Verschwindet unsere Realität? In welcher Wirklichkeit bewegen sich Menschen, die sich auf der Straße oder in U-Bahnen mit virtueller Technik gegen die Außenwelt abschotten? Ein Gespräch zwischen Filmregisseur Burghard Schlicht und Thomas Regehly, Archivar der Schopenhauer-Gesellschaft, über Wirklichkeitsvorstellungen von Michel de Montaigne, Jean Baudrillard und Hans Blumenberg folgt diesen Fragen. Lebensnah und auffallend modern wirke heute Montaigne (1533-1592), die Philosophen der Moderne hingegen beschreiben den Rückzug in geistige Höhlen (Blumenberg) und Irrealitäten (Baudrillard). Burghard Schlicht hat in drei philosophischen Film-Reportagen einen visuellen Zugang zu den unterschiedlichen Denkwelten realisiert und zeigt, wie die Welt der Begriffe ins Bild zu setzen ist.

Die Filmfeatures stammen aus den 90er Jahren, als man in einigen unserer Fernsehanstalten noch an den mündigen Zuschauer glaubte, der sich gerne dem philosophischen Nachdenken aussetzte. Der Anspruch ist geblieben. Aber man muss jetzt diese kleinen, feinen Veranstaltungen besuchen, wenn man an der fortwährenden Reflexion teilnehmen möchte.
In Frankfurt werden die drei Film-Essays von Burghard Schlicht im raum für kultur in der Commerzbank gezeigt. Genaue Termine siehe: FAUST-KULTURTIPPS

Philosophie im Film

Vom Verschwinden der Realität

Thomas Regehly im Faust-Gespräch mit Burghard Schlicht

Sie haben als Regisseur eine Sequenz philosophischer Filme realisiert, u.a. über Montaigne, Baudrillard und Blumenberg. Wie kann sich Philosophie, deren Werkzeug Begriffe sind, anschaulich darstellen lassen? Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Philosophie in Film-Form zu bringen?

Mitte der achtziger Jahre gab es noch Philosophiereihen im Fernsehen wie „Denker der Zeit“ beim NDR und „Philosophie heute“ beim WDR. Sie entstanden in der Nach-68er-Zeit aus einer Sinnkrise, die zu einer Flucht in die Religion geführt hat. „Religionswende“ hieß beispielsweise ein Buch in dieser Zeit. Man wandte sich von der Soziologie, die eine Zeit lang die dominierende Geisteswissenschaft gewesen war, ab und der Philosophie wieder zu; es gab philosophische Praxen, man konnte wie zum Psychoanalytiker zum Philosophen gehen und sich den Sinn des Lebens erzählen lassen. In dem Zusammenhang sind diese Philosophie-Reihen entstanden.

Das ist ein interessanter Versuch geworden und besser, als Frage-Antwort-Reihen durchzuführen – ein Schritt in die bildliche Wirklichkeit. Frage ist, welcher Gedanke soll ausgedrückt werden, und wie findet man die richtigen Bilder, die diesen und nur diesen Gedanken fassbar machen?

Wie das vor sich geht, den philosophischen Gedanken in Bilder zu verwandeln, ist schwer zu beschreiben, das hat viel mit Intuition zu tun. Ich lese manchmal einen vollkommen abstrakten Text und denke mir, das muss getanzt werden!

Die jeweils gewählten Lösungen sind sehr verschieden. Bei meinem Film über die Metaphysik habe ich mir überlegt, welches ästhetische Medium diese metaphysischen Inhalte unterstützen kann. Ich kam zu dem Ergebnis: die Musik, Bruckners 4. Symphonie. Bei Baudrillard war es anders. Mit seinem Thema der Virtualität, der künstlichen Räume, bin ich gleich beim Film geblieben: bei Montagefilmen, Filmen mit Schrifttafeln, mit Archivmaterial und Fotos. Bei einem Film über die Magie, die Allmacht der Gedanken (nicht über Hokuspokus, sondern über magisches Denken), habe ich mir gedacht, das Medium der Magie ist der Tanz, und mich mit Vivienne Newport zusammengesetzt. Sie hat die Philosophie dann getanzt. Bei Hans Blumenberg war es wieder ganz anders. Blumenberg als Metaphorologe, das ist die Kunst, das sind die Bilder, in dem Film finden sich darum viele Gemälde (Caspar David Friedrich zum Beispiel) und, bei dem metaphysischen Rest, der in der Philosophie Blumenbergs melancholisch mitschwingt, auch noch Musik. Blumenberg hat ja ein Buch über die Matthäuspassion geschrieben, und der Film fängt mit einer Sequenz an, die in einer Kirche spielt, während man die Matthäuspassion hört.

