Eine gewisse Hemmungslosigkeit gehörte sicher zu den Voraussetzungen seines Berufslebens, das von seinem Lebensberuf nicht abzugrenzen war. Denn Alfred Edel, der Grenzgänger der Vernunft, der irrlichternde Stand-up-Denker und Selbstdarsteller ist uns mit seiner Erzähl- und Erklärungswut in der Erinnerung haftengeblieben. Er war die Verkörperung des unmerklichen Übergangs von Pathos und Komik, von elaborierter Begrifflichkeit und abgründigem Nonsens, also der Zeit enthoben. Merkwürdig, dass er jetzt 80 Jahre alt geworden wäre. Jürgen Roth erinnert sich.

Alfred Edel – Altstar des Jungen Deutschen Films und dessen Kultfigur
Alfred Edel – Altstar des Jungen Deutschen Films und dessen Kultfigur
Der Schauspieler Alfred Edel

Der dialektische Casanova oder wie oder was

Von Jürgen Roth

Im vermutlich ersten umfänglicheren Porträt, das über Alfred Edel geschrieben wurde, in dem 1975 in der pardon erschienenen Essay „Herr Zeitgeist persönlich – Alfred Edel – Leben und Werk“, charakterisierte Eckhard Henscheid den vor fast zwanzig Jahren verstorbenen Schauspieler und Allroundparleur aus Niederbayern als „Egomaniker in Schmerz und Lust und von atemberaubender Unverfrorenheit“, als gewissermaßen prototypisch postmoderne Existenz und somit „fleisch- und vor allem schallgewordenen Geist des letzten Jahrhundertdrittels“. Zugleich räumte Henscheid ein, daß es nicht wenige Stimmen gebe, die Edel „für das nebst Charles Chaplin und Karl Valentin bedeutendste komische Genie des Jahrhunderts“ hielten.

Ich habe Alfred Edel das erste und bedauerlicherweise einzige Mal Anfang der neunziger Jahre bei einer sommerlichen Lesung mit Bernd Eilert und Robert Gernhardt im Hof der alten Frankfurter Romanfabrik erlebt. „Lesung“ allerdings war der falsche Begriff, was Edels Part anbelangte. Edel hatte ja zeit seines Lebens nicht eine einzige Zeile verfaßt, die des Vortrages würdig gewesen wäre, und so verlegte er sich, fröhlich eine Marlboro nach der anderen entfachend, auf das, was er wohl wie kein zweiter beherrschte: auf das autobiographisch-assoziative Erzählen und das mäandernde Gebabbel vornehmlich über kunsttheoretische Konzepte und allgemeine, schwer verwaberte kulturindustriell-soziologische Problem- und Schieflagen. Und über zeitgenössische Sexualität. Doch, die kam, auch wenn ich diesbezüglich keinen Eid schwören möchte, mit ziemlicher Sicherheit gleichfalls nicht zu kurz.

Wenig später, im Juni 1993, las ich in der Frankfurter Rundschau von Edels plötzlichem Tod. Die Nachricht schmerzte sehr, denn Edel, diese ungreifbare, in ihren medialen Inszenierungen – sei’s im Fernsehen, sei’s in Schlingensiefs Rumpelfilmen oder sonstwo – stets zwischen komischer Größe und unfaßbarer Nichtigkeit changierende Schelmenfigur, hatte in meinem seelischen Interieur seit längerem einen festen Platz – als trostreich strahlender Unsinnsstifter, als respektloser Riesenschwadroneur, als altbayrisch geerdeter Topquatschkopf, als eine Art Archetyp des einerseits wahrhaft freien Intellektuellen, andererseits des äußerst gegenwartsaffin an den kulturbetrieblichen Schwatzwahn assimilierten und jenen verdoppelnden und simultan irgendwie auch decouvrierenden Hochstaplers.

