Der Roman einer neuen Generation im Auszug

ALLE IHRE GRÜNDE

I.

Konferenz mit Gott

Der Schwangerschaftsvorbereitungskurs unserer Mütter war die Geburtsstunde unserer Freundschaft. Bis gestern in etwa verstanden wir uns blind, einwandfrei und gnadenlos. Heute weiß ich manchmal nicht, was übrig geblieben ist von so viel. Inzwischen konferiert Aaliyah lieber mit Gott als mit mir. Die Tendenz zum religiösen Typ zeigte sich spät. Wenn wir einst Scheiße bauten, haben wir das auch wirklich getan, ohne jede Erörterung der Schuldfrage.

Aaliyah ist verwandelt.

Ich kenne ihre Gründe. Ich kenne alle ihre Gründe. Ich weiß, wann man Aaliyah nicht ans Telefon kriegt, mit allen Varianten, die der Gebetskalender ihr vorschreibt. Ich weiß, warum sie ein Gespräch in Windeseile beendet, sobald ich im Hintergrund jemanden „Allahu akbar“ grölen höre. Das gleiche Grölen animiert Aaliyah auch dazu, das Zimmer so mir nichts dir nichts zu verlassen und erst nach einer Viertelstunde zurückzukehren, selbst wenn wir vorher am heftigsten Chillen waren. Übernachtet sie bei mir, wecken mich morgens um vier unweigerlich Pipi- Patsch- & andere Nassgeräusche. Ich höre sie diebesartig ins Wohnzimmer schleichen, wo sie ihre Gebetsperformance hinlegt. Ich habe sie schon dabei beobachtet und muss sagen, Aaliyah hat es echt drauf. Ich meine, sie hat während ihrer Konferenzen mit Gott solch eine Konzentration, dass selbst die fetteste Spinne sie nicht dazu bringen könnte, aus ihrer Darbietung zu fallen. So krass ist das.

Man sieht den Menschen am Morgen, denn bis zum Abend ist er durch zu viele Einflüsse gegangen, sagt Mom in ihren kontemplativen Anwandlungsaugenblicken.

Geht es im Film richtig zur Sache, fängt Aaliyah automatisch meine Aufmerksamkeit ab, mit philosophischem Hokuspokus. Sie guckt auch gerne weg, wenn Akws Hände meinen Hintern begrüßen. Natürlich glaubt sie, ich würde das nicht mitkriegen, doch erlaubt das mein 6. Sinn nicht. Ich spüre Aaliyah wie eine tragische Verdopplung. Mein Bruder liebt sie nunmehr als ferne Göttin. Sebastian hat an ihr schon einen richtigen Madonnenkomplex entwickelt. Er betet zum Boden unter ihren Füßen, während man sonst bei ihm leicht das Gefühl kriegt, die Welt sei etwas zu klein für Big Seb. Ganz gleichgültig ist er Aaliyah auch nicht. Bloß wegen Gott kann sie mit ihm nichts anfangen.

Sie hat es sich selbst verboten, einen Freund zu haben. Mit Borsten in der Nase käme ihr keiner ins Haus, auch wenn sie dürfte. Das wär' schon Verwahrlosung in ihren Augen. Bierbäuche sind für sie Schweinereien. In Achselhöhlen duldet sie nur die Aspiration von Deodorant. Ich mache die Liebe nicht vom Achselhaar abhängig. Grundsätzlich wiegen Aaliyahs Gründe schwer wie Denkmäler oder Dogmen. Baggerschaufeln gehen auch. Da wird so viel aufgefahren, dass man unmöglich dahinter steigt. Vielleicht ist das nur Angst. Aaliyah bringt gerne mal den Aristoteles ins Spiel, wenn sie sich nicht sicher ist. Sie braucht ein ganzes Wörterbuch für den einfachsten Verhalt.

Aaliyah möchte eine sehr besondere Person sein. Deshalb kann ihr die Liebe nicht einfach passieren, so wie uns-anderen Mädchen. Im Jetzt der Zeit versteht kaum noch eine unsere Freundschaft. In gesitteten Verhältnissen müsste man feststellen, dass Aaliyah gedisst wird. Manchmal denke ich, dass sie sich das mit zu vielen Ablehnungen von Einladungen verdient hat. Man kann nicht immer nur nein sagen und trotzdem auf dem Laufenden bleiben.

Der Schulhof wird immer mehr zur Partnerbörse, also, was will Aaliyah da. Wie gesagt, ich kenne ihre Gründe. Mit meinem Bruder sind wir wie drei Musketiere aufgewachsen, unbändig und ohne Bremsen. Wir erfanden Wörter für unsere Zuneigung. – Bis Sebastian vor lauter Aaliyahliebe seine Ruppigkeit verlor.

Von einem Tag auf den anderen war unsere Unbefangenheit beim Teufel und unsere Gemeinsamkeit ging dann gemächlich den Bach runter. Aaliyah interessierte sich immer mehr nur noch für Gott. Sie verrückte ihre Familie in ein Zentrum der Herrlichkeit und ackerte sich in der Schule ab, als wäre die Schule auch eine heilige Kuh.

Wenn eine Klausur ansteht, macht Aaliyah ihre Hände zu murmelnden Bettlern und dabei klingt sie so, als verstopfte eine gewaltige Tropfenkröte ihren Hals. Vergisst sie einmal dieses Ritual, dann sitzt sie nach und hängt noch einige extra Froschlaute an. Wie peinlich berührt sie sein kann, wenn die unfotogensten Poser sich gegenseitig imponieren, wie sie am jeweils letzten Wochenende angeblich zwei Mädchen auf einen Streich flachgelegt haben und so auch, wenn die Chayas aus unserer Klasse wahlweise die Nacken/Ärsche/Beine der Jungs auf einer Skala von eins bis zehn bewerten.
Sobald der Schulgong zum belanglosen auf der Tagesordnung stehenden Lästerzirkel unserer Mitschüler einläutet, sucht Aaliyah das Weite. Noch nicht mal ich kann ordentlich mit ihr ablästern. Bietet ihr einer ne' Kippe an, schüttelt sie zweideutig den Kopf. In der Mittagspause ordert Aaliyah das Käsebrötchen aus der letzten Reihe, anstatt ein direkt vor ihrer Nase fett platziertes Bacon-Ei-Sandwich zu nehmen. In der Fastenzeit muss sie immer wieder das speziell für uns zurückgestellte Mittagsdessert unserer Kantinengönnerin mit größter Dankbarkeit ablehnen. Die Dame ist nämlich zu schusselig, sich zu merken, dass Aaliyah gerade zu besonderen Opfern bereit ist. Frau Schmidt erscheint trotzdem als liebliches Geschöpf und ganz vortrefflich alldieweil. Sie hat immer ein Ass im Ärmel, sobald es um Aaliyah und mich geht. Ja, über dies und mehr bin ich mir im Klaren. Ich kenne ihre Gründe. Die Gründe meiner sister in blood.

II.

Klokonferenz

Halbzehn in Deutschland. Ich schlendere über unseren Ground Zero und schnappe mit meinen Augen den vertrauten Pausendschungel auf. Löwen strecken sich im Mittelpunkt des Geschehens. Sie imponieren ihren weiblichen Ebenbildern, die Löwinnen haben ihre eigene Arena. Hyänen ziehen kichernd ihre gehässigen Kreise. Unentschlossene Chamäleons suchen ihre Bestimmungen in der Vielfalt der Möglichkeiten, während sie sich den diversen Rudeln farblich anpassen.

Angehende Ochsenfrösche üben die Blasebalgtechnik. Bebrillte Affenkinder rasten mit ihren Brotdosen aus. Kecke Papageien machen ihre Punkte als grelle Kleckse im grauen Vormittag. Die schwarzen Schafe an den Rändern der Wildnis punkten nicht. Es gibt auch echte Invalide mit geheimnisvollen Krankheiten. Gelangweilt stopfe ich mich mit einem Knoppers, da Sebastian wieder einmal mein Lakritzekontingent bis zur Neige dezimiert hat. Er ist ein vehementer Vertilger fremder Vorräte, ein kompetenter Verwerter.

