Peter Nadas’ Jahrhundertroman »Parallelgeschichten«

Das Gewicht des Körpers von der Seele lösen

Von Martin Lüdke

Nadas ist da. Endlich. Das Erscheinen der deutschen Ausgabe dieser „Parallelgeschichten“ darf als europäisches Ereignis gefeiert werden. Das Gerücht war dem Roman vorausgeeilt. Jetzt stehen wir vor der Sensation. Das ungarische Original, bereits 2005 erschienen, hatte dem Autor zwar kräftige Lobenshymnen von seinen Kollegen und den ungarischen Intellektuellen, aber auch mächtige Schwierigkeiten von der aufgebrachten „ Stimme des Volkes“ eingebracht. Die „Parallelgeschichten“ waren und sind eine Provokation nicht nur für das reaktionäre Ungarn eines Viktor Orbàn, sondern, das wird sich vielleicht auch bei uns erweisen, für den gesunden Menschenverstand überhaupt und den (klein-)bürgerlichen Biedersinn verklemmter Kleriker dazu.

Der Umfang dieses Werkes ist beträchtlich. Der Anspruch immens. Die Anforderungen an den Leser sind ebenfalls ordentlich. Eintausendsiebenhundertachtundzwanzig Seiten, in neununddreißig Kapitel und drei Bücher gegliedert. Fürwahr ein opus magnum. Achtzehn Jahre soll, so sagt man, Nadas daran gearbeitet haben. Gelohnt hat es sich.
Es sind tatsächlich parallele Geschichten, eine ganze Menge sogar, mit einer schieren Unmenge an Personal. „Menschen, die sich niemals begegnet sind oder sich nur sehr oberflächlich kennen und deren Schicksal trotzdem grundlegend voneinander bestimmt wird.“
Am Anfang ein Toter im Berliner Tierpark. Vielleicht Agóst, der Diplomat? Am Ende ein Toter im Garten des Gefängniswärters. Gewiss der Brotdieb. Dazwischen die Geschichten.
Der Autor fragt sich deshalb, „ob ein solch verborgener und rätselhafter Zusammenhang in einer geschlossenen Erzählform“ überhaupt möglich ist. (Der Leser fragt sich das, fast bis zum Ende, auch. Ich habe die einzelnen Geschichten, fasziniert, teilweise begeistert, oft mit Bangen, manchmal mit Widerwillen und Abscheu, auch Verzweiflung, aber nie gleichgültig gelesen. Einen Zusammenhang habe ich über lange Strecken kaum oder gar nicht erkennen können. Erst beim Zurückblättern oder beim zweiten Lesen, schließlich unter Zuhilfenahme des Begleitbandes „Peter Nadas Lesen“ hat sich mir dann so manche Parallele doch noch erschlossen.) Dabei geht es ja nicht nur um die großen Erzählstränge, die zu verschiedenen Zeiten vor allem in Ungarn und in Deutschland, Berlin und Budapest spielen. Vor und nach dem Krieg, bis zu den Wendejahren. Es geht auch um die kleinen, fast versteckten Parallelen da und dort, mal an der holländischen Grenze oder am Meer, auf dem platten Land in Ungarn, am Ufer der Donau. Mal sind es ein nur ein paar Fahrräder, dann versprengte ungarische Soldaten, die in unerwarteten Zusammenhängen wieder auftauchen. Auch solche Verknüpfungen wollen und sollen er-lesen werden.
(Ärgerlich nur, dass trotz der vielen, teils unaussprechlichen, schwer zu merkenden ungarischen Namen, auf Wunsch des Autors, nicht einmal dem Begleitband ein Personenverzeichnis beigegeben werden durfte.)
Denn nicht nur die Perspektiven wechseln, auch die Erzählstimmen, manchmal, meint man, mitten im Satz. So wird, zum Beispiel, bei einer langen Taxifahrt quer durch Budapest das Gespräch zwischen dem Fahrer, einem enteigneten Adligen und seinen beiden Fahrgästen, den beiden weiblichen Hauptpersonen des Romans, durch die inneren Monologe aller drei Personen immer wieder durchbrochen. Alte Erinnerungen mischen sich mit gegenwärtigen Eindrücken und Überlegungen. Dabei ergeben sich nicht nur drei verschiedene Sichtweisen auf diese eine Autofahrt, sondern auch noch eine ganze Anzahl von Rückblenden auf vergangene Ereignisse, die in anderen Zusammenhängen aus anderer Perspektive bereits erwähnt worden waren oder erst im Fortgang noch eine Rolle spielen werden. Die beiden Frauen saßen sich „zugewandt wie Spiegelbilder.