„Alfred Edel war einer der besten Unterhalter, die mir je begegnet sind, in seiner Gegenwart sich zu langweilen war nicht möglich“, schrieb Bernd Eilert, langjähriger Weggefährte und Freund von Edel, in seinem rührenden Nachruf in der Rundschau. Und ohne daß ich jemals das Glück gehabt hätte, von einem Nebentisch in einem Café in der Freßgass’ aus oder in einem der von Edel ebenso unnachgiebig frequentierten Lokale im Westend dessen Stegreifwelterörterungen belauschen zu können, schien mir das, wovon Bernd Eilert berichtete, dem eigenen Erfahrungsschatz angehörig: „Er war der geborene Alleinunterhalter und ein begnadeter Selbstdarsteller in dem Sinne, daß er andere mitreißen konnte, weil er ja in erster Linie sich selbst unterhalten mußte und nicht eher Ruhe gab, bevor er nicht selbst nach einer besonders gelungenen Volte durch ein blitzendes Lächeln sich verdienten Beifall zollen durfte.“

So war Alfred Edel – eben auch im TV, wo ich seine Auftritte gelegentlich erhaschte und dann meist merkwürdig mitgerissen verfolgte, entweder in Alexander Kluges eitlen dctp-Nachtformaten oder im vorabendlichen hr-Fernsehen, in dessen Auftrag Edel seit 1985 immer mal wieder durch irgendwelche Serviceprogramme irrlichterte und, mediokrer bis miserabler Schauspieler, der er war, den grimassierenden Trottel gab, allzeit auf sein Patentrezept vertrauend, die täppisch gebrochene Theatralität mit einem betont hölzernen Pathos zu verbinden, um jede Form der Stilisierung als autoritär-deppertes Gekasper der Lächerlichkeit preiszugeben.

Von Genialität gestreift schien mir Edel in jenen Kurzfilmbeiträgen jedoch zumal dann, wenn er im strengen Sinne nichts darstellen mußte und, jeglicher Staffage entkleidet (die etwa bei der mißratenen Superman-Parodie „Hessenman“ zum Einsatz kam), lediglich ungebremst herumlabern sollte – wenn er beispielsweise im Rahmen des Hessenreports auf der Frankfurter Zeil einen „gebrauchten und eingefeierten“ Weihnachtsbaum loszuschlagen versuchte oder eine Umfrage unter Apfelweintrinkern dirigierte. Da entfaltete sich „der Charme des Lärms“, wie ihn einzig und allein Edel „als Hansdampf in allen Sackgassen, als Faktotum der schönen neuen Welt“ (Henscheid) zu veranstalten vermochte, offenbar nimmermüde und vor allem aufs gründlichste davon überzeugt, daß es damit eins a seine Richtigkeit habe.

Alfred Karl Josef Edel, der „Improvisationskünstler“, der „Altstar des Jungen Deutschen Films und dessen Kultfigur“ (hr), war ein freudvoller Marktschreier in eigener Sache, ein Pro-domo- und Pro-bonum-Lautsprecher, dem nicht mal seine erstaunlich restringierte Körperbeherrschung und sein bäurisch-dialektal eingefärbtes Sprachmelos im Wege standen. Wahrscheinlich stieß ihm die Nobilitierung durch Alexander Kluge die Tür zur Film- und Medienwelt auf. Kluge schanzte Edel nicht nur die Debütrolle eines Universitätsassistenten in Abschied von gestern (1965/66) zu, sondern bezeichnete ihn auch wiederholt als exzeptionellen Kopf, der die Fähigkeit besitze, „die kompliziertesten gesellschaftlichen Zusammenhänge so zu referieren, als spräche er über Frühstück“, was meinte: „Diese Art von, ich möchte mal sagen: ‚Blindflugintelligenz‘ kann nur jemand haben, der die Sensibilisierung der Intelligenz, die Angstfähigkeit der Intelligenz, auch den Hochmut der Intelligenz auf die kindliche Weise zu handhaben weiß.“

