Kunstmesse 2012

Kunst in Karlsruhe

Während gerade die Proteste gegen die kürzlich von der EU-Kommission geforderte Mehrwertsteuererhöhung von Kunstwerken von 7 auf 19 Prozent bei Künstlern und Händlern lauter werden, eröffnete am Mittwoch, 7. März 2012, zum 9. Mal die Art Karlsruhe. Nach der Beerdigung der Berliner Messe Artforum ist sie neben der Art Cologne eine der letzten in Deutschland stattfindenden Kunstmessen von Bedeutung und Größe. Der Messehype der letzten zehn Jahre mit unzähligen Messeneugründungen hat sich deutlich gelegt. Standkosten und Verkaufserfolge standen vielerorts in keinem günstigen Verhältnis.

Leider vermag die Karlsruher Messe wieder einmal nicht mit Qualität zu überzeugen. Farbe, Form und Gestus dominieren das Angebot. Kaum Kritisches, Politisches und Installatives, das breite Feld der Videokunst fehlt völlig. Vielfach sieht man Bilder und Objekte, die sich allzu stark und hemmungslos an einstmals als innovativ geltenden Form- und Bildsprachen bedienen. Das Faszinierende ist denn auch der riesige Besucherstrom, der trotz dieser Mängel – oder wegen dieser Mängel – auf diese Messe trifft.

Wenngleich Händler klassischer Kunst wie Ludorff, Maulberger, Henze & Ketterer im April auch auf der Art Cologne ausstellen werden (18.-22.4.2012), wird bei Durchsicht des Ausstellerverzeichnisses deutlich, dass Galerien mit Gegenwartskunst, die in Köln präsentieren, nicht nach Karlsruhe gehen, während die Aussteller, die in Köln nicht angenommen werden, einen Stand in Karlsruhe einrichten konnten. So ergibt sich eine Trennschiene innerhalb der Galerienszene: Wer zur einen Seite gehört, kann nicht an der anderen teilhaben. Anders gesagt, die Galerie, die in Karlsruhe ausstellt, hat mit ihrer Bewerbung in Köln kaum eine Chance. Da die Art Cologne nach wie vor die deutsche Messe mit dem besten internationalen Renommee ist, hat man bei den Haupthandelsorten Art Basel, Frieze in London, Art Basel Miami Beach und fiac Paris keine Aussicht auf Annahme der Bewerbung, wenn man an der Karlsruher Messe teilnimmt, denn sie gilt als etwas gestrig. So trifft man einige in Karlsruhe ausstellende Galeristen, die nicht mehr zur Art Cologne gehen, weil sie nicht angenommen werden oder weil sie die an sie gestellten Bedingungen wie Standkosten und Künstlerauswahl nicht akzeptieren können und wollen. Diese bedauern zwar die Schwächen der Karlsruher Messe, aber sehen hier die einzige Möglichkeit in Deutschland, sich außerhalb ihrer Galerieräume zu präsentieren. Es wird jedoch nirgendwo angezweifelt, dass die Karlsruher Messe aufgrund ihres sehr konservativen Programms genau das Richtige für das sie besuchende Publikum ist.

Die Messe lockt diesmal die Besucher mit zwei Ausstellungen prominenter Sammlungen: Pop Art-Werken aus dem Besitz von Gunter Sachs und die sehenswerte Kollektion quadratischer Kunst aus dem Museum von Marli Hoppe-Ritter, der Mitinhaberin jener Schokoladenfirma. Erstere vermag Sechziger-Jahre-Gefühle vermitteln mit Emaillebildern von Roy Lichtenstein, der Brigitte-Bardot-Serie Warhols, einer Hommage an die Mona Lisa von Tom Wesselmann und Allen-Jones-Damenbeinen in Schnürstiefeln.

