Henrik Ibsen, der 1828 in Skien geboren wurde, machte, wie Bechstein, Spitzweg, Fontane oder Trakl, eine Apothekerausbildung, begeisterte sich aber, kaum dass er 1850 ein Medizinstudium angeschlossen hatte, für die Arbeiterbewegung und die Literatur. Er begann, Theaterstücke zu schreiben, wurde Dramaturg des Bergener Theaters, 1857 künstlerischer Leiter des Kristiania Norske Theaters und heiratete ein Jahr später Suzannah Thoresen. 1862 ging das Theater in Konkurs, Ibsen fühlte sich von seinen Landsleuten nicht verstanden und beschloss, freiwillig ins Exil zu gehen. Erst 1891 kehrte er nach Kristiania zurück, wo er auch, nach einigen Schlaganfällen, 1906 starb. Aus seiner Münchener Zeit stammen die beiden Naturdichtungen, die wir passenderweise hier anbieten. Ibsen war nicht der einzige Dramatiker, der auch Gedichte schrieb. Und wie viele von ihnen lässt er darin die Natur, die er detailgetreu beschreibt, sprechen: Sie ist ihm Sinnbild seiner Lebenserfahrung, die er damit ins Allgemeine wendet. Dieser Vorgang kennzeichnet auch die Entwicklung seiner Dramen, die vom Naturalismus über die immer subtilere Psychologisierung seiner Figuren schließlich zu einer symbolistischen Dramatik führt. Der Zeithistoriker Johannes Winter (Die verlorene Liebe der Ilse Stein. Deportation, Ghetto und Rettung, Brandes & Apsel) hat auf seiner Reise durch Südtirol eine überraschende Spur gefunden, die der norwegische Bühnenautor im Generationengedächtnis der ansässigen Bevölkerung hinterlassen hat. Sie führt, heißt es, geradewegs zu Hedda Gabler.

Auf den Spuren Henrik Ibsens

Des Dichters Techtelmechtel in Tirol

Sommerfrische im Nobelhotel von Gossensaß, wo die Stützen der Gesellschaft sich vergnügten. Und Henrik Ibsen wurde zu seiner „Hedda Gabler“ inspiriert.

Von Johannes Winter

Ein gewaltiges Unwetter zieht über den Brenner und verwandelt den Eisack in einen reißenden Fluss. Nicht genug damit. An den Wassern, die aus dem Pflerschtal rauschen, verschluckt er sich. Muren gehen ab, Straßen werden gesperrt. In Südtirol herrscht Landunter. Gossensaß zu erreichen, wird zur Geduldsprobe, denn alles strömt, nur nicht der Verkehr. Die Überraschung könnte nicht größer sein, als wir das Schild auf der Piazza lesen: ihr Name ist „Ibsenplatz“.
Die Spitze des Kirchturms reicht bei weitem nicht an die Unterkante des gewaltigen Viadukts der Brenner-Autobahn heran. Die Pizzeria namens „Kuhstall“ hat schon bessere Tage gesehen, im Schaufenster langweilt sich eine holzgeschnitzte Krippe aus heimischer Produktion. Den besten Eindruck macht ein knallgelbes Kamel mit zwei Höckern. Im Laden um die Ecke duftet es nach frischem Vinschgauer Brot. Wer aber hätte vermutet, was Karl Brenkwalder, der Mann hinter der Theke, noch auf Lager hat: schräg gegenüber habe Henrik Ibsen gewohnt, weiß er, im Hotel an der Kurve sei der Dichter jedes Mal untergekommen, wenn er ins Wipptal kam, zu Zeiten von Kaiser Franz Josef, als Tirol eine Grafschaft war und Teil von k. und k.-Österreich, der Habsburger Monarchie.
So spricht Karl, rafft seine Schürze und führt uns in den Winkel, wo sich seine Wasser- und Gemüsekisten stapeln, zu einem Ort der Nostalgie. Von einem schmalen Podest richtet die erzene Büste des Kaisers ihren Blick aufs Getriebe.

