Berlinale 2012

Volker Schlöndorff: Das Meer am Morgen

Keine Rücksicht auf Kinderherzen

1.700 Zuschauern bietet der Friedrichstadtpalast während der Berlinale Platz. Ein kleiner Mann im feinen Anzug wird auf die Bühne gerufen, es kommt der große Regisseur Volker Schlöndorff, um dem Publikum seinen 30. Spielfilm vorzustellen.
Volker Schlöndorff war siebzehn Jahre alt, als er zehn Jahre nach dem Krieg als deutscher Sprachschüler in einen kleinen Ort in die Bretagne kommt. Die Menschen dort waren sehr freundlich zu dem jungen deutschen Sprachschüler und munkelten allenfalls, über eine furchtbare Hinrichtung im Krieg, ganz in der Nähe. Was genau passiert war, wollte man dem jungen Deutschen nicht mitteilen. Viele Jahre später bekommt Schlöndorff eine Novelle von Heinrich Böll „Das Vermächtnis“ und ein lange verschollene Denkschrift von Ernst Jünger „Zur Geiselfrage“ in die Hände. Dies und die eine sehr wahre und sehr traurige Geschichte sind die Grundlage des wertvollen Filmes, den sich 1.700 Zuschauer in atemloser Ruhe am Dienstagabend angeschaut haben.

Im Oktober 1941 wird in Nantes, im von der deutschen Wehrmacht besetzten Frankreich, ein deutscher Oberstleutnant von drei kommunistischen Widerstandskämpfern erschossen. Während General Otto von Stülpnagel als Chef des deutschen Militärhauptquartiers in Paris sich bemüht, den Fall gemeinsam mit der französischen Polizei aufzuklären, drängt der deutsche Botschafter in Berlin und Paris auf blutige Rache. Hitler selbst fordert 150 Tote Franzosen als Abschreckung. Stülpnagel hofft noch auf ein einiges Europa und die Einsicht der Franzosen in die Deutsche Vorherrschaft. Er beauftragt seinen Hauptmann Ernst Jünger (gespielt von Ulrich Matthes) eine historische Schrift über die barbarische Tat zu verfassen. Letztlich werden 50 Geiseln hingerichtet. So beginnt ein trügerisches Spiel über Leben und Tod.
In einem Gefangenlager in der Bretagne sitzt der siebzehnjährige Guy Môquet (Léo Paul Salmain) mit anderen Gefangen, wegen zum größten Teil kleinster angeblicher Verbrechen ein. Ein Pariser Arbeitersohn, der verhaftet wurde, weil er in einem Kino Flugblätter vom Rang geworfen hatte. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen versucht er am löchrigen Lagerzaun die jungen Mädchen zu küssen.
Einige Kilometer weiter trifft ein junger deutscher Soldat von der Ostfront ein, weil er das Denken lernen solle, was seinem neuen Vorgesetzten direkt ein Dorn im Auge ist. Das Denken werde man ihm hier schon abgewöhnen, höhnt der deutsche Offizier, um den jungen Mann direkt zur Nachtwache und zu Schießübungen einzuteilen. Der junge Soldat möchte eigentlich lieber auf der Schreibstube landen und er ist kein anderer als Heinrich Böll (gespielt von Jacob Matschenz). Hier weicht der Film von der authentischen Geschichte ab, der Soldat Böll was dort stationiert, hat aber dem Erschießungskommando nicht teilgenommen.

