Die Universität Greifswald hat am 4. Februar dem Cheflektor des Suhrkamp Verlags Raimund Fellinger die Ehrendoktorwürde verliehen und sein besonderes Engagement für die deutsche Gegenwartsliteratur gewürdigt. Sein Wirken habe »zur nachhaltigen Förderung und Sichtbarmachung der deutschen Literatur beigetragen.« Im Rahmen des universitären Festaktes hielt Peter Sloterdijk den Festvortrag, Christoph Hein las aus einem unveröffentlichten Manuskript.
Faust dokumentiert seine Dankesrede.

Rede eines literarischen Vermittlers

Der Beruf des Lektors

Von Raimund Fellinger

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Der Große Brockhaus von 1932 unterscheidet im Eintrag »Lektor« verschiedene Tätigkeiten: An die letzte Position setzte die Redaktion die Verwendung des Wortes zur Bezeichnung der im »Verlagsgewerbe« tätigen Personen, »die als Angestellte oder im Nebenberuf die angebotenen Manuskripte für den Verleger auf ihre Brauchbarkeit prüfen«. An erster Stelle steht die Übersetzung des deutschen Lehnworts aus dem Lateinischen als »Vorleser« und der Verweis auf die griechischen »Anagnostes«. Als Anagnostes fungierten in der Polis und zu Zeiten des römischen Imperiums Sklaven, die reichen Bürgern bei Tische, zu ihrer Bildung und Unterhaltung, wohl auch zur besseren Verdauung, Geschriebenes zu Gehör brachten. Das Zusammen von »ana« und »gnosis« meint jene, die in der Lage sind, etwas, in diesem Fall Buchstaben und Zahlen, wiederzuerkennen.

Zu verlockend ist es, anlässlich der akademischen Ehrung eines Verlagslektors beide Charakterisierungen zugrunde zu legen, um zu erzählen, wie sich aus solchen Aufgaben der heutige Berufszweig herausgebildet hat; zu pointenfixiert ist es, die strukturelle Vergleichbarkeit der Bedingungen seines Tuns im alten Rom und im heutigen New York, Berlin, Paris, Tokio hervorzuheben; zu langweilig, für Sie und für mich, ist es, ein weiteres Mal zu rekapitulieren, wie in Deutschland auf jene Schriftsteller, die Verleger berieten, spätestens zu Beginn der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, Intellektuelle als Kritiker folgten, die sich für die wichtigste Verlagsabteilung hielten, gleichzeitig ständig lamentierten, ihre Arbeit nehme niemand wahr, geschweige denn ernst, sie seien die großen Unbekannten des Literaturbetriebs, würden als dessen Hausmeister oder Putzfrau behandelt, obwohl sie, und nur sie, den Schreibenden das Tor zu den Lesern aufstoßen, zu Anerkennung und Ruhm verhelfen könnten. Fortzufahren wäre, wie gegen Ende des 20. Jahrhunderts die »Autoren, die nicht schreiben«, die »unsichtbaren Zweiten«, »diese Schattenmänner und Schmerzensfrauen, denen nachgesagt wird, dass sie an den Webstühlen rackern, auf denen der Schleier des literarischen Ruhmes gewebt wird« (dieser Satz stammt von jemandem, der von sich behauptet, Verleger zu sein), in den Feuilletons und Universitäten immer mehr Beachtung fanden. Günther Busch z. B., um einen meiner Lehrer zu nennen, erkannte die Universität Hannover 1989 den Ehrendoktor zu. Wie ausgeprägt das Bewusstsein von der eigenen Wichtigkeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist, zeigte sich, als sich ein Lektor zum fünfzigsten Geburtstag – Wissenschaftler müssen mindestens bis zum 65. Geburtstag warten – eine Festschrift andienen ließ. Gibt man im Jahr 2012 den Suchbegriff »Lektor« bei Wikipedia ein, findet sich folglich an erster Stelle die Übersetzung als »Verlagslektor«. Abzuschließen wäre diese Skizze durch ein Wehklagen über den gegenwärtig zu beobachtenden Untergang einer Instanz, die nur noch dem Produktmanagement dient – mit dem Ausblick auf das unmittelbar bevorstehende Ende der Lektorentätigkeit als ganzer.