Mit der Kundschaft parliert der Hüter des Ladens zweisprachig. Für die einen heißt das Dorf Gossensaß – mit scharfem „ß“, worauf eine ältere Dame besteht. Für die anderen ist es Colle Isarco, zu deutsch Eisackhügel, was, wie sie mit leisem Triumph anmerkt, beweise, dass so manche Bemühung, noch den ältesten Ortsnamen ins Italienische zu übersetzen, zum Scheitern verurteilt sei.
Die schwarzen Wolken haben sich verzogen, die Sonne kriecht über die Berghänge. Noch immer tost der Fluss, bricht sich an Felsblöcken, stürzt brodelnd ins Tal. Die Brücke mitten im Dorf hat standgehalten. An ihre Brüstung gelehnt, starren wir hinab, wo das Wasser sein Spiel mit Steinen und Geröll treibt.
Bis hierher waren es für Ibsen vom Hotel nur ein paar Meter, was ihm, der kein leidenschaftlicher Wanderer war, gewiss zugute kam. Er war ein Peripatetiker, er dachte beim Gehen, liebte gemächliche Wege. Und weil es ihn beständig ans Wasser zog, nannten ihn die Leute von Gossensaß liebevoll „Bachmandl“. Für sie war der Sommerfrischler eine Attraktion, wie er da auftrat, wie er sich aufführte, einem Troll gleich, das Gesicht unter der mächtigen Stirn gerahmt von einer grauen Löwenmähne und dem weißen Backenbart, in Gehrock und Zylinder, den Regenschirm in der Hand. Dafür mochten sie ihn, zumal sich der scheue Dichter manchmal ins Gespräch ziehen ließ. Er hatte ihr Wohlwollen. Sie wussten schon, am liebsten war er allein. Ein Einzelgänger. Seine Frau Susannah und Sohn Sigurd kamen selten mit. Sieben Sommer verbrachte er im Nobelkurort Gossensaß, anno 1889 zum letzten Mal.
Die Mühlgasse führt uns ins Freie, am Mühlrad, das still steht, geht es vorbei und hinunter in die Wiesen, wo der Pflerscher Bach in den Eisack mündet, der Bach, der am Feuerstein-Gletscher hinten im Tal entspringt. Still liegt der sattgrüne Fußballplatz, Krähen stolzieren auf der Suche nach Würmern durchs Gras, kein Kicker weit und breit. Wir schlagen die Ufer-Promenade ein, „Bachmandls“ Lieblingsweg.
Die Strömung hat sich beruhigt, der Bach plätschert, Wellen zupfen an den Ästen, die von einer Weide ins Wasser hängen. Der Blick wird von den eleganten Riesenstelzen der Brenner-Autobahn hoch überm Tal angezogen und kehrt zurück ans Ufer. Hier spielte die Anekdote vom Kieselstein und der Taschenuhr, ein legendäres Missgeschick Ibsens. Am Ufer pflegte er sich nämlich mit Jonglieren zu vergnügen. Und einmal geschah es, dass er dazu statt eines Steins seine Taschenuhr benutzte. Weg war sie. Wird im Dorf erzählt.

