Brief von Otto Frank an seine Mutter Alice, 1945
Brief von Otto Frank an seine Mutter Alice, 1945
Familie Frank Zentrum

Rückkehr ohne Heimkehr

Das Erbe von Anne Frank und ihrer Familie geht ans Frankfurter Jüdische Museum

Von Volker Breidecker

Mit Ort und Datum „Auschwitz, den 23.II.45“ schreibt Otto Frank (1889-1980), der Vater von Anne Frank, auf offiziellem Briefpapier des Konzentrationslagers, dessen Insassen erst wenige Wochen zuvor durch sowjetische Truppen befreit wurden, an seine „Liebste Muttel“ nach Basel. Seiner Mutter Alice und seinen Verwandten aus den Familien Stern und Elias, die wie er selbst 1933 aus der gemeinsamen Heimstadt Frankfurt vertrieben wurden, teilt er seine Rettung mit, allerdings hinzufügend: „Wo Edith und die Kinder sich befinden, weiss ich nicht, wir sind seit 5. Sept. 44 getrennt. Ich hörte nur, dass sie nach Deutschland transportiert wurden. Man muss hoffen, sich gesund zurück zu sehen.“ Edith, das war seine Frau und die Mutter der gemeinsamen Töchter Margot und Anne. Die Geschwister sollten an einem nicht näher bekannten Tag im März 1945 dem Massensterben im Konzentrationslager Bergen-Belsen zum Opfer fallen. Die Mutter aber, die ohne Wissen ihres Gatten ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurde, war dort noch kurz vor der Befreiung gestorben.

In Gegenwart von Anne Franks Basler Lieblingscousin Buddy Elias, dem letzten noch lebenden Familienangehörigen, der – Jahrgang 1925 – ebenfalls aus Frankfurt stammt, wurde dieser erschütternde Brief jetzt im Jüdischen Museum der Stadt der Öffentlichkeit vorgestellt. Er gehört zu einem Konvolut von mehreren tausend Briefen, Dokumenten und Fotos, die Buddy Elias’ Frau Gerti vor Jahren auf dem Dachboden des von der Familie seit dem Weggang aus Frankfurt bewohnten Hauses in der Basler Herbstgasse entdeckt hatte. Dort hatte Großmutter Alice (1865-1953) das weit zurückreichende Archiv ihrer Familie verwahrt, die in Frankfurt wenigstens seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar ist. Von dort hatte sie es mit dem gesamten Hausstand ihrer ebenso wohlhabenden wie kultivierten jüdischen Familie in die sichere Schweiz überführt. Zusammen mit dem Archiv des heute von ihm geleiteten Basler Anne Frank Fonds, der als von Otto Frank gegründete gemeinnützige Stiftung die Weltrechte an Anne Franks Tagebüchern verwaltet und verwertet, hat Buddy Elias den gesamten Nachlass und das Vermächtnis beider Familien jetzt dem Jüdischen Museum seiner ehemaligen Heimatstadt als Dauerleihgabe vermacht.

Für Buddy Elias, den noch immer vitalen früheren Schauspieler und Eiskunstläufer – 14 Jahre lange war er mit „Holiday on Ice“ durch die Welt getingelt –, bedeutet dies, wie er sagte, eine Rückkehr zu den Wurzeln seiner verstreuten Familie, womit sich für diese ein Kreis schlösse, „der uns im Guten wie im Schlechten mit dieser Stadt verbindet“: Einer Stadt, die, wie er bekräftigte, vormals „eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden weltweit beherbergte und für Emanzipation und Aufbruch stand“. Raphael Gross, dem beglückten Museumsdirektor, überreichte Buddy Elias dann freudestrahlend das prachtvolle Rundgemälde eines unbekannten Meisters mit dem Doppelporträt von Anne Franks Ururgroßeltern Elkan Juda Cahn und dessen Frau vor dem Hintergrund einer romantischen Landschaft mit Burg, Fluss und Arkade.

Tatsächlich ist der Zugewinn für die Sammlungen des Jüdischen Museums enorm: Zum einen erweitert es seine Bestände um einen Dokumentenschatz, der als künftiges „Familie-Frank-Zentrum“ eigenständige Archivierung und Erforschung finden soll. Und auch, wenn das in alle Sprachen der Welt übersetzte Tagebuch der Anne Frank am Flucht- und Entstehungsort Amsterdam verbleibt, so wird an seinem hiesigen Verlagsort Frankfurt – sämtliche deutschen Ausgaben erscheinen seit langem im S. Fischer Verlag – auch dazu künftig intensiv geforscht werden können: Denn zum einen erschließt sich aus den Beständen des Anne Frank Fonds die weltweite Verlags-, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte eines Menschheitsdokuments, dessen Verfasserin – wie Raphael Gross sagte – zur „Verkörperung der deutsch-jüdischen Geschichte und Katastrophe überhaupt“ geworden ist. Zum anderen tritt aus den neu hinzugewonnenen Dokumenten auch die Vorgeschichte des Tagebuchs und der schriftstellerischen Antriebe seiner Verfasserin ans Licht: In der Familie Frank wurde nämlich schon seit Generationen in diarischer wie epistolarischer Form geschrieben und geschrieben, was das Zeug nur so hält, und es war vor allem die allseits bewunderte Großmutter Alice, die diese Tradition bewahrte, lehrte und an die Nachkommen weitergab.

Mit der Erweiterung seiner Bestände um den neu hinzugewonnenen Schatz von mehreren hundert Objekten – Möbel, Gemälde, Stiche, Fotografien, Spielzeug, Souvenirs und mehr – kann das Museum künftig auch erstmals den fast vollständig erhaltenen Hausstand einer alteingesessenen jüdischen Familie präsentieren, was aufgrund der Nazi-Barbarei in Deutschland zum kaum noch irgendwo erfüllbaren Desiderat geworden ist. Allen Grund zur Freude über den archivarischen wie musealen Zugewinn hat auch die Stadt Frankfurt, die nach den Worten ihres Kulturdezernenten Felix Semmelroth, sehr sehr lange gebraucht hat, um ihre „besondere Beziehung zur Familie von Anne Frank“ auch wirklich wahrzunehmen. Dem im Jahr 1988 als erstes seiner Art eröffneten Jüdischen Museum, das längst aus allen Nähten platzt und sanierungsbedürftig ist, hat die Stadt jetzt verbindlich den dringend benötigten Erweiterungsbau zugesagt. Dieser soll künftig auch die Sammlungen des Familie-Frank-Zentrums beherbergen. Mit seiner Fertigstellung, versprach Semmelroth, sei im Jahr 2015 zu rechnen.

Dieser Beitrag ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

erstellt am 05.3.2012

Das Haus der Familie Frank in Frankfurt, Jordanstraße 4
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Anne Frank, ca. 1941
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Brief von Anne Frank an ihre Großmutter, 1938
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Margot Frank, Stephan Elias und Anne
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