“ Es knistert geradezu hörbar vor (erotischer) Spannung. „Sie schienen sich auf den Sitz zu drücken, mit zusammengepressten Schenkeln, eingezogenem Bauch und den Oberkörper ein wenig vorgewölbt. Das war das Lustvolle, hier einander präsent zu sein. Sich dem anderen zu überlassen, was nicht nur nicht alltäglich war, sondern ihnen auf eine tiefere, sorglosere Art vertraut vorkam. Also konnte man tatsächlich von Ágost in Frau Erna übertreten, und Gyöngyvér hatte nicht einmal bemerkt, wie das vor sich gegangen war.“ (Agóst = Liebhaber, Erna = seine Mutter, Gyöngyvér = seine Geliebte.)
Dann tauchen an anderer Stelle, es ist das Zentrum des Buches, Gestalten auf, die sich in das Bewusstsein der Protagonisten ebenso einbrennen wie in das Gedächtnis der Leser. Der Mann als bloßer „Rumpf“ und die „Brandwunde auf zwei Beinen“. Mann und Frau, zwei Allegorien des Schreckens und des Verlusts. Der Krieg liegt erst zehn Jahre zurück, der niedergeschlagene Aufstand nur einige Wochen. Das ganze Elend war noch öffentlich. Holzbeine und leere, lose herabhängende Ärmel, abenteuerliche Krücken, Blinde, die sich tastend durch den Verkehr schoben, Verkrüppelungen jeder Art, unverhüllt ausgestellt. Aufgerissene Straßen, Schienen aus den Straßenbahngleisen gerissen. Einschusslöcher an den Wänden. Und mittendrin in diesem Chaos, der junge Kristof, der seine Eltern verloren hat und nun in der Stadt umherirrt. Schwankend zwischen Anteilnahme und Abwehr. Er kann sich dem Elend nicht entziehen, und spürt doch eher Befremdung und Ekel. Kristof, das alter ego des Autors, gehört nirgendwo dazu, weder zu dem großbürgerlichen Haushalt seiner Tante, bei der er aufwächst, noch zu den winselnden Tunten, die um seinen „Schwanz“ betteln. Er charakterisiert die gräflichen Freundinnen der Tante ebenso genau wie die Schwielen an den Händen der Arbeiter, die ihm in die Hose greifen. Kristof lebt seine homosexuellen Neigungen aus. Doch er verliebt sich auch in eine Klara. Er lässt sich treiben durch das Budapest der fünfziger und sechziger Jahre. Kristof ist so etwas wie eine Membrane, in der das Zittern der Zeit spürbar wird, die kleinsten Erschütterungen ebenso wie die mächtigen Sensationen.
„Fast jeden Morgen sah ich einen Mann, der nur noch aus Rumpf bestand. Er schob sich zwischen den Beinen der Fußgänger auf einem Brett mit Rollen vorwärts. (…) Er rollte aus der Szófia-Straße heraus, bremste mit den Händen, die in dicken Lederhandschuhen steckten. (…) Zu dieser Stunde hatten es die Menschen eilig. Er sagte immer die gleichen zwei Sätze. Der Angeredete war immer ein Mann. (…) Wenn ich auf der anderen Seite um etwas Hilfe bitten darf. Ein unglückseliger Kriegsversehrter dankt im Voraus für Ihre Freundlichkeit. Meist geriet der Angeredete in Verlegenheit, aber der verkrüppelte Mann sagte nichts mehr. Er nahm Schwung, hob sich, ließ sich zurückfallen (…) Auf den stark gewölbten Pflastersteinen machten die vier kleinen Metallräder einen höllischen Lärm. (…) (…) Die Männer wurden von Scham gepackt, von panischer Angst. Und von einer Art kindlichem Eifer. (…) Und wenn er auf der anderen Seite ankam, neigte sich der Torso vor, die beiden behandschuhten Hände stützten sich auf dem Gehsteig ab, die starke Schultermuskulatur spannte sich, und als wäre es eine Übung am Reck, schwang er sich leicht und elegant hinauf und vermochte seinen Rumpf sogar in der Schwebe zu halten. In diesem Moment musste man das Rollbrett unter die Stümpfe schieben.“