Die Repetition von Stereotypien verfehlte das entscheidende Merkmal der Lektorentätigkeit: So notwendig ein persönliches Verhältnis zum Autor, der Sinn für neue Bücher, der Einfallsreichtum bei Marketingstrategien, die Vernetzung innerhalb der nationalen wie internationalen Literaturen, Verlage und Agenturen sind, die Kernaufgabe des Lektors besteht bei allen diesen Aktivitäten, in zentraler und nicht zu überschätzender Weise, in der Arbeit am Wort, am Buchstaben, am Zeichen. Die auf dieser Ebene dem Autor und Übersetzer zu unterbreitenden Vorschläge und daraus sich ergebenden Entscheidungen folgen aus dem Verständnis des Manuskriptes in seiner Gesamtheit – sie in ihrer Einzigartigkeit zu erkennen und dazu beizutragen, sie von Schlacken zu befreien, das ist das Hauptgeschäft eines literarischen Lektors, und nur von ihm ist hier die Rede. Für ihn muss es einen gravierenden Unterschied bedeuten, ob der zweite Satz eines Buches lauten soll: »Der Mann, von dem ich hier erzählen will, wurde geweckt von einem gewaltigen Donnerschlag.« Oder: »Den Mann, von dem ich hier erzählen will, weckte ein gewaltiger Donnerschlag.« Oder: »Der Mann, von dem hier erzählt werden soll, wurde geweckt von einem mächtigen Donnerschlag.«

Von den Details solcher Arbeit kann eine Dankrede nicht handeln. Deshalb begebe ich mich auf das Gebiet der Literaturtheorie, allerdings aus lektoratspraktischen Gründen. Denn dadurch wird eine weitere Voraussetzung für jeden literarischen Lektor deutlich. Den Ausgangspunkt der hoffentlich ebenso lehrreichen wie erheiternden Überlegungen bildet die Dankrede eines Schriftstellers anlässlich der Verleihung der Würde eines Dr. h.c. Den erkannte die Ludwig Maximilians-Universität München 1976 Elias Canetti zu. Die Zeit druckte dessen Ausführungen am 6. Februar 1976 unter dem Titel Der Beruf des Dichters. Canetti beschäftigte sich vor allem mit jenen Schriftstellern, deren Literaturverständnis von dem eigenen abwich. Nachdem er verschiedene Positionen zurückgewiesen hatte, nahm er sich einen von ihnen, ohne ihn beim Namen zu nennen, besonders vor:

»[. . .] aber auch andere [. . .], die bittere und sehr begabte Bücher verfassten, brachten es als ›Jemand, der schreibt‹, sehr bald zu Ansehen und taten nun, was frühere Dichter zu tun pflegten: Statt zu verstummen, schrieben sie dasselbe Buch immer wieder. So verbesserungsunfähig und todeswürdig die Menschheit ihnen erschien, eine Funktion war ihr geblieben: ihnen zu applaudieren.«
Der Autor, der 1970 verkündet hatte, er sei kein Schriftsteller, sondern jemand, der schreibt, startete einen Gegenangriff, in Form eines Leserbriefs. »Der neue Ehrendoktor Canetti, der Aphorismusagent der Jetztzeit, der also zum Ehrendoktor geboren ist, der vor rund vierzig Jahren eine begabte Talentprobe als phantastische ›Blendung‹ abgelegt hat, ruft sich, sozusagen als selbstinszenierte ›Komödie der Eitelkeit‹, in einem Anfall von akuter, sicher aber doch galoppierender Senilität auch noch zum (einzigen) Dichter aus! Senilität ist rührend, die Arroganz eines Greises, Spätlingsvaters und skurrilen Torschlussphilosophen, der, wie gesagt, vor vierzig Jahren eine begabte Talentprobe abgelegt und in der Zwischenzeit als eine Art Schmalkant und Kleinschopenhauer durch Inkonsequenz konsequent sein Niveau verloren und in der Universität München in tatsächlich dummen Sätzen schamlos auch seinen Kopf auf nichts gestutzt hat, ist peinlich. Oder auch nur grotesk. Der jetzt schon seit Jahren emsig in alle deutschsprechenden Winkel in Dichtertum reisende Aushilfsprophet machte halt sozusagen auf akademischem Boden seinem schlechten Gewissen Luft.« Unterzeichner: Thomas Bernhard, Ohlsdorf.