Nun ja. Den „mimetischen Menschen“ (Kluge) und, nebenbei, Werbemann, ja „Konzeptionisten“ Alfred Edel versuchte Eckhard Henscheid durch dessen eigene Axiome begrifflich zu fassen. Er sei ein, zitierte Henscheid Edel, „erkenntnistheoretischer Materialist und moralischer Idealist altliberal-katholischer Schule mit phänomenologischer Grundbegabung“, der die „Vielfaltsproblematik unserer Existenz“ durch die „Verbindung von radikaler Erkenntnis und gemütlicher Moral“ zu lösen gedenke oder gar verstehe. M. a. W.: „Viel essen, viel trinken, fromm sein und a bißl geil.“

Andererseits offenbarte Edel in einem Fernsehinterview, er sei von früh an, also praktisch schon als Absolvent des Knabenseminars der Diözese Passau und als Regensburger Domspatz-Gymnasiast ein Skeptiker gewesen, der aus der eingestanden Unfähigkeit heraus, ordentlich zu singen und „Dinge auf den Punkt zu definieren“, zum vitalen Kreuz-und-quer-Akademiker sich berufen fühlte, als welcher er schließlich im Verbund mit Enno Patalas, den Schamoni-Brüdern, Kluge u. a. Schwabinger Kaffeehausrumhockern sowie in den Seminaren des Theaterprofessors Artur Kutscher, des vormaligen Lehrers von Piscator, Horváth und Brecht, auch uneingeschränkt reüssierte: „Man mußte ja in der Boheme schwätzen. Man mußte auch gewisse Damen unterhalten. Und dazu brauchte man Informationen. Also ging man in geisteswissenschaftliche Fächer universalen Charakters“ – Jura, Volkswirtschaft, Geschichte, Soziologie, Politologie, Philosophie und Max Weber.

Jedenfalls, nachdem Kluge mit seinem Godard-Abklatsch, bei dem halt jeder mittun durfte, der vorher zufällig am Biertisch gesessen hatte, durchgestartet und Edel daraufhin in Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos und Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte zur Topcharge avanciert war, schöpfte der 1963 nach Frankfurt übergesiedelte Notarssohn, der das Schwabinger Café Nest nun durchs Café Schwille ersetzt hatte, sein „Phantasiereservoir“ (Edel) verstärkt im informellen Kreis der sog. Neuen Frankfurter Schule aus.

Im Schwille traf Edel 1970 zum erstenmal auf F. K. Waechter, Robert Gernhardt und Bernd Eilert, die nach der Aufführung einer Bühnenfassung des heutigen Nonsensklassikers Die Wahrheit über Arnold Hau zusammen mit Arend Agthe gerade die „Hau Coop“ gegründet hatten, um das Betätigungsfeld des mirakulösen „Polyhistors“ (Agthe) Hau auch noch um das Medium Film zu bereichern.

Die „Hau Coop“ debütierte im selben Jahr mit dem – verschollenen – Opus Der Klauer auf den Internationalen Westdeutschen Kurzfilmtagen Oberhausen, und was sie im folgenden Dezennium auf die Beine stellte, ist endlich – in verdienstvoller Kooperation mit dem Deutschen Filminstitut – auf der Doppel-DVD Die Filme der Gruppe Arnold Hau 1970–1981 (absolut Medien/Zweitausendeins) wieder weitgehend zugänglich gemacht worden: grandios komische Low-Budget-Kurz-, Stumm- und Animationsfilme wie das Minimusical Hier ist ein Mensch, die Tragödie Milchkännchen und Fischstäbchen in der Antarktis, das Dokusozialdrama Jetzt bist du dran, Feilchen, die Parabel Auf falscher Bahn und der Jahrhundertschocker Der Bayerische Wald mit den Augen eines Arschfickers gesehen.

