in „Tree of Life“ erinnert, hier aber durch die naturalistische Regie wahrhaftiger wirkt. Der äußerst effektive Minimalismus der durchweg exzellenten Darsteller setzt sich in der gesamten Inszenierung fort. Jeff Nichols, einer der großen Regionalisten des zeitgenössischen US-Kinos, zeigt ein bemerkenswertes Gespür für alltägliche Situationen, für die Art, wie einfache Menschen in der Provinz leben und miteinander umgehen. Entsprechend kündigt sich das dräuende Unheil durch gar nicht so ungewöhnliche Erscheinungen an, durch gewaltige Gewitterwolken oder durch Vogelschwärme, die am Abendhimmel bizarre Flugformationen bilden, einem pointillistischen Moebiusband gleichend. Beinahe unmerklich lässt Nichols den Surrealismus ins amerikanische Kernland sickern. Auch das kann man durchaus politisch verstehen.

erstellt am 15.3.2012