Mit dieser Vorgehensweise reiht sich Bernhard ein in eine lange Tradition des Spiels mit dem Bruch von Spielregeln für den Umgang der Schriftsteller miteinander. Denn unmittelbare öffentliche Reaktionen auf einen Kollegen, der für alle nachlesbar das literarische Ansehen der eigenen Person zerstören möchte, gelten einerseits bis in die Gegenwart als Verletzung jenes Tabus, wonach der Angegriffene klaglos jeden Angriff zu ertragen hat. Andererseits gehören Attacken von Autoren auf Kollegen oder ganze Autorengruppen zur Literatur seit ihren Anfängen, man kann von einer eigenständigen Gattung der Kollegenbeschimpfung sprechen. Horaz charakterisiert Atticus in den Versen: »Während du nichts gut machst, machst du doch alles flott. / Soll ich dir sagen, was du bist? Du bist ein großer Stümper.« (Hier haben wir den besonderen Fall, bei dem die Attacke auf einen Schriftsteller sich erhalten hat, von dem kein Werk überliefert ist.) Diese Zeilen sind dem Band Dichter beschimpfen Dichter entnommen, einem von Jörg Drews zusammengestellten Kompendium der Kollegenschelte.

Um Ihnen, meine Damen und Herren, liebe Autoren und Kollegen, die Ubiquität der verbalen Hinrichtungen von Autoren durch ihre Kollegen zu verdeutlichen, Beispiele: Bekanntlich war Friedrich Schiller häufiges Opfer von Angriffen seitens seiner Kollegen. Der von Heinrich Heine ist also fast unausweichlich: »Hier feiert der Gedanke seine Orgien – nüchterne Begriffe, weinlaubumkränzt, schwingen den Thyrsos, tanzen wie Bacchanten – besoffene Reflexionen.« Das nächste Urteil einer Frau zählt eher zu den Überraschungen. »Ich lese jetzt Joyce, und mein Eindruck nach 200 von 700 Seiten ist, dass der arme junge Mann nur ein Spatzenhirn hat, sogar im Vergleich zu George Meredith. Ich glaube, wenn man die Bedeutung einer Seite von Joyce wöge, so wäre sie zehn Mal leichter als die einer Seite von Henry James.« Es stammt von Virginia Woolf. Und Hervé Guibert feuerte im Stakkato auf Thomas Bernhard: »Ein Schlittschuhfahrer, ein Fummler, ein zeilenschindender Nörgler, ein Verzapfer syllogistischen Platitudensalats, ein mottenkranker Unentjungferter, ein schlüpfriger Winkeladvokat, ein Salzburger Korinthen kackender Schmähsabberer, ein Prahlhans, der alles besser kann als die anderen …«. Letztes Jahr diktierte Peter Handke, der Thomas Bernhard, ihm am Tisch gegenübersitzend, als »Giftzwerg« tituliert hatte, seinem Biographen in der Pariser Brasserie Lipp aufs Band, damit dieser es auch wortgetreu abschrieb und veröffentlichte: »Daniel Kehlmann? ›Das ist überhaupt kein schöpferischer Mensch. Der sitzt am Computer und holt die Details zusammen.‹ Ingo Schulze? ›Scheißhausliteratur.‹ Orhan Pamuk: ›Gut gehäkelte Ware.‹ Herta Müller: ›Kunstgewerbe‹.«