Das war der wahre Neue Deutsche Film, mutigste Avantgarde auf dem Boden der Volkskultur und der Kinogeschichte, und Edel, der Werner-Herzog- und Syberberg-Kollaborateur, schien die Idealbesetzung zu sein für die zwei Hauptwerke der Hau-Gruppe, die Platons Definition, der Mensch werde allein deshalb Mensch genannt, „weil er zusammenschaut, was er gesehen hat“, zu ihrem Motto erkiest und komikpraktisch mit Leben erfüllt hatte.

Die Hau Schau, eine „theatralische Revue“, lief 1974 zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr auf ZDF (und wurde nie wiederholt, geschweige denn fortgesetzt) – ein Reigen von cineastischen Kleinoden (inkl. des einzigen Regenwurmfilms und der billigsten Bibelverfilmung der Weltgeschichte), der an Monty Python erinnerte und Harald Schmidt vorwegnahm. Komik ist die Verschmelzung des Disparaten – demzufolge konnte kein anderer als Edel den megalomanischen Filmemacher Arnold Hau verkörpern, der durch die halbstündige Sendung führte, kameratechnische Tricks erklärte und wohl eher wider Willen die ihm eigene Synthese aus Hochdenkertum und Dußligkeit zur Darstellung brachte, wenn er mal wieder über die Grammatik purzelte.

Auf das medienreflexiv-parodistische Spiel mit Genres folgte sieben Jahre später der einzige abendfüllende Film der „Hau Coop“, Das Casanova-Projekt. Edel, der sich selber gar nicht als Komiker begriff, wurde von Agthe & Co. schon zu Jungfilmerzeiten als genuiner Komplettclown wahrgenommen. Hier nun kam Edel, zu seinem ewigen Ruhme, voll und ganz zu sich, hier haute er sich mit seinem „psychischen Engagement“ (Edel) total rein, und hinterher nannte Edel das „durchkomponierte Feuerwerk“ _ „von stellenweise Valentinesker Güte“ _(FAZ) seinen „persönlichsten Film“, weil er seine herausragenden Eigenschaften – „hohe assoziative Intelligenz und schwache Lernfähigkeit“ – ungeschmälert zur Geltung hatte bringen können.

Edel spielte immer nur Edel, im Casanova-Projekt aber spielte er Edel im Quadrat. „Ich konnte den Film fast völlig frei gestalten“, blickte er zufrieden zurück – auf eine Rolle, in der er als „waschechter Autodidakt“ (Edel), als Mime bar jeden Talents und als amouröser Agitator „in den Bereichen korporaler Ausdrucksfähigkeit und expressiven Esprits sprachlicher Galanterie“ (Deutsches Filmmuseum) sämtliche Standards unterschritt, an die die Theater- und Filmgeschichte denken läßt.

„Der ganze junge deutsche Film lebt doch von abstrakten Phantasiestützen“, schwallt der Chaosstifter z. B., um zu begründen, warum er, den „heutigen Aktionsrealismus“ strikt ablehnend, keine pikanten erotischen Szenen drehen will, und um anschließend für einen delikat „dialektischen Casanova“ zu plädieren, für ein keusches Figurenverständnis, das gewiß auf die „kombinatorische Intelligenz“ des Publikums zählen könne.

Das Casanova-Projekt, das auf der Berlinale gezeigt wurde, ist eine wahnwitzige „narzißtische Personalityshow“ , Edel in nuce und voller Breite, Edel in Bestform insbesondere in den dokumentarischen Kneipenpassagen, in denen er das Zentrum seines Trachtens wiederholt auf den Punkt zu bringen versucht. „Ich bin direkt Fachmann z. B. auf dem Gebiet der viktorianischen Sexualität“, unterrichtet er die Runde und versichert, Theoretiker der „Substitution der Sinne“, der er sei: „Für uns ältere Herren ist oft gut getrunken besser als schlecht gevögelt“ – um wenig später an die eminent fortschrittlichen Damen das Wort zu richten: „Aber die Schwanzfixierung, die bringt ihr nicht weg, da könnt’s hetzen, was wollt.“