Ich stoße die Tür zur Relevanz auf. Ein Hund des Gestanks beißt mir in die Nase, bevor er an mir vorbei schnellt. Die Klokonferenz ist in vollem Gange. Ein Rudel kapitaler Mädchen belagert die Spiegel und tratscht den neusten Quatsch auf den letzten Stand. Beherzt lässt sich eine Kombattantin Puder ins Gesicht schütten, während eine andere ihre Wimpern aufhübscht. Bald fahren alle Linien mit dem Kajalstift ab. Ich denke über mein Gesicht im Sinne von passend nach und darüber, wie ich am besten gut dastehe. Ich fürchte meine Unbeholfenheit. Mit ihr als Bürde warte ich auf meine beste Freundin.

Das wäre soweit Alltag, hätte ich nicht Geburtstag. Ich sollte gar nicht darüber nachdenken, wie ich Aaliyah begrüße – denn heute bin ich jene, die umarmt werden muss.

Unsere Freundschaft war zwangsläufig. Ihre rohe Masse wurde schon im Kindergarten zu einer stabilen Kugel geformt und endlich gebrannt. So lange schien nichts und niemand diese Kugel zerbrechen zu können. Nun zeichnen Risse ein neues Muster. Meine beste Freundin hat jetzt bessere Gründe als wir sie je gemeinsam gehabt haben. Für ein Rendevouz mit Gott schickt sie mich aus dem Zimmer. Wir entfernen uns voneinander. Aaliyah treibt zum Himmel und ich der Partyhölle entgegen. Dazu verwerfe ich an Ort und Stelle ein Bild mit Luftmatratzen, die „mit Händen“ nacheinander greifen, während zwischen ihnen ein schäumender Abstand wächst.

Das Klo wird zu einem Wartezimmer der Gefühlsmalerei. Was zieht mich in die Kloake? Jede Ecke beherbergt Mädchenmüll. Zerschlissen sind die Fliesen. Zugesetzt wurde der Fassade. Das Wasser heult in den Leitungen. Der Anblick entblätterter Klopapierrollen deprimiert mich. Die Hunde des Gestanks hecheln.

Ich prüfe das Wohlwollen eines Spiegels. Er ist schon recht betagt und sollte zu anspruchsvoll nicht sein. Doch lässt er es sich auch halbblind nicht nehmen, mich darüber zu informieren, dass ich an meinem Geburtstag nicht die Schönste im ganzen Hoheitsgebiet bin.
Strähnen lösen sich aus meinem Zopf wie gerufen. Ich bandagiere einen Finger mit Haarenden für eine unsichere Untersuchung auf Spliss.

Ein Hund entgeht in die Freiheit … auf dem Weg, den Aaliyah in ihrer Einkehr nimmt. Geradezu wie ein General tritt sie auf. Sie ist die Klassenkleinste, einssechzig mit sechzehn, „ein puppiges Persönchen“ in den abgesoffenen Beschreibungen meines Vaters. Er hat eine viel besungene Vergangenheit als Punk in Berlin und den General so gern, dass ich gar nicht selten eifersüchtig war auf Aaliyah, als sie noch ständig mit uns zu Abend aß, in der prätentiösen Unzulänglichkeit unserer Verhältnisse. Auch Aaliyahs Eltern führen ihre Ehe als ein Gipfeltreffen der Toleranz. Wie gesagt, meine Freundin muss sich ihre selbst Verbote erteilen, anders kommt sie nicht dazu. Ihren ersten Rausch hatte sie aber vor meinem ersten ernsten Getränk. In der Gegenwart dieser Geschichte trinkt Aaliyah nur noch Unkrauttee mit Bitterstoffen.

Ich habe sie im Verdacht, dass Gott für sie eine Art Grandmaster of Soul ist und sie in seinem Publikum hervorsticht. – Als schönster Fan und klügste Versteherin der höchsten Sendung. So was kann Nerven töten, ich meine, so viel Eigenliebe. Vermutlich reicht meinem Vater schon Aaliyahs höfliches Interesse für seine Langatmigkeit, um sie so einnehmend zu finden. Mein Vater ist in der Graffiti-Forschung, auf dem Hochsitz eines Hörstuhls. Im kleinsten Kreis mutet er mir harmlose Selbstmordfantasien zu. Manchmal glaube ich, dass ich ihn besser kenne als er sich.

Der Rücken ist ein Brett, die Brust wölbt sich voluntativ, der Bauch zieht sich vor dem selben Willen zurück. Aaliyah ist präsent, doch drängt sie nicht zum Mittelpunkt. Sie bestrahlt mich wie bei einem Sonnenwettkampf. Eher noch sind wir zwei Monde, die sich durchscheinen. Aaliyah erreicht mich, ich bette meinen Kopf auf ihrer Schulter. Ich spüre ihre Wärme eben so wie ihre Gedankenferne. Etwas ist geschehen, zu unseren Ungunsten. Ich wusste so lange immer, was Aaliyah durch den Kopf lief … ihr Wiesos und Warums. Da ist jetzt was Mauriges vor.

Aaliyah drückt auf die Replaytaste unserer Geburtstagsvertrautheit: Mann bist du alt geworden, siehst ja schon ganz verschrumpelt aus. Ich habe dir eine Antifaltencreme mitgebracht. Sie hält mir die ewige Supermarkttüte aus der Obst- und Gemüseabteilung hin, die ihre Mutter zu Massen ihrem Haushalt einverleibt.

Stets lockt ein raschelnder Inhalt. Stets geschlagen in exotisches Papier. Aufgewühlte Linien überziehen das Papier. Sie hypnotisieren mich, allein in dem Versuch, sie zu entwirren. Mein Aufreissverlangen sprengt mich.
„Alles Gute, Pusteblume.“
Heftig zieht es an meinen Winkeln. Ich grinse den Breitmaulfrosch. Das ist die Höchstleistung.
Eine Zwillingsschwester meines Lächelns erwacht auf ihrem Gesicht. Aaliyah hat schon lange nicht mehr Pusteblume gesagt. Eine Erklärung gibt es nicht. Nicht für das Wort und auch nicht für sein plötzliches Verschwinden. Erfundene Worte für unsere Zuneigung, wie gesagt. – Und so auch ausgedachte.

Wir haben uns nicht mehr ernsthaft viel zu sagen. Es stehen schon lange nicht mehr alle Themen auf der Tagesordnung unsere Freundschaft. Das Geschenkpapier raschelt allergisch. Früher sollte es Aufregung organisieren und die Überraschung dehnen, doch scheint das Rascheln nun nur noch eine Lücke zu füllen. Seit wann ist das so? Die nachträgliche Stille fleht den Erzfeind an, ihr zuzusetzen.

Ich nehme dem Geschenk nur langsam seine aufplusternde Verpackung. Da ist keine Neugier, die bezähmt werden müsste. Ich registriere nur eine mäßige Freude an der Frage, was es denn sein könnte. – Ein sportliches Interesse. Meist errate ich die Sache, bevor ich ausgepackt habe, sogar ohne Tipps. Ich taste das Papier ab, spüre Holz und Glas.

Die Hände kriegen einen silbernen Rahmen zu fassen. Besetzt ist der Rahmen mit Strasssteinen so groß wie Reiskörner. Auf dem Bild lachen zwei Kinder an einem Ufer. Das eine Kind trägt eine mit Schlamm gewaschene Latzhose, das andere ist niedlich bekleidet. Beide Kinder schlürfen Lakritze.

Wehmut zieht mich in eine Schlinge. Meiner Aufmerksamkeit beinah entgangen, wäre ein vergilbter Streifen, beschriftet mit einem kurzen Satz. Den will ich nie vergessen. Ich rieche und lecke an jedem Wort, ich inhaliere Sprache. Ich glaube, Aaliyah wusste, dass ich lange für den Satz brauchen würde. Andere wären umgehend dabei, an ihrer Originalität zu zweifeln, doch Aaliyah weiß, wie schwer es mir fällt, starke Gefühle preiszugeben.
Ich lese den Satz zum letzten Mal: Pusteblume, ich kenne all deine Gründe.

