Crime Story

Oktober

Ich will ihn nicht töten, aber Otto sagt, es wäre Zeit, also tun wir es.
Später finde ich in meiner Hand einen blutigen Zahn. Ich weiß nicht, wie er dort hingekommen ist. Ich stecke ihn unauffällig in meine Hosentasche und warte auf das Ende des Tages.

Wir fahren die Küstenstraße entlang. Nichts kann mich beeindrucken, nicht das Meer, nicht das Blau des Himmels, nicht die Möwen, nicht einmal die Sonne, die schnell im Meer versinkt.
„Was hast du heute noch vor?“, fragt Otto.
Es interessiert ihn nicht wirklich, deshalb lasse ich die Frage unbeantwortet.

Als wir die Stadt erreichen, weckt Otto mich. Ich kann mich nicht erinnern, etwas geträumt zu haben. Ich fasse in die Tasche und umklammere den Zahn, der sich klebrig anfühlt. Wir fahren in einen Hof. Das Tor wird geschlossen. Ein bärtiger Mann, dessen Namen ich nicht kenne, tritt an den Wagen heran. Er beugt sich vor, steckt seinen Kopf zu uns herein und fragt, ob wir duschen wollen.
Otto sieht mich fragend an.

Nach der Dusche sitzen wir noch auf einen Tee in der Wohnung. Auf dem Tisch liegt eine hässliche Häkeldecke, die ich lange mustere.
Otto schaltet den Fernseher ein. Er schnauft und setzt sich in einen Sessel. Ich bleibe am Tisch sitzen.
In den Nachrichten berichten sie von einem Kind, das von einer Gruppe junger Männer im Park vergewaltigt wurde.
„Und das am helllichten Tag!“ Otto schüttelt den Kopf; er scheint tatsächlich entsetzt zu sein.
Ich sehe zum Fenster, auf dessen Sims ein Vogel gelandet ist, der mich lange ansieht.
Ich mag keine Natur und schließe die Augen.

Otto und ich verlassen das Haus, wir trennen uns an der nächsten Straßenecke.
Weil ich nicht weiß, was ich tun soll, bleibe ich unschlüssig stehen. Gegenüber befindet sich ein Supermarkt. Ich betrete ihn, obwohl ich nichts kaufen möchte. Mein Einkaufswagen füllt sich rasch mit allerlei Lebensmitteln, die ich nachher im Müll entsorgen werde. Ich habe das schon öfter getan.
Man muss ja etwas tun, denke ich.

Ich schlendere mit zwei prall gefüllten Tüten die Straße entlang in Richtung meiner Wohnung. Den Zahn habe ich noch; ich werde ihn wohl zu den anderen Dingen legen, die sich in meinem Besitz befinden.

Die Ruhe meiner Wohnung beruhigt mich nicht. Ich ziehe mich aus, dusche noch einmal, weil ich den Gestank des Tages endlich ganz von meinem Körper bekommen möchte.
Als ich unter der Dusche stehe, schrillt das Telefon. Es läutet lange. Ich pfeife eine Melodie, die ich im Radio gehört haben könnte; sicher bin ich mir aber nicht.
Ich kann mir denken, wer mich anruft.

Ich durchstöbere meine Sammlung an Filmen, entscheide mich schließlich für eine Dokumentation über die Anschläge vom September. Explosionen wirken auf mich halluzinierend. Ich verfalle in einen abwesenden Zustand, der mir hilft, mich zu entspannen.
Ich überlege, welchen Monat wir haben.
Oktober.

Wieder das Telefon. Wieder und wieder. Das muss Mutter sein, denke ich, denn sie will mich jeden Tag sprechen. Ich bin noch immer ihr kleiner Junge.
Isst du ausreichend?
Hast du eine Freundin?
Was macht deine Arbeit?
Schläfst du genug?
Ich hebe ab. Es ist Iris, die ich letzte Woche im Club kennenlernte. Sie fragt, ob wir uns treffen können. Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen.
Ich sage nicht nein und nicht ja, ich sage kaum etwas. Schließlich gibt sie auf und beendet das Gespräch.
Ich hätte sie einladen sollen; wir hätten uns zusammen einen Porno ansehen können.
Ich masturbiere und stelle mir ihre kleinen Brüste vor.

Sie berichten in der Zeitung von einem verschwundenen Mathematiker, der, so haben es erste Ermittlungen der Polizei ergeben, in diverse Geschäfte mit der Unterwelt verwickelt gewesen sein soll.
Man wird ihn nicht finden.

In der Nacht träumt mir von einem Teufel mit glänzenden Augen. Er schließt mich in seine Arme, führt mich in einen Saal, der, prunkvoll ist er, wohl in einem Schloss liegt. Im Saal befinden sich hunderte von nackten jungen Mädchen, deren Gesichter unter Ledermasken stecken. Ich gehe langsam an ihnen entlang, berühre sacht ihre Brüste.
Am Ende des Saals befindet sich ein Tisch, auf dem ein Schwert liegt. Der Teufel nickt mir zu, ich greife nach dem Schwert, es ist nicht schwer. Bevor ich tun kann, was ich tun will, erwache ich.

