Ann Cotten, Foto: Wolfgang Becker
Ann Cotten, Foto: Wolfgang Becker
Text und Audio

Ann Cotten

Tundra

This was not here when I was here before.
Ein Bagger hat sein Wüsten hinterlassen,
grobe, hinterhältige, d. h. zielgerichtete Spuren,
auf denen man stiefelt und sein Sandwich isst,
ein Tier nach Nahrung mit den kleinen Schuhen,
denen man vorwarf, viel zu groß und grob zu sein.

Ein Schwulenpaar am Denkmal für Homosexuelle, die
im Dritten Reich verfolgt wurden, trällern
»I will survive« und herzen sich einander überfallend.
Die Schärfe ist bewusst.
Dämmerung beginnt, Kanten zu vertuschen.

Zärtliches Moos, generöse Hufchen
von Schafen, die gedankenlos zu Ziegen
mutieren, Aliens, ein Ariel
des Sonnenuntergangs am Hauptbahnhof.
Imaginäres Zeigen. Alle Krähen schwind.
Wer dort nicht schon im Gefängnis saß.
8 000 Mal Lehrter Bahnhof. Agonie.
Durch Zeit. Vergeht Banalität und Grauen.
Ich geh und les Moabiter Sonette.
Ich geh und les. Die Wiese war zerstört.
Ahem. Die Wiese war gerettet.

Sitzt du zwischen dem Gras eigener Ansicht
und ihrem Urteil, du in Reichweite davon.
Ansicht wird Einsicht, schlottert kurz,
nach ein paar Tagen sitzt sowohl die neue Bartfrisur
als auch der milde Glanz in deinen Augen.

Entdeck ganz neue Seiten in dir.
Ging früher Demut um Wärme zur Pflicht
so lässt sie sich jetzt von den Alliierten
das Essen bringen. Sex wär sowieso vorbei.

Schreib nie Moabiter Sonette.
Nietzsche ist super, wenn man oben ist.
Doch hat es erst von unten ganz begriffen,
wer beherrscht, was zu beherrschen bleibt,
das Wüten gegen Wände. Macht in Ohnmacht, Ballett.
Nicht lausche nach Verbrüderung,
nicht grinde die Scharniere alter Fehler,
bis sie vor Mitleid alles übersetzen.
Wenn nichts bleibt als ihr Ekel, ist das Würde.

Und glaub dem Sex, er wusste schon die ganze Zeit die
Wahrheit.
Doch wozu das. Der Ekel geht jetzt nicht mehr weg.

Andere Leute Sind Potentielle Kunden

Weiße Rosen und ein karierter Schirm, groß
(hinter der Auslage ich und schaue)
groß ein karierter Schirm, darunter Rosen
Ich sitze hier und brauche keinen Trost

Ich sitze hier und brauche keinen Trost
zumindest so: was nützten mir die Rosen
der Schirm schneidet Klarheit aus Karos aus
Das gibts auch so. Ich sags mal so.

Unter dem Schirm und hinter meinem Glas
was intressiert mich das? Ich brauche Rosen
nicht: Trost verschwindet wenigstens
wenn er verwelkt. Wie diese

Frau mit ihren schwarz bestrumpften Beinen
im Minirock wie Rosen im Papier
am Rand der Auslage verschwindet.
Ich, ohne Trost und Rosen, hier, brauch keine.

Tender Love

Ja, nett, das ist schön, sehr lieblich,
ich möchte nichts sagen, ja, sehr gut gemacht.
Wie viel Warten, wie viel Bangen
ist im Klein- in diesem hier aufgelöst.
Ein zwei große Schrauben, mehr nicht,
und die dazugehörigen
Löcher, sie sind Launen.
Es wurde zum Glück nichts gesucht!
Geh einfach auf dem Gehsteig und rede
irgendeine Art von lampenhafter Lösung.

Die Gedichte wurden mit freundlicher Genehmigung von Ann Cotten und dem Suhrkamp Verlags dem Band »Florida-Räume« entnommen.

Florida-Räume bestellen

erstellt am 10.2.2012