Das ist ein außerordentlich starker Einstieg. Die Matthäuspassion geht einem während des ganzen Films nicht mehr aus dem Ohr, aber man denkt auch, dass sie den Film beherrscht und sich das Thema – der Mensch als leidendes Wesen – durch den ganzen Film hindurch ziehen wird. So ist es jedoch nicht – die Musik prägt die Einführung und wirkt wunderbar. Bei Blumenberg vollzieht sich im Film eine andere Art von Annäherung: wir kommen nicht mit dem Flugzeug, wie bei Montaigne, und steigen dann in ein Auto, um zur Küste zu fahren.

Im Montaigne –Film gab es von vornherein ein ganz bestimmtes Konzept, wie man die Philosophie von Montaigne vermitteln kann. In diesem Fall war ein Reisefilm geplant, der Untertitel lautet: „Eine Reise zwischen den Zeiten“.

Bei Blumenberg wird man von der Musik in den Film hineingeführt, von ziemlich weit oben, von irgendwelchen Galaxien aus rückt man immer näher an die Erde heran und kommt dann schließlich doch zu den Themen, die Blumenberg behandelt hat. Man findet sich in Münster wieder, wo er gelehrt hat, und am Schluss – das ist der schöne Ausklang des Films – hört man die Stimme des Philosophen, der sich ja nie abbilden lassen wollte. Beim Montaigne-Film hingegen macht der Zuschauer eine Reise. Das wird veranschaulicht durch die beiden Reisenden Burghard Schlicht und Mathias Greffrath, die mit dem Auto Richtung Bordeaux fahren, was ja passt, weil Montaigne auch gern gereist ist. Aber dann fragt man sich doch, wie die einzelnen Bilder einzuordnen sind – beispielsweise die Szene der schmausenden Franzosen als Hinweis auf die Diesseitigkeit?

Diese Szene habe ich „Das große Fressen“ genannt, wobei nicht das Perverse angesprochen ist, was in dem Film „Das große Fressen“ von Marco Ferreri in Szene gesetzt ist. In meinem Film ist die Szene wirklich aus einem Montaigne-Zitat entstanden, das sagt: Ich liebe das Leben und genieße es… – ein fröhliches Zitat. Das große Fressen wird nicht thematisiert, aber als ich den Essay gelesen habe, in dem das Zitat vorkommt, habe ich dieses Bild sofort gesehen und trotz unseres schmalen Budgets mit viel Glück realisieren können.

Die drei Philosophen – Montaigne, Baudrillard und Blumenberg – haben eine Affinität zur Anschaulichkeit. Einen Hegel-Film in dieser Form zu entwickeln, wäre vermutlich nicht einfach.

Ich würde das natürlich als Herausforderung sehen, aber es gibt ja ein anderes Beispiel: meinen Metaphysik-Film. Ich habe damals lange nachgedacht, wie er realisierbar sei, und habe schließlich einen spirituellen Reisefilm gemacht, der in Hamburg losgeht und durch den Schwarzwald an Heidegger vorbei zu Bloch führt, und ich glaube, es funktioniert.

Es geht im Untertitel aber auch um das Verschwinden der Realität. Das ist ein interessanter Gegensatz. Auf der einen Seite haben wir den Film, das heißt die Anschauung vor uns. Wir sehen, wie bestimmte Philosophen plastischer werden, ihre Gedanken werden vorgetragen und man lernt etwas von den Orten, wo sie gelebt und gewirkt haben. Letztlich geht es jedoch in sämtlichen Filmen um das Verschwinden der Realität. Das gipfelt dann in dem Film von Jean Baudrillard, der ja der Theoretiker der Postmoderne ist und tatsächlich dieses Thema zu seinem Hauptthema gemacht hat. Der Prozess beginnt schon bei Montaigne, bei Blumenberg setzt er sich fort, und es ist aus Ihrem Film sehr schön herauszuhören, dass Blumenberg sich nicht nur persönlich von der Realität abgesetzt hat, weil er nachts geschrieben und tagsüber geschlafen oder Zeitung gelesen hat – er hat ja auch Wert darauf gelegt, kein Foto von sich in der Presse zu sehen.

