Schreibbegeisterte Jugendliche und junge Erwachsene können sich im Prosa-Schreibzimmer unter professioneller Leitung an mehreren Wochenenden über das Schreiben austauschen, eigene Texte verfassen und diskutieren. Gelernt wird von den „Großen“, denn das Schreibzimmer im Frankfurter Literaturhaus wird von bekannten Schriftstellern betreut. Mit dabei waren bisher u. a. Norbert Hummelt, Peter Kurzeck, Harriet Köhler und Matthias Göritz. Diesmal leitet Jamal Tuschick das Prosa-Schreibzimmer.

Freiraum »Schreibzimmer«

Über den Bodenwellen der Gegenwart

Jamal Tuschicks Rede vom Abschiedsabend

Ich sehe mich in der glücklichen Lage, Ihnen heute hier ein Unternehmen mit Zukunft vorstellen zu dürfen. Für die Autorinnen des Prosa-Schreibzimmers 2011 geht an diesem Abend nichts zu Ende. Sie haben sich zu einer literarischen Kollaboration entschlossen – zu einer Gemeinschaftsproduktion und insofern auch zu einem Werk, das im Entstehen begriffen ist. Ich verspreche Ihnen nicht weniger als den „Roman einer neuen Generation“, aufgeladen mit Zukunftsinformationen – deren Datenträgerinnen gerade erst an den Start gehen. Was weiß man denn schon von den heutigen 14 – 18jährigen, dass nicht aus der Pädagogik, aus der Wiederkehr des ewig Gleichen oder aus der Unterhaltungsindustrie käme. Die ungeregelte Teilnahme am gesellschaftlichen Gespräch findet doch unter Ausschluss der erwachsenen Öffentlichkeit statt. „Alle ihre Gründe“ eröffnet eine aufsteigende Perspektive, sie bietet einen wahren Moment der Selbstbestimmung zur Ansicht. Die Geschichte handelt von den Evergreens Freundschaft und Liebe – Themen, die von den Kolleginnen zuerst unter Trivialitätsverdacht gestellt wurden, obwohl sie da – mit den besten Grüßen der Evolution – alle Relevanz vermuten.

Wir flößten uns gegenseitig Mut ein, um nicht auf Teufel komm heraus anspruchsvoll, das heißt doch konventionell sein zu müssen. Wir stromerten durch die Randbezirke, es wurde sondiert und abgehakt – und immer da, wo das Gespräch besonders lebhaft wurde, setzte die Schriftführerin eine Markierung ein.

Die Chancen der doppelten kulturellen Auswahl in der fortgeschrittenen Migration spielten sich auf und dazu – und so auch die Freuden in einer ländlichen Umgebung, in einem städtischen Milieu, im Rausch, in Gott, in einer intakten Familie, ja – schräg wurden die Flächen der Betrachtung nie – und trotzdem sind sie Schauplätze brandneuer Anschlüsse, die Schauplätze für Sensationen knapp über den Bodenwellen der über alle Böschungen gehenden Gegenwart.

Das passte kurios zu meiner ersten Absicht: das Ostend zu begehen und ein Freilichtmuseum des Industriezeitalters mit poetischem Gewinn zu erkunden. Diese Absicht war rasch im Desinteresse der Autorinnen untergegangen. Man hätte sie breitschlagen müssen – wie das ein Lehrer manchmal muss – so wären alle Chancen des Freiraums Schreibzimmer vertan gewesen.

Die Koordinaten im sich durchsetzenden Text ergaben sich schließlich aus Lebensläufen der Schreibzimmer-Schriftstellerinnen. „Der Schwangerschaftsvorbereitungskurs unserer Mütter war die Geburtsstunde unserer Freundschaft“: so geht die erste Feststellung im Roman. So beschreibt sich im Jetzt der Handlung eine von Auflösung bedrohte Freundschaft. Aaliyah hat mit letzter Konsequenz – aber auch so freiwillig wie möglich – zu einem orientalischen Gott gefunden, nach Ausflügen in die subkulturellen Reservate ihrer Generation. Ihre sister in blood aus dem benachbarten Geburtskanal rockt lieber biodeutsch und clubdependend nach den Melodien des Hedonismus. Sie heißt Nathalia, aber immer auch ich – denn Nathalia erzählt.