Dem Dichter nachsteigend, kann man auch mit einem Kalauer bedient werden. Er gehört sozusagen zum Service der Kneipe am Ibsenplatz, an deren Mauer eine Tafel an den Dramatiker erinnert. Für einen Grauvernatsch kehren wir ein und fragen in die Runde der Kartenspieler: „Kennen Sie Ibsen?“ – „Naa, Schnapsen“, ist die Antwort. So heißt das Kartenspiel. Darauf ein Prost mit dem Roten aus Südtirol.
Heiter geht es zu am Tisch, man lacht über sich und die Gäste und ergötzt sich an einer anderen Posse. Sie stammt von der Kaltmamsell des Hotels. Der Dichter habe manchmal Lust auf ein frisch gezapftes Bier gehabt. Dies war aber ein so rarer Wunsch, dass selten ein Fass angeschlagen wurde. Also habe Mamsell das passende Geräusch unterm Tresen nachgeahmt, mit einem Holzhammer aus der Küche. Der Streich gelang, Ibsen bekam sein Bier, aber es war eben nicht frisch gezapft, sondern aus der Flasche. Der berühmte Gast war gefoppt, und die Leute hatten etwas zum Schmunzeln.
Solche Episoden spendiert uns das dörfliche Gedächtnis, in dem der Dichter seinen Platz hat. Die Neigung der Zeitgenossen und ihrer Nachkommen, sich von Ibsen das Bild eines vertrottelten Alten zu machen, ist unverkennbar. Doch für ihn waren und blieben die Leute von Gossensaß „liebe, treue Menschen“. So hat er es ihnen ins Gästebuch geschrieben.
Schwarz auf weiß dürfen wir es nachlesen. In fein ausholender Schrift hat sich Ibsen verewigt. Der ledergebundene Foliant ist auf Ekkehard Gröbner gekommen, er hat ihn von seiner Urgroßtante Maria geerbt, der Herrin über das Grandhotel Gröbner, in dem der Schriftsteller meist abzusteigen pflegte. In der guten Stube von Gröbners Bauernhof unten am Fluss – ein gediegenes Angebot für Ferien mit Wellness – lauschen wir dem Urgroßneffen, wie er von Maria erzählt, die sich besonders um den prominenten Gast gekümmert habe. Umsichtig habe sie dafür gesorgt, dass das Zimmer des Nachtarbeiters mit einem dicken Teppich ausgelegt wurde, damit seine nächtlichen Gedanken-Gänge niemanden im Schlaf störten.
Auch bei Günther Ennemoser fühlen wir uns gut aufgehoben. Ibsen stets im Sinn, lenkt der pensionierte Lehrer unsere Erkundigung zum vieleckigen Dorfbrunnen. Der Dichter sei ein disziplinierter Arbeiter gewesen, erzählt er, für alle sichtbar. Hatte er sein nächtliches Werk vollendet, so wusch er vor den Augen der Frühaufsteher Feder und Tintenfass aus, im Brunnen vor dem Hotel, jeden Morgen.

Bei Tag und bei Nacht also hatten die Leute von Gossensaß ihren berühmten Gast vor Augen. Günther Ennemoser ist der Chronist, das lebende Gedächtnis, und er ist es auch, der dafür sorgte, dass aus dem Dorfplatz die „Piazza Ibsen“ wurde. Hier stand das Gröbner´sche Hotel, ein nobler Bau im Schweizerstil, der just am 8. Mai 1945 seinen letzten Tag erlebte, als frisch einquartierte GIs der amerikanischen Besatzungsarmee den notwendigen Abstand zwischen Waffenschrank und Spirituskocher nicht einhielten. Das Gebäude flog in die Luft. An seiner Stelle wurde das Rathaus errichtet.
Wir verdanken es Ennemoser in seiner Eigenschaft als ehemaliger Kulturgemeinderat, dass uns der Ratssaal offen steht. Er trägt nicht nur die Bezeichnung „Ibsen-Saal“, sondern ist auch Ort einer ständigen Ausstellung. Das Oval des Tisches, an dem die Abgeordneten des Gemeindeparlaments sich über Fundsachen, Gästemeldungen, Halteverbote oder Wassergebühren die Köpfe zu zerbrechen pflegen, ist mit einer Glasplatte bedeckt. Darunter Fotos, Telegramme, Artikel und Postkarten aus der goldenen Zeit des Klimatischen Kurortes.
Einige Jahre sei es her, erzählt Ennemoser, dass sich in diesem Saal die Internationale der Ibsen-Forscher versammelte. Die Experten aus seinem Geburtsland Norwegen waren vor allem vom Blick ins Pflerschtal angetan. Die Form eines bewaldeten Troges habe sie wohl an die Landschaft der Fjorde erinnert, meint der Dorfchronist. Er versteht dies als Versuch der skandinavischen Gäste, die Anhänglichkeit ihres Landsmannes für Gossensaß zu deuten.
Hinaus ins Grüne. Der Wiesenpfad gewinnt bald Höhe. Eine Ruhebank am Waldrand bietet sich an, Ibsens heimatliche Sehnsüchte zu überprüfen. Das Dorf liegt uns zu Füßen. Die rote Turmzwiebel der Kirche ist zum Greifen nah, der goldene Wetterhahn glänzt im Sonnenlicht, das von einem feinen Dunst durchsetzt ist. Pralle Geranienbüschel quellen aus Südtiroler Balkonen. Die hellen Schläge der Turmuhr dringen nach oben und mischen sich mit dem Blöken der Schafe eines nahe gelegenen Bauernhofes.
Irgendwo über uns im Wald ragen die Pfeiler der Brenner-Autobahn in den Himmel. Unsichtbar fließt der Strom des Verkehrs, sozusagen im dritten Stock, wie im Stummfilm. Gossensaß lebt mit dem Rücken zur Brücke, das Dorf blickt ins Pflerschtal, das sich zwischen den dunkel bewaldeten Flanken der steil aufragenden Stubaier Alpen verliert, zwischen den Gipfeln des Hühnerspiel und des Rosskopf, der Maurerspitz und des Tribulaun. Schon südlich ist der Himmel, die Luft aber frisch.

