Entscheidung für das Wunderbare

Eine diffizile Ehe

Von Stefana Sabin

Sie waren der Herkunft und Erziehung nach sehr verschieden: Iris Meyer, 1917-1990 stammte aus einem evangelisch-großbürgerlichen Haus, studierte Jura, wurde Doktorin der Rechte, leitete das „Schweizer Frauenblatt“, das offizielle Organ des Bundes Schweizerischer Frauenvereine, und wurde 1958 mit der feministischen Schrift „Frauen im Laufgitter“ über die Schweizer Grenzen hinaus als Frauenrechtlerin – als „Emanze der Schweiz“ – bekannt. Peter von Roten, 1916-1991, stammte aus einer streng katholischen Familie, war in die Verwaltung des väterlichen Besitzes einbezogen, betrieb ein Büro als Rechtsanwalt und Notar, war zugleich als Gemeinderat, als Vertreter der katholisch-konservative Partei im Walliser Grossen Rat und als stellvertretender Rapporteur beim Instruktionsgericht Visp tätig und schrieb für den „Walliser Boten.“ Seit ihrem ersten zufälligen Treffen während der Studentenzeit in Bern waren sie von einander fasziniert und unterhielten eine lange und abwechslungsreiche Freundschaft, die sie in einer umfangreichen Korrespondenz auslebten, bevor sie 1946 sozusagen klandestin, also ohne bischöflichen Dispens und gegen den Familienwillen, heirateten. „Es gibt drei Arten zu leben,“ schrieb Iris Meyer 1945 an ihren zukünftigen Gatten. „Auf Selbstmord, auf das Wunderbare oder auf das Interessante eingestellt. Auf Selbstmord ist eingestellt, wer sich aus Unentschiedenheit, Schwäche, Hoffnung, Feigheit nicht umbringen will. … Auf der Grundlage des Wunderbaren lebt, wer mythisch lebet und das Hauptgewicht auf das Sein legt. Auf der Grundlage des Interessanten, der Erkenntnis, der relativen Werte lebt der, welcher das Tun in den Vordergrund stellt. Das alles ganz hypothetisch! Natürlich bleibt selten ein Leben ganz eindeutig in einer dieser Richtungen. Fast immer aber hat eine das Übergewicht. Für mich bedeutet nun eine Heirat mit Dir die Entscheidung für das Wunderbare und das Interessante als Lebensatmosphäre.“

Es ist vor allem diese Lebensatmosphäre, die der Schweizer Historiker Wilfried Meichtry in einer gerade veröffentlichten Doppelbiographie nachzeichnet, wobei er ein sozialpolitisches Bild der Schweizer Gesellschaft in den Jahrzehnten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg skizziert. Aber es sind weniger die sozial- und religiös-politischen Haltungen seiner Protagonisten als ihre Liebesbeziehung, die Meichtry in seinem Doppelporträt beschreibt. Er greift auf historisches Material und auf Familiendokumente zurück und zitiert ausgiebig aus den etwa 1500 Briefen, die sich Iris und Peter von Roten im Verlauf ihrer diffizilen und dennoch beständigen Ehe geschrieben haben. Tatsächlich ist Meichtrys Doppelbiographie vor allem die Biographie einer Ehe. „Ich finde, das beste Beispiel für Dich ist der Berg,“ schreibt Peter einmal. „Steigen ist mühsam und anstrengend, aber nur durch Steigen kommt man auf den Berg und vorwärts.“

Es war keine im herkömmlichen Sinn glückliche Ehe, sondern eine emotional aufreibende Beziehung, die sich in intellektuellen Auseinandersetzungen über politische, soziale und immer wieder religiöse Themen erfüllte und in der beide Partner einen ungewöhnlich unabhängigen Denkraum bewahren konnten. Auch wenn die privaten ehelichen Vereinbarungen – dass sie „keine Haushalsarbeit“ verrichten würde („Irgendwie wäre mir damit meine Würde genommen, ich käme mir missachtet vor“) und dass sie selbstverständlich berufstätig sein werde – ihre Brisanz verloren haben, stellten sie damals einen rabiaten Versuch um partnerschaftliche Gleichberechtigung dar. Tatsächlich war Peter von Roten ein solidarischer Kampfgenosse seiner Frau bei ihrer Kampagne um das Frauenwahlrecht und engagierte sich nach dem Misserfolg dieser Kampagne 1959 in seiner politischen Arbeit und in seinen Zeitungsartikeln für die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter und später für die Revision des Eherechts auf der Grundlage der Gleichberechtigung. Waren sie sich in sozialen Fragen einig, so blieb die Religion ein ständiges Streitthema. Bei seiner Bemühung um die Wiedereinführung der alten lateinischen Messe erfuhr Peter von Roten kaum die Unterstützung seiner Frau. Die Beziehung der beiden blieb immer von kritischer Zuneigung geprägt. „Ohne Dich zu leben ist einfach, aber sinnlos, mit Dir zu leben, kompliziert, aber einzig sinnvoll,“ schrieb Peter von Roten während einer der vielen langen Trennungen, die diese Ehe durchzogen. Sie gehören nicht, wie Iris Meyer es formulierte, zu „den Unbeteiligten in einer glücklichen Ehe,“ sondern „zu den Glücklichen in einer schwierigen Ehe.“ Diese schwierige Ehe endete erst mit dem Selbstmord von Iris Meyer nach langer Krankheit 1990. Peter von Roten starb ein Jahr später.

In Zeiten schnellen Scheidungen wirkt die Geschichte dieser langen, wenn auch komplizierten, Ehe fast wie ein Moralstück: dass man im ständigen emphatischen und respektvollen Gespräch Konflikte bewältigt, ohne sich und die Beziehung aufzugeben.

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BUCHKRITIKEN

erstellt am 28.2.2012

Iris und Peter von Roten
Iris und Peter von Roten

Wilfried Meichtry
Verliebte Feinde
Iris und Peter von Roten
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656 Seiten

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