Die narrativen Fäden wurden umgehend mit sozialen Verbindungslinien verwoben. Ein Spiel mit Eigenschaften begann, die Autorinnen nahmen sich selbst zum Beispiel. Eine Heimsuchung produktiver Begeisterung drehte die Dinge mit links auf ihre poetische Seite. So entstand der Kollektiv-Roman ALLE IHRE GRÜNDE:

Der Roman einer neuen Generation im Auszug

Alle ihre Gründe

I.

Konferenz mit Gott

Der Schwangerschaftsvorbereitungskurs unserer Mütter war die Geburtsstunde unserer Freundschaft. Bis gestern in etwa verstanden wir uns blind, einwandfrei und gnadenlos. Heute weiß ich manchmal nicht, was übrig geblieben ist von so viel. Inzwischen konferiert Aaliyah lieber mit Gott als mit mir. Die Tendenz zum religiösen Typ zeigte sich spät. Wenn wir einst Scheiße bauten, haben wir das auch wirklich getan, ohne jede Erörterung der Schuldfrage.

Aaliyah ist verwandelt.

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erstellt am 14.2.2012

Prosa-Schreibzimmer 2011: Katharina Brock, Yasmin Essaoudi, Yasmina Gad, Felicia Hernanz, Klara Höff, Christin Meusel, Jasmin Oberle, Tobias Richter, Lea Rösner, Theresa Alicia Seel, Lea Weber

Yasmin Essaoudi

Sie will Journalistin werden. Yasmin Essaoudi wurde 1993 in Offenbach geboren und besucht die zwölfte Klasse der Rudolf-Koch-Schule. Für das Prosa-Schreibzimmer 2011, eine Gelegenheit zur Nachwuchsförderung im Frankfurter Literaturhaus, bewarb sie sich mit lunarer Prosa aus einem Neuland der Liebe. Ich reagierte auf Sprachempfindlichkeit, die aus einem Schacht zu kommen scheint, wie etwas unter Druck Aufsteigendes. Achtlosigkeit spannt Ausgesuchtes an, es wird nicht immer gekonnt gefeilt, mitunter blutig geschmirgelt und gehobelt. Folglich gibt es raue Stellen, Risse und Krater im Text. Die Sprache bleibt der Autorin aber gewogen.
Zuneigung auf beiden Seiten, dachte ich bei der ersten Durchsicht. Yasmin schreibt auch Lieder, das passt zu Stimmungen in der Probe. Man kennt dieses poetische Kleinglück in Kombination mit einer Abneigung für das Narrative. Bei jugendlichen Lyrikern fällt das auf, bei Yasmin verträgt sich Wortgenauigkeit mit den ältesten Krokodilen im Nil des Erzählens. Sie lebt mit einem Gott zusammen und hat sich das so ausgesucht … ohne erzieherischen Anschub … nach diesem und jenem subkulturellen Praktikum. Von daher geht alles aus bei ihr. Yasmin brachte ihr Bekenntnis im Kreis der Schreibzimmer-Autorinnen so unter wie ein Plädoyer für Ritter Sportschokolade. Ihre Entschlossenheit machte sich unauffällig, sie hat wohl für keine Äußerung Ausrufezeichen nötig.

Am Beispiel ihrer Biografie entdeckte die Gruppe bald einen Gegensatz, der zum gemeinsamen Erzählen einlud. Das wurde bemerkt: Yasmin schwenkt aus der Mitte und geht ihr trotzdem nicht verloren. Die soziologische Anthropologie beschreibt diesen Vorgang in gelungenen Verhältnissen von Individualität zu Sozialität. Ich hütete mich vor jeder Erklärung. Die literarische Kollaboration schritt voran, wir fanden einen Titel: „Alle ihre Gründe“. Das sind Yasmins Gründe.