In Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ an der Frankfurter Goethe-Universität, der sich den Aushandlungsprozessen zwischen Bürgern und Staat widmet, will die Ausstellung „Demonstrationen“ im Frankfurter Kunstverein zeigen, wie diese Verfahren die Kunst in den Dienst nehmen oder von ihr in den Dienst genommen werden.

Eine Ausstellung im Frankfurter Kunstverein

Demonstrationen

Von Isa Bickmann

„Eine Volksgruppe während den Juliustagen ist dargestellt, und in der Mitte, beynahe wie eine allegorische Figur, ragt hervor ein jugendliches Weib, mit einer phrygischen Mütze auf dem Haupte, eine Flinte in der einen Hand und in der anderen eine dreyfarbige Fahne. Sie schreitet dahin über Leichen, zum Kampfe auffordernd, entblößt bis zur Hüfte, ein schöner, ungestümer Leib, das Gesicht ein kühnes Profil, frecher Schmerz in den Zügen, eine seltsame Mischung von Phryrne, Poissarde und Freyheitsgöttin.“

So beschrieb Heinrich Heine 1831 das Bild „Der 28. Juli. Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix. Trotz „etwaiger Kunstmängel“ atme „in dem Bilde ein großer Gedanke, der uns wunderbar entgegenweht“. Heine erkannte den ikonenhaften Charakter dieser allegorischen Darstellung der Ereignisse vom 28. Juli 1830, die es in unserer heutigen Zeit mehrfach – unter wechselnden Überschriften wie „Aufmarsch“, „Aufbruch“ und „Diktatur“ und weit ab vom ursprünglichen Thema auf den Titel des „Spiegel“ und gar bis in die Niederungen von Schallplattencovern (Coldplay) schaffte. Nicht das Original, sondern die Produktpalette mit Darstellungen der „Freiheit“ in einer Vitrine ist Teil der Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, die mit einer durchdachten Werkauswahl zu dem Thema der Demonstrationen aufwartet. In Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ an der Frankfurter Goethe-Universität, das sich den Aushandlungsprozessen zwischen Bürgern und Staat widmet, will die Ausstellung zeigen, wie diese Prozesse die Kunst in den Dienst nehmen oder von ihr in den Dienst genommen werden. Der Forschungsverbund, dem 180 Wissenschaftler angehören, ist durch die Vielgestaltigkeit der beteiligten Fächer höchst lebendig. Ökonomie, Philosophie, historische und politische Wissenschaften versuchen zu verstehen, wie sich Ordnungen herausbilden und warum wir wie handeln.

Die wachsende Ungleichheit auf dieser Welt und die zunehmende Perspektivlosigkeit haben jüngst viele Menschen bewegt, auf die Straße zu gehen, um dem Gefühl der Ohnmacht und Lethargie zu entkommen. Und es gibt zumindest in unserer Gesellschaft einen großen Konsens bezüglich der neuen Aufmüpfigen.
Proteste können sich künstlerisch artikulieren. Künstler tragen dazu bei, politischen Themen eine Bühne zu bereiten. Demonstrationen haben zudem immer auch eine gewisse Nähe zu Performances. Dass es eine Kunst ist, dem Anlass angemessen zu demonstrieren, zeigt Christian Janecke in einem Katalogbeitrag zur Ausstellung. Die Grenzen können da fließend sein und bis hin zu dem „Karnevalesken“ (Sønke Gau/Katharina Schlieben) gehen. Kreativität ist auf jeden Fall gefragt, um Aufmerksamkeit für sein Anliegen zu erhalten. Flash Mob, Smart Mob (= Aktionen über soziale Netzwerke) sind neue Wege, sich zu formieren, und sie verheißen schnelle Vernetzung Gleichgesinnter.
Drei Leitlinien, wie die Kunst demonstriert/zeigt, wie sich Demonstrationen als performative Spektakel darstellen und wie Demonstrationen einen Vorgang dokumentieren, haben drei Kuratorinnen für den Frankfurter Kunstverein vorbereitet: eine mit kunsthistorischen Beispielen und dem Schwerpunkt auf Frankfurter Geschichte, haben drei Kuratorinnen für den Frankfurter Kunstverein vorbereitet: eine mit kunsthistorischen Beispielen und dem Schwerpunkt auf Frankfurter Geschichte, die zweite mit Gegenwartskunst und die dritte mit einem Performance-Programm, welches hier abgerufen werden kann.

