Mahmud Darwisch
Mahmud Darwisch

Als junger Mann schuf er mit seinem Gedicht »Ein Liebender aus Palästina« den Namen Palästina neu, der nach der Gründung des Staates Israel abgeschafft worden war. Mahmud Darwisch wurde zur »Stimme der Palästinenser«, zum Dichter eines staatenlosen Palästina. Das letzte Buch, das er vor seinem Tod veröffentlichte, »Der Würfelspieler«, lässt sich als Vermächtnis eines Künstlers lesen, dem diese repräsentative Rolle längst zur Bürde geworden war. Zu entdecken ist ein Meister der interkulturellen Dichtung.

Nachgelesen

Das Vermächtnis des Spielers

Von Bernd Leukert

Der Zufall hatte mir einen Gedichtband in die Hände gespielt, der arabische Schriftzeichen auf dem Umschlag trug. Auch war jeweils die linke der Seiten mit solchen Schriftzeichen bedeckt. In der deutschen Übersetzung auf der rechten Seite las ich: Der Himmel hat seine Völker und seine Kriege, /ich aber hab’ die Gazelle zur Frau, ich habe /die Dattelpalmen /zu Mu’allaqat* im Buch des Sandes. Vergangen ist, /was ich sehe, /dem Menschen gehören das Königreich und die Krone /des Staubs. Grund genug, das Buch zu kaufen. Es heißt „Warum hast du das Pferd allein gelassen“, sein Autor ist Mahmud Darwisch (auch die Schreibweise ‚Mahmoud Darwish’ wird verwendet). Einige Jahre später erzählte mir der nach Schweden emigrierte, israelische Komponist und Friedenaktivist Dror Feiler von seiner Orchesterkomposition mit dem arabischen Titel „Halat Hisar“. Das heißt im Deutschen „Belagerungszustand“. Die Komposition geht zurück auf Darwischs Gedicht „Belagerungszustand“, das einem Gedichtband den Namen gab. Auch den las ich mit Erstaunen: Diese Belagerung wird dauern, bis wir unsere Feinde /Ein paar Verse unsrer altarabischen Dichtung gelehrt haben. Ich kannte also gerade einmal zwei von 27 Gedichtsammlungen, die von Mahmud Darwisch veröffentlicht wurden, bevor er am 9. August 2008 nach einer Herzoperation in einem Krankenhaus in Houston, Texas, starb.

Am 13. März 1941 in Barwa (Birwa, al Birwe) bei Akko im nordisraelischen Galiläa wurde er geboren. Nachdem ihre Siedlung dem Erdboden gleich gemacht wurde, weil darauf zwei Kibbuzim errichtet wurden, flüchtete die Familie 1948 in den Libanon, nach Jezzin und dann nach Damur; schließlich ließ sie sich heimlich wieder im israelischen Dayru l-Assad nieder. Nach einem Gefängnisaufenthalt, Resultat einer Protestaktion, an der der 14jährige teilnahm, lernte er Hebräisch, ging in Nazareth in die Schule, dann nach Haifa. Er studierte in Moskau, lebte in Kairo, Beirut, auf Zypern, in Tunis und Paris, von 1996 an in Amman und Ramallah.

Seine politische Karriere, die er, wenn man so will, als Jugendlicher mit seinem Eintritt in die Kommunistische Partei begann, gipfelte in der Mitgliedschaft des Zentralrats der PLO. 1988 schrieb er mit an der Proklamation des Palästinensischen Staates. Nach dem Osloer Friedensabkommen 1993 verließ er die PLO, für die er zuvor als Direktor des Palestine Research Center tätig war. Außerdem gab er die Zeitschrift Palästinensische Angelegenheiten heraus und die Literaturzeitschrift Al-Karmal. Im Kampf um einen eigenen palästinensischen Staat wurde er mit seinen agitierenden Gedichten, die sich durch seinen öffentlichen Vortrag verbreiteten, zur poetischen Stimme der Palästinenser.

Seine künstlerische Bedeutung aber basiert auf der Synthese arabischer Poesie mit den Erzählungen der hebräischen Bibel und dem aktuellen thematischen Stoff, den die Nöte und Hoffnungen der Palästinenser hervortrieben. Angelika Neuwirth hat das in ihrem Artikel „Vexierbilder. Mahmud Darwish zwischen hebräischem und arabischem Literaturkanon“ (in Akzente Heft 5 /Oktober 2009) ausführlich beschrieben. Mit diesem, Mythos, Geschichte und Gegenwart bündelnden, interkulturellen Konzept war er schließlich für die Falken beider Lager nicht in Dienst zu nehmen. Nur der – nicht unbedeutenden – Fraktion der für Aussöhnung und friedliches Zusammenleben von Juden und Palästinensern kämpfenden Aktivisten hätte er sich mit seiner Stimme anschließen können. Dass er ein beeindruckender Rezitator war, kann der, der im Internet stöbert, mehrfach dokumentiert finden.