Aller Sorgen enthoben, fühle ich mich gewiss. Nun hecheln die Hunde Amber, mein Glück putzt die Fliesen schön. Der Schimmel in allen Ecken schmeckt bestimmt zum Fressen lecker. Die Hyänen kitzeln kleinlaut meine Zehen. Alles ist gut. Nie waren wir uns so nah, ganz ohne Berührung. Aalyiah ist doch nicht weg – niemals. Ich sehe sie Tag für Tag, warum kam es mir bis grad so vor, als schaute sie von einem anderen Planeten auf mich herab. So Alienartig. Okay, wir haben uns aus den Augen verloren, wenn auch mit Blickkontakt.

Du verrücktes Huhn, ich hab dich so vermisst. Bitte lass mich nie wieder so lang allein. Mann, du weißt doch, wie verloren ich ohne dich bin. Ich brauche doch jemand, der mich zügelt. Oh Mann, ich bin siebzehn und immer noch ein hilfloser Säugling.
„Danke Aaliyah“, ich will sie noch einmal umarmen. Ich hoffe, das wortlose Verstehen funktioniert, denn mehr bekomme ich nicht heraus. In meinem Mund rebellieren die Wörter.

Die Hadespforte knallt gegen eine Wand. Die Rebellion der Wörter wird von weiblichem Alarmismus niedergeschlagen. Hyänen umkreischen mich. Das sind meine Freundinnen, eingenordet im Gratulationsrudel. Hier die Augenweide mit den Rehaugen und dem weißen Flecken. (Beschriftet mit Unschuld nicht bloß als Vermutung. Verurteilt zu lebenslänglicher Freundlichkeit. Wie dankbar ich bin, keinen Stress mit ihr kriegen zu können.) Da die Dunkle, geschmückt und durchlöchert wie ein arabischer Weihnachtsbaum. In ihrem Nadelgitter verheddern sich die Jungs. Vorsicht wegen Pieksgefahr. Dort das helle Lexikon. Es nervt und nützt. Neben ihm Eightpack, seine Brüste sind eine Besatzungsmacht. Eightpack bekommt jede Bahn, für sie sind schon Flugzeuge zur Umkehr gezwungen worden. Gegenüber die schwammige Makeupfresse mit randigem Hals und schwarzem Scheitelstreifen. Ihr tiefer Assislang schützt die Gang.

Ich verheimliche Aaliyahs Geschenk der Allgemeinheit meiner Freundinnen. Keine soll es sehen. Nicht eine würde das Bild mit seinem Satz verstehen.
Meine Mädels schmücken die Verhältnisse mit Bewegungen wie bei einem Aufstand. Jeder Anlass ist ihnen recht, um aus sich herauszugehen und die Welt zu rocken. Sie führen sich auf wie entwichene Gefangene.
Konfettiwirrwarr im Luftschlangenhalligalli. So eine Geburtstagspräparty auf dem Klo kriegt bestimmt nicht jede ans Bein getakert. Alle reden wild. Ich bin bald sauer auf mich, denn ich kümmere mich genauso wenig um meine beste Freundin wie alle anderen. Es ist nicht so, dass keine Aaliyah mag. Es weiß nur keine ein Gespräch mit ihr zu führen. Sie ist nicht informiert, wie sollte sie auch, da sie nie mitkommt. Sie will sich nicht anpassen. Aaliyah schiebt ab durch die Menge zur Tür. Außer mir beachtet niemand diesen Abzug im Stil lautlosen Verschwindens. Ein kalter Zug trägt mir das Echo einer abgefuckten Generalsansage zu: „Ganz ehrlich, so was geb ich mir nicht.“

Es rummst im Schloss. Unter den Darstellerinnen unserer daily soup mit dem Untertitel „Natalia hat Geburtstag und wir wollen alle schnellst betrunken sein“ herrscht eine höllische Aufregung wegen meiner Party. Sämtliche Fragen müssen im Detail erörtert werden.
„Oh mein Gott, Tim kommt auch, wenn der meine buschigen Arme sieht, Scheiße, der wird mich nicht mal anfassen.“
„Würdet ihr eher so chillig auflaufen oder so einen auf chic machen?“
„Das Geilste wird der Fantakuchen.“
„Wenn die kommt, nee, dann komm ich nicht.“
„Die Schlampe soll den nicht mal angucken!“
„Oh man, warum ist mein Bauch ausgerechnet heute so aufgebläht, hätte ich mal gestern Abend kein Burger gefressen!“
„Mich muss man rühren, nicht schütteln!“
„Lass mal vorher vorsichtshalber zum Rewe gehen und Zusatzalk holn.“
„Lieber doof sein als so aussehen wie die!“
„Aber kotz heute mal nicht auf mich, mein Top stinkt immer noch vom letzten Auswurf zum Himmel.“
„Chill mal dein´ Po.“

Nachdem auch die Letzte sich wie bei einer grausamen Kinderlandverschickung, über den Papiermangel im Klo ausreichend beschwert hat, paradieren wir auf den Hof, um uns, bei annähernd angenehmen Temperaturen, dem Großen und Ganzen unserer Pracht und Gefährlichkeit auszusetzen. Das Jahr hat noch ein paar scheinsonnige Stunden im Angebot. Nur Aaliyah geht dem Herbst bereits gerüstet entgegen, alle anderen zittern leibeigentlich und körperbetont in ihren Top´s und T-Hemdchen. Manchmal muss man sich vor eigenen Schwächen selbst in Schutz nehmen.

Ab und zu müssen einen auch die Verhältnisse begnadigen. „Alle anderen“ schwärmen aus in die Weiten des schulischen Hoheitsgebiets. Aaliyah schließt wieder auf, ich bin ihr doch sehr ein Bedürfnis. Wie jedes Mal vor Sport, wechseln Lakritze in ihrer Tüte unkommentiert die Hände. Aaliyah isst ihre Schnecke falsch. Während ich sie ordentlich entrolle, bis sie sich wie ein schwarzer Spaghetto ausspinnt, beißt Aaliyah einmal kräftig ab. So ist sie natürlich schneller fertig.

Ich schaue mich nach AKW um. So nennen ihn alle und er nennt sich mein Freund. Er ist der Einzige, der mir noch nicht gratuliert hat. Sicher hext er noch an seinen Experimenten herum. Hoffentlich brennt er das Labor nicht wieder ab. Solchen Erhitzungen zum Trotz, bleibt sein Temperament allenfalls mittelprächtig.

Eine Variation

Wir haben eine eigene Sprache. Wir erfinden Wörter für unsere Zuneigung und meistens funktioniert sprechen auch ohne Worte. Aaliyah gehört zu meiner Familie, über mich weiß sie alles. Seit einiger Zeit distanziert sie sich aber. Sie will keinen Freund haben. Lieber hält sie an Idealen fest. So hofft sie vor Erdbeben sicher zu sein.

Sie will besonders sein, sagen die anderen. Doch ich weiß, dass es anders ist. Denn ich kenne ihre Gründe. Ich kann sie nicht immer benennen, doch ich kenne sie bestimmt. Meine Mutter findet Aaliyah „auf eine süße Art altmodisch“ und mein Onkel glaubt, ihre Eltern würden sie geschickt unter Druck setzen. Doch ist das nicht wahr. Ich nenne es Jungen- und Partyabstinenz.