Deutlich merkt man der Ausstellung an, dass Bezüge über die Jahrhunderte hinweg gesucht und gefunden wurden – es bieten sich visuelle und gedankliche Verbindungen im ganzen Haus. Die Ausstellung ist, obwohl naturgemäß eine vollständige Abhandlung des Themas nicht möglich ist, auf eindrückliche Art und Weise rund, denn die Themenkomplexe, die sich auch im begleitenden Katalogbuch finden, wie Bewegen und Formieren, Zeigen und Repräsentieren, Zweifeln und Legitimieren, sind durchdacht und ziehen unsichtbare rote Fäden durch die gesamte Ausstellung. Leider konnte nicht immer das Bestmögliche präsentiert werden, z.B. hängen Werke von Johann Peter Hasenclever (1810-1853) zum Teil in Kopie im Ausstellungsraum, weil Leihanfragen von den jeweiligen Besitzern abschlägig beschieden wurden. Aus Kuratorensicht dominiert hier der Inhalt, die künstlerische Ausgestaltung tritt in den Hintergrund, daher ist der Verzicht auf das Original machbar, aber nicht der Verzicht auf das Bild. Es handelt sich um eine ganze Serie von zwischen 1848 und 1850 gemalten Darstellungen der „Arbeiter vor dem Stadtrath“, die ein Gesuch gegen die Beendigung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen einreichen. Trotz des Massenprotests ließ sich damals der Stadtrat von Düsseldorf nicht erweichen.
Der Künstler und Blogger Aalam Wassef (*1970) hatte mit Google-Anzeigen, die auf Suchworte wie Mubarak, Nilkreuzfahrt und Ägypten erschienen, kritische Botschaften an das ägyptische Regime veröffentlicht. Er gehört zu denen, die mittels der neuen Medien ihren Protest formulieren. Videos der letzten Jahre und eine Installation, die auf die Repräsentanzinsignien des französischen Absolutismus verweist und doch Mubarak meint, leiten die Ausstellung bereits im Foyer des Kunstvereins ein.
So geht es auch um Demonstrationen von Herrschaft, für die sich die Kunst jahrhundertelang instrumentalisieren ließ. Das seien nicht bloße Schmeicheleien, sondern ein vom Herrscher „normativ erwarteter Narzissmus“ schreibt Dirk Setton im Katalog (S. 223). Der Respekt, der z. B. dem thailändischen König entgegengebracht wird bzw. werden muss und dem westlichen Verständnis fremd erscheint, kehrt sich zurzeit im Falle des deutschen Bundespräsidenten in sein Gegenteil um, je mehr dieser charakterliche Schwächen offenbart. Forciert durch die mediale Öffentlichkeit verlässt er jene Ebene, zu der normalerweise respektvoll hinaufgeschaut wird und die ihn vom Durchschnittsdeutschen trennt.
Die pakistanische Künstlerin Bani Abidi (*1971) inszenierte eine Situation, in der Menschen, wie eine Reihe gelangweilter Schüler in Uniform oder Wachleute, darauf warten, eine wichtige Person zu begrüßen und ihr zu huldigen. Wer auch immer das ist, wird nicht gelöst. Die Absurdität solcher Ereignisse wird umso deutlicher, weil auch wir als Ausstellungsbesucher auf dieses Ereignis warten, das eigentlich völlig uninteressant ist. Die Situation auf der Videowand ist dennoch spannend und lässt uns am Warten teilnehmen.
Der historische Teil der Ausstellung konzentriert sich auf Frankfurt als Handlungsort. Dom und Römerberg, die in nächster Nachbarschaft zum Kunstverein liegen und zu denen der Ausstellungsbesucher durch die Fenster Blickkontakt hat, waren Wahlort der Kaiser und Krönungsort sowie Platz der „Eidesleistung des hohen Senats und Loebl. Bürgerschaft der freyen Stadt Frankfurt a/M. am 18. October 1816“. Auch die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mit dem Beschluss der Verfassung wird in den historischen Part eingebunden. Dokumente wie die Reproduktion der Texte der „Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne vom 14. September 1791 durch Olympe de Gouges mit der Forderung nach den gleichen Rechten von Mann und Frau, die als Frühform feministischen Kampfes betrachtet werden, ziehen Verbindungslinien zu einer Vier-Kanal-Videoinstallation der Amerikanerin Sharon Hayes (*1970), die zum Thema Homosexualität und Frauenbewegung eine androgyn wirkende Frau beim Sammeln von Tönen und Geräuschen beobachtet.
Die bildende Kunst kann normative Ordnungen sichtbar machen. Und der Bedarf ist groß. So schließen Klaus Günther und Peter Siller, der Co-Sprecher und der wissenschaftliche Leiter des Exzellenzclusters, ihre Einleitung zum Katalog in Bezug auf die neuen Protestorte in den digitalen Medien mit folgenden Worten: „Es geht heute immer dringender um grenzüberschreitende normative Ordnungen angesichts von Hunger und Armut in großen Teilen der Welt, von Klimawandel, von Unrechtsherrschaft, von bewaffneten Konflikten und Kriegen … Wenn aber das Machen normativer Ordnungen auf einen öffentlichen Raum angewiesen ist, dieser Raum aber keinen Ort mehr hat, an dem die Akteure einander begegnen können, sind dann die performativen Akte des Protestierens, Zweifelns, Bekräftigens erst recht und noch viel mehr auf Bilder angewiesen?“
Das Katalogbuch sei unbedingt als ergänzende Lektüre zur Ausstellung – alle Werke werden dort erläutert – und zur Vertiefung der Themenkomplexe empfohlen.

