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Elsaesser und der künftige Sitz der EZB

Gemüsedom sucht Himmelbauer

Von Volker Breidecker

Manche Werke der Baukunst werden in der Öffentlichkeit erst dann als schutzbedürftige Baudenkmäler wahrgenommen, wenn sie ihrer lebendigen Funktionen entledigt sind. Bar ihres Inventars und menschenleer, werden sie zu Ikonen der Architektur erklärt. Unberührbarkeit wird über sie verhängt, was bei Gebäuden, die veränderbaren menschlichen Zwecken dienen sollen, eigentlich absurd ist; und als vermeintlich „museumsreife“ Objekte stehen sie dann einsam, verlassen und weiterem Verfall preisgegeben inmitten von Stadtlandschaften, die auch nichts mehr Neues mit ihnen anzufangen wissen.

So wäre es beinahe auch der im Jahr 1928 in Frankfurts Osthafen erbauten Großmarkthalle ergangen, einem Monument des Neuen Bauens aus dem Geist des Konstruktivismus und Funktionalismus. Ihrer gewaltigen Ausmaße wegen, die sie zum größten öffentlichen Gebäude der Stadt machten, von den Frankfurtern „Gemüsedom“ genannt, wurde die Halle schon 1984 unter Denkmalschutz gestellt. Von den Behörden und den Marktbetreibern wurde sie sträflich vernachlässigt, weshalb die Kosten für die notwendige, aber jahrzehntelang aufgeschobene Grundsanierung in solche Höhen angewachsen waren, dass man sich nach langen Debatten schließlich dafür entschied, die Halle aufzugeben und mit dem Großmarkt in ein neu erbautes sogenanntes „Frischezentrum“ umzuziehen.

Die Halle war ohne ein anderes tragfähiges Umnutzungskonzept, als am 4. Juni 2004 ihr letzter Markttag angebrochen war. Entleert und besenrein wurde sie der Europäischen Zentralbank (EZB) übergeben, die das Gelände von der Stadt erworben hatte, um dort ihren künftigen Hauptsitz zu errichten. Bislang arbeiten die Währungshüter verstreut über mehrere Hochhäuser der Innenstadt. Ein Neubau in Frankfurts städtebaulich zurückgebliebenem und noch immer ziemlich trist anmutendem Ostend sollte diesem Stadtquartier zur Belebung verhelfen. Ein repräsentatives Hochhaus als Pendant zur Banken-Skyline im Westen hätte darüber hinaus einen weit über die Stadt hinausreichenden Symbolwert: In medialer Münze würde jede künftige Maßnahme der Notenbank auch das Bild dieser Stadt in die übrige Welt transportieren.

Groß war daher die Aufmerksamkeit für den vom Bauherrn ausgeschriebenen internationalen Architektenwettbewerb. Auch da bestätigte sich allerdings als Konstante europäischer Baugeschichte, dass Architekten mit den Werken ihrer Vorgänger nicht gerade behutsam, zuweilen sogar recht rabiat verfahren: Die meisten Entwürfe bewiesen wenig Sinn für den vom Architekten Martin Elsaesser errichteten Eisenbetonbau mit seinem revolutionären Tonnengewölbe, basierend auf einer filigranen Zylinderschalen-Konstruktion. Allein der prämiierte Entwurf des Wiener Büros Coop Himmelb(l)au wusste die große Markthalle halbwegs respektvoll in das Gesamtprojekt eines Zwillingshochhauses aus in sich verdrehten Scheiben zu integrieren: Am Boden sollte ein horizontales Gebäudeteil, ein sogenannter „Groundscraper“, die alte Markthalle, die der Notenbankzentrale als künftig semi-öffentlicher Teil – mit Bibliothek, Pressezentrum und Gastronomien – dienen soll, mit den Turmbauten verbinden. Der „Bodenkratzer“ freilich hätte die Halle diagonal durchstoßen.

Und auch wenn das Himmelb(l)au-Team den Entwurf später deutlich abmilderte – der „Groundscraper“ wurde durch einen diagonal in die Halle selbst geschobenen Gebäuderiegel ersetzt –, war das Projekt zum umkämpften Streitfall geworden: Von der „Penetration“, der „Schändung“ und „Zerstörung“ eines Baudenkmals war die Rede, die jetzt freilich verschweigt, dass der geplante Durchstich in just jenem Gebäudeteil erfolgen soll, der gar nicht original, sondern das Ergebnis einer 50er-Jahre-Rekonstruktion des zu einem Drittel kriegszerstörten Baus ist. Gleichwohl, schon als die Stadt den Denkmalschutz für das Gebäude lockerte, erhoben Elsaessers Erben eine Urheberrechtsklage, und es drohten lange gerichtliche Auseinandersetzung. Im vorigen Jahre aber einigten sich die Parteien auf die Gewährleistung und Finanzierung von Maßnahmen zur Pflege und Erforschung des Werks von Martin Elsaesser (1884-1957), darunter die Gründung einer Stiftung und die Veranstaltung einer Werkschau.

In dieselben Jahre, in denen der moderate Elsaesser als künstlerischer Leiter des Hochbauamtes für die kommunalen Großaufgaben zuständig war, während der Radikalmodernist Ernst May an gleicher Stelle den Siedlungsbau organisierte und mit großem medialen Aufgebot die Standardisierungsideale des Neuen Bauens als Vehikel zur ingenieurgerechten Organisation des Lebens schlechthin propagierte, fiel Frankfurts kreativste Periode zwischen den beiden Weltkriegen. Sie währte nur kurz, von 1924 und 1927. Die Stadt umschloss damals die Hochburgen sowohl gemäßigter Traditionalisten, „Altstadtfreunde“ genannt, und von moderaten ebenso wie von radikalen Modernisten um die Kampfzeitschrift „Das Neue Frankfurt“. In diesem Ambiente prallten die unterschiedlichen Positionen aufeinander und arbeiteten sich einander ab.

Volker Breidecker

Martin Elsaesser und das Neue Frankfurt. Katalogbuch zur Ausstellung im Deutsche Architekturmuseum Frankfurt, Wasmuth Verlag

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Martin-Elsaesser-Stiftung

In leicht geändeter Form ist dieser Beitrag in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

erstellt am 06.9.2010

Die Frankfurter Großmarkthalle,
fotografiert von Peter Loewy

Großmarkthalle
Großmarkthalle
Großmarkthalle
Großmarkthalle
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