Eine Traube quetscht sich vor dem Spiegel auf der Mädchentoilette des Frankfurter Schillergymnasiums. Martina trägt High Heels, sie ist das nächste Topmodell, und Carlotta ihr ebenso nerviges wie unvermeidbares Anhängsel. Yvonne spricht perfekt hyänisch, während Paula an Worten scheitert. Die Gewandte drückt einen Pickel aus, der Eiter spritzt. It´s showtime. Aaliyah steht abseits. So klein sie ist, sie wirkt groß. Stolz, doch überheblich nicht. Präsent, aber sich nicht in den Mittelpunkt drängend. Gelangweilt vom Tratsch, fesselt sie eine Hand mit ihrem Haar. Jetzt bemerkt sie mich … und da ist sie, meine beste Freundin.
„Alles Gute zum Geburtstag, meine Pusteblume!“, flüstert sie. Ich werde geküsst und umarmt.
„Danke für deinen Anruf heute Nacht!“
An unseren Geburtstagen rufen wir uns um zwölf Uhr an. Die Gratulantin hat ihre Liebste mit einem neuen Lied zu überraschen, allmählich wird das schwierig.

Wir haben soviel dergleichen. Vor jedem Freitag den dreizehnten machen wir uns gemeinsam eine Honigmaske, früher musste Erdnussbutter herhalten.
Aaliyah beschenkt mich mit einem Päckchen, schwungvoll beschriftet.
„Für Nathalia“.
„Für dich!“, sagt sie, das aufgeräumte Herz sonnt sich in ihren Zügen. Gerührt nehme ich mein Geschenk an. Da fliegt die Tür auf für einen Überfall. Ich werde von Zuwendung erschlagen. Ein Gesang wie auf dem Fußballplatz trifft mich als volle Dröhnung. In der gleichen Tonart könnte man auch verhöhnt werden. So sind meine Mädels, ihre Rowdyfreunde lernen von ihnen noch ständig dazu. Sie schmeißen mit Konfetti, sie setzen mir ein albernes Partyhütchen auf. Das ist zu viel für Aaliyah. „Das geb ich mir nicht!“ sagt sie zum Abschied.

„Also, ein Freund von meinem Freund wird ganz sicher auch kommen.“
„Ich habe gehört, dass Theo kommen will! Ja, Theo! Ernsthaft. Wie hat der überhaupt von der Party erfahren?“
„Kommt Aaliyah wirklich? Sie geht doch sonst nie auf Partys!“
„Sie wird da sein!“, sage ich triumphierend. Da übermannt mich der Fluch der Karibik. Es ist unfair, Elektra so zu nennen, doch hat sie keine Chance dagegen. Sie trifft mit einem Kopfstoß, sie schreit frenetisch in mein Ohr.

III.

Der kleine Unterschied zwischen übergeben und vergeben

Ich bin viel zu früh fertig. Das passt überhaupt nicht zu mir, sonst bin ich immer die auf dem letzten Drücker… Hausaufgaben im Bus, die letzte Bahn nach Hause, die Dauerzuspätkommerin.
Aber diesmal soll etwas konsequent perfekt werden. Eine Party, meine Party.
Ich denke kurz daran, dass ich mich selbst noch nicht ganz vorbereitet habe, der Fassade steht ihre Verschönerung noch bevor. Ferner bedenke ich mit einem Lächeln das Minikleid, das mich auf meinem Bett erwartet. Es ist verdammt heiß.
Aaliyah findet sich in der Küche zurecht. Sie killt die Tomaten und skalpiert den Kopfsalat. Die Karotten wurden schon misshandelt. Aaliyah war nicht begeistert, als ich ihr meinen Geburtstag als stalinistisches Großereignis in Opposition zu sämtlichen Fluglärmheulsusen angekündigt habe.
Als wir noch halb so groß waren wie jetzt, gab es zu jedem Geburtstag jeweils eine Kinderveranstaltung und eine Aaliyah-Natalia-Megagala. Die Offenbarung fand exakt am Geburtstag statt. Da dann waren wir nur wir beide. Wir ließen Luftballons platzen und Lillifee-Muffins verschwinden. Mit zuckersüßen Mündern probierten wir das Küssen an neuen Barbies aus. So war das: Die Erste und Einzige, die jemals mit meinen Geschenken spielen durfte, war Aaliyah. Ich wusste, dass sie nie, niemals etwas von mit kaputtmachen würde … und außerdem war ihre Teilhabe auf unergründbare Weise selbstverständlich.

Ich verweile bei Sofas und Tischen, die Tische wurden bereits besetzt von verkronten Bierflaschen und Trockenfutter. Ich widme meine Aufmerksamkeit der antiken Stereoanlage, mit dem genialsten Bass der Welt … dem klotzigen Schrank in seiner Ecke. Kein Mensch weiß, wie das Trumm es dahin geschafft hat.

Über allem liegt ein betrügerisches Licht. Stille rastet noch auf den Möbeln so wie Staub in einer Schicht. Noch. Wenn erst Musik die Sachen beben und das Licht sie schweben lässt – und Leiber die Luft reduzieren, dann wird dieser Keller die Welt sein. Es fällt mir schwer, Aaliyah darin zu sehen. Ich denke an sie und rieche Lillifee-Muffins.

Die Erkennungsmelodie der Melancholie setzt ein. Ich stecke fest in Erinnerungen. Ich tauche in mich selbst ein. Das ist nicht gut. Ich muss mich gegen mich selbst verwahren. Ich habe Geburtstag, ich bin leichtherzigen Sinnes. Ich will verdammt noch Mal ein lockeres Ding sein. Jetzt werde ich in Zugluft aufatmen.

Ich habe mich in mein Zimmer beeilt. Daslüfte ich umgehend. Die Luft ist klar wie eine Reinigung. Schon schleicht die Nacht sich an, fahl bemäntelt. Vögel zetern vor Verdruss, vor dem zugezogenen Himmel sehen sie aus wie Scherenschnitte. Ja, wir neigen dazu, andere im Fegefeuer unserer Enttäuschungen brennen lassen zu wollen. Wir wollen auch da nicht allein sein, so wie Aalyah in einem säkularen Haushalt.
Ich schließe das Fenster. Mein Blick tanzt über ein altes Klassenfahrtfoto. Die Aufnahme hatte ihren Schauplatz in Berlin. Sie zeigt Aaliyah lächelnd neben ihrem Ex-Freund Noah. In seinen Armen hat sie sich wohl gefühlt, über seine Witze lachte sie, befreit vom Vergnügen.

Aaliyah hatte einen Freund und jeder wusste es. Dann tauchte dieser Typ in ihrem Leben auf. Gott. Er hat Aaliyah gleich besser verstanden als jeder andere, ihr geholfen und eine Zuflucht gegeben, sie in seine Armee aufgenommen und zum General ernannt. Keiner hatte eine Chance gegen ihre neue Liebe. Noah war abgeschrieben, er segelte, als Gott die Sintflut schickte, mit all den Tieren auf seiner Arche Richtung Ende der Welt. – Und Aaliyah saß auf Wolke 7 neben ihrem neuen Lover und nicht ein Irdischer erreichte sie. So geflasht war sie. Es gab nur noch das „Heilandgefühl“. Von Leidenschaft und sinnlosen Spaßaktionen wollte Aaliyah nichts mehr wissen. Alles, was gegen Gott ging, ging gegen sie. Auf ihrem Teppich flog sie im Gebet. Vielleicht zu den Sternen, vielleicht in die Vergangenheit, vielleicht aber auch nur zu sich selbst. Es schien, als habe sie aus sich einen Schatz gehoben. Die anderen Mädchen waren Ausgesetzte, sie hätten allenfalls folgen dürfen, auf dem Weg der Gottesanbeterin, wenn auch nur als Untergraduierte. Ich hielt trotzdem zu ihr … ein Pickel im Schatten des großen Maulwurfhügels. – Dankbar für alle Aufmerksamkeitsalmosen, abgespart vom Munde des Herrn.

Von einem Tag auf den nächsten war Gott ständiger Begleiter. Allein konnte man Aaliyah nicht mehr treffen. Sie hatte sich mit einem eifersüchtigen Orientalen eingelassen.