Katalogbuch
Herausgeber: Frankfurter Kunstverein, Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen«
Textkonzept: Sabine Witt, Britta Peters and Fanti Baum
Deutsch/Englisch
480 Seiten
135 Abb. in Farbe, 33 Abb. s/w
Leinen
ISBN 978-3-86984-288-2

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erstellt am 21.2.2012

Ausstellung bis 25. März 2012

Paulskirche

„Innere Ansicht der Paulskirche während der Deutschen Nationalversammlung“
Ludwig von Elliot (Zeichner); Schmerbersche Buchhandlung (Verlag)
Frankfurt am Main 1848
© historisches museum frankfurt

Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte

„Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“
Jean-Pierre-Louis Laurent nach einer Vorlage von Jean-Jacques François Le Barbier d.Ä., 1789
© Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Merchandising: Freiheit von Delacroix

Verschiedenen Objekte mit Motiven des gleichnamigen Gemäldes „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix
Foto: Norbert Miguletz, 2012; © Frankfurter Kunstverein

Filmstill aus: „The Making of a Demonstration“, 2004

SANDRA SCHÄFER
„The Making of a Demonstration“, 2004
Filmstill
© VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Courtesy of the artist

© Noh Suntag, „Arrest #005“, Seoul 2009

NOH SUNTAG
„Arrest #005“, Seoul 2009
© NOH Suntag

Performance, Performa 09, New York (US), 2009

MARCELLO MALOBERTI
„The Ants Struggle on the Snow“
Performance, New York (US), 2009
Foto: Gisella Sorrentino
Courtesy of the artist and Performa 2009, New York