Kristof versuchte, diesen Vorgang aus einem gewissen Abstand zu beobachten. Manchmal folgte er dem Mann auch noch ein Stück weit. Bis er von dem nächsten Schrecken angezogen und auch abgestoßen wurde. Seiner „Brandwunde auf zwei Beinen“. Eine elegante, vermutlich jüngere Dame. Ein riesiger Hut hielt ihr Gesicht im Schatten.
„An der Stirn eine unwahrscheinliche Einbuchtung. (…) An ihrem Gesicht Narben, Schnitte, grobgeschwollene Nähte. Keine Nase, keine Lippen, nur ein Spalt und zwei dunkle Löcher am Nasenansatz. (…) Ihr Atem ging pfeifend. (…) Wenn wir irgendwo zusammen anstehen mussten, tat ich, als hätte ich anderswo dringend etwas zu erledigen. Aus der Nähe ertrug ich dieses breiige Pfeifen nicht.“
Den Mann, sagte Kristof, wie in einer Zwangsvorstellung, musste er sich „als seinen Vater vorstellen“. In der Frau (ohne Gesicht) meinte er seine Mutter zu erkennen. Doch selbst von solchen Gestalten, denen unsereiner nicht im Traum begegnen möchte, geht noch eine Art von Faszination aus. Selbst diese Schreckensbeschreibungen sind, wohl nicht nur in ihrem Zusammenhang gesehen, magisch aufgeladen. Es mag die Sehnsucht nach den verlorenen Eltern sein, ihrer auf ewig verlorenen Liebe, die hier das fremde Leiden durchdringt. Und es ist die Sprache von Nadas. Ein Geflecht aus Wahrnehmungen und Empfindungen, untrennbar ineinander verschlungen, zugleich in einem Rahmen zwischen Weit- und Weltläufigkeit eingespannt und mit einer geradezu atemberaubenden Präzision beschrieben. Ethnologen würden hier von „dichter Beschreibung“ sprechen. Man darf auch, etwas schlichter, Poesie dazu sagen. Die ungarische Kritikerin Victória Radics hat das Verfahren der „Parallelgeschichten“ sehr treffend Mikro-Realismus genannt.
An diesem Punkt trifft sich Nadas mit seinem großen Vorgänger Proust, der ebenfalls eine „verlorene Zeit“ und eine verlorene Welt aus der sinnlichen Wahrnehmung re-konstruieren (und dann reflektieren) konnte.
Marcel Reich-Ranicki, unser alter Literaturpapst, hatte einst, auf dem Höhepunkt seiner Macht, ex cathedra und kühn verkündet, dass ein jeder Roman über fünfhundert Seiten Umfang misslingen müsse. Er hat Recht gehabt. Natürlich ist es unmöglich, einen dann derartig umfangreichen Stoff so zu bändigen, dass sich der einst von Adorno gern zitierte deutsche „Oberlehrer“ daran ergötzen kann. Der traditionelle Roman stößt zuweilen an seine (sicher nicht einmal engen) Grenzen. Nur, wo steht geschrieben, dass wir diese Beschränkungen der Tradition akzeptieren müssen. Die größten Romane des 20. Jahrhunderts sind alle schon darüber hinweggegangen, ohne um den Beifall der Traditionswächter zu buhlen. Ob Musils „Mann ohne Eigenschaften“, ob Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, oder auch Peter Nadas’ „Buch der Erinnerung“. Immer sind aus diesen oft „dichten“ Beschreibungen und ebenso kühnen Reflexionen neue Welten, jenseits etablierter Harmoniebedürfnisse, entstanden. Sein „Buch der Erinnerung“ sei, sagte Nadas seinerzeit, „ein Roman“. Er habe nicht seine „eigenen Memoiren“ schreiben wollen. Sondern: „Es war meine Absicht, Erinnerungen zu beschreiben, ein wenig wie Plutarch, parallele Erinnerungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten, und die verschiedenen Personen wären alle ich, ohne dass ich es wirklich wäre.“ Diese Orientierung an der „Schönheit meiner Regelwidrigkeit“ hat Nadas nicht aufgegeben, sondern weitergeführt. Das Ergebnis: ein Monumentalroman, der sich jeder Eingrenzung entzieht und sich souverän seine eigenen Gesetze gibt. Der Mikro-Realismus schafft die Dichte, pathetisch gesagt: das Leben. Plutarchs Parallelen schaffen die Weite, anders gesagt: die Welt. Die vielen Ichs, die sich hier tummeln, schaffen die vielen Geschichten, in den verschiedensten Formen, vom Krimi bis zum Familienroman, von der Abenteuergeschichte bis zum Kriegsbericht.