Dichter sein, heißt im Bewusstsein der breiten Masse in der arabischen Welt, Prophet sein. Also Verkünder und Mahner zugleich. Stimme einer Nation, die keine Stimme hat. Träger einer Botschaft, für die er leben und sterben soll. So hat man Darwish unmittelbar nach 1967 wahrgenommen. Und so wollte man ihn auch immer sehen, hören, erleben. Gerade diese Umarmung durch seine Leser, vor allem aber durch seine Zuhörer drohte ihn allmählich zu erwürgen. Das schrieb Adel Karasholi, der das jetzt erschienene Gedicht Der Würfelspieler übersetzt hat, im Vorwort des Buches. Darwish, der dieses große Gedicht kurz vor seinem Tod veröffentlichte, wendet sich darin gegen seine öffentliche Verklärung. Er beginnt mit den Worten Wer bin ich denn euch zu sagen /Was ich euch sage? Diese beiden Zeilen werden immer wieder aufgegriffen und ziehen sich – wie andere Motive auch – als verstreuter Refrain durch das ganze Gedicht. Über 33 Seiten (dann folgt das arabische Original) verteilt sich der Text in unterschiedlich große Abschnitte, die in sich abgeschlossen wirken und dennoch integrativer Teil des poetischen Flusses sind. Umarme mich sanft damit mich der Wind nicht verstreue /Auch im Wind kann ich mich nicht lösen /Vom Alphabet Die Verkettung der Bezüge ermöglicht das Zeugma nicht nur als Pointe, sondern als Konsequenz, die die Suggestivkraft der Sprachbilder hervorbringt. Und dennoch wird einem der plausible Schluss von Darwish nicht in den Schoss geworfen. Denn es gibt immer spürbare Verwerfungen, die dazu auffordern, den Gedanken zurückzuverfolgen. Dieses Nachdenken führt nun nicht zur Auflösung des Rätselhaften, sondern öffnet die Wortkomposition für weitere verworfene Zusammenhänge. Das Unglück des Autors ist die Phantasie /Die das Wirkliche bleibt auf den Bühnen des Theaters /Doch hinter der Bühne fragt man nicht: wann? /Man fragt warum und wie und wer /Wer bin ich denn euch zu sagen /Was ich euch sage? Backstage gilt die Evidenz des Wirklichen nicht, sondern nur die Sensation des Alltagslebens: Haben Sie das wirklich alles selbst erlebt? Dem Bedeutungszuwachs eines Menschen durch das Medium Literatur, der Luftblase der Anerkennung setzt Darwish beharrlich die Demut entgegen. Und zwei Freunden sage ich vor Einbruch der Nacht: /Wenn wir träumen müssen dann soll der Traum /So einfach sein als träfen wir uns /Zu dritt in zwei Tagen zum Abendbrot /Um die Erfüllung zu feiern der Prophezeiung /In unserem Traum /Dass nach zwei Tagen von uns dreien /Keiner fehle /Zu feiern des Mondes Sonette /Und die Nachsicht des Todes der uns glücklich sah /Und verschonte Dieses einfache und kunstvolle, mit seinen geschickten motivischen Verschränkungen formal geschlossene, aber inhaltlich offene Werk bezaubert mit der Schönheit seiner Metaphern, denen die Lebensgefährdung eines Palästinensers eingeschrieben ist.

Wer aber ist der Würfelspieler? Schon in den Eingangsversen bekennt Mahmoud Darwish: Nichts als ein Würfelspieler bin ich /Zuweilen gewinne zuweilen verliere ich /Wie ihr bin ich und vielleicht /Ein wenig weniger Das ist fast zuviel der Demut.

  • Mu’allqa, Singular von Mu’allqat, ‚die Aufgehängten’, Bezeichnung der ältesten erhaltenen arabischen Gedichtanthologie aus dem 8.Jahrhundert

erstellt am 13.3.2012

Mahmoud Darwish
Der Würfelspieler
Gedicht
Übersetzt von Adel Karasholi
A1 Verlag, München 2011

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Mahmud Darwisch
Belagerungszustand
Gedichte
Übersetzt von Stephan Milich
Hrsg. Von Khalid Al-Maaly
Verlag Hans Schiler, Berlin 2006

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Mahmud Darwisch
Warum hast du das Pferd allein gelassen
Gedichte
Übersetzt von Christine Battermann
Hrsg. Von Khalid Al-Maaly
Verlag Hans Schiler, Berlin 2004

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