Das Grauen ist kein Horrorfilm, wie Schlöndorff zuvor in einer kurzen Rede andeutet. Vielmehr wird es ein klebriges Spiel von Macht und Mitverantwortung in bürokratischen Abläufen. Es stellt sich die alte Frage, ob man durch mitmachen in einem barbarischen System etwas zum Guten ändern kann. Die französische Polizei und ein französischer Landrat weigern sich erst, im Auftrag der deutschen Machthaber die Geiseln auszusuchen. Doch der Landrat wittert die Gunst der Stunde um einige Landsleute loszuwerden, die „keine gute Franzosen” und „keine Kameraden” seien – natürlich Kommunisten und Proletarier. Dass Siebzehnjährige dabei sein sollen, müsse so sein, denn so verlange es „Paris”, „Berlin” oder „der Führer”. Schließlich seien die Attentäter auch junge Leute gewesen.
Während sich in dem Gefangenlager die schlimme Nachricht verbreitet, versucht der Soldat Böll dem Unfassbaren zu entkommen. Der Schreiber des Generals, Ernst Jünger vergnügt sich in künstlerischen Salons und gefällt sich in der Rolle des die Barbarei ablehnenden Kulturmenschen.
Die zur Hinrichtung am Strand ausgesuchten Gefangenen werden in einer Baracke zusammengetrieben und dürfen Abschiedsbriefe an Ihre Hinterbliebenen schreiben. Der Film verdichtet dieses innere Stimmengewirr mit dieser unsagbar schönen Landschaft zu einem langen Todesgebet. Die traurig stolzen Inhalte der Brief vergewissern dem Betrachter die Unsinnigkeit und Unmenschlichkeit dieser Tat. In diesen letzten Stunden der Gefangenen wird auch der Mythos von Guy Môquet geboren. Er wird zu einer Art französischer Sophie Scholl. Präsident Sarkozy wollte seinen Abschiedsbrief gar zur nationalen Gedankengut erheben, welcher am Jahrestag des Massakers in allen Schulen des Landes verlesen werden sollte.
Während der deutsche Offizier am Strand aus einem deutschen Lehrbuch zynisch die genaue Formel der Erschießungen vorträgt, werden die Gefangen an diesem 22. Oktober 1941 an den Strand gebracht und in drei Gruppen an Holzpfähle gefesselt. Die Augenbinden verweigern diese stolzen Menschen, während ihnen ein Sanitäter mit Klebeband ein Kreuz aufs Herz klebt, damit man besser treffen möge. Die Gefangenen begegnen dem deutschen Kommando mit offenen Augen und kämpferischen Parolen. Der Stolz des Widerstands, mit dem man einer tödlichen Maschine begegnet, ist ein schwacher Trost. Schließlich kommt auch Guy Môquet an die tödliche Reihe. In seinem Abschiedsbrief schrieb er an seine Familie: „Ich küsse Euch von meinem ganzen Kinderherzen”.

Ein Film für Kinder

Der Krieg kriecht in die Köpfe der Kinder

Der niederländische Kinderfilm Patatje Oorlog (Gute Chancen) beeindruckt auf der Berlinale im der Sektion GENERATION Kplus.

Patat oorlog (oorlog heißt Krieg) ist Pommes mit Mayo, Zwiebeln und Erdnusssauce. Der Krieg ist meist weit weg in unseren mitteleuropäischen Ländern. Der Vater der kleinen Kiek (Pippa Allen) aber, zieht aus humanitären Gründen als Arzt immer wieder mal in den Krieg und seiner Tochter ist das gar nicht geheuer. Kieks Mutter Esmee (überzeugend gespielt von Rifka Lodeizen) versucht, Ihrer Tochter durch Wahrscheinlichkeitsrechnung die Sorgen zu nehmen. In der Schule probiert Kiek diese Logik dann direkt aus. Da sie nur ein Kind mit toten Vater kennt – denn getrennte Eltern zählen in dieser Logik nicht – ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Vater sterben könnte, doch sehr gering.
Als der Anruf des Vaters und Ehemannes für längere Zeit ausbleibt, glaubt Kiek nicht mehr an die gespielten Beruhigungen der selbst erschrockenen Mutter. Sie folgt Ihrer eigenen Logik: ein Kind, das seinen Vater und sein Haustier verloren hat, ist nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung noch seltener. Als einige Zeit später der Vater als vermisst gilt und Esmee diese Tatsache auch Kiek nicht mehr verheimlichen kann, soll auch ihr geliebter Hund dran glauben …
Schließlich wird der Vater und Ehemann gefunden und kehrt zurück in die Niederlande. Er hat ein Bein verloren. Das zärtliche Verhältnis zwischen Vater und Tochter kommt auch mit dieser Belastungsprobe klar.