Es ist nicht überliefert, ob der Dichter seine Spaziergänge bis zum Pfarrgasthof von St. Anton hinten im Pflerschtal ausgedehnt hat, wo der örtliche Pfarrer Geselchtes oder Knödel anbot, um sein karges Gehalt als Gottesmann aufzubessern. Die Dreieinigkeit von Kirche, Pfarrhaus und Kneipe hat sich erhalten, es lohnt sich noch immer, hier einzukehren. Der Pfarrer als Wirt, diese Zeiten sind jedoch vorbei. Jetzt führt Marlinde Stampfer den „Albergo canonica“, sie bereitet Spinatknödel zu, wahre Gaumenschmeichler.
Dem Tal ist anzusehen, dass es sich den Segnungen des Fortschritts nur vorsichtig öffnet. Zwischen Hühnerspiel und Rosskopf, zwischen Maurerspitz und der Tribulaun-Trias gibt es einen einzigen Lift, in Ladurns, nur ein Katzensprung vom Bach entfernt, wo mehr Kiesel zu finden sind, als wir, den Dichter nachahmend, fürs Jonglieren hätten nutzen konnten.
Hoch über dem Talende, wo die Zackenreihe des Gebirges den Horizont ausmacht, leuchtet matt der Feuerstein-Gletscher. Wie stark er wohl in dem Jahrhundert seit Ibsens letztem Besuch abgeschmolzen ist? Ein Zug pfeift, bevor er das Tal verlässt und im Tunnel verschwindet, um in einer riesigen Kehre zum Brenner hinaufzurollen. Das war schon des Dichters Verkehrsmittel, als er von Rom oder München anreiste. Unten im Dorf, wo jetzt die Autos durch unser Blickfeld huschen, in der Kurve der Via Roma zwischen Brenkwalders Gemüseladen und der Sparkasse, dort hat er gewohnt, an der Alten Reichsstraße, mit Fuhrwerken, Postkutschen oder Pferdebussen unterm Fenster, die einen anderen Lärm machten, ob sie vier- oder sechsspännig durch die Habsburgische Grafschaft ratterten.
Die Bilder aus dem Ratssaal lassen uns nicht los, in denen die versunkene Zeit weiterlebt: Gröbner´s Hotel und wie es zum Grand Hotel wurde, zum ersten Haus am Platze; die Speisekarte einer “Ibsenfeier“ mit der Vorspeise „Ibsensuppe“, die uns der Dorfchronist ohne Umstand als Gemüsesuppe deutet; das Plakat der hoteleigenen Theatergruppe mit der Ankündigung einer „Dilettanten-Vorstellung“ unter dem Titel „Der Raub der Sabinerinnen“.
Der Augenblick ist gekommen, in dem wir mit Ibsen, dem Dramatiker, auf Tuchfühlung sind, in der Sommerfrische von Gossensaß. Als gefeierter Autor war er in den Tiroler Kurort gereist, hier schrieb er den „Volksfeind“ ins Reine, in dem der Badearzt Dr. Stockmann die Hauptrolle spielt, ein früher Streiter für Hygiene und sauberes Wasser.

