Wirft man in Bengalen ein Samenkorn achtlos auf den Boden, so gedeiht dort bald ein großer Baum. Deshalb, so sagt man, dichten und singen die Bengalen lieber, als sich um ihr tägliches Brot zu sorgen. In dem Dichter, Musiker, Pädagogen und Maler Rabindranath Tagore ging die Saat doppelt auf. Er lebte auf seinem fruchtbaren Grund, und für seine Gedichte erhielt den Literaturnobelpreis. Seine Lieder wurden zu Schlagern; heute rezitiert man andere Gedichte und singt neue Lieder. Doch über allem wacht noch immer der Nationalheilige Rabindranath Tagore, der vor 150 Jahren geboren wurde. Clair Lüdenbach erinnert an die indische Lichtgestalt aus der Zeit, als Indien um seine Unabhängigkeit kämpfte.

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Tagore – Das Genie aus dem Osten

Von Clair Lüdenbach

Auf der Parade zum indischen „Republic Day“ 2012 präsentierte sich der Bundesstaat Bengalen mit einer Hommage an Rabindranath Tagore. Auf einem Festwagen hatte man die Universität in Shantiniketan, die Tagore einst gründete, en miniature dargestellt. Neben kraftstrotzendem Kriegswerkzeug, paradierenden Truppeneinheiten und kunterbunter Folklore aus allen Teilen des riesigen Reiches war das Symbol eines Friedensaktivisten aus der Zeit der Unabhängigkeitsbewegung zu bestaunen. Diese stolze Geste war nicht sonderlich überraschend, denn man gedachte damit seines 150 Geburtstages.

Mit der Nobelpreis-Auszeichnung 1913 für seinen Lyrikband Gitanjili wurde die ganze Welt auf Rabindranath Tagore und sein Land aufmerksam. Er selbst sah in der Ehrung auch eine längst überfällige Annäherung von Ost und West. Sein literarisches, pädagogisches und vor allem sein musikalisches Werk wussten in den frühen Jahren nach der Unabhängigkeit vorwiegend seine Landsleute in Bengalen zu schätzen. Noch in den 70er Jahren konnte man beim Flanieren durch die Wohnviertel Kalkuttas die Stimme irgendeines Mädchens vernehmen, das Tagorelieder einübte. Denn damals gehörte es noch zur Pflicht einer jungen Braut, die Lieder ihres Nationaldichters in die Ehe einzubringen. Aber die Menschen im fernen Ahmedabad, in Delhi oder auch nur im nahen Patna kümmerte das Werk Tagores wenig. Und noch seltener identifizierte man sich in den Südstaaten Indiens mit dem Reformpädagogen, Dichter, Schriftsteller, Maler und Musiker. Dort war man noch Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit beleidigt, weil man die Sprache Hindi als Nationalsprache anerkennen musste, und überbrückte lieber die Sprachbarriere zu Nordindien mit Englisch. Der Nationalheld Tagore gehörte deshalb für Südinder zu einem anderen Kulturkreis. Doch ganz sicher kennt jeder Inder ein Lied von Rabindranath Tagore, nämlich die Nationalhymne. Und auch das kleine Nachbarland Bangladesh wählte seine Nationalhymne aus dem Liedschatz Tagores.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion schloss sich Indien den westlichen Wirtschaftsstrukturen an. Und damit begannen ungeheure wirtschaftliche, soziale und kulturelle Veränderungen. Sogar in Bengalen bevorzugten die jungen Leute von da an neue Lieder. Plötzlich gab es neben Hindi-Filmmusik auch Singer-Songwriter, die in Anlehnung an die Tagorelieder durchaus kritisch die neuen Entwicklungen besangen. Es ging nun nicht mehr um heroische Heimatmelodien, um Naturbilder und romantische Liebe, sondern um Schulstress, politische Haltung, die Kluft zwischen Arm und Reich und Konsumkritik.
Die berühmte Universität in Shantiniketan – Ort des Friedens – hat im Laufe der Jahrzehnte viel von ihrem Glanz verloren. Einst hatte Tagore dort eine Waldschule gegründet, eine ideale Schule, wie er sie nannte, einen Ort, an dem Lehrer und Schüler in enger Verbindung und Verbundenheit mit der Natur lebten und lernten. Zu den Schülern gehörten zunächst die eigenen fünf Kinder und die Dorfjugend. Bald kam der Nachwuchs der Intellektuellen Kalkuttas und aus anderen Teilen Indiens dazu. Sowohl Indira Gandhi als auch der Filmemacher Satyajit Ray und der Nobelpreisträger für Ökonomie, Amartya Sen, lernten dort. Aus dieser Reformschule entstand nach dem Nobelpreis die Universität. Einige enge englische Freunde Tagores gründeten in Dartington im Südwesten Englands eine Schwesteruniversität, die einen lebhaften Austausch mit Shanteniketan pflegte. Bevor Rabindranath Tagore seine Berufung als Pädagoge fand, hatte er als Verwalter eines der Familiengüter im heutigen Bangladesh in beschaulicher Abgeschiedenheit gelebt. Dort entstanden viele seiner literarischen Werke. In Shantiniketan widmete er sich in erster Linie der Lehrtätigkeit und der Weiterentwicklung seines ganzheitlich-pädagogischen Konzepts, wobei er immer wieder zu Dichtung, Komposition und Malerei zurückfand. Aus der Einsamkeit heraus pflegte Tagore eine lebhafte Briefkonversation mit den Größen seiner Zeit. So gab es einen Gedankenaustausch mit Albert Einstein, George Bernhard Shaw und William Butler Yeats. Und immer wieder verließ er die Stille, um in die Welt auszuschwärmen. Dreimal führten ihn seine Reisen auch nach Deutschland und unter anderem nach Darmstadt, wohin ihn der indienbegeisterte Großherzog Ludwig einlud, um ihn vor den Gästen der „Schule der Weisheit“ sprechen zu lassen. Dieser philosophische Zirkel ging auf Hermann Graf Keyserling zurück, der sich ebenfalls auf Einladung des Herzogs in Darmstadt niedergelassen hatte. In Deutschland, wie überall in der Welt, wurde Tagore, der charismatische Heilsbringer aus dem Osten, stürmisch gefeiert.