Es entsteht also ein sehr schöner Kontrast. Auf der einen Seite geht es um das Verschwinden der Realität als Thema der Philosophie, auf der anderen Seite sehen wir tatsächlich etwas über die Philosophen, und zwar anschaulich, mit unseren Augen, also nicht mit dem Mittel der Begriffe, sondern mehr oder weniger leibhaftig. Da stellt sich natürlich die Frage, um welche Art von Realität geht es hier, die verschwindet? Was löst sich so stark auf, und zwar so stark, dass ein Baudrillard sagen kann, die ganze Realität sei virtuell geworden. Zugespitzt formuliert er die These, die Kriege, die heute stattfinden, gebe es eigentlich gar nicht, die fänden auf den Bildschirmen statt…Was sich da zeigt, ist ein Prozess, und es stellt sich die Frage, woran wir uns noch halten können, wenn wir versuchen, die Realität nicht ganz aus den Augen zu verlieren.

Von vorneherein war es nicht geplant, diese Reihe unter den Obertitel „Vom Verschwinden der Realität“ zu stellen. Das hat sich jetzt nachträglich so ergeben und ich glaube, es gibt tatsächlich so eine Entwicklung vom Verschwinden der Realität. Der Titel kommt aus dem Baudrillard-Film, der in der Tat diesen Titel trägt. Man kann sehen, wie ein Rückzug aus der Realität einerseits in den Philosophien der jeweiligen Denker stattfindet, andererseits auch in der Person des Philosophen, der sich zurückzieht. Ich glaube, Montaigne ist noch am meisten von diesen drei Denkern sowohl in seinen Essays als auch in seiner Person mitten im Leben, mitten in der Realität, mitten in der Wirklichkeit, wobei jetzt Realität keineswegs nur die Alltagsrealität, also die Lebenswelt meint , denn die Lebenswelt ist auch – Blumenberg beschreibt das so – wie eine Höhle, in der sich die Menschen verkriechen. In ihr gibt es Selbstverständlichkeiten, nach Sinn und Zweck wird gar nicht mehr gefragt; vieles verliert sich in Ritual und Routine, der Blick aufs Ganze der Realität verschwindet.

Aber auch Montaigne hatte schon das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Montaigne war ja Politiker, Berater von Heinrich III. und Bürgermeister von Bordeaux. Er war ein tätiger, handelnder Mensch und er hat auch seine Philosophie, die er in seinen Essays ausbreitet, als Anleitung zum Handeln betrachtet, trotzdem wirft er dann mit 38 Jahren den Kram hin, zieht sich auf sein Dorf in den Turm seines Schlosses zurück und fängt an, sich selbst zu erforschen.

Bei Blumenberg gibt es natürlich auch einen biographischen Hintergrund, sich zurückzuziehen. Blumenberg war ja Halbjude und als solcher in der Nazizeit verfolgt und diskriminiert. Er hat als bester Abiturient in Lübeck nicht die Abschlussrede gehalten, sondern aus Angst, entdeckt zu werden, einen Mitschüler gebeten, die Rede zu halten. In der Tat ist er noch für kurze Zeit im Konzentrationslager gewesen. In der Folge hatte er sein ganzes Leben lang ein extremes Bedürfnis, sich zu verbergen. Oft wunderte man sich, warum ist dieser Mann nie zu sehen? Es entspricht darum der Persönlichkeit Blumenbergs, dass er im Film nicht zu sehen ist. Diese Haltung drückt sich auch in Blumenbergs Philosophie aus. Er spricht von einem „Absolutismus der Wirklichkeit“, der grausam ist. Der Mensch ist geworfen ins Weltall mit tausend heißen Sonnen und dem eiskalten Nichts, ins schreckliche Große und Ganze der Welt. Er baut Höhlen, – „Höhlenausgänge“ ist eines der wichtigsten Werke Blumenbergs – und zieht sich in diese Höhlen zurück. Die Höhlen sind Kunst, Kultur, Literatur. Er analysiert sie auf das genaueste und fragt sich, in wie weit diese Wände aus Kultur gegen den schrecklichen Absolutismus der Wirklichkeit abschotten.