Zum Badewesen habe der Dichter eigentlich, erzählt unser Chronist, eine eher lockere Verbindung gehabt. War ihm danach, so ließ er den hoteleigenen Landauer anspannen, um im Kurort Brennerbad oben am Pass sein Heilwasser einzunehmen. Mit dem Einspänner brach er auf, ganz allein, auf dem Bock nur der einsilbige Kutscher. Ibsen genoss die Ausfahrten ins Grüne. Im Hotel wäre er versauert, bewegte er sich doch in einer Gesellschaft, die oft nur von seinem Stammplatz aus zu ertragen war, einer Nische im Salon, die es ihm erlaubte, ungestört zu beobachten, zu lauschen, Stoff zu sammeln für sein Bühnen-Personal. Manchmal aber reizte ihn auch der Umgang mit allein reisenden Damen, dann pflegte er die Konversation. Menschen aus den so genannten besseren Kreisen sprach er an, aus den „Stützen der Gesellschaft“, wie er eines seiner Stück nannte.
Wir nehmen uns vor, einer Veranstaltung nachzuspüren, die Folgen haben sollte. Im Sommer 1889 war es, als die Gemeindeväter Henrik Ibsen einluden. Eine Ehrung sollte es sein, Werbung für den Fremdenverkehr, für Gossensaß würde dabei herausspringen. Wie schon anderen Berühmtheiten sollte ihm ein Platz im Grünen gewidmet werden.
Eine gute Viertelstunde steigen wir auf, nehmen den Ibsen-Weg alias Sentiero Ibsen, einen steilen Pfad durch den Bergwald bis dorthin, wo eine Lichtung vor sich hin döst. Einsam liegt der grüne Fleck mitten im Wald. Eine Gedenktafel gibt Auskunft über das historische Geschehen.
Der Schweiß aber tropft nicht nur für den Anstieg. Er ist auch die Erklärung für das, was uns der Dorfchronist über die Präliminarien der Feier erzählt.
In einer Sänfte nämlich wurde der 61jährige Dichter vor über 120 Jahren von vier jungen Männern über Stock und Stein zum Ort der Handlung geschleppt, um dort vom Festredner als „Fürst des Gedankens“ gefeiert zu werden. Der Feier im Forst habe sich Teil zwei der Veranstaltung im Ballsaal des Hotels angeschlossen, dessen Finale in die Weltliteratur einging. Eine junge Frau trat in Ibsens
Leben.
Emilie Bardach stammte aus betuchter Wiener Familie, kokettierte mit ihrem Alter – aus 27 machte sie 18 – und war, weil unverheiratet, in Begleitung ihrer Mutter zur Sommerfrische in Tirol. Ibsen, älterer Herr, berühmt, scheu, ein bisschen skurril mit der Ausstrahlung des ewig korrekten Biedermanns, öffnete seiner eingeklemmten Seele einen Spalt ins Leben. Meteorologisch kam es einer Besonderheit gleich, was er sich einfallen ließ – als „Maisonne eines Septemberlebens“ himmelte er sie an und ernannte sie zur „Prinzessin“. Aus der Begegnung wurde ein Klassiker, im Leben wie in der Literatur: sie geschmeichelt, er verzaubert.