Bei seinem letzten Darmstadtbesuch verbrachte er einige Tage als Gast in der Odenwaldschule, deren pädagogisches Konzept dem der Tagoreschen Waldschule verwandt war. Nach Tagores Tod war er im Westen schnell vergessen. In seiner Heimat blieb er der Nationaldichter. In den 90er Jahren erwachte dort auch ein neues Interesse an seinen Kompositionen. Diesmal nahmen Sänger der klassischen indischen Musik seine Lieder in ihr Repertoire auf. Diese Künstler kamen nicht unbedingt aus der Heimat des Dichters, sondern aus Mumbai und Delhi. Sie stellten die Musik Tagores in eine Reihe mit den Liedern der Dichterheiligen Kabir und Meera aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Zuvor gehörten die Kompositionen Tagores zur regionalen Musik der Bengalen, denn die Verse waren in seiner Muttersprache verfasst und nicht in der Nationalsprache Hindi. Hunderte seiner Gedichte setzte er in Musik, wobei er häufig eine der vielen klassischen Ragaskalen verwendete. Aber manchmal übernahm er auch bekannte Volkslieder, die er in England gehört hatte.

Eine weltweite Beachtung fand ausschließlich sein literarisches Werk. In Deutschland wird das Leben und Werk Tagores durch den Autor und Übersetzer Martin Kämpchen immer wieder in Erinnerung gerufen. Er ist wohl der einzige Deutsche, der nicht nur Tagores literarischer Kunst verfiel, sondern auch seinen Wohnsitz an der Wirkungsstätte des Meisters in Shanteniketan nahm. Zum hundertfünfzigsten Geburtstag erschienen „Gedichte und Lieder“ in Reim und in Prosa im Insel-Verlag. Ebenso empfehlenswert ist das kleine Insel-Taschenbuch mit dem Titel „Liebesgedichte“ von Rabindranath Tagore. Kämpchen versucht, seine Übersetzungen aus dem Bengalischen möglichst dem lyrischen Ausdruck Tagores anzunähern. Denn frühere deutsche Übersetzungen wurden aus dem Englischen übertragen und trafen selten die Stimmung und den Ausdruck der Originalgedichte. Rabindranath Tagore ist in Indien eine Identifikationsfigur, die alle Völker des Kontinents eint. Doch dass er die Kunst in die Moderne führte, findet heute weniger Beachtung. Für die Buchmesse 2012 in Kalkutta – heute Kolkota – gab man eine Hymne in Auftrag, die ganz ohne Text und Töne von Rabindranath Tagore auskam. Dafür widmete man die gesamte Großveranstaltung dem Meister, der vor 150 Jahren geboren wurde.

erstellt am 08.2.2012

Rabindranath Tagore, 1915
Rabindranath Tagore, 1915
Tagore mit Romain Rolland , 1926
Tagore mit Romain Rolland , 1926
Tagore mit Gandhi  in Shantiniketan, 1940
Tagore mit Gandhi in Shantiniketan, 1940, Shantiniketan Collections
Tagore mit Einstein, 1941
Tagore mit Einstein, 1941
Gemälde von Tagore
Gemälde von Tagore

Rabindranath Tagore
Gedichte und Lieder
Ausgewählt und Übersetzt
aus dem Bengalischen
von Martin Kämpchen
Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17501-8

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