In der Beschreibung von Kristofs Besuch auf der Margareteninsel, einem seinerzeit verbotenen Schwulentreff, mit gelegentlichen Razzias (heute wird für „Gayfriendlyhotels“ geworben), zittert noch immer die Spannung durch, unter der damals dieser junge Mann lebte. Sein Anpirschen, bange, ängstlich, die vorsichtige Distanz zu den fast unwirklichen Gestalten, etwa des „Riesen“ und seines „Gehilfen“, das drängende Verlangen, und schließlich das erhoffte, befürchtete Erlebnis, dann eine panische Flucht. Dieses Glanzstück des Romans hält jeden Vergleich, auch den mit einem Jean Genet aus.
Mag sein, dass Nadas ein Erotomane ist. Eine der großen Nebenfiguren der „Parallelgeschichten“, ein Architekt, auch er, wie viele der Männer in diesem Buch, bisexuell und in eine verheiratete Frau verliebt, „vermochte nur zu denken, dass er auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, den einzig greifbaren Wegweiser der Schöpfung in der Erektion finden würde.“ Aber Nadas, anders als Henry Miller, der ähnlich dachte, wird darüber nicht zum Mystiker der Sexualität. „Nicht die Sexualität ist bei Nadas mystisch, auch nicht die Erotik, sondern die Sinneswahrnehmung.“ (V. Radics) Und zwar deshalb, weil sie ans Unendliche stößt. Die Wahrnehmung, so hatte Nadas in seiner faszinierend toll-entsetzlichen Geschichte „Der eigene Tod“ schon geschrieben, geht über die Zeitlichkeit hinaus und ist nicht an die Räumlichkeit gebunden. Der Wärmestrom, der sich durch die „Parallelgeschichten“ zieht, und die Tausenden und Abertausenden von Einzelheiten durchströmt und mit seiner Energie auflädt, dieser Strom entspringt dieser Sinnlichkeit. Er hält sich nicht an den Grenzen auf, von Mann und Frau, von Blick oder Fick, von einem derben Hieb oder einem zärtlichen Griff. Er durchströmt alles Geschehen und jede der Figuren.
Auch, natürlich, den wohl längsten „Fick“ der Weltliteratur. Agóst und Gyöngyvér. Vier Tage dauert dieser Akt an. Er wird mit der Präzision eines pathologischen Untersuchungsberichts in allen anatomischen Details, und zwar auf weit über hundert Seiten beschrieben und später immer wieder, auf vielen Seiten, von den beiden unmittelbar Beteiligten und einer zeitweiligen Zuschauerin in Erinnerung gerufen, weiter erzählt, gewichtet und bewertet, ohne, das ist das Wunderbare daran, dadurch an erotischer Spannung zu verlieren. Harold Brodkeys „Unschuld“, auch ca. fünfzig Seiten lang, erscheint dagegen als unbeholfener Schnellschuss. Um eine solche Genauigkeit zu erreichen, hier ließen sich übrigens die Unterschiede zwischen Erotik, Sexualität und Pornographie mühelos entwickeln, hat Nadas ganze Bibliotheken konsultiert und die dann noch offenen Fragen von Medizinern klären lassen. Auch die sachliche Genauigkeit dient noch der Lust, genauer: ihrem Aufschub.
Das vermeintliche Übergewicht, das dieser orgiastischen Beschreibung an Ort und Stelle zuzukommen scheint, relativiert sich im Fortgang immer mehr. Je mehr nämlich die poetische Energie der „Parallelgeschichten“ überhaupt erkennbar wird. „Er sah keinen Sinn in dieser ganzen Fickerei“, dachte Àgost, während er an der „Wärme seiner Haut“ die Brüste Gyöngyvérs spürte. Das heißt, auch die Akteure erfahren, was sie in Aktion erlebt haben, erst im Nachhinein. Wie die Leser. Das Buch wirkt nach. Wie der alte Gefängniswärter. Auch eine dieser unvergesslichen Gestalten. Er suchte, allein auf dem Land lebend, schon etwas verwirrt, „in der Nacktheit eigentlich die verlorene Ruhe“. Vergeblich. Denn dazu hätte er, wie es weiter heißt, „das Gewicht seines Körpers von seiner Seele ablösen müssen.“

erstellt am 19.2.2012

Peter Nadas
Parallelgeschichten
Roman
Aus dem Ungarischen
von Christina Viragh.
Rowohlt Verlag, Reinbek, 2012,
1728 Seiten

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