Es gab sie nur noch im Doppelpack. Zu gern hätte ich diesen komischen Gott an einer Straßenecke abgehängt, ich wollte den noch nicht mal für gratis. Er hing uns aber an den Rockzipfeln und folgte hündisch unseren Schritten. Einmal wollte ich Gott auf einer Raststätte seinem Schicksal überlassen, sollte er doch bei anderen Leute billig unterkommen. Aber Gott nahm Aaliyah an die Hand und bald machte sie ihn allseits bekannt in den Kreisen ihrer bienenfleißigen Umtriebigkeit.

Der Mensch gewöhnt sich an alles – und endlich existierte der Außerirdische in den Bindeglieder zwischen Aaliyah und mir als unanfechtbare Zentralgewalt. Die blanke Wahrheit war: Gott gab schwungvoll das Herrchen seiner gelehrigen Hündin. Manchmal ließ er Aaliyah laufen und springen, bis der Springbrunnen seines Spaßes an ihrer Munterkeit versiegte. Dann pfiff er sie zurück in seine Moschee, und ich gab sie frei, in der gewissen Hoffnung, dass sie zurückkehren würde.

Für meine Party habe ich sie von der Leine gerissen – und Gott sitzt zurückgeblieben in ihrer gemeinsamen Wohnung … beleidigt so ohne Einladung auf dem Gebetsteppich … in Erwartung des Generals. Mir egal. Soll er doch am Rad drehen, von mir aus auch am Rad der Geschichte. Heute ist Aaliyah nur für mich da und nichts und keiner quetscht zwischen uns.

Ich striegele mich vor dem Schminkspiegel aus der Ära meiner Großmütter. Ich steh auf Familie, auf diese Orgien der Zugehörigkeit und des Gemeinsinns. Das Rustikale ist mir recht, ich bin absolut keine Barbie. Meine Haare mag ich offen, das trifft den Typ, den ich wiederhole … die lockere Braut, burschikos, unterhaltsam, pflegeleicht. Eine, die effektiv handgreiflich werden kann, wenn sämtliche Stricke vom Reißen bedroht sind. Ich bin faul, anhänglich, kooperativ und mit einem Witz jederzeit zu locken. Mir darf man nicht zu ernst kommen, will man sich nicht dem Verdacht ausliefern, verdreht zu sein. In unseren Grundschulzeiten wollte Aaliyah Friseuse, sie sagte nicht Friseurin, werden, und ich M-a-l-e-r-i-n. Heute erscheint mir das fast gruselig: Malerin. Wie blöd ist das denn. Vor diesem Spiegel kriegte ich zum ersten Mal die Haare kurz. Aaliyah fegte die toten Fäden weg, wie so eine Praktikantin. Später habe ich sie geschminkt. Mit Wasserfarben. So abenteuerlich konnte Mädchensein sein. Wir rannten auf die Gasse, stürmten den Bahnhof und kehrten Haken schlagend um. Wir fotografierten uns, tanzend unter dem Zwang des Glücks. Das Glück hatte keinen besseren Grund als unser Leben, aber gab es überhaupt einen besseren Grund.

Es ist still. Beinah schon Freitagabend. Gleich wird das Sein gesteigert, das Kleid auf meinem Bett ist ein Versprechen. Ich habe beim Leben noch ein paar formidable Aufregungen gut. Ich gehe ins Bad, um mich in Verheißung zu verwandeln.

Der Klingelsturm hebt an zum ersten Mal. Die Hyänen zerfleischen mich im Windfang. Während ich zurück beiße und Aaliyah sich um Jacken kümmert wie eine Zofe auf Speed, klingelt es wieder. Heerscharen vom Stern der Jungen besetzen meinen Korridor. Eine Parfümparade passiert mich. Sepp steht wie immer nur dumm rum. Der könnte auch mal Hand anlegen!
„Ey, zieh nicht so eine dämliche Fresse und bring die Gäste unter Deck. Und vergiss nicht die Musik.“
Seine Hässlichkeit verzieht sich zu einem Schmollmund. Vermutlich soll ich das süß finden.
„Sei froh, dass heute dein Geburtstag ist!“
Laufend kommt frisches Gammelfleisch und bringt laufend neue Flaschen mit, in allen Farben. Ich hätte nicht so viel Bier kaufen sollen. Wo bleibt AKW? Meine Wut ist schon da. Ungeduldig tigere ich im Türrahmen. Wie von meiner Herzscheiße angezogen, steht Aaliyah plötzlich neben mir.
„Er ist noch nicht da, oder?“
„Nach was sieht’s denn aus?“
„Ich wollte doch nur fragen.“
„Ach komm, geh beten!“
Aaliyah verschweigt sich, und ich steh wieder allein da.

Ich höre AKW und seine Freunde, bevor die Herrschaften alttestamentarisch wie Flieder vor dem Vorgarten in Erscheinung treten. Die Idylle eines ordentlichen Familienreservats verwandelt sich in die Commerzbank-Arena, die mein Vater immer noch „das Waldstadion“ nennt, als hinge von den Wahrheiten seiner Jugend sonst was ab. Grölend feiern die Pseudohomies meinen Geburtstag auf der Gasse. AKW kommt angeblaut zu spät. Er haut das Gartentor so heftig auf, dass es gegen eine Mülltonne scheppert. Depp. —- Der Depp hängt sich an meinen Hals, so viel hat er für mich gerade übrig. An ein Geschenk hat er nicht gedacht. Sein Atem erinnert an Opas Schnapsrevier. – An die seinerzeit noch massiv errichtete Heimstatt der Kurzen, die der Alte sich nach dem Alibi jeder Mahlzeit gönnt. Während Opa seinen Suff auf die Verdauung schiebt, riecht mein Freund ganz grundlos nach den Junggesellen-Abschieden in unserer Zukunft.

Die Erde mag rund sein oder elliptisch, meine Welt ist auf jeden Fall flach.

Familie bedeutet Scharmützel. Opa hat ein Konto nur für seinen Grabstein. Es kann auch für mich nur besser werden. Vielleicht mit einer Sintflut? Oder einem netten Erdbeben? Das würde meiner Wutwelle zusätzlich Furore bieten und ich könnte auf einer Superwoge surfend den Abend verbringen. Prima. Kurz erlebe ich so etwas wie einen biografischen Kater. – Einen Moment monumentaler Verschlossenheit. Ich glaube, in der Luftfahrt sagt man dazu Strömungsabriss. Ich kann sogar das englische Wort für Strömungsabriss. Ganz bestimmt werde ich mein Leben schließlich über die Bühne gebracht haben, ohne auch auf französisch je aeroflott gewesen zu sein.

Doch sollte man nicht geizen mit billig zu habenden Großzügigkeit. Wie bei einem Adler sind AKWs Augäpfel wenigstens dreimal so groß wie sein Gehirn. Ich vermute auf meines Freundes Haupteshöhe im Augenblick nur eine wackelige Webcam. Meine kürzeste Beschreibung seiner Persönlichkeit lautet: Headbanging als Philosophie. Die Lider auf Halbacht, peilt AKW meinen Mund wie eine wärmesuchende Rakete an und platzt dann doch mit einem geräuschlosen, aber muffigen Aufstoßen auf meine Oberlippe Schrägstrich Nase. Spast. Aus einer Wolke Ethanol regnet ein „Happy Birthday“, um sich im Sprühregen sinnlosen Geplappers zu verteilen. Ich hole die Bande ins Haus. Alle folgen mir bei Fuß in den Keller. Zu Aaliyah. Hoffentlich ist sie mir nicht mehr allzu böse. Zu viele sind noch gar nicht da und trotzdem sehe ich mich in einer Tropfsteinhöhle aus Schweiß um. Ein nüchterner AKW wüsste: „O2 verbraucht, CO2 noch vorhanden.“
Meine Mannen stoßen sich stolpernd an den niedrigen Holzbalken. Ich auch. Die Party ist schon mindestens im vierten Gang. Exakt in der Mitte des Raumes steht der Fluch der Karibik. Mit dem Rucksack, ihrem buckeligen Dauerbegleiter, sieht Elektra aus wie ein liebes Monster.

