Etwa 35 Bücher hat er geschrieben, darunter 15 Gedichtbände. Das ist schon nicht wenig für einen Menschen, der sein Leben dem Schreiben widmet. Aber Michael Krüger hat von 1968 an als Verlagslektor, literarischer Verlagsleiter und bis heute auch als Geschäftsführer beim Hanser Verlag gearbeitet, er ist Herausgeber der Akzente und vieler anderer Publikationen. Da stellt sich die Frage, wie viele Leben dieser Mann zugleich zur Verfügung hat. Der Poet Krüger plant seine Gedichte nicht. Sie verdanken sich dem Moment und werden anschließend über einen längeren Zeitraum hinweg ausgearbeitet. Gemeinsam ist ihnen eine besondere Stimmung, die man ihn, lauscht man seiner Lesung, vertonen hört. Er spricht seine prosaische Poesie mit den für ihn typischen Pausen, in denen das säumige Begreifen nachsitzen kann, vermeidet jedes Pathos und spielt souverän mit feinen Ausdrucksnuancen. Die Schlichtheit seiner Sätze erlaubt seinen Worten, immer wieder wirkungsvoll aus dem Sprachbild zu fallen. Nicht nur auf diese Weise umgeht Krüger die unbeholfenen Wie-Metaphern und folgt Assoziationen, die uns allen vertraut vorkommen und uns dennoch überraschen. (-ert)

Audio-Mitschnitte

Michael Krüger liest

»Wo ich geboren wurde«

»Dämmerung«

»Die Vögel«

»Über Schatten«

»2009«

Foto von Michael Krüger: © Peter-Andreas Hassiepen

Aufgenommen bei einer Lesung im Hessischen Literaturforum Frankfurt
© Bernd Leukert, Faust-Redaktion

erstellt am 14.3.2012

Wo ich geboren wurde

1
Mein Großvater konnte über hundert Vögel
an ihren Stimmen erkennen, nicht gerechnet
die Dialekte, die in den Hecken gesprochen wurden,
dunklen Schulen hinter dem Hof,
wo die Braunkehlchen Aufsicht hatten.
Mein Großvater war Spezialist für Kartoffeln.
Mit den Händen grub er sie aus, zerbrach sie
mit den Daumen, die weiß wurden,
und ließ mich an der Bruchstelle lecken.
Mehlig, gut für Schweine und Menschen.
Auch nach der Enteignung wollte er unbedingt
an Gott glauben, weshalb ich die Kartoffeln
ausbuddeln mußte aus seinem ehemaligen Acker.
Wie auf holländischen Bildern zogen
schwere Wolken über den sächsischen Himmel,
sie kamen aus Rußland und Polen
und fuhren nach Westen, ihre Fracht wurde leichter,
durchsichtiger und feiner, bis sie in Frankreich
als Seide verkauft wurde. Im Westen, sagte er,
finden Verwandlungen statt, wir werden verwandelt.
Im Dorf fehlten einige seiner Freunde,
die mußten in Rußland die Wolken beladen.

2
Meine Großmutter benutzte die Brennschere,
um ihre dünnen Haare zu wellen. Man muß
dem Herrgott ordentlich frisiert gegenübertreten.
Der kam meistens nachts, wenn ich schon
schlafen sollte, setzte sich auf den Bettrand
und unterhielt sich mit ihr auf sächsisch.
Beide flüsterten, als hätten sie ein Geheimnis.
Manchmal waren sie freundlich zueinander,
dann wieder zankte sie mit ihm wie
mit dem Großvater, wenn der sein Glasauge
neben den Teller legte. Wenn man es falsch herum
einsetzt, kann man nach innen sehen,
in den Kopf hinein, wo die Gedanken leben,
sagte er und stopfte seine Pfeife mit Eigenbau,
der neben dem Tisch an der Wand hing, labbrige Blätter,
von einem Faden durchzogen. Die Ärmel der Joppe
des Großvaters waren von Brandlöchern genarbt.
Wie deine Lunge, sagte die Großmutter, beides
aus braunem Stoff. So vergingen die Tage.
Abends gab es Kartoffeln mit Sauce oder ohne.
Wenn auf dem Hof geschlachtet wurde, fand ich
Wellfleisch auf meinem Teller, aber ich durfte nicht
fragen, wie es zu uns gefunden hatte.
Wellfleisch kann fliegen, damit war alles gesagt.
Ich stellte mir Gott als einen Menschen vor,
der alles mit sich machen ließ.

