Porträt

Der Nerd, den wir lieben

Bislang war der Schauspieler Jonah Hill auf der Kinoleinwand der ewige Teenager. Für seine Rolle in „Moneyball” wurde er nun für den Oscar nominiert.

Von Kai Mihm

Die Filmgeschichte ist voll von wunderbaren Kurzauftritten, die weniger sind, als eine Nebenrolle und mehr als ein eitles Star-Cameo: Eine einzige Szene, in der ein Schauspieler im besten Fall die Stimmung des Films gewissermaßen darstellerisch auf den Punkt bringt. Eine der schönsten dieser „One-Scene-Perfomances” der letzten Jahre gehört Jonah Hill in „Jungfrau, 40, ledig, sucht …”. Als skurriler e-Bay-Kunde stört er da die Verabredung zum ersten Date zwischen Steve Carrell und Catherine Keener. In den meisten Filmen wäre dieser Typ, ein übergewichtiger „Nerd” mit dicker Brille, hässlichen Klamotten und einer Schwäche für silberne Glitzerstiefel, eine reine Lachnummer. In Apatows Film aber bildet er in einer Welt aus schrägen Vögeln und einsamen Herzen lediglich das i-Tüpfelchen an liebenswerter Schrulligkeit.

Es war der zweite Kinoauftritt für Jonah Hill und zugleich der Wegbereiter für größere Rollen. Geboren 1983 im gediegenen Brentwood, Los Angeles, hatte er sich während seines Schauspielstudiums in New York mit den Töchtern von Dustin Hoffman angefreundet. Die wiederum, so die Legende, überredeten ihren Vater, ihm einen Mini-Part in „I Heart Huckabees” zu besorgen.
Die Kehrseite sah allerdings so aus, dass er zunächst fast immer nur als „der durchgeknallte Dicke” besetzt wurde und in einer Art Michael-J.-Fox-Effekt selbst mit Mitte 20 noch pausbäckige High-Schooler verkörpern musste. Seine Fähigkeit, den Rollentypus des ewigen Nerds zu variieren, ist gleichwohl beeindruckend. In der unterschätzten Teenage-Komödie „Accepted” gab er an der Seite von Justin Long ein Computer-Mastermind, das beim Aufbau eines potemkinschen College behilflich ist; in „Superbad” trieb er als penisfxierter bester Freund von Michael Cera den homoerotischen Subtext der Story schon lange vor der berühmten Liebeserklärung der beiden an die Oberfläche; in „Beim ersten Mal” war er einer der Slacker-Kumpels von Seth Rogen. Und in „Nie wieder Sex mit der Ex” stiehlt er als musikbegeisterter Hotelpage mit Stalker-Potential eine Szene nach der anderen. Rückblickend wirkt diese Reihung beinahe wie die Weiterentwicklung einer einzigen Figur. Aber auch jenseits der Leinwand kultiviert Hill das leicht neurotisch-nerdige, wie ein Blick in seinen Twitter-Account oder auf sein offizielles Facebook-Profil zeigt. 2009 ließ er sich für Vanity Fair im fleischfarbenen Body für die Parodie eines Scarlett-Johansson-Fotos ablichten.
Bei solchen Aktionen, wie auch in seinen frühen Parts, profitierte er zwar von dem durch Judd Apatow eingeläuteten Trend, bestenfalls durchschnittlich aussehende Typen zu den Protagonisten einer Story zu machen. Anders aber als Seth Rogen, Michael Cera oder Jason Segel schien Hill offenbar selbst in diesem Kosmos ein wenig zu freakig, um ihn in den Mittelpunkt zu rücken: wirken die drei Genannten in ihrer Durchschittlichkeit stets harmlos, scheint der wuschelkäpfige Hill mit seinen eng stehenden Augen, dem durchdringenden Blick und dem verächtlichen Zug um den Mund unberechenbar. Da passt es, dass er neben Woody Allen auch Bill Murray zu seinen großen Vorbildern zählt.

Hills komödiantischer Stil ist eher zynisch, er hat die latent aggressive Aura eines jungen Mannes, der sich mit seiner Rolle nicht so einfach zufrieden geben will – und auch vor unlauteren Methoden nicht zurückschreckt, um sein Territorium zu verteidigen. Diese Verschlagenheit spielte er erstmals in Apatows Adam-Sandler-Vehikel „Funny People” voll aus, wo er als aufstrebender Stand-Up-Komiker seinen besten Freund hintergeht, um Karriere zu machen.
Der Independentfilm „Cyrus” (2009) markierte dann nicht nur seine erste Hauptrolle, sondern auch einen willkommenen Ausbruch aus der auf Dauer doch sehr beschränkenden „Apatow-Familie”. In der wundervollen Tragikomödie spielt er ein erwachsenes Muttersöhnchen, das den neuen Liebhaber (John C. Reilly) seiner Mama (Marisa Tomei) vergraulen will. Wie eine überdimensionale, fleischgewordene Chucky-Puppe mutet er da an, wenn er mit harmlosem Blick, aber maliziösem Lächeln die nächste Gemeinheit austüftelt. Am Ende zeigt er dann eine überraschende und anrührende Verletzlichkeit.
Momentan scheint er seine Karriere neu auszurichten. Seit seine Verkörperung des leicht linkischen Beraters von Brad Pitt in „Moneyball” als Oscar-verdächtig gehandelt wird, hat er 20 Kilo abgenommen, einen persönlichen Fitnesstrainer engagiert und seine Lockenmähne abgeschnitten. Schwer zu sagen, ob man diesen Wandel bedauern soll, demnächst jedenfalls kann man Jonah Hill noch einmal in alter Pracht sehen: In David Gordon Greens „Bad Sitter” spielt er einen komplett inkompetenten Babysitter.

erstellt am 08.2.2012

Jonah Hill
Jonah Hill