Baudrillard fragte sich nach 1968: warum war diese Revolution keine Revolution, warum war es nur eine virtuelle Revolution, eine Scheinrevolution? Warum sind die vielleicht noch authentischen revolutionären Impulse so schnell von den Medien und der Öffentlichkeit absorbiert worden? Er kommt zu dem Schluss, dass sich aus Medien und Fernsehen – das Internet gab es noch nicht – ein virtueller Raum bildet, in dem gleichzeitig alles wahr und alles falsch ist, in dem Öffentliches und Privates verschmelzen. Als Fernseh- und Filmmensch frage ich mich beispielsweise, was ist ein Fernsehstudio – ist das real oder ist das künstlich oder öffentlich? Die Menschen im Studio sind ja real da, sie existieren durchaus, aber sie sind in einem Raum, der quasi per Funk in die Wohnzimmer von anderen Leuten transportiert wird. Das ist, glaube ich, ein anschauliches Beispiel für Virtualität. In diesem virtuellen Raum verschwindet die Realität nicht, sie ist in ihm aufgehoben und erzeugt zugleich eine Irrealität. Das Wahre und das Falsche, das Reale und das Irreale sind gleichzeitig und unterschiedslos vermengt. Heutzutage sind wir mit dem Internet noch weiter. Wenn ich jemanden über die Straße gehen sehe, der Stöpsel im Ohr hat und das Display vor der Nase, dann frage ich mich, wo ist der eigentlich; er ist nicht hier auf der Straße, er sieht mich nicht, er hört mich nicht, seine Augen und Ohren sind nicht da, und er nimmt seine unmittelbare Umgebung auch nicht wahr.

Zurück zu Blumenberg. Es überrascht ja, dass Blumenberg, obgleich er sich nicht zeigen wollte, durch seine Bücher trotzdem unglaublich präsent ist. Sie beginnen den Film über Blumenberg mit der Matthäuspassion, und in der Tat ist die Musik dasjenige, was man als seine Höhle bezeichnen kann. Er spricht nicht so häufig über Musik, in der Regel eher über geisteswissenschaftliche, literarische Dinge, aber die Matthäuspassion ist dieser unglaublichen Musik gewidmet, und am Schluss haben Sie außerdem eine Bibliothek aufgenommen. Wenn jemand so sehr auf Unsichtbarkeit Wert legt, ist es da nicht eine Versuchung, zu zeigen, wie er wirklich gearbeitet hat, wie seine Arbeitsweise, seine Werkstatt ausgesehen hat? Es gibt ja die Bibliothek von Blumenberg im Literaturarchiv in Marbach. Es gibt die Zettelkästen, aus denen er seine Bücher bestritten hat. Wäre es nicht reizvoll gewesen, dies mal zu zeigen und zu sehen, wie die Bücher sich aus diesen Zetteln und Notizen zusammensetzen? Sonst hat man das Problem, dass Blumenberg, der sowieso nicht sichtbar ist und durch die Kamerafahrt und die galaktische Einstimmung noch weiter entrückt wird, gar nicht mehr greifbar wird?

Aus praktischen Gründen war das nicht möglich, Blumenberg war zwar schon sehr krank, als wir den Film drehten, aber er lebte noch und seine Bibliothek war zu dieser Zeit noch nicht in Marbach. Mir hat das konsequente Aussparen der Person des Philosophen jedoch gefallen. Das entsprach dem Leben des Philosophen, der sich ja wirklich vor der Öffentlichkeit verkrochen hat und dessen Philosophie sich damit beschäftigte, wie man sich vor dem Absolutismus der Wirklichkeit verkriechen kann.