Schriftsteller sind also auch nur Menschen, etwas eitler als der Rest der Menschheit, die an der ständigen Verfeinerung der Kunst der Kollegenbeleidigung arbeiten? Bildet das Gasthaus mit veritablem Stammtisch den Kern des Literaturbetriebs, an dem Autoren, in der Regel, über andere Schreiber lästern, sich in Beschimpfungen und Beleidigungen gegenseitig überbieten? Besteht der Kampf auf dem literarischen Feld unter anderem in der Herabsetzung der Konkurrenten, um sich die Gunst der Leser und Kritiker zu sichern – und damit hohe Auflagen und damit hohe Honorare und damit hohes Ansehen? Kann man es in der »république des lettres« nur zu etwas bringen, wenn man andere zu Rivalen erklärt, denen alle literarischen Fähigkeiten abgehen und die deshalb zu verdammen und in effigie zu ermorden sind? Und ist in der Verfassung dieser Republik ein literarischer Monotheismus verankert, der es verbietet, neben dem einen Gott, also diesem einen besonderen, jedem anderen seinen Platz zuweisenden Schriftsteller, andere Götter, Schreiberlinge, zu verehren?

Literaturwissenschaftler haben die Tiraden aus einem theoretischen Blickwinkel betrachtet. Laut Jörg Drews sind sie aus vielfältigen Gründen unersetzbar: Ohne sie versiege die Produktivität der Autoren: »… die Dichter und Schriftsteller brauchen offenbar die möglichst ungestörte Überzeugung, eigentlich ganz alleine was zu taugen, um sich nicht aufs schwerste in Zweifel gestürzt und in ihrer Produktivität beeinträchtigt zu sehen.« Diese Tiraden seien nützlich zur Beschreibung der Poetik des schimpfenden Autors, da sie zeigten, wie und warum er sich von welchen Kollegen absetze. Schließlich brächten die apodiktischen Urteile potentiell die jeweils geltende literarische Hierarchie durcheinander.
Es existiert eine Histoire des haines d`écrivains für die französische Literatur des 19. Jahrhunderts. Nach Meinung ihrer Verfasser, Anne Bouquel und Etienne Kern, zählt der Hass auf die Kollegen zu den Grundvoraussetzungen schriftstellerischer Existenz. »Der Ehrgeiz des Schriftstellers ist absolut und uneingeschränkt. Wie auch immer es um sein Können bestellt ist, er bemüht sich um eine zweifache Anerkennung: diejenige durch seinesgleichen, diejenige der Öffentlichkeit … Beide sind unauflösbar miteinander verbunden. Auf der einen Seite wünscht er sich sehnsüchtig, der Kopf einer Schule zu werden, ein ›Dichterfürst‹, und duldet niemand neben sich. – Auf der anderen Seite legt er Wert auf Reichtum, Ruhm, die Eroberung von Frauen. Mehr noch: es genügt ihm nicht, wenn er bewundert wird, er und nur er allein darf bewundert werden. … l’homme de lettres a ›la plus impossible, la plus irréalisable, la plus monstreuse, la plus olympienne des ambitions, une ambition défendue à un pape, à un empereur, à un dictateur, au maître le plus maître: l’ambition de Balzac, qui était de péter dans le monde‹.«

Theodor W. Adorno verwendet in den Minima Moralia sogar das Wort »vernichten«, wenn er die Vergleichbarkeit von Kunstwerken abhandelt: »Soviel ist wahr, vergleichen lassen sie [die Kunstwerke] sich nicht. Aber sie wollen einander vernichten. […] Denn wenn die Idee des Schönen bloß aufgeteilt in den vielen Werken sich darstellt, so meint doch jedes einzelne unabdingbar die ganze, beansprucht Schönheit für sich in seiner Einzigkeit und kann deren Aufteilung nie zugeben, ohne sich selber zu annullieren.«

Harold Bloom zufolge sind die Urteile der Schriftsteller über ihre Vorgänger notwendig, um die Einfluss-Angst zu bannen: Akzeptierten sie eine Beeinflussung durch Vorgänger, wären sie gezwungen, die Vorstellung vom eigenen Schaffen als Schöpfung aus dem Nichts aufzugeben.

