Javier Marías
Javier Marías
Javier Marías neuer Roman »Die sterblich Verliebten«

Weisheit und Kalkül

Von Martin Lüdke

Sein Sterben, das ist das Letzte, was ein Toter mit uns, den Lebenden, teilt. Dieser einzige Augenblick, in dem es für ihn, den dann Toten, keine Zukunft mehr gibt. Was danach kommt, ist für ihn das Nichts, und für uns, die wir das Nichts natürlich nicht einmal denken können, ist und bleibt es ein oft verzweifeltes und immer vergebliches Bemühen, mit diesem Paradox, auf das wir immer wieder gestoßen werden, zurecht zu kommen, und sei es nur einigermaßen.
Überlegungen solcher Art sind normalerweise entweder die Sache von betagten Zeitgenossen, die bereits am Rande des Grabes stehen und die ihnen verbleibende Zeit damit (sinnvoll?) ausfüllen wollen. Oder – sie sind provoziert, etwa durch Schicksalsschläge. Der Alltag, der gelegentlich auch als Idylle erscheinen kann, wird plötzlich aufgebrochen. Es passiert etwas.
Zum Beispiel, ganz beiläufig.

Viele Spanier frühstücken regelmäßig in einem Café. Der Aufwand ist gering, der Abwasch entfällt, zudem geht es schnell. Wie alle Gewohnheiten bringt auch diese Wiederholungen mit sich. Dieselben Kellner, meist der gleiche Tisch, oft dieselben Gäste. María, Mitte dreißig, in keiner festen Beziehung lebend, liebt dieses Ritual aber vor allem deshalb, weil sie auf diese Weise Tag für Tag ein Ehepaar beobachten konnte, das ihr, kurz gesagt, „gute Laune machte“, bevor sie, eine Lektorin für Gegenwartsliteratur, in ihren Verlag ging, „wo sie sich mit ihrem größenwahnsinnigen Chef und seinen lästigen Autoren herumschlug.“ Wenn die beiden mal nicht da saßen, fehlte ihr etwas für den beginnenden Tag. Es schien ihr das perfekte Paar, die Frau kaum vierzig, der Mann vielleicht zehn Jahre älter, nicht unbedingt reich, sicher wohlhabend.

„An einem Morgen Ende Juni blieben die beiden aus“. Und damit kommt die durchaus schleppende Handlung dieses als Novelle konstruierten Thrillers langsam in Gang. Der Mann nämlich, Miguel Desverne, der sich als Besitzer eines Filmverleihs Deverne nannte, war auf offener Straße von einem „Gorilla“ – so nennt man in Madrid die Penner, die davon leben, Autofahrer in einen freien Parkplatz zu lotsen – mit einem scharfen Messer erstochen worden. Ein Zufall. Das Motiv des geistig verwirrten Täters, bleibt unklar, aber spielt letztendlich auch keine Rolle.

María hatte seinerzeit sogar ein Bild des Toten in der Zeitung gesehen, war aber nicht einmal auf die Idee gekommen, dass es sich dabei um ihren Café-Besucher handeln könnte. Wenig später erfährt sie von dem Geschehen. Kurz darauf trifft sie erstmals wieder die Frau des Ermordeten. María spricht sie an: „Ich kannte Sie nur vom Sehen, aber mir fiel auf, wie gut Sie sich verstanden haben. Sie waren mir beide ungemein sympathisch.“
Kaum hatte sie diese Sätze ausgesprochen, merkte sie, dass sie damit die Frau „ebenfalls getötet, alle beide in die Vergangenheit gesetzt hatte, nicht nur den Verstorbenen.“
Es sind solche (genauen) Beobachtungen und die sich daran anschließenden Reflexionen, die Marías’ Roman wenigstens in seiner ersten Hälfte weit über das übliche Thriller-Niveau hinaus heben. Auch, etwa, Überlegungen über den Unterschied zwischen Liebe und Verliebtheit. Es hätte, unprätentiös und unmittelbar verständlich, so etwas wie ein philosophischer Roman werden können. Vor allem über logischen Schwierigkeiten, als Lebende mit dem Tod umzugehen.

Der engste Freund des Ermordeten, ein gewisser Javier, den María bei der Witwe kennen und bald darauf auch lieben lernt, wohl wissend, dass sie auf Dauer keine Chance bei ihm haben wird, empfiehlt ihr eines Nachts die Lektüre der Balzac-Novelle „Oberst Chabert“. Dieser Soldat war in einer der berühmten napoleonischen Schlachten schwer verletzt und (wie) leblos auf dem Feld zurückgelassen und deshalb für tot erklärt worden. Als er, Jahre später, nach Hause nach Paris schafft – seine Frau war unterdessen wieder verheiratet, hatte Kinder bekommen – da wünscht er sich tatsächlich, dass er doch nie aus dem Grabe gestiegen wäre. „Die Toten tun schlecht daran, zurückzukehren und tun es doch fast alle“, um den „Lebenden zu Ballast zu werden.“ Die Balzac-Geschichte zeigt durchaus Parallelen zu Marías Roman. Aber der Autor begnügt sich leider damit, nur einige der Motive aufzugreifen und verschenkt damit die Möglichkeiten, die seinen Roman aus der platten Handlungsspannung in eine wirkliche Hochspannung versetzt hätten. Maria ahnt, dass ihr Geliebter Javier nicht nur sein Versprechen erfüllt, das er dem Ermordeten gegeben hat, sondern Luisa, die Witwe, seit jeher schon liebte und jetzt nur darauf wartet, dass seine Zeit kommen wird. Maria lässt auch ihre Phantasie spielen, wie es wäre, wenn Luisa tot wäre. Aber Marias lässt es damit nicht genug sein. Er will mehr als das Kammerspiel, die handelnden Personen sind nämlich an einer Hand abzuzählen. Er will die große Oper. Das ist deshalb schade, weil die enorme Spannung, die er im ersten Teil aus seinem Stoff heraus entwickelt hat, im zweiten Teil den Stoff dominiert. Marías, hier ähnlich den früheren Romanen Milan Kunderas, zeigt (im ersten Teil) einen souveränen Umgang mit seinem Stoff. Er beschreibt, was passiert (ist), und lässt seine Protagonisten über Stoff und Handlung reflektieren. Doch dann kippt es um. Natürlich soll hier nicht verraten werden, was schließlich diese Spannung ausmacht. Nur bedauert werden darf, dass sich der große Roman, der sich anfänglich zu entwickelt schien, in einem Thriller, mit absehbarem Ausgang, verläppert. Das Kalkül hat sich durchgesetzt, die Weisheit ist dabei auf der Strecke geblieben. Es wird ein Erfolg werden.

erstellt am 28.2.2012

Javier Marías
Die sterblich Verliebten
Roman
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2012,
430 Seiten

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