Mein Frühstück besteht aus Müsli, das ich lange und ohne Genuss kaue. Dazu ein Glas Wasser.

Ich überprüfe mich im Spiegel. Ich gefalle mir nicht. Ein kurzer Anruf bei Iris, die verwirrt klingt.
„Ich würde mich jetzt gerne mit dir treffen“, sage ich.
„Das geht nicht“, sagt sie.
„Warum nicht?“
„Ich muss an die Arbeit.“
„Ich verstehe.“
Ich lege auf, ohne mich zu verabschieden.

Ich steige die Treppenstufen nach unten, begegne einem älteren Herrn, den ich hier noch nie gesehen habe. Er könnte ein Einbrecher sein, ein Sittenstrolch, der auf der Suche nach kleinen Mädchen ist. Wenn es doch nur so wäre, denn eine solche Bekanntschaft würde ich jetzt gern machen. Wir könnten uns unterhalten, uns gegenseitig mit der Hand befriedigen, während im Fernsehen die Anschläge vom September für eine stimmungsvolle Untermalung sorgen.
Mein Ärmel streift seinen Arm, der in einem Mantel steckt. Ich räuspere mich, spreche ihn aber nicht an. An der Tür angekommen, kann ich ihn husten hören. Ich wünsche ihm einen baldigen Tod.
Draußen regnet es.

Ich gehe in eines der wenigen Kinos der Stadt, in dem noch Pornos gezeigt werden. Ich sitze weit hinten, spüre das Pochen meines erigierten Penis. Ich lasse ihn in der Hose, horche auf das Keuchen der anderen Männer.
Der Ort widert mich an; die Welt ist krank, sie fiebert.
Ich spüre für einen kleinen Augenblick ein Gefühl der Angst, dann beruhige ich mich, indem ich nun doch masturbiere. Ich spritze unbekümmert in ein Papiertuch, das ich achtlos neben den Sitz fallen lasse.
Ich würde gerne eine Frau töten, ein Kind, irgendjemand, der mir die Schwere von den Schultern nehmen kann. Die Angst in den Augen eines Opfers ist die beste Medizin gegen die Schwermut, der ich mich von Tag zu Tag mühsamer entziehen kann.
Wenn erst November ist, werde ich mich und die Welt nicht mehr retten können.
Ich quäle mich aus dem Kino an die frische Luft, die mir eisig ins Gesicht schneidet.
Ich gehe in den Park, denke ich, schlendere aber zu meiner Wohnung.

Ein, zwei Gläser Wein, dann fühlt man sich besser, dann spürt man eine Wärme im Kopf aufsteigen, die man zuletzt als Kind so hat erleben dürfen.
Meine Erinnerungen trügen mich oft. Ich verwechsele Handlungen aus Filmen mit der Wirklichkeit.
Ich schüttele den Kopf, ich war niemals in New York; jetzt bin ich mir sicher.

In den Nachrichten erzählen sie von Streiks, von korrupten Politikern, von der Leiche einer jungen Frau, die man unten am Fluss fand. Aufgeregt starre ich auf das Bild. Das Gesicht der Frau, auch wenn es als Foto nur kurz eingeblendet war, ähnelt auf frappierende Weise Iris. Ich muss mich irren. Ich habe heute mit ihr telefoniert.
Wann war das?
Soll ich sie anrufen? Nein, besser nicht.

Das Telefon. Ich gehe nicht ran, aber es kostet mich Mühe. Das ist eh nur Mutter, denke ich.
Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte die Flecken an der Decke. Ich sollte umziehen, bald schon.

Otto hat mich abgeholt, es gibt einen neuen Auftrag für uns. Der Mann, für den wir arbeiten, möchte, dass wir die Frau eines Politikers entführen.
Wir werden sie töten.

Ich denke an den Zahn, denke daran, welches Erinnerungsstück sich wohl dieses Mal in meine Tasche verirren wird.
Wir fahren mit dem Bus zu dem Hof, den wir stets vor einem Auftrag aufsuchen. Der bärtige Mann, dessen Namen ich nicht kenne, klopft mir freundschaftlich auf die Schulter. Ich weiche zurück, weil ich solche Bekundungen nicht besonders mag. Er bemerkt meine Abwehr nicht, er redet laut und obszön auf Otto ein, er habe mich im letzten Monat in einem Pornokino angetroffen. Ich sage nichts, weil es offensichtlich eine Lüge ist, die er nur gebraucht, um sich bei Otto beliebt zu machen.
Ich war in keinem Pornokino.
Der bärtige Mann, dessen Namen ich nicht kenne, führt uns die steile Treppe zur Wohnung hinauf.