3
Mein Großvater las nicht mehr. Alle Bücher stehen
in meinem Kopf, sagte er, aber ganz durcheinander.
Dafür erzählte er gerne, am liebsten vom König,
der sich angeblich für ihn interessiert hatte.
Auf der Jagd sollte er ihm einen Hasen
vor die Flinte treiben, aber der Großvater hatte
das Tier unter seinem Mantel versteckt.
Ich kann noch heute das Hasenherz schlagen hören,
rief er und faßte sich an die Stelle, wo seine Uhr
hing. Hasen haben ein schlechtes Herz,
damit kann man keinen Staat machen. Vom Staat
war nicht viel zu erwarten. Wenn die Großmutter
nicht im Zimmer war, hörten wir Radio, messerscharfe
Stimmen, die den Rauch seiner Pfeife zittern ließen.
Saubande, sagte mein Großvater, der sonst nie
fluchte. In der Nähe von Beromünster war die Musik
zu Hause, da fahren wir eines Tages hin, sagte er,
und hören Bach und Tschaikowsky. Dann schlief er ein.
Das Lid über seinem Glasauge war nie ganz geschlossen.

4
Als ich mein Dorf kürzlich besuchte,
fiel mir alles wieder ein, nur ungeordnet:
der Kunsthonig und der schwarze Sirup, der sämig
durch die Löcher im Brot tropfte, die fauchenden Feuer
über Meuselwitz, die kyrillischen Gewehre im Steinbruch
von Keyna, der Kohlenstaub, Warmbier, der ängstliche Gott,
der schnatternde Alarmruf des Wiedehopfs,
die puckernden Flüsse auf dem Handrücken des Großvaters,
der blaue Teppich unter den Pflaumenbäumen,
die Eselsohren in der Bibel, die fromme Armut,
das Glück. Auch die Toten redeten mit, von fern her
angereist in altmodischen Kleidern, die Frauen
mit Haarnetzen, die Männer in gewendeter Uniform,
mit Schußlöchern auf der eingefallenen Brust.
Und in der Mitte mein Großvater, ein Auge auf die Welt
und eines nach innen gerichtet, vor sich ein Teller
Kartoffeln, mehlig und buttergelb, gut für Schweine
und Menschen und mich.

5
Das alles bin ich, der Mann mit dem Hasenherz.
Nicht mehr, eher weniger.

Aus: »Kurz vor dem Gewitter«, Suhrkamp 2003

Dämmerung

Die Taube, die immer nur das Beste will
und mich verrückt macht mit ihrem Rosenkranz,
sie sitzt jetzt leergegurrt und heillos
auf einem Ast des Nußbaums und wartet,
daß der Abend seine schwere Wand aus Schiefer
vor die Welt stellt. Die alten Bäume
nehmen feierlich das letzte Licht entgegen,
als sollte dieser Tag ein gutes Ende haben.
Kein Mensch weiß, was er glauben soll.
Und keiner achtet auf die Spinne,
die unbeeindruckt von der Wahrheit
an ihrer Theorie der Schönheit webt.

Die Vögel

Die Vögel in meinem Garten
führen ein Fahrtenbuch.
Manchmal fliegen sie
bis an die Schmerzgrenze
und bringen Namen heim,
die zu schwer sind
für den Wind, der sie trägt.
Ich sammle sie auf
und lege sie aus
wie die Krumen Brot
für die Vögel.
Am Abend, nach Sonnenuntergang,
ist das Fahrtenbuch leer,
als wären sie nie geflogen.

Über Schatten

Ich kannte die guten und die schlimmen Schatten,
die raumlosen Schatten der Träume, in denen Theologen
um einen Zankapfel streiten, und den Schatten,
den Fische werfen und eilige Fliegen.
Mein Großvater mischte Schatten in die Saat,
damit etwas wächst, was nicht umsonst ist,
und die Spreu sich vom Weizen nicht trennt.
Und einmal sah ich den Schatten von Vögeln,
der hing an den Steinen wie die Wolle am Strauch.
Ab heute wirft auch mein Schlaf einen Schatten
in die immer lichtloser werdende Welt.

2009

für Remco Campert

Die Ernte ist abgeschlossen
im Versmaß des Sommers,
der Wind spricht schon leiser
mit der Stimme der Krähen.
Die Birke, mit schmächtigen Schultern,
diktiert ihr Journal dem ausgemergelten Licht:
Heut trug ich den Habicht!

Nichts wird ersetzt. Auch der Abend
verwandelt sich nicht mehr in Wissen.
Wir gehen auf Abwegen,
wo nur noch die Steine grüßen,
und jeder Stein erinnert sich heftig,
als wäre er nichts ohne uns.
Das wollte ich dir sagen,
bevor du von andern es hörst.

Alle aus: »Ins Reine«, Suhrkamp 2010

Mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp Verlag