Um den agonalen Charakter kollegialer Unfreundlichkeiten nicht in der Theorie der Intertextualität zu entschärfen oder auf bloß soziologisch relevante Beschreibung von Positionskämpfen im literarischen Feld einzuengen, möchte ich die Kategorie Befeindungen in die Literaturtheorie einführen. Sie bezieht sich auf einen Einzeltext oder das Gesamtwerk eines Autors; sie bezeichnet inhaltliche und formale Elemente der Mikro- wie der Makrostruktur, kommt als Untersuchungsinstrument also zum Einsatz auf allen Ebenen eines literarischen Werks vom Zeichen bis zur Gesamtstruktur; sie erklärt die Beziehung zwischen dem Agieren eines Autors in der Öffentlichkeit und Inhalt wie Form seines literarischen Œuvres. Sie dient lektoratspraktisch als notwendiges Arbeitsmittel.
Den Nutzen dieser Kategorie will ich erproben anhand der Person und des Werks von Thomas Bernhard, da bei ihm die Vokabeln »Feind« oder »feindlich« und die mit ihnen assoziierten Wörter in den mündlichen Äußerungen oder geschriebenen Sätzen einen prominenten Platz einnehmen.
1955 führte er das von ihm für miserabel befundene Niveau des Salzburger Theaterrepertoires unter anderem auf die »kulturfeindliche« Einstellung der Stadt zurück. In seinem Selbstporträt formulierte er 1959: »Seine Arbeit aber verrichtet er mit Energie, mit Zähigkeit und mit Gleichgültigkeit gegenüber seinen Feinden« – hier sind die Schriftstellerkollegen im Visier. 1975 weitete sich die Feinderklärung aus: »Das Publikum ist der Feind des Geistes, deshalb habe ich für das Publikum nichts übrig, es hasst den Geist und es hasst die Kunst und es will nur das Dümmste zur Unterhaltung, alles andere ist nichts als Lüge, mir aber ist das Dümmste zur Unterhaltung immer verhasst gewesen, also muss mir das Publikum verhasst sein, es ist und muss Feind bleiben, bin ich anderer Ansicht, gehöre ich auf den Misthaufen des Publikums, das ich heute verabscheue, denn es tritt mit Füßen, was mir das Wichtigste ist.« 1982 erfolgte die allgemeine Feinderklärung: »Ich und meine Arbeit haben so viele Feinde, wie Österreich Einwohner hat, die Kirche, die Regierung auf dem Ballhausplatz und das Parlament auf dem Ring eingeschlossen. Abgesehen von ein paar Ausnahmen. Von diesen Ausnahmen zehre und existiere ich.«
Solche All-Feinderklärungen lösen unweigerlich Heiterkeit aus. Das macht verständlich, warum sich der Eindruck verbreiten konnte, der Autor stelle es allein auf dieses Lachen ab.
Mit allem und jedem befeindete er sich, erklärte er, wenn es sich für seine Existenz als Schreiber als notwendig erwies, zum Feind. Das Ziel: Durch das Verdammen und Verlachen alles und jedes, aller und jeder, also gegen die größtmöglichen Widerstände die größtmögliche literarische Wirkung zu entfalten.
Für ein derartiges Urteil sprechen zunächst Hinweise zur Person, auch wenn die Kategorie der Befeindungen keine psychologische Komponente besitzt. Wieland Schmied vermerkte in einer biographischen Skizze: »Thomas Bernhard brauchte mit den Jahren immer mehr Feinde. Feinde haben ihn zum Schreiben inspiriert. Er brauchte das. Er brauchte die Gegnerschaft, er hat sie gepflegt und ist den anderen nichts schuldig geblieben.«
Und in einem Interview im Jahre 1977 antwortete Bernhard auf die Frage »Sind Sie gern böse?«: »Ich glaub ja bis zu einem gewissen Grad. Ich kann sicher sehr bös sein, ja, grausam bös. Ich kanns nur nicht ausleben, austoben, nicht? Das erzeugt dann eine gewisse Verkrampfung und zeitweise über lange Perioden ein bestimmtes Unglück, nicht? Und dann eine Besinnung und Disziplinierung, weil man kann eigentlich nicht wild um sich schlagen und böse sein. Wäre großartig wahrscheinlich, wenn man es austoben könnte, aber dann hätte man nicht den Verstand, den man hat.«