Die Filmszene über die Bibliothek zeigt aber auch besonders deutlich die Macht der Bilder: Ich hatte mir überlegt, am Schluss des Filmes ein einsames Haus zu zeigen, das in der norddeutschen Tiefebene bei Münster liegt, in der Region, in der Blumenberg gewohnt hat. Das Haus selbst sah ganz anders aus, als das wirkliche Haus von Blumenberg. Das war leider so ein Ziegelsteinbungalow-Reihenhaus, das für mich als Filmer nicht attraktiv war. Ich hatte mir also dieses Haus in der Ebene bei Münster ausgesucht, in dem jedoch Personen wohnten, die keine Bibliothek hatten. Ich habe in diesem Haus mit Hilfe eines Antiquars aus Münster und der Requisite des WDR eine Bibliothek eingerichtet und wollte, weil man Blumenberg schon nicht zeigen konnte, dass man ihn hört. Ich habe darum einige Tonaufnahmen, die von seinen berühmten Freitagsnachmittags-Vorlesungen in Münster gezogen worden waren, in den Film eingeschnitten. Während ich das Haus zeige, sage ich im Kommentar, dass es sich nicht um das wirkliche Haus Blumenbergs handelt. Trotzdem waren Zuschauer nach dem Film überrascht und sagten, sie hätten sich Blumenbergs Haus gar nicht so vorgestellt. Ich erklärte dann, dass das nur ein ideelles Haus von ihm sei. Es zeigt, wie er einsam und allein in der norddeutschen Tiefebene wohnt, es Abenddämmerung ist und die Fenster erleuchtet sind. Die Kamera fährt durch die Fenster in die Bibliothek hinein und dann hört man seine Stimme. Die Reaktion der Zuschauer beweist, man kann den Leuten ein Bild zeigen und dazu sagen: das ist nicht das reale Bild, und die Leute sagen: doch das ist das Bild! Ich fand damals erstaunlich, wie viel stärker doch Bilder sind als Worte.

Blumenberg beschreibt die Verwandlung der Welt in ein Buch. Das „Weltbuch“ ist ein beliebtes Bild, eine wichtige Metapher, der er ja auch ein wunderbares Buch, das ich für das Hauptwerk halte, gewidmet hat, nämlich das Buch über „Die Lesbarkeit der Welt“. Dort zeigt er auch, dass die Annahme der Lesbarkeit eigentlich ein Vorgriff ist, den wir gar nicht rechtfertigen können. Er geht durch die Zeiten, hat in bewundernswerter Weise die ganze abendländische Geistesgeschichte zu Gebote, zitiert alles und jeden, immer die besten Ausgaben, alles hieb- und stichfest, und zeigt, dass jeder eine neue Lesbarkeit entworfen hat und letztlich das, was man Welt oder Realität nennen könnte, wie in unserer Reihe, durch die vielen Lesbarkeiten zugedeckt wird und dass eigentlich als Ergebnis dieser bizarren Abfolge von Lesbarkeiten sich nichts anderes ergibt als die Unlesbarkeit der Welt.

Ein zentraler Grund, warum man über Blumenberg einen Film machen kann, ist, dass Blumenberg in Metaphern denkt. Er benutzt Metaphern, große Metaphern, absolute Metaphern, und untersucht, wie sich die Menschen Metaphern gesucht und erfunden haben, die ihnen die Welt erklären, die ihnen die Welt vertraut machen und die sie auch vor dem Absolutismus der Wirklichkeit schützen sollen. Seine Bücher wie „Höhlenausgänge“ oder „Schiffbruch mit Zuschauer“, das sind ja alles große Metaphern.

Es gibt verschiedene Metaphern, schmückende Metaphern in einem Gedicht, die wie ein Ornament der Sache eigentlich nichts mehr hinzufügen, es gibt die Metapher, die dem Begriff vorgeschaltet ist, und es gibt bei Blumenberg die absolute Metapher; so bezeichnet er ein sprachliches Bild , das mehr sagt als der Begriff und das der Begriff auch gar nicht erreichen kann. Für mich als Filmemacher war das ideal, eine Philosophie, die von sich aus Bilder anbietet. So ist es dann auch zu dieser großen Höhlen-Sequenz gekommen und auch zu der Sequenz „Schiffbruch mit Zuschauer“, wo wir an der Wesermündung im kalten November über das Meer gesegelt sind und klatschnass waren. Bei Blumenberg war es besonders naheliegend, darüber einen Film zu machen.

Die Szene in der Höhle ist großartig, man hört eine wispernde Stimme, es tropft, das ist außerordentlich intensiv, man fühlt sich wirklich befremdet. Es gibt keine Menschen, keine Höhlenbewohner, keinen Blumenberg, keine Mammuts, überhaupt nichts, nichts, man hört nur das Tropfen und die Stimme, die dann den entsprechenden Text vorträgt, nämlich das platonische Höhlengleichnis.