Der Film enthält phantasievollen Nebenhandlungen, da geht es um die Aufführung von Peter Pan in der Schule, sowie einige animierte Überlegungen der Kinder zur Logik der Erwachsenenwelt.

Wie so oft sind die auf der Berlinale gezeigten Kinder– und Jugendfilme deutlicher, ehrlicher und ansprechender, als so manche aufwendig inszenierte Erwachsenenproduktion. Der in den Niederlanden ausgezeichnete Film, von Nicole von Kilsdonk, kriecht in die Köpfe der Kinder und bleibt auch in dieser Perspektive.
Der Film ist die Verfilmung von Marjolijn Hofs Kinderbuch Tote Maus für Papas Leben.

Ein deutscher Verleih, der diesen Film in unsere Kinos bringt, ist dem Film und den tollen Schauspielern zu wünschen.

erstellt am 14.2.2012

La mer à l'aube
Calm At Sea
Das Meer am Morgen

Frankreich/Deutschland 2011
Länge 89 Min. · Format DCP · Farbe

STABLISTE
Regie, Buch: Volker Schlöndorff
Kamera: Lubomir Bakchev
Kameraassistenz: Matthieu Normand
Ton: Philippe Garnier
Mischung/Sounddesign: Eric Bonnard
Musik: Bruno Coulais
Ausstattung: Stéphane Makedonsky
Kostüm: Agnès Noden
Maske: Amélie Bouilly
Casting: Sabine Schroth
Produktionsleitung: Olivier Sarfati, Marcus Boehnke
Produzent: Bruno Petit
Co-Produzent: Thomas Teubner, Martin Choroba
Redakteur: Claudia Simionescu, Christine Strobl, Patricia Schlesinger
Co-Produktion: Les Canards Sauvages, Arte France, Bayerischer Rundfunk, Norddeutscher Rundfunk, Südwestrundfunk

DARSTELLER
Guy Môquet: Léo Paul Salmain
Timbaut: Marc Barbé
Claude Lalet: Martin Loizillon
Désiré: Philippe Résimont
Victor Renelle: Charlie Nelson
Dr Maurice Ténine: Gilles Arbona
Marc Bourhis: Arnaud Simon
Ernst Jünger: Ulrich Matthes
Général Stülpnagel: André Jung
Otto Abetz: Thomas Arnold
Colonel Speidel: Harald Schrott
Kristucat: Christopher Buchholz
Lieutenant Campement: Konstantin Frolov
Touya: Jean-Marc Roulot
Chassange: Luc Florian
Lecornu: Sébastien Accart
Abbé Moyon: Jean-Pierre Daroussin
Spartaco: Cyrille Henry

PRODUKTION
Provobis Gesellschaft für Film und Fernsehen
Berlin, Deutschland
+49 30 3069760
office@provobis.de
WELTVERTRIEB
siehe Produktion
Link zur Press

Patatje Oorlog (Original)
Taking Chances ( Englisch)
Gute Chancen (Deutsch)

Niederlande 2011
Länge 87 Min. · Format 35 mm,
Cinemascope · Farbe

STABLISTE
Regie: Nicole van Kilsdonk
Buch: Lotte Tabbers, nach dem Buch Een Kleine Kans (Tote Maus für Papas Leben) von Marjolijn Hof
Schnitt: Wouter Jansen
Ton: Joeri Verspecht
Sounddesign: Herman Pieëte
Production: Design Genaro Rosato
Kostüm: Maartje Wevers, Monica Petit
Maske: Marjon Hoogendoorn
Produzenten: Marleen Slot, Leontine Petit,
Joost de Vries
Co-Produktion A Private View, Gent

DARSTELLER
Kiek: Pippa Allen
Thomas: Johnny de Mol
Esmee: Rifka Lodeizen
Lies: Leny Breederveld
Hayo: Ruben van der Meer

PRODUKTION
Lemming Film
Amsterdam, Niederlande
+31 20 6610424
info@lemmingfilm.com
WELTVERTRIEB
Delphis Films
Montreal, Kanada
+1 514 8433355
xiao@delphisfilms.com