Der Fluch ist eine Festung mit falschen Wimpern. Hoffentlich hat Elektra eine Shisha dabei. Neben ihr parken zwei globale Figuren. – Schwarze Brecher an den Gemarkungssteinen der Normalnullen, denke ich zuerst. Ich korrigiere mich. Sie sind selbst Säulen, leicht könnten sie die Kellerdecke schultern. Sie kriegen mich mit und rollen mir umgehend entgegen. In die Schieflage einer Konfrontation möchte sich mit ihnen gewiss niemand begeben.
Sie argumentieren aus einer geistigen Sommerfrische.
„Olé Nattie! Alles fit? So dies das Ananas. Mach ma’ keine Faxen und dreh’ den Tune auf, ich komm sonst nicht in den Flow rein.“
Alles klar. Musik. Ich frequentiere die Anlage. Danza kuduro geht ab aus den Boxen, der Boden vibriert, mein Herz verrückt im Beat.

Eine langnasige Kanne erinnert an Zeiten der Ölöfen, von denen ich nur gehört habe. Die alten Öfen haben die Kanne als Antiquität zurückgelassen.
Ich entdecke Christina, die alle nur Rinderspieß nennen, weil sie sich so gern im Kreis dreht und es außerdem fertiggebracht hat, sich in den Dönermann Enis zu verlieben, der als weltweit einziger Dönermann à la minute gepressten Orangensaft verhökert. Alle machen sich über Enis lustig. „Dieses und jenes, ich hab ’nen großen Enis.“
Die beiden tun mir leid. Das Paar hat sich aber an seine Ausgrenzung gewöhnt: der Rinderspieß in aller Bescheidenheit und Enis kennt vermutlich nichts anderes.

Ich schaue mich auf meiner Party um … stillstehend mit wippenden Füßen. Zeit verstreicht. Ich beobachte, wie Freunde sich betrinken, wie sie von rosa zu blau wechseln. Während Isabelle dem Rausch mit Wodka Vorschub leistet, bleibt Marvin bei Whiskey. Gerade kippt er sich tanzend etwas von den Glückshormonen in einen Plastikbecher. Ich sehe mich jetzt schon 1.346.598 Becher aufsammeln, da ich nicht glaube, dass irgendwer die schönen Müllbeutel nutzt oder auch nur bemerkt, wie sie geduldig am weißen Kellerputz kleben. Aaliyah hatte die Idee. In der Vorbereitung kümmerte sie sich um die ordnenden Dinge, um Tüten und Toilettenpapier. Apropos Aaliyah. In der tanzenden Fülle suche ich sie gar nicht, zu sehr vermute ich sie an einem Rand.

Aaliyah sitzt mit einer Cola an der Bar, die Arme verbrezelt. Eine Mittelpunktpersönlichkeit, die sich selbst beiseite stellt. Ich beobachte sie in ihren versunkenen Betrachtungen. Wie gut ich sie kenne. Sie betrachtet nicht allein, sie analysiert zudem. Ich begleite sie auf ihren Gedankengängen. Ich weiß, dass Trunkenheit ihr Mitleid weckt. In ihrer Gegenwart hat zu trinken mir nie Spaß gemacht. Auch mal über den Durst zu gehen und den Alkohol vollkommen auszukosten, gehört für mich dazu. Bloß nicht, wenn Aaliyah dabei ist und ihre Muttermaske trägt. Will ich wirklich feiern, frage ich Aaliyah gar nicht erst, ob sie mitkommt, aus Angst mich zügeln zu müssen. Dass das so ist, verletzt sie. Sie kriegt meine Touren immer nicht. Sie kennt mich besser als ich mich selbst kenne.

Ich fühle mich wie der Wärter im Zoo … angesichts des entfesselten Auftriebs im Keller. Alle lassen Dampf ab, es ist für niemanden einfach, in die Freiheit entlassen zu werden.
Benedikt bestürmt mich. Den armen Jungen kann keiner leiden, er hat eine verblendete Selbstsicht. Zwangsläufig trägt Benedikt eine weiße Pudelmütze mit blauer Bommel. Mir ein Rätsel, wie er die in meinem aufgeheizten Keller auf dem Kopf behalten kann. Benedikt hält sich für einen Auserwählten, vielleicht erhebt er sich auch mit seiner Bommel über die anderen. Eingeladen wurde er, damit alle etwas zu lachen haben, sobald er – in Missachtung sämtlicher Spielregeln – falsch über den Durst getrunken hat. Mit einem Gorbatschow im Glas steht er vor mir als begossener Pudel und hält sich für einen D-i-c-h-t-e-r. Ich denke, du versperrt meine Leinwand mit deiner pubertären Visage (vulgo mit deinem billigen Gesicht) nicht mehr lange. Der Flaum über Benedikts Lippe nässt, sein T-Shirt trieft, wie konnte das passieren? So undicht nimmt er einen dramatischen Schluck seines Russenwassers und beginnt eine hämische Nuschelei.
„Ey, warum ist dieses Gottopfer da?“
„Gottopfer“ soll Aaliyah heißen.
„Was willst du denn? Sie ist meine beste Freundin!“
„Jaja, aber sie ist doch assi, die Spaßbremse, oder?“
„Ach komm, verpiss dich und schieb deine zelluliten Arsch an eine Wand, du ,Der Benedikt im Größenwahn‘.“
Ohne jegliche Regung der Typ. Das muss ich mir nicht geben und so werfe ich mich weg von ihm in die Masse.

Wie ein Weltdirektor steigt ein fremder Junge die Treppe hinab. Gekonnt vermeidet er den Balken über der Tür. Er betritt die Manege und bekommt die ganze Aufmerksamkeit seines einzigen Zuschauers geschenkt. Wie ein Kind starre ich ihn an, darauf wartend, ob er einen Tiger freilässt oder doch nur den Clown ankündigt.

Mein bester Freund rempelt sich in meine Wahrnehmung. Seine rechte Hand hält eine Flasche bedenklich schief, die linke Faust engt eine Zigarette ein.
„Hast du ma´ Feuer, Süße?“
„Sag an, bist du schon besoffen?“
Besterfreund besichtigt mich schlitzäugig. Ich schlage seine Kippe aus ihrem Arrest. Er findet nichts daran auszusetzen, kippt nur einfach nach vorn in meine Bereitschaft zur Fürsorge. Die andere Flasche schlägt auf den Boden, ein schäumender See entsteht zu unseren Schuhen.
Heute Abend muss ich Besterfreund wenigstens nicht nach Hause tragen. Von mir aus kann er auf der Stelle schlafen, selig beim Biersee. Ich lehne ihn dann doch liebend an die Wand und tauche aus der Sickergrube unseres Einvernehmens auf. Ausschau halte ich nach dem unbekannten Prachtjungen. Wie von Verfolgern im Theater bestrahlt, residiert er am Rand des Wahnsinns. Er wirkt wie ein Pfau unter Krähen und abgetakelten Störchen. Endlich … endlich bemerkt er seine verschärfte Beobachtung. Seine Augen sind blau. Gott muss den Himmel und seine Augen an einem Tag erschaffen haben. Faszinierend!

Es kommt vor, dass man beim Anblick eines unerwarteten Menschen aus seiner Gleichgültigkeit herausgerissen – und zum Gaffer wird. Es geschieht dies aus unerklärlichem Grund. Mir widerfuhr es bei Kindern, die mit Worten jonglierten, als seien sie Shakespeare und Kafka in putzigen Personalunionen. So erstaunt hat mich eine Punkerin, die inbrünstig eine Katze bespielte – und auch schon ein alter Außenseiter mit einem Nietenband zur Akzentuierung seines Halses. – Und so auch eine stark geschminkte Frau im Leopardenmantel, die fachmännisch Bretter in einem Baumarkt kaufte.

Ich kann von Ausstrahlung Gänsehaut kriegen. Manche Leute sind Drogen. Die haben dieses Besondere an sich, wie einen Schleier, ein Tuch oder ein Duft legen sie es auf und verzaubern damit ihre Umgebung. Als verkündeten sie ein neues Parfüm von Chanel: „Fascination No 1“. – Und ich bin mir sicher, dass dieser Junge, der nur wenige Meter entfernt von mir lauert, dieses Parfüm aufgelegt hat. Er könnte sogar darin gebadet haben.