Nur, wie bringen Sie das jetzt mit den Bildern von Blumenberg zusammen? Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Insistenz auf der Bildlichkeit bei Blumenberg auch so eine Art Höhle darstellt, nämlich die Höhle, in die man sich zurückzieht, wenn man genug hat von den Begriffen, wenn die Begriffe als Instrument ausgedient haben. Man merkt, da ist noch viel mehr, doch bekommt man das mit den Begriffen allein nicht in den Griff, man muss vielmehr zu den Bildern gehen und aus den Bildern ganze Bildwelten entwickeln. Diese Bildwelten sagen dann sehr viel mehr über das, was gedacht wurde und vor allem, wie es gedacht wurde und warum, als wenn man sich jetzt mit den bloßen Instrumenten herumschlagen müsste.

Auf der einen Seite haben wir es mit dem Verschwinden der Realität zu tun, auf der anderen Seite haben Sie in Ihren Filmen gezeigt, dass die Lebenskunst auch eine ganz entscheidende Rolle spielt. Ich glaube, das Faszinierende an diesen Filmen ist, zu sehen, wie diese Philosophen, die sich zurückziehen wollten, es geschafft haben, mit dem Leben fertig zu werden: am deutlichsten Montaigne, der im Turm gelebt hat, der den Freuden des Alltags nicht abgeneigt war und geradezu dazu aufgefordert hat, sich um die sinnlichen Dinge zu kümmern und sie nicht zu vernachlässigen, also sehr modern; er hat auch diesen schönen Satz geschrieben: „Der Seele, in der die Philosophie wohnt, geht es gut.“

Ich sage immer, Montaigne ist ein Vierbeiner, er steht einerseits mit beiden Beinen in der Realität, die damals in Frankreich zur Zeit der Religionskriege eine schreckliche war –, es wurde gemordet, gebrandschatzt, gequält und getötet –, und andererseits, mit den anderen zwei Beinen von seinen vieren, steht er in der Antike, zitiert Plutarch, Cicero und Sokrates. Das ist natürlich für uns heute auch mit einem gewissen Reiz und mit einer gewissen Nostalgie zu sehen, wie fest verankert er ist und wie seine Gedanken in Geschichten und in Erzählungen fußen. Es sind nicht, wie die Postmodernen gesagt haben, die großen Erzählungen, deren Zeit nun sowieso vorbei ist – es sind kleine Beobachtungen, Anekdoten, denn bei Montaigne zielt das Denken immer auf das Handeln ab, auf das Urteilsvermögen, auf die Lebensklugheit und auf das Handeln.

Die Philosophie spielt in der Lebenskunst eine wichtige Rolle. Bei Montaigne haben wir das schon besprochen, und auch bei Blumenberg hat man das Gefühl, dass die Philosophie zur Seelenhygiene gehört; es wäre für ihn unerträglich gewesen, Sätze hören oder lesen zu müssen, die Unsinn enthalten, die schlechte Arbeit mit Begriffen bezeugen und vor allem krumme und schiefe Bilder … Für Baudrillard ist es ähnlich. Er orientiert sich mit Hilfe der Philosophie und hat in Ihrem Film den erstaunlichen Ausspruch erhoben, durchaus an der Metaphysik interessiert zu sein, und das nach ‘68, das ist schon stark.

Metaphysik ist ja nun auch mein Spezialgebiet, und es war Baudrillard, der mich auf die Idee gebracht hat, einen Film über Metaphysik im „nachmetaphysischen Zeitalter“ zu machen, wie Habermas immer sagt. Natürlich ist es richtig, dass wir auf die Kinderfragen der Philosophie – wer sind wir, wohin gehen wir, wo kommen wir her? – auf diese klassischen Fragen der Metaphysik keine Antwort finden, aber der Mensch ist ein fragendes Tier und diese Fragen werden bleiben. Zu klären ist nun: wie gehen wir mit diesen Fragen um? Es gibt drei Möglichkeiten: Es gibt den heimlichen Metaphysiker wie Schopenhauer, den paradoxen Metaphysiker wie Adorno, und es gibt den spielerischen Metaphysiker wie Baudrillard, der sagt: warum sollen wir uns dieses Spielzeug wegnehmen lassen, das sind doch interessante Fragen.