Alfred Edel, der aus Hochkulturgütern und -figuren die Luft rausließ, indem er sie mit seinem unerschütterbaren, elaborierten Dilettantismus konfrontierte, vermochte erst unter der Obhut der ingeniösen Protagonisten der Neuen Frankfurter Schule seine Fähigkeiten uneingeschränkt zu entfalten. Das wußte der „heimliche Kopf der Neuen Filmischen Frankfurter Schule (NFFS)“ (Deutsches Filmmuseum), und deshalb lobte er die Mitstreiter im Gegenzug: „Sie erkennen die Dinge am Schein der Dinge, weil der Schein der Dinge die Schwäche der Dinge ausdrückt“, ja, sie brächten es fertig, „die Dinge auf den Punkt und auf die Widerspiegelung des Punktes zu bringen“.

Was genau Alfred Edel damit meinte – und dito eingedenk der Tatsache, daß er ein andermal an präziser Erkenntnis resp. begrifflicher Arbeit monierte: „Wenn Dinge auf den Punkt kommen, also sematisch [sic!] werden, dann werden sie relativ einfach“, denn, so wiederum im Casanova-Projekt, „jeder Begriff ist im Grunde etwas Heruntergekommenes“ –, was immer Edel, der Herr der Paradoxa und des schwindelerregenden Intellektualgetöses, der NFS attestieren zu können glaubte, mit der Kritischen Theorie setzte er sie zudem ohne weiteres gleich, weil er hie wie da „das fragmentarische Denken, Denken in Widersprüchen, kreatives Denken, Denken außerhalb geschlossener Systeme“ ausgemacht hatte.

Alfred Edel. Foto: DIF
Alfred Edel. Foto: DIF

Edel verstand Philosophie als ein Wirrwarr aus „geistigen Relationen und Lebensformen“. Er hantierte mit Theoriebruchstücken, wie es ihm gerade in den Kram paßte, und er war regelrecht vernarrt in (scheinbar) widersinnige Formulierungen. Den „Stillstand als neue Form eines geistigen Perpetuum mobile“ propagierte er in dem Studiofilm Der Eremit (zus. mit Volker Kühn), und Kunst galt ihm ebenda als „Aktion ohne Bewegung“. Dann wieder erzählte er: „Ich hab’ immer unter Autoritäten gelitten“, und im Gespräch mit epd Film (2/1986) legte er dar: „Ich bewunderte an der Uni Professoren mit großer Selbstdarstellungskraft“, ja, er habe „das Autoritäre in hohem Maße bewunderungswürdig“ gefunden.

„Ich verwickelte die Professoren in wüste Gespräche“, erinnerte sich Alfred Edel an seine Studentenzeit. Gegen Ende seines Lebens hatte er noch einmal Gelegenheit, seine akademisch behauchten Aufmischerqualitäten unter Beweis zu stellen. 1992 traf er sich mit Alfred Schmidt, dem Nachfolger auf Adornos Lehrstuhl und Kumpel aus Schwabinger Tagen, im ehrwürdigen Café Laumer, um über das Kapitel „Kulturindustrie“ aus der Dialektik der Aufklärung zu debattieren, und was sich da, vom hr-Fernsehen unter dem Titel Alfred & Alfred – Der Schauspieler und der Philosoph im Gespräch über Kulturindustrie für alle Zeiten festgehalten, eine Dreiviertelstunde lang abspielte, zählt zu Edels immerwährenden Glanztaten.

