Kommentar zu einer Kritk

Snob, Dandy oder ›neuer Rechter‹?

Das Studium der Literaturwissenschaften wird gern, und nicht von ungefähr, als brotlose Kunst bezeichnet. Was es nützen kann, zeigt sich jetzt in den Auseindersetzungen um den in dieser Woche erschienenen, neuen Roman von Christian Kracht „Imperium“.
Dabei handelt es sich um ein brillant geschriebenes, nicht nur bemerkenswertes Buch des schweizers Schriftstellers; das Beste, was wir in diesem Frühjahr erwarten dürfen. ZEIT, Welt, FAZ, überall erschienen am letzten Wochenende Lobeshymnen. Nur die taz hat ein bisschen herumgemäkelt. Dort sah man den einstigen Snob Kracht, der sich einen solchen Ruf bereits mit seinem ersten Roman „Faserland“ (1995) erschrieben und mit den beiden folgenden Bücher befestigt hatte, also den Snob, Dandy und elitären Pinkel jetzt wundersamerweise auf dem Weg zum Spießer wandeln. Nun gut. Geschmacksache, kann man da sagen. Aber immerhin, wenigstens versuchsweise, begründet.

Es ist allerdings auch ein bereits faszinierender Stoff. August Engelhardt, heute würde man ihn Freak nennen, wanderte Anfang des 20. Jahrhunderts in die Südsee aus, um dort einen Sonnenorden zu gründen, nackt herumzulaufen und sich von Kokosnüssen zu ernähren. Diese echt irre, aber zugleich – mehr oder weniger – wahre Geschichte wird mit souveräner Ironie im Stil der Zeit erzählt. Denn damals gab es tatsächlich noch, ich zitiere, „Herren und Diener, Weiße und Schwarze“. Dieses Zitat stammt leider nicht von Kracht, sondern aus dem SPIEGEL, der daraus – man mag es kaum glauben, absurderweise – „eine rassistische Weltsicht“ ableitet.
Warum? Ich kann es nur vermuten. Ein gewisser Georg Diez hat da aus einer trüben Mischung von Profilneurose und übereifriger Anpassung an die Zwänge seines Arbeitgebers, versucht, Aufmerksamkeit zu erregen. Das geht, wie wir wissen, kaum noch mit sachlicher Information, abgewogenem Urteil, viel besser mit Skandalen, Enthüllungen und Sensationen.

Deshalb wurde im SPIEGEL kein Buch vorgestellt und beurteilt, sondern ein Schriftsteller geschlachtet.
Als ich diese Enthüllungsgeschichte las, wurde mir der Nutzen eines Studiums wieder schlagartig klar. Denn das Erste, was man in den Seminaren lernt, ist die Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler und gegebenenfalls dem Protagonisten. Man kann alle drei mies und mickrig, sogar gefährlich finden, Thomas Mann für ein Ekel, den „Zauberberg“ für hohles Geschwätz und Tonio Kröger für ein Weichei halten. Nur zusammenwerfen darf man das nicht.
Genau das macht aber Diez. Er fragt rhetorisch nach den Absichten des Autors und „stellt irgendwann fest“, da „hilft ‚Imperium’, helfen die Romane nur bedingt weiter.“
Was, bittschön, aber dann. Das heißt, dem SPIEGEL geht es erklärtermaßen nicht um die Interpretation des Textes, sondern um die Demontage des Autors. Diez kennt sogar Leute, die den Autor für einen „Dandy“ halten und zudem „wissen, dass Kracht in den vergangen Jahren von Bangok nach Berlin, Buenos Aires, Lamu und gerade nach Florenz gezogen ist.“ Verdächtig! Klar!
Das Fazit des Nachrichtenmagazins: Was also will Christian Kracht?
„Er ist, ganz einfach, der Türsteher der rechten Gedanken.“
Weil er in seinem vegetarischen Romantiker Engelhardt etwas vorgeprägt sah, was später bei einem anderen Vegetarier, nämlich Hitler, die übelsten Folgen hatte. Es war einmal ein Gemeinplatz linker Kritik gewesen, die Romantik als Vorläufer des Faschismus zu betrachten. Das heißt: unser armer Redakteur hat schlicht den Helden mit seinem Autor verwechselt. Erstes Semester. Der SPIEGEL versuchte, den Autor zu denunzieren. Erreicht hat er das Gegenteil: die Selbstdemontage.

Der wirklich wunderbare Roman von Kracht kann davon nur profitieren. Je mehr Aufmerksamkeit er findet, desto besser.

erstellt am 15.2.2012

In »Imperium« erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans eines Melville, Joseph Conrad, Robert Louis Stevenson oder Jack London spielt.

Christian Kracht
Imperium
Roman
K & W., Köln, 2012

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