Andere kaufen sich Spritzen, rauchen grünes Zeug oder trinken sich in die Besinnungslosigkeit. Mich setzt man in einen Supermarkt oder auf einen Rummelplatz und ich werde high vom hingerissenen Zugucken. Meinen Blick nicht von „Fascination No 1“ wendend, drücke ich vereinzelte Barrikaden zur Seite. Neben Fremden, Freunden und Betrunkenen sind dabei auch meine Hemmungen und mein Beziehungsstatus.
Einen Meter vor ihm endet mein Weg. Keine Chance weiterzugehen. Eine schwere Last bedrückt meine Schultern und zieht mich in die Niederung. Die Musik setzt wieder ein: „I just wanna make you sweat“.
Ich schwitze schon. AKWs Augen fallen mir fast auf die Füße. Super. Ich stütze ihn und kriege zum Dank einen fetten Rülpser ins Gesicht.

Der Schweiß klebt seine Locken an die Stirn. Ich glaube, AKW hat das Gras für Mondochsen gekifft.
„Alles okay?“
Seine „Gefällt-mir-Hand“ hebt sich. Er sieht so glücklich aus, als käme für ihn notfalls auch eine Wand zum Anlächeln in Frage.
Ich vergesse den Pfau und bringe meinen Gockel zur nächsten Couch. Ein nachtaktives Pärchen bekommt Gesellschaft von einem betrunkenen Chemikanten. Wie abgesoffen er bereits in den Fluten treibt, erkenne ich daran, dass AKW dem Pärchen versucht zu erklären, wie die chemische Formel für Speichel lautet. Während die Beiden ihn als unwillkommene Ablenkung begrüßen, fällt AKW fast vom Sofa, so sehr findet er sich selbst mehr als zum Schießen. Er verschluckt sich vor lauter Begeisterung. Er bietet sich selbst am meisten. Warum nur habe ich einen derart peinlichen, kotzenden, rülpsenden, kiffenden, unlustigen Freund?

Ein Glas zerspringt. Aaliyah begegnet meinem Bruder auf Scherben, die sie nicht beachtet. Unter Sepps Achseln machen dunkle Ränder ihre Ausbildung. Sein Blick schleiert, sein Mund steht auf wie blöd. Ja, mein Bruder sieht dämlich aus. Meine beste Freundin stolpert. Sie fällt aus ihren Rollen Sebastian um den Hals. Die Starke, die Unerschütterliche, der General schmiegt sich an, Aaliyah erreicht soeben meines Bruders Brustvertiefung. Er schließt sie gierig beglückt ein. Er ist der Teufel, 1:0 gegen Gott.
Aaliyah fährt ihre Zunge über seinen Hals, die Zunge geht auf den Mund los. Gott sei dank, ist Gott nicht da! Mein Bruder legt seine Hände auf Aaliyahs Arsch ab, schon im Aneignungsfieber.
Ihre Pupillen verschlucken die Iris, die Augen kippen. Etwas in mir zieht sich zusammen. Aalyiah sieht aus wie auf Drogen. Das kann nicht sein. Die Welt hört auf und dreht sich doch weiter. Dazu Silence als Soundtrack.

Sollten dreißig Menschen auf meiner Party sein, dann schauen in diesem Moment sechzig Augen auf meine beste Freundin. Tja, so geht es den Tollen am Ende. Den Tollen, die die Welt mit ihren Einstellungen beherrschen wollen. Staatsmänner, Dichter, Philosophen, Politiker. Alle werden sie beneidet, weil sie so viel Aufmerksamkeit erhalten und doch sind sie nicht beneidenswert. Wer hält schon für möglich, dass ein Mädchen, das immer an seinen Zielen festhält, das ein Statement ist, innerlich solche Qualen leidet, dass sie Drogen nehmen muss, um ihre Gefühle zu zeigen? Die Sucht nach Ruhm ist ein Meer, schwimmst du zu weit, schaffst du es nicht mehr an Land.

Spinn ich. Was erzähl ich mir da. Aaliyah wurde vergiftet, der Giftmischer möchte bestimmt nicht, dass ich ihn erwische. Jetzt braucht sie jemanden, der sie vor der allgemeinen Verächtlichkeit schützt. Sie braucht mich.
Adrenalin bringt mich auf Touren. Wie ein Hooligan stürme ich das Spielfeld und beende das Match.
„Wenn du sie nicht sofort loslässt, breche ich dir die Nase.“
Mein Bruder versteinert. Sein Hirn kommt heute bestimmt nicht mehr in Gang. Ein Lid zuckt krank, mehr hat Sepp nicht anzubieten, denke ich. Doch dann fällt ihm doch noch was ein. Er legt Aaliyah um, in plötzlicher Grimmigkeit. Was für Drogen machen so was aus diesem fiesen Witz von Bruder? Mein Freund reihert auf das Sofa, der Pfau bespricht sein Telefon. Und ich? Ich atme. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Warum ist das jetzt alles so?
Aaliyah liegt auf dem Boden, schutzlos wie eine Schnecke ohne Haus. Sie labert, wie selten.
„Treffen sich zwei Päpste.“
Aaliyah lacht wie ein Schwein quietscht. Sie hat ein großes, sich hämisch auflockerndes Publikum. Erkennt denn niemand, dass das nicht Aaliyah ist, dass sie ihr Leben gerade selbst überfahren hat? – Dass sie ihre Ideale nun nur noch vom Boden abkratzen kann, weil irgendwer ihr über Gebühr übel will?
„Alle raus“ gebiete ich. „Ich will keinen mehr sehen! Die Party ist beendet. Ich hebe euch einzeln brutal vor die Tür, wenn ihr nicht sofort geht!“
Ein letzter Akkord hängt noch in der Luft. Irgendwo zwischen Schwaden und Schweiß muss er sich verfangen haben.
„Du schmeißt uns weg, weil Madame Oberreligiös einen kleinen Zusammenbruch hat?“
Ich packe den Sprecher am Schlips und nehme mir sein Gesicht in aller Unmittelbarkeit vor.
„Halt’s Maul!“
Die Ordnungsschelle erwischt ihn korrekt am Ohr, ich kenne mich selbst nicht mehr. Er nimmt als Erster die Treppe, sein Kopf nusst den Balken. Das dumpfe Geräusch lässt an Schmerzen keinen Zweifel. Ich ziehe Aaliyah auf ihre Füße. Sie ist noch kleiner als sonst. Eine neue Erfahrung faltet sie zusammen. Ich stütze sie zum Aufgang. Ein letzter Blick in die Hölle des heutigen Tages: Chris schläft neben AKWs Kotze, sein iPhone blinkt darin. AKW hängt in den Seilen, Sepp trinkt aus der Wodkaflasche. Soweit alles okay. Ich schleife Aaliyah über die Treppe, sie schweigt zu den Erschütterungen. Ich glaube nicht, dass sie betet. Die fünfundzwanzig Stufen in den ersten Stock gelingen ihr mit verwunschener Selbständigkeit. Sie legt sich ab, ich decke sie zu und denke an Dornröschen, eine Spindel und einen Tropfen Blut. Ich gehe ins Bad, nichts erscheint mir sinnloser als mir die Zähne zu putzen. Doch das geschieht.