Ausgerechnet Alfred Edel, der „Kulturkrauter“ (Robert Gernhardt) par excellence, nämlich las Horkheimer und Adorno post mortem derartig gewaltig die Leviten, daß der prononcierte Rhetor Schmidt mehrmals die Fassung zu verlieren drohte. „Hier gehen wieder ein paar Dinge bei dir, glaube ich, durcheinander“, wandte der in Habitus und Gebaren monumentale Universalgelehrte ein, „also, hier gehen ein paar Dinge durcheinander“, doch der furios fahrige Edel mit seinem ridikülen Halstuch und schlaumeierisch-wichtigtuerischen Kopfwiegen ließ sich nicht beirren und teufelte, sich immer nachdrücklicher über Adornos und Horkheimers angeblichen Elitarismus ereifernd, herum, „gegenüber Trivialität hat es einen gewissen denunziatorischen Charakter“, was er da lese, „dieses Sammelsurium von Verallgemeinerungen“ sei gewissermaßen asozial altbürgerlich, es sei im Grunde sinnlos, „das Buch zu exeketieren“ (oder zu exegieren? Zu exekutieren?), sei ja alles bloß „abstrakte Philosophie“, er, Edel, hingegen sei „ja in vielen Avantgardegruppen“ gewesen, und die hätten „edukative Monopole angegriffen“, und umgekehrt sei „die Mutter der Avantgarde die Trivialkultur“ – im Gegensatz zu Adornos und Horkheimers dämlicher „Hochkultur“ –, die Trivialkultur, die den Menschen helfe, das Leben zu meistern, denn: „Es kann nicht alles Utopie im Leben sein. Es hat das andere zumindest auch Berechtigung und ist der Nährboden a) für Leben, b) für neue Entwicklungen und c) für Innovation.“

„Ja, nun gut“, entgegnete Alfred Schmidt erschöpft, und Edel röhrte volle Kraft voraus in einem fort: „Nicht jeder, der mit der Lederhosn Bebop hört, is’ a Faschist“, „Ich glaub’, daß die Natur des Menschen über die Artefakte des Menschen hinausgeht“, der Mensch verfüge über eine „natürliche Intelligenz“, die ihm ermögliche, die Manipulationen der Bewußtseinsindustrie zu durchschauen, und überhaupt sei Karl May astrein: „Lektüre von Karl May gibt doch einen tiefen Einblick in das Bewußtsein des Spätimperialismus!“

Die schlimmsten Unwahrheiten seien die mäßig entstellten Wahrheiten, paraphrasierte Alfred Schmidt Lichtenberg, aber Edel bemerkte in seinem sagenhaft selbstverliebten Geschwafel die Maßregelung nicht mal. Wenn Edel in Fahrt gewesen sei, schrieb Bernd Eilert, sei der von ihm angezettelte „Gesprächsdiskurs“ (Edel) „die einzige Form von Philosophie, die mir noch zeitgenössisch erscheint, flüssig und überflüssig, sinnstiftend und wieder zerstörend in einem Zuge“. Und Eckhard Henscheid war fast zwei Jahrzehnte zuvor zu dem Schluß gelangt: „Niemand in diesem Staat hat […] mit der Bankrotterklärung von Wort und Sinn ernster gemacht – ohne daß er es doch im Einzelfall so ganz genau wüßte. Das vor allem erschafft Alfred Edels kaum vergleichliche, wahrhaft moderne, die Bezirke von Parodie und Selbstparodie weit hinter sich lassende und wahrhaft unveräußerliche Komik. Deren Theorie muß noch geschrieben werden.“

Sie steht weiterhin aus. Weshalb wir die Segel streichen – Edel verstehen zu wollen heißt, vorgestern wie heute, an Edel scheitern.

erstellt am 07.3.2012

»Weil ich mich persönlich ja für einen netten Menschen halte…«

»Wie man leben könnte, wenn man leben würde oder was…«

»Die Geschichte des Schaubusiness lehrt: Wer sich selbst darstellt, stellt in der Regel nichts dar.«

»Viel essen, viel trinken, fromm sein und a bißl geil.«

Alfred Edel