Buchkritik

»Keiner mochte dem Minister das Maul leihen«

Volker Braun mischt in »Die hellen Haufen« reale Dokumente sowie kühne An- und Aussprüche

Von Matthias Biskupek

Wer die Erzählung von Braun liest, tut gut daran, sich etwas in Literatur und mitteldeutscher, sprich thüringischer Geschichte umzutun: Braun ist Kenner, Zitator und vor allem Aphoristiker vor dem Herrn. „Die hellen Haufen“ spielt schon im Titel auf halbmilitärische Formationen an. Im Bauernkrieg machten die hellen Haufen mit Fürsten oft kurzen Prozess – dafür wurde deren Führern und Mitläufern später ein langer und qualvoller Prozess gemacht, man ließ sie „zerschmeißen, würgen, stechen“, ganz wie Luther es gefordert hatte in seiner Schrift wider die mörderischen Bauern. Zuvor aber wollte Luther die „schädlichen Lehrer des Verderbens, als Päpste, Kardinäle, Bischöfe“ angreifen, „mit Waffen und waschen die Hände in ihrem Blut“.

Weniger martialisch geht es in diesem Buch vom Aufstand zu, dessen erster Satz lautet: „Der Aufstand, von dem hier berichtet wird, hat nicht stattgefunden.“ Das erinnert an den Eingangssatz einer berühmten Erzählung der jungen Anna Seghers: „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara endete mit der verspäteten Ausfahrt zu den Bedingungen der vergangenen vier Jahre.“

Es sind die Bedingungen der ehemaligen Bundesrepublik, die jetzt auf ein Gebiet, das unter „Treuhand“ steht, angewendet werden. Und weil Braun seine Erzählung hernach beginnt „wie ein Narr mit den Fakten“, geben wir kurz Inhalte wieder:

In „Bitterode“, was an Bischofferode erinnert, wird gestreikt, weil der Betrieb geschlossen werden soll; man streikt nicht für Löhne, sondern für den Arbeitsplatz. Der helle Haufe, der von dort zum Treuhandsitz nach Berlin zieht, ist ein kümmerliches Häuflein. Man erfährt später, wie allerorten Arbeitsplätze und Werte verschleudert, also veruntreut werden: die Rodlebener Forschung, die Gröbziger Spinndüsen und die Werkswohnungen zu Premnitz. Es treten auf, immer mal wieder, ein Ministerpräsident, Vogt geheißen, eine Treuhänderin Pleuel und ein Wittenberger Prediger Schurlamm. Die Brandrednerin gegen Sozialabbau, eine Ministerin, heißt Hilde Brand – die sprechenden Namen haben Braun schon viel Schelte der mainzischen und rheinischen Literaturkritik eingetragen, denn solches gilt als Kabarett, ist folglich nicht literarisch.

Später ergreift ein Mintzer im Text das Wort, und wo schon Bauernkrieg in den Metaphern herrscht, sind die „Zwölf Artikel“ auch nicht weit, deren erster lautet „Die Arbeit ist gerecht zu verteilen, unter allen die Anspruch darauf haben“ und der letzte „Der Tod ist umsonst, d.h. der hinterbliebene Staat zahlt.“

Braun mischt aphoristische Aufwiegelsätze, historische Fakten aus den letzten zwanzig Jahren und kühne Gesellschaftstheorie für die Zukunft so, dass man diese großzügig gesetzten neunzig Textseiten als romantische Verklärung einer Arbeiterselbstverwaltung sehen könnten – sprich: böse Nähe zur DDR lauert – aber auch als Versuch, den Kämpfen gegen entfremdete Arbeit einen frischen Schub zu geben. Die Kritik seiner Erzählweise liefert Braun selbst: „Orte falsch geschrieben, die Personen aus Rüben geschnitzt.“ Und wem Brauns Sympathie gilt, wird deutlich: „Keiner mochte dem Minister das Maul leihen“.

Wer sich hingegen einlässt auf ein Spiel mit Sprache, der wird überall fündig, bei der „Verbohrtheit in den Berg“ genauso wie bei Klanggebilden namens „Pumpensumpf“ und „Schälschrapperstrebabbau“. Brauns frühe Klääje-Maloche-Erfahrung klingt durch, seine Aufruf-Sätze „Kommt uns nicht mit Fertigem!“ kommen verändert wieder: Ich setzt Euch was vor, sprecht mir nicht einfach nach.

Volker Braun ist und bleibt ein Dichter des Aufbruchs, des Aufruhrs, des Revolutions-Genusses, gerade, weil er in einer verschlossenen, eng gegürteten Gesellschaft sein Schreib- und Denkhandwerk erlernte. Wir hingegen leben in einer Zeit, in der allen Ernstes offiziell verkündet wird: „Über ein Jahrzehnt war die Welt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs so voller Hoffnung und Zuversicht gewesen, friedlich, heiter und unbeschwert wie nie zuvor.“ Derlei Dummschwätzern, die Kriege auf dem Balkan nicht gelten lassen und in Deutschland Massenentlassungen nach 1990 als „heiter und unbeschwert“ empfinden, setzt Braun die Aufstandsprosa entgegen. Dass der gelernte Dialektiker Braun sich dabei auch im Silbendickicht von Vor-Sicht und Rück-Schau verheddert, sei ihm verziehen.

erstellt am 05.3.2012

Volker Braun
Die hellen Haufen
Erzählung
Suhrkamp, Berlin. 2011

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