Bernhards Kunst wäre also zu verstehen als Disziplinierung der durch die Bösartigkeit sich ergebenden Befeindungen.
Er trieb diese Selbsterzeugung der Bedingungen der eigenen Produktivität durch die Selbsterzeugung von Feinden, also die Befeindungen, so weit, dass er sich selbst zu seinem ersten und wichtigsten Feind erklärte: 1970 bekundete er, auf einer Parkbank in Hamburg sitzend: »Und ganz früh hab‘ ich – so bis siebzehn, achtzehn Jahre –, hab‘ ich nichts so gehasst wie Bücher. […] Und wahrscheinlich … warum bin ich eigentlich zum Schreiben gekommen, warum schreibe ich Bücher? Aus Opposition gegen mich selbst plötzlich […].«

Befeindungen lösen in der Regel Gegen-Befeindungen aus. In einer Dissertation über das Erzählwerk von Thomas Bernhard fällt ein eindeutiges Urteil zu Frost: »Ich kann daraus nur schließen, dass es das Konstruktionsziel des Romans ist, dem Leser eine große gedankliche Anteilnahme an der Figur Strauch vorzuleben, aber jede Frage an diese Figur, jeden Zweifel an ihr und jede Widerrede auszuschließen – nicht nur im Text, sondern auch im Bewusstsein des Lesers. Ich nenne das eine manipulative Leserführung: der Text will, dass der Leser sich die einseitige, defekte Verstehensbewegung des Famulanten zu eigen macht, und zwar ohne ihre Defizienz zu merken.« Mit solchen Sätzen promovierte Andreas Maier, Verfasser u. a. von Wäldchestag, Kirillow, Das Haus, Anti-Heimatromanen wie der kritisierte Frost.

Spätestens jetzt sollte der lektoratspraktische Nutzen der Kategorie der Befeindungen deutlich geworden sein: Neben dem Abwägen des spezifischen Gewichts eigener Wörter und dem groben oder feinen Feilen an Wörtern und Sätzen, der Erwägung von Notwendigkeit oder Aufhebung von Absätzen, dem Abwägen der Vor- und Nachteile von Kapitelumstellungen besteht die gewichtigste Herausforderung an die Arbeit des Lektors darin, jedem der verfeindeten Werke zu seinem eigenen literarischen Recht zu verhelfen. Die Befeindungen »seiner« Autoren führen ihm im Detail vor Augen, worin deren Spezifikum jeweils besteht. Nur der Lektor, der seine Vorlieben zurückstellt, kann jedem der von ihm gelesenen Manuskripte, Typoskripte und Dateien in der je eigenen Weise gerecht werden, die ihre Besonderheit verlangt. Überspitzt behauptet: Nur wer vieler Werke Diener in gleichbleibender, gleichwacher Aufmerksamkeit ist, hat Anspruch auf die Bezeichnung als literarischer Lektor. Und damit ist dem Lektorat jenseits aller Selbstüberschätzung wie jenseits aller Abwertung als Relikt aus vor-digitalen Zeiten doch eine für die Literatur sagen wir nicht unnotwendige Rolle zuzusprechen: Ohne das Lektorat wird die in den Befeindungen sich artikulierende unendliche Zahl literarischer Möglichkeiten verschwinden und dem Platz machen, was heute Genreliteratur heißt und viel mit Akzeptanz und nichts mit Literatur zu tun hat. Bei der Hatz nach immer mehr vom Immergleichen, durch das der mühevolle Prozess der Verwandlung von prima facie Unverkäuflichem in die absatzträchtige Ware Buch umgangen werden soll, sind andere Qualifikationen gefordert. Demnächst schon sind wir also Zeugen der Wiederbelebung der Rolle der Anagnostes.

erstellt am 10.2.2012

Foto: Simon Voigt/webmoritz.de
Foto: Simon Voigt/webmoritz.de

Der Lektor und »seine« Autoren: Thomas Meinecke, Raimund Fellinger und Albert Ostermaier (v.l.)

Ohne das Lektorat wird die in den Befeindungen sich artikulierende unendliche Zahl literarischer Möglichkeiten verschwinden und dem Platz machen, was heute Genreliteratur heißt und viel mit Akzeptanz und nichts mit Literatur zu tun hat.