Ein Promifaktor kommt mit Arne Quinze, der nicht nur mit seinen Objekten international aufgefallen ist und zu den Großverdienern gehört (Preise ab 48.000 Euro aufwärts), sondern auch noch als Ex von Barbara Becker. Ein weiterer Publikumsmagnet ist die Stellwand mit 520 goldenen Glückskatzen von Boris Petrovsky, die so programmiert sind, dass sie winkend Nachrichten formen können, die wie La-Ola-Wellen über diese „Army of Luck“ fließen (bei ABTart, Stuttgart). Allzu Niedliches findet sich bei den koreanischen Galerien, die wohl für die vermeintliche Internationalität sorgen sollen, denn zur gleichen Zeit läuft in New York die Armory Show, die potentere Sammler und international angesehene Teilnehmer bindet.

Für das geschulte Auge sehr deprimierend sind die Skulpturenplätze, die im Karlsruher Messekonzept von Anfang an von zentraler Bedeutung waren. Vieles kann hier wirklich nur als phantasievolles Kunsthandwerk durchgehen. Ausnahmen sind aus kunsthistorischer Sicht Fritz Cremers Anklagende Mütter von 1939 und seine Nachkriegsfigurationen (Galerie Schwind, Frankfurt, wenngleich deutlich zu dicht gestellt), die Fahrzeugdeformationen von Stefan Rohrer – echte Hingucker und von den Bad Homburger Blickachsen bekannt – am Stand der Galerie Scheffel – und neue Edelstahlwerke des Tony-Cragg-Schülers Stephan Marienfeld bei Larsson, Köln (ab 6.000 Euro), leider versteckt in einer Ecke der Halle 4.

Allerdings, das muss man zugestehen, sind auch in Karlsruhe zweifellos Entdeckungen zu machen, man muss nur in der unglaublichen Fülle des Angebotenen die Rosinen herauspicken, im Besonderen bei den Händlern der Klassischen Moderne in Halle 3. Zum Beispiel hervorragende informelle Werke von Rolf Cavael, Fritz Winter und Emil Schumacher bei Maulberger, München. Gut präsentiert ist auch die Solo-Schau von Robert Klümpen bei Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern. Gemälde von Jonathan Meese bei Karlheinz Meyer, Karlsruhe, sind im größeren Format für 35.000 Euro zu haben und sicherlich gut verkäuflich, da bunt und wild, aber nicht allzu provokativ. Dort steht auch eine wunderbare Skulptur des Künstlers mit orangefarbenem Plüschtintenfisch für 18.500 Euro. Aja von Loeper, die mit einem hölzernen Faustkeil Papier bearbeitet, bis es sich vorwölbt und sich glänzend erhabene Strukturen ergeben, die mit dem auf das Blatt fallenden Licht spielen, stellt bei Brigitte Maurer, Frankfurt, aus, welche sich wie stets mit einer beruhigten Hängung wohltuend von der um sie herum üblichen „Warenfülle“ abhebt.

Herausragend ist eine der wenigen installativen Arbeiten der Messe: Patricia Lambertus, eine Kneffel-Schülerin, stellte eine Tapete her, die bedruckt ist mit Bildern und Bildresten in Art einer Plakatwand, deren Papierschichten teilweise abgerissen sind. Das ist eine bildmächtige Arbeit, die sich dem hastigen Erfassen verweigert (bei Hübner, Frankfurt). Davon sollte es mehr geben auf dieser deutlich zu großen Messe, die auf 4 Hallen verteilt 222 Aussteller und 20 Skulpturenplätze zeigt.

erstellt am 08.3.2012

ART KARLSRUHE
Bis 11. März 2012, jeweils 12-20 Uhr, Sonntag 11-19 Uhr

art-karlsruhe

Blick in Halle 2
Blick in Halle 2
Arne Quinze vor seinem Werk
Arne Quinze vor seinem Werk
Allen Jones aus der Sammlung Gunter Sachs
Allen Jones aus der Sammlung Gunter Sachs
Christof Kohlhöfer im Gespräch am Stand der Galerie Thomas Hühsam, Offenbach
Christof Kohlhöfer im Gespräch am Stand der Galerie Thomas Hühsam, Offenbach
Army of Luck
Army of Luck

Fotos © Art Karlsruhe, Jürgen Rösner