Die Tür geht auf und der Pfau steht da. Ich spucke weiße Soße und kontrolliere ihren Verlauf im Becken. Der Pfau packt mich.
„Ich bin vergeben“, sage ich zaghaft.
„Ja, an einen kotzenden Typen der auf dem Sofa sabbert.“
„Aber er braucht mich.“
„Ich brauche dich.“

Ich drehe mich zu ihm um, er soll gehen. Seine Lippen fühlen sich gut an auf meinen. Zu gut, zu richtig, zu passend. Verdammte Scheiße. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, aber was, wenn keiner aufhört? Ich spüre seine Hände. Sie sind kühl. Kann es noch schöner werden? Dann sollte ich jetzt nicht aufhören. Im Keller tiefer liegt mein betrogener Freund in seinem Elend. Mein Kopf ist außer Betrieb, wie so ein alter Getränkeautomat. Ich knöpf mir den Pfau vor. Er hängt mir keine Locken ins Gesicht. Er küsst ohne Sabber, nicht so wie AKW. Ich muss aufhören. Ich mache gerade alles kaputt, wenn auch mit einem charmanten Ende. Meine Hand kontrolliert einen Rücken und mein einziges Problem bei dieser Betrügerei ist ein
T-Shirt. Mein Abend begann mit einer Wutwelle und mit einer Welle als pfau´eske Frisur endet er.

Aaliyah würde ausrasten, könnte sie mich jetzt sehen. Aaliyah! Meine Freundin stirbt gerade. Ein letztes Mal berühre ich die reizvolle Angelegenheit körperlicher Kompaktheit, dann stoße ich den Pfau fort. Seine Brauen untermauern die Stirn, seine Stimmbänder knarren wie von Sturm erfasstes Gebälk:
„Was ist los?“
„Ich muss zu Aaliyah.“
„Zum wem?“
„Geh einfach.“

Ich betrachte sie in ihrer bewusstlosen Leiblichkeit. Der Zustand hat auf meinem Bett Asyl gefunden. Ihr Maxiskirt verhängt lässig eine Bettkante. Die Spaghettiträger haben ausgenudelt und Aaliyahs abgefahrene Pumps das Weite gesucht. Ich stelle fest, dass ihre Füße ganz schön groß sind für klein. Ich finde meine Füße auch schlimm. Das sind ganz einfach die falschen Knochen. Dafür gefallen mir Aaliyahs Chickenwings. Ich hätte nicht übel Lust, aus ihrem Rock einen Putzlumpen zu machen. Ich bin immer noch ganz erschlagen von dem Schlampenpotential meiner islamischen Madonna… wie die meinem Bruder am Hals hing. Als hätte sie geübt.

Ich bin voller Sonderempfindungen und könnte auch noch was zu trinken vertragen. Mir graut vor dem Saustall als Hinterlassenschaft. Ein Alptraum aus Rotze und Kotze. Aaliyah ist in einer besseren Verfassung.

Mein Herz hämmert so stark, dass ich mich übergeben will. Ich fasse mich. Ich rufe die Bilder der jüngsten Vergangenheit auf und bestelle sie zum Rapport. Trollende Wannabes geben sich auf der Tanzfläche die Blöße und gehen den Pärchen auf sämtliche Zeiger. Ich sehe Sebastian im Getümmel. Er ist nicht allein. Ein Mädchen fesselt ihn so erbarmungslos und wild, als gäbe es kein Morgen voller Scham und Tratsch. Es hat die gleiche, unverkennbare Haarfarbe wie Aaliyah. Jedes Mal, wenn Scheinwerfer die Prachtstraße ihre Haare befahren, schimmert mich Vertrautheit an. Das ist Aaliyah, kein Zweifel. Ich falle aus meinem Rahmen.

Rüde reiße ich Aaliyah aus der Umarmung. Mein Bruder kriegt was zu hören. Ich bin kurz davor, auszurasten. Das hat ich mit mir noch nicht. „Gleich geht deine Nase inzwei“, schreie ich, mindestens genauso von mir selbst genervt wie von Sebastian. Ich nehme mir meine Aufgeregtheit übel und verstehe eigentlich nichts mehr. Aaliyah scheint ihr Leben in meinen Armen aushauchen zu wollen.

Sie ist kaum bei sich. Eben war sie noch so dabei und jetzt stirbt der Schwan. Ist das Show oder Verderben? Sebastian tritt bubilike als Vorwurf auf, ohne mich in der Rolle zu überzeugen. Ich könnte ihm immer noch eine scheuern in meiner ganzen Unbehaglichkeit. Ich schmeiß' erst mal alle raus. No mercy.

Aaliyahs Augen sind geschlossen. Ihre Kriegsbemalung ist immer noch comme il faut. Sie ist definitiv nicht tot, eher eine schöne Leiche mit optimalem Kussmund. Manche Leute sehen fertig besser aus als gut, sowie Aaliyah jetzt. Der Mantel ihrer Unantastbarkeit reaktiviert sich. So kenn' ich sie. Das ist meine Aaliyah, seit sie religiös geworden ist. Ich beuge mich ihr und lasse mich von ihrem Atem einfangen. Ich kenne alle ihre Gründe.

1. Variation

Sie lag einfach da, als wäre die Welt in ein Zeitloch geraten, so dass es für ein Erwachen keinen Grund mehr gab. Dieser erschreckende Gedanke ging durch meinen Körper. Ich ließ den Abend noch einmal Revue passieren und dachte scharf darüber nach, wer dem Engel die Flügel gebrochen hatte.

Ich traute meinen Augen nicht. Was tat Aaliyah da? War sie wirklich dabei, Sebastian um den Hals zu fallen? Aaliyah, die in einer Welt der strikten Regeln und unbedingten Grenzen lebte. Aaliyah, die gottgefällige Vernunft über ihre menschlichen Bedürfnisse stellte. Meine besten Freundin hatte sich erkennbar nie etwas aus den Gefühlen meines Bruders für sie gemacht. Jetzt musste ich etwas verhindern. Was ich sah, wollte ein Dritter mit böser Absicht. Das Mädchen, das hemmungslos mit meinem Bruder tanzte, war nie und nimmer Aaliyah nach ihrem eigenen Herzen.
Jemand zwang mich zu einer Wendung. „Nathalia, da bist du endlich. Ich habe dich schon die ganze Zeit gesucht.“
Ich war hypnotisiert von der Melodie eines Rattenfängers, der als Pfau daher kam. In meinen Träumen war er mir schon begegnet.
Ich polterte eine Entgegnung. Was man halt so sagt … kurz vor einer Fatalität.
Der Pfau hatte grüne Augen. Das sollte jetzt nichts bedeuten. Ich musste zu Aaliyah, ich zögerte keine Sekunde länger … wie eine Geisteskranke mit Erweckungsfantasien. So übersteuert. Längst war das Stadium der Unfälle erreicht. An allen Ecken und Ende zersprangen Gläser und Flaschen. Die Tanzfläche war auch schon eine Liegewiese. Man probierte sich aus, einen Filmriss als Alibi in petto. Was geschah, würde seine Gültigkeit erst in den Nachbesprechungen kriegen.

Der Teppich hatte ein Vermögen in der Türkei gekostet. Nichts war billig oder auch nur ausrangiert in diesem Keller. So lebten meine Eltern nicht, ich meine, mit Gerümpel und Ideen von Improvisation an entlegenen Haushaltsstellen.
Jemand hatte Aaliyah mit Drogen verseucht – und ich stand ihr immer noch nicht bei.

2. Variation

Ich erinnere mich. Wir sind noch nicht zweistellig an Jahren. Sepps Fahrrad liegt neben dem Gartentor auf dem Bürgersteig. Ich falle darüber, meine Eltern haben aushäusig zu tun. Aaliyah tröstet den Kinderschmerz, sie hilft mir ins Haus, wäscht Kies aus der Wunde und klebt ein Superman-Pflaster auf mein arges Knie.
Aaliyah war immer die Starke, vielleicht braucht sie mich jetzt zum ersten Mal auf eine verzweifelte Weise. Sie zuckt im Schlaf wie ein Zitteraal. Kein Zweifel, jemand hat Mist in ihre Cola getan. Er sollte sich nicht von mir erwischen lassen. Anderenfalls könnte er sein Herz vergessen. Ich will ihn schreien hören.
Ich lege mich zu Aaliyah, ich will wieder klein sein und im Zustand der Gnade. Aber selbst jetzt kenne ich noch alle ihre Gründe.

erstellt am 14.2.2012