Der Uferweg ist in mildes Licht getaucht, Kuhglocken tönen, ein wahrhaft friedliches Ambiente. Die Bank am Ufer liegt unberührt, kein Monogramm, kein eingeritztes Herz, das an Emilie und Henrik erinnert. Hier vereinigen sich Pflerschbach und Eisack und rauschen als Isarco südwärts, der Etsch alias Adige entgegen. Die Promenade als Laufsteg einer Urlaubsbekanntschaft, auf dem die beiden Sommerfrischler so angeregt miteinander plauderten, dass ihre Zuneigung beinahe der Schicklichkeit ins Gehege kam.
Dieser Sommer anno 1889, soviel wissen wir aus einem Brief Ibsens an die Verehrte, sei „der glücklichste, schönste in meinem ganzen Leben“ gewesen. Es ist ein Satz, den die Leute von Gossensaß wie ein Juwel hüten. Gern verknüpfen sie ihn auch mit der Metamorphose einer jungen Frau in eine Bühnenfigur. Denn im Dorf ist nicht unbekannt, dass Ibsen aus seinem Flirt auch Anregungen für ein neues Stück gewann: „Hedda Gabler“, das Drama eines modernen Paares, das seinen „Seelenkampf“ vorführt bis zum Ende mit Pistolenschuss.
Tiefe Ruhe liegt über dem Flüsschen, der Angler nebenan packt seine Utensilien zusammen. Das sanfte Plätschern des Baches im Ohr, fragen wir uns, ob Emilie Bardach, ob Henrik Ibsen etwas übrig hatten für die Schönheiten des Pflerschtals, die weißen Kirchlein am Weg, den Felsengipfel des Tribulaun, den Feuerstein-Gletscher im Morgenlicht, den Wasserfall mit Namen „Hölle“ oder gar für Pfifferlinge und Heidelbeeren. Gut möglich, dass sie nur Augen füreinander
hatten.
Abschied. Wir klettern hinauf zu Ibsens Lichtung über dem Kreuzbachl, lassen es uns wohl sein mitten im Wald. Der Blick streift die Ruine von Schloss Straßberg, die über Handel und Wandel an der Brennerstraße wacht. Wie ein himmlischer Bogen wölbt sich messerscharf ein Kondensstreifen über das Tal, steigt auf, von einem fernen Brummen begleitet, und versinkt hinter den Stubaier Alpen.
Zum Picknick genehmigen wir uns eine Portion Ibsen. Reclam-Bändchen, zumal wenn sie gelb sind, passen in jeden Rucksack: „Hedda Gabler“, das Schauspiel, gelesen auf Ibsens „Waldplatz“. Am hölzernen Tisch ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir in einen Dialog zwischen Hedda und ihrem Tesman geraten, in dem sich die beiden „das kleine Dorf unterhalb vom Brennerpass“ in Erinnerung rufen, wie zwei Eingeweihte, die sich über einen fernen Ort verständigen, an dem sie „so viele interessante Sommergäste getroffen“ hätten. Den Namen behielt Ibsen für sich.

erstellt am 19.2.2012

Die Schlucht.

Schwer zog’s herauf, – ein Regenguß: – Bald brauste durch die Schlucht ein Fluß.

Und wie sie stieg die Wetterflut,
Wuchs auch des lauten Wildstroms Wut.

Dann war’s vorbei; es wehte schwach,
Der Fluß schrumpft’ ein zum winz’gen Bach.

Zuweilen perlt’ ein feuchter Staub
Vom Regenbogen auf das Laub. –
An einem heißen Sommertag
Das Bett des Baches trocken lag.

Dasselbe Klingen, trocknes Laub,
Knirschender Sand, wirbelnder Staub.

Es mahnte mich an einen Quell,
Wo einst geschwärmt ein junger Gesell.

Hochgebirgsleben.

Nun ruht der Sommerabend lind
Auf jedem tiefen Thal;
Hier oben aber weht der Wind
Um Wände hoch und kahl.

Da wallen Nebel wie ein See,
Darin es kocht und braut,
Und hüllen uns den Gletscherschnee,
Der eben noch von sonn’ger Höh’
So glänzend niederschaut’.

Doch über diesem Nebelmeer
Steigt’s wie ein Gedicht:
Unzähl’ge Inseln, hoch und her,
Glühend im Sonnenlicht.
Der Aar durchsegelt dieses reich,
Wie auf dem Meer ein Schiff;
Dahinter steh’n die Berge bleich;
Dem drohn’den Zauberheere gleich,
Au einem Felsenriff.

Doch weiter liegt das Säterhaus*;
Schon sucht das Vieh den Stall.
Ein schönes Bild; rings wüster Graus,
Dazu der Wasserfall.
Welch’ eine kleine, stille Welt,
Darin die Menschen gehen,
Getrennt von allem, was uns hält;
Und höher hier das Himmelszelt,
Die Sonne selbst mehr schön.

Und lautlos steht die Säterin
Inmitten Tag und Nacht.
Was kam ihr eben in den Sinn,
Was hat sie wohl gedacht?
Je nun, sie weiß es selber kaum,
Wer’s ist und wie er heißt,
Der ihr erschien im lichten Traum;
Nicht Spiel, nicht Tanz hat fürder Raum
In dem bewegten Geist.

Dies schöne Leben, – ach wie bald
Ist nicht der Sommer aus!
Ein Wintermantel, steif und kalt,
Deckt bald das kleine haus.
Du sitzest bei des Feuers Glut
An deinem stillen Herd. –
Doch spinn’ nur ruhig Woll’ und Hanf:
Ein Blick hier über Qualm und Dampf
Ist wohl den Winter wert.

*Sennhütte

Übersetzung: Ludwig Passarge