Wieder sitzen wir am Tisch. Wieder starre ich auf die Häkeldecke, die so hässlich ist, das ich sie am liebsten an Ort und Stelle zerreißen würde.
In den Nachrichten berichten sie von einem weiteren Mord an einer jungen Frau. Diese sei bereits das achte Opfer. Das überrascht mich. Man redet von einem Serienmörder, der stets etwas von den Opfern stehle. Mal einen Ring, mal einen Zahn.
Beinahe hätte ich gekichert.

Der Kalender an der Wand zeigt mir, dass es November geworden ist. Nicht mehr lange und der Winter hält Einzug. Ich mag den Winter nicht, eigentlich mag ich keine Jahreszeit.
Ich wünschte, ich wäre in meiner Wohnung. Ich habe eine junge Frau kennengelernt. Es könnte sein, dass sie mich anruft. Bald schon.
Wir könnten uns zusammen einen Film ansehen oder am Fluss spazieren gehen.
Otto sieht mich an und sagt: „Wir gehen jetzt.“
Ich nicke kurz, blicke zum Fenster, auf dessen Sims kein Vogel sitzt.

Wir haben die Frau in einer abgelegenen Hütte untergebracht. Otto fällt täglich über sie her. Ich kann mich beherrschen, ich werde warten.
Hin und wieder verschwinde ich auf die Toilette und masturbiere. Ich halte meinen Penis in der Hand. Er ist hässlich, ich würde ihn gern abhacken. Das geht nicht, also stecke ich ihn in die Unterhose zurück.
Otto stopft der Politikerin seinen Schwanz in den Mund. Schwanz ist ein ordinäres Wort. Otto hat einen Schwanz.

Als es an der Zeit ist, bringen wir sie um. Später finde ich ihre Uhr in meiner Tasche. Ich umfasse die Uhr, halte sie lange fest, weil man ja etwas braucht, woran man sich festhalten kann. Im Moment habe ich diese Uhr. Sonst nichts.
Wir fahren die Küstenstraße entlang, alles ist so, wie in meiner Erinnerung. Noch immer berührt mich nichts, nicht die Möwen, nicht das Meer, nicht einmal die schnell im Meer versinkende Sonne.

Ich freue mich auf die Stadt. Auf die Spaziergänge. Die Kinobesuche. Sogar auf die Nachrichten freue ich mich.
Ich werde Mutter anrufen, werde ihr sagen, wie gut alles läuft. Ich werde ihr berichten, dass ich bald heiraten werde. Nein. Lieber nicht! Sie könnte mich besuchen wollen. Das kann ich nicht zulassen.
Ich liebe sie sehr.
Sie ist alt. Sie wird bald sterben.

Als wir die Stadt erreichen, weckt Otto mich. Ich kann mich nicht erinnern, etwas geträumt zu haben. Ich fasse in die Tasche und spüre die Uhr, die sich kalt anfühlt. Wir fahren in einen Hof. Das Tor wird geschlossen. Der bärtige Mann, dessen Namen ich nicht kenne, tritt an den Wagen heran. Er beugt sich herunter, steckt seinen Kopf zu uns herein und fragt, ob wir duschen wollen.
Otto sieht mich fragend an.

Ich habe Beatrix in einem Club angesprochen. Sie hat eisblaue Augen, die mich an den Winter erinnern, den ich in einer Hütte verbracht habe.
Ich lade sie zu einem Spaziergang am Fluss ein. Sie trägt eine Perlenkette, die ich ihr gerne vom Hals nehmen würde. Wir laufen am Ufer entlang, das Rauschen des Wassers mischt sich in unsere Worte.
„Ich mag keine Natur“, sagt sie.
Mein Lächeln überrascht selbst mich. Ich lege meinen Arm um sie und führe sie tiefer ins Gebüsch, denn ich will die Schwere der Schwermut von meinen Schultern nehmen.

Es ist wieder Oktober. In den Nachrichten berichten sie von nunmehr fünfundzwanzig Frauen, die ermordet wurden. Die Stadt überschlägt sich vor Aufregung. Überall patrouillieren Polizisten.
Mutter ist gestorben, ich war nicht auf ihrer Beerdigung.

Otto hat sich gestern gemeldet. Er hat wieder einen Auftrag. Ich packe einige Sachen in eine Tasche, setzte mich auf den Stuhl in der Küche und warte auf ihn.
Das Telefon klingelt.
Ich lasse es läuten.
Ich kann mir denken, wer mich anruft.

Auszug aus:

Guido Rohm
Die Sorgen der Killer
Crime Stories
Kulturmaschinen, Berlin

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erstellt am 08.3.2012

Guido Rohm, fotografiert von Harald Schroeder
Guido Rohm, fotografiert von Harald Schroeder