Da geht Montaigne auch wieder einen Schritt weiter auf uns zu: Er hat gesagt, „wir sind alle viel reicher, als wir glauben“, und ich denke, dass er damit darauf hinweisen wollte, dass sich so etwas wie die Metaphysik oder die Philosophie oder die Lebenskunst zwanglos entwickeln würde, wenn man sich nur die Mühe gäbe, auf sich selbst zu hören, in sich hinein zu horchen, und anfinge, tatsächlich selbst zu denken. Nur so bekommt man auch den Anschluss an die Tradition, nur so wird deutlich, dass das Wissen, das man in der Antike findet, keine Zitate sind, die im Text herumschwimmen wie Fettaugen auf der Suppe, sondern dass es mit dem korrespondiert, was Montaigne in der konkreten Situation für sich selbst auch herausgefunden hat. Ich finde, das ist ein Weg, der uns durchaus einleuchtet und modern ist. – Ein weiterer, faszinierender Punkt bei Montaigne ist noch das Schreiben.

Ja, faszinierend ist die erste Ausgabe der Essays. Der erste Band der Essays erschien 1580 im Druck. Nach Montaignes Tod wurden 1596 alle drei Bände, von seiner Adoptivtochter ediert, veröffentlicht. Es ist faszinierend, wenn man sieht, wie Montaigne an dieser Ausgabe noch handschriftlich Tausende Bemerkungen hinzugefügt, wie er immer wieder an diesen Texten gearbeitet hat. Es war toll, dieses Erstexemplar von 1588 mit diesen handschriftlichen Zusätzen im Hochsicherheitstrakt der Bibliothek in Bordeaux zu filmen. Einen ganzen langen Vormittag haben wir gedreht. Für den Kameramann war es schwierig, die Zeilen herauszuholen, denn bei dieser kleinen Schrift ist klar: wenn man so auf dem Buchstaben ist, dann ist jede kleine Bewegung ein riesiger Wackler.

Ja, man hat gemerkt, dass Sie das fasziniert hat. Man hat den Eindruck, dass Montaigne sich quasi selbst erschreibt, das Ich Montaignes konkretisiert sich im Akt des Schreibens, wenn man das so sagen darf, und er merkt: das ist der richtige Weg, und er schreibt und schreibt und das wächst und gedeiht, und als das Buch herauskommt zum ersten Mal, sieht er: es reicht noch nicht, es kommen Zusätze… und dann hat er am Schluss dieses wunderbare und welthaltige Kompendium geschrieben und sagt in der Vorbemerkung zum Leser: „In diesem Buch geht es nur um mich selbst, es ist total uninteressant für die meisten. Lebewohl Leser, geh deines Weges.“ Das ist großartig, gerade diese Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen, macht ihn für Zeitgenossen so interessant. Er weiß sehr viel über sich, damit auch sehr viel über andere Menschen, und er hat über sich selbst dann den Zugang zur Antike gefunden, zu Zeitgenossen, die er zitiert. Dante kommt ja auch öfter vor. Auch in unserer Zeit gibt es immer wieder Versuche, sich emphatisch auf Montaigne zu beziehen.

Ich habe früher für die Zeitschrift TransAtlantik, die von Enzensberger herausgegeben wurde, geschrieben. Enzensbergers größte Stärke sind seine Essays. Ich kannte also zunächst die Essays von Enzensberger, die mir sehr gut gefallen haben. Erst später las ich die Essays von Montaigne, und dann ist mir aufgefallen: ach so, daher hat er das…dieses Ausgehen von einem Beispiel, von einer Beobachtung, von etwas ziemlich Konkretem, und dann zu einem philosophischen Gedanken zu kommen, das ist natürlich unnachahmlich.

Und zu sagen: Von Philosophie habe ich keine Ahnung, das habe ich jetzt nur für mich gemacht und stelle dem Publikum anheim, das jetzt gut oder schlecht zu finden. Diese natürlich etwas französisch kokette Bescheidenheit – es ist schön, einmal jemanden zu haben, der nicht so trompetet, wie der deutsche Idealismus.

erstellt am 16.2.2012

O-Töne Burghard Schlicht

Audio © Andrea Pollmeier, Faust-Redaktion

Hans Blumenberg
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Jean Baudrillard
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