Buchkritik

In dem Dom, den Walser baut,

glauben auch die Ungläubigen

Von Martin Lüdke

Die Spötter sind schnell zur Stelle. Wenn einer, wie Martin Walser, Kämpfertyp seit frühester Jugend, zwischenzeitlich sogar für umstürzlerische Aktivitäten verantwortlich gemacht, jetzt, im hohen Alter, das heißt pünktlich zu seinem immerhin fünfundachtzigsten Geburtstag, sich mit einem „Versuch“ präsentiert, „das Religiöse vor dem Vergessen zu bewahren“, dann liegt Hohn und Spott wahrlich nicht so fern. Sie, die Spötter, waren natürlich schon da, als Walser, 2011, seinen Roman „Muttersohn“ herausbrachte. In dem Buch geht es um Glauben. Und zwar um den „Glauben als eine menschliche Fähigkeit“. Natürlich wurde diese vermeintliche Wendung Walsers zur Religiosität, wie er jetzt selber klagt, des öfteren und zügig dazu und nur „mehr oder weniger freundlich mit meinem Alter in Zusammenhang gebracht. So als sei ich jetzt halt so weit.“ Um mit Ernst Jandl zu sprechen: „Werch ein Illtum“.

Ein Irrtum auch deshalb, weil sich Walser Zeit seines Lebens und Schreibens nie zum Nennwert verkauft hat. Weil er immer ins Offene dachte und denkt. Weil er nie nur wörtlich verstanden werden konnte, wenn er auch immer beim Wort genommen werden wollte. Mit seiner Art zu denken und zu schreiben, mit diesem Versuchscharakter seiner Überlegungen hat er sich oft genug in die Nesseln gesetzt. Und das nicht erst mit seiner Friedenspreisrede. Oder seinem Roman „Tod eines Kritikers“. Oder seinen Äußerungen zur deutschen Teilung, zu Zeiten, da eine Wiedervereinigung so fern schien wie heute immer noch die Versöhnung von Israelis und Palästinensern. Die unmittelbare Rechtfertigung einiger seiner öffentlichen Auf- bzw. (wenn man böse will) Fehltritte, mag etwas angestrengt erscheinen. Doch selten vermochte Walser mit einer solchen Klarheit einige seiner Unklarheiten zu erklären.

Walser hat schon immer, das ist mir, einem anhänglichen Walser-Leser über die Jahrzehnte hinweg, erst jetzt bei dieser „Versuchung“ klar geworden, konsequent dialektisch gedacht, auch wenn er sich dabei keineswegs immer seiner – genau genommen: sogar negativen – Dialektik entsprechend ausgedrückt hat. Deshalb sollte dieses Buch weit weniger als Walsers Wendung zum Religiösen verstanden werden, sondern vielmehr als eine Art von Gebrauchsanweisung, und zwar für sein gesamtes Werk.

Wer Walser gerecht werden will (da gibt es einige, die das gar nicht wollen), ja schon, wer ihn richtig verstehen will, muss sich durch diesen Essay „Über Rechtfertigung. Eine Versuchung“ zwar keineswegs durchquälen, aber doch schon richtig durcharbeiten.
Walser gesamtes Werk, von seiner Dissertation über Kafka an, über die ersten Erzählungen und seine großen Romane der sechziger und siebziger Jahre bis hin zu den großen Romancen der letzten beiden Jahrzehnte, verdankt sich, um bei seiner heutigen Sprachregelung zu bleiben, einem religiösen Impuls: als Ausdruck des Mangels. Walser begreift die Religion als einen solchen Ausdruck. Religion zeigt, was fehlt. Von hier aus ist es nicht weit zur Literatur. Das heißt, er liest sie als Literatur.

Diese Betrachtungsweise lässt sich als eine radikale Form der Säkularisierung verstehen, zumal Walser, sogar mehrfach, den hübschen Satz des eifernd bekennenden Atheisten Dworkin zitiert, der auch Julian Barnes als Leitmotiv für seine Autobiographie dienen durfte: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“
Walsers „Versuchung“, als intellektuelle Biographie zu lesen, bewegt sich in einem gut bestellten Feld, das von Nietzsche, dem Theologen Karl Barth und (dem Kirchenvater) Augustinus abgesteckt ist. Augustinus weist alle menschlichen Ansprüche an die Gnade Gottes ab. Nietzsches stellt fest „Gott ist tot“ (Zarathustra). Und Karl Barth, der schweizer Theologe, lässt es bei einer einfachen Negation nicht bewenden. Er schreibt: „Wir wissen, daß wir, wenn wir von der Herrlichkeit Gottes reden, eine Zukunft meinen, die nie und nimmer Zeit sein wird.“ Gott sei, meint Barth, nur als Unbekannter vorstellbar, und jeder Versuch, ihn anschaulich werden zu lassen, lasse ihn noch unbekannter werden. Er entwirft damit eine negative Theologie. In der Berufung auf Barth knüpft nun Walser wiederum, ohne es ausdrücklich zu sagen, an seine eigenen gesellschaftskritischen Versuche der späten fünfziger, sechziger und siebziger Jahre an. Walser hatte sich zwar nie direkt auf Adorno bezogen. Dem Einfluss der Kritischen Theorie konnte er sich aber ebenso wenig wie seine Kollegen von Enzensberger abwärts entziehen. An seinem Werk lässt sich von der „Halbzeit“ (1960) über „Das Einhorn“ (1966) bis zum „Fliehenden Pferd“ (1978) ein zunehmender Schwund utopischer Energie bemerken. Man muss sicher nicht gleich von einer „Negativen Dialektik“ sprechen, wie Adorno sein opus magnum nannte. Aber verblüffend ist schon, wenn man jetzt die Parallelen betrachtet, die Walser in seiner Erörterung Karl Barths aufscheinen lässt. Die Bewegung, die Walsers Denken und Schreiben durchlaufen hat, knüpft erkennbar wieder an seinen Ausgangspunkt an. Die heutige „Versuchung“ erscheint damit als eine zugespitzte Fassung der Frankfurter Vorlesungen über „Ironie“, ja mehr noch als Fazit der „Seelenarbeit“, dieses großen Romans über einen Chef und seinen Fahrer, also Herr und Knecht.

Faszinierend, wie sich plötzlich alles wieder zusammenschließt.
Anders gesagt: wer in den Diskussionen um Martin Walser, den vergangenen, keineswegs erledigten, wie in dem sicher noch zu erwartenden Streit um unseren streitbaren Zeitgenossen, wer also bei Walser mitreden will, der kommt um diese „Versuchung“ weiß Gott nicht herum.

erstellt am 14.2.2012

Martin Walser
Über Rechtfertigung, eine Versuchung.
Hardcover, 108 Seiten
Rowohlt Verlag, Reinbek 2012

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