Literarische Themen mussten bei den „Arabischen Literaturtagen“, die im Januar erstmals in Frankfurt stattfanden, hinter der Politik und ihrer beklemmenden Aktualität zurückstehen. Die Autoren, die im Exil leben oder teilweise erst in letzter Minute ausreisen durften, saßen als direkte Augenzeugen auf den Podien.

Alawiyya Sobh in der Diskussion mit Youssef Hijazi (Übersetzer) und  Ali Al-Jallawi  (Lyriker), Foto: Wolfgang Becker
Alawiyya Sobh in der Diskussion mit Youssef Hijazi (Übersetzer) und Ali Al-Jallawi (Lyriker), Foto: Wolfgang Becker
Arabische Literaturtage

Ein Traum von Freiheit

Von Volker Breidecker

Im Jahr 2004, als die „Arabische Welt“ Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, stießen die Debatten der aus 22 arabischsprachigen Ländern angereisten Schriftsteller und Intellektuellen manch überraschende Töne an: „Reformen und Menschenrechte in der Arabischen Welt“, „Die arabische Zivilgesellschaft: ein neues, dynamisches Phänomen“, „Die Toleranz in der arabischen Kultur“, „Frauen in der Politik“ waren die Themen einiger Diskussionsforen. Noch ahnte niemand, wie rasch solche Perspektiven binnen weniger Jahre von breiten Volksbewegungen eingeklagt werden sollten.

„Hast du jemals davon geträumt, dass die einfachen Leute auf die Straße gehen und ‚nein’ sagen könnten?“ Der aus dem Irak Saddam Husseins geflohene, heute in Deutschland lebende Schriftsteller und Lyriker Abbas Khider – Verfasser des Romans „Der falsche Inder“ (Edition Nautilus) – fragte dies seine ägyptische Kollegin Mansura Eseddin. Bei den Arabischen Literaturtagen Ende Januar in Frankfurt beantwortete die 1976 geborene Journalistin und Autorin des im Zürcher Unions Verlag erschienenen Romans „Hinter dem Paradies“ die Frage mit einem klaren „Nein“ und setzte hinzu, dass das, was sie voriges Jahr auf dem Al-Tahrir-Platz erlebte, „das Schönste“ war, was ihr im bisherigen Leben passiert sei. Eseddin steht mit ihrem Enthusiasmus für den „Arabischen Frühling“ nicht alleine. Der Topos vom Fall einer Mauer, eine Mauer aus Angst und Schweigen, ist unter arabischen Intellektuellen heute ein geflügeltes Wort.

Veranstalter der Literaturtage war die „litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika“. Gewaltig war das Publikumsinteresse, das Frankfurter Literaturhaus – sonst für die Literatur um einige Nummern zu groß – platzte aus allen Nähten, so überfüllt waren die Säle und Foyers. Man war zusammengekommen, um unter dem Motto „Aufbruch in die Freiheit?“ – das Fragezeichen war berechtigt – ein gutes Jahr nach dem Aufflammen jener „Arabellion“, die sich von Tunesien aus wie ein Lauffeuer verbreitete, ein Zwischenresümee zu ziehen und nach dem Stellenwert der Literatur, nach den Bedingungen des literarischen Schreibens und nach der Rolle der Intellektuellen in den politischen Umbrüchen zu fragen. Dass man es aber mit gänzlich offenen, zudem von Land zu Land unterschiedlich verlaufenden Prozessen zu tun hat, deren Ausgang ungewiss ist – dies war auch das große Probleme dieser Veranstaltung: Die Literatur musste hinter der Politik und ihrer beklemmenden Aktualität zurückstehen. Ihr gegenüber ist noch lange nicht die zur literarischen Durcharbeitung benötigte Distanz zu haben. Statt dessen saßen Autoren als direkte Augenzeugen, vielfach auch als Opfer von Gewalt und Repression auf den Podien.

Drängendstes Stichwort war Syrien. Wenn sie heute an ihre Heimat denke, verspüre sie einen „Kloß im Hals“, sagte die syrische Kurdin Maha Hassan, die seit 2004 im Pariser Exil lebt, nachdem ihr das Schreiben verboten und sie der „moralischen Verkommenheit“ bezichtigt wurde. Und so wie sie daran erinnerte, dass vor rund einer Dekade, nach dem Tod von Hafiz al-Assad, auch schon einmal von einem „Damaszener Frühling“ gesprochen wurde, so sah Boualem Sansal, der algerische Friedenspreisträger durch das Beispiel Syrien seine aus der Entwicklung des eigenen Heimatlandes gewonnene pessimistische Sicht auf die gesamte Region bestätigt: Fällt ein Regime, kommen die Islamisten, die wiederum die Militärs auf den Plan rufen, die Restauration im Gefolge. Als anderntags eine Schlussdiskussion über „literarisches Engagement“ und „subversive Schreibweisen“ geführt werden sollte, saß mit der Journalistin und Erzählerin Rosa Yassin Hassan – im Alawi Verlag erschien 2010 ihr Roman „Ebenholz“ – eine unter großen persönlichen Risiken aus Damaskus eingeflogene Syrerin auf dem Podium: Mit nüchternen Worten schilderte sie die grausamen Ausmaße der alltäglichen Gewalt des Regimes gegenüber der eigenen Bevölkerung und äußerte die Furcht, ihr Land könne vollends in Gewalt und Bürgerkrieg versinken: „Alles ist möglich“, beschloss sie ihren Redebeitrag.

Stefan Weidner, der als hiesiger Islamwissenschaftler, als Autor und Übersetzer mit auf dem Podium saß, brachte daraufhin das Dilemma der Literatur zum Ausdruck: Gegenwärtig sei die politische Situation „so massiv und so aufdringlich“, dass es vielleicht unmöglich sei, „über etwas anderes als über Politik zu reden“. Ähnlich fielen die aktuellen Zustandsbeschreibungen für Ägypten aus, ein Jahr nach den großen Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz, deren Beginn sich Mitte dieser Woche jährt: Mubarak wurde zwar gestürzt oder geopfert, das Regime aber bleibt, und der Repressionsapparat agiert skrupelloser noch als zuvor. Zugleich setzt das Militär auf die Allianz mit den Islamisten, womit allen säkularen Zielen der jungen Rebellen vom Tahrir-Platz ein Ende bereitet wäre. Mansura Eseddin war erst jüngst Augenzeugin von Grausamkeit und Mordlust des Militärs. Solche Gewalterfahrungen, sagt sie, seien angstauslösend, gerade dann, wenn man zum Zeugen wird für ein Ausmaß an Gewalt, das Menschen nicht nur auszuüben, sondern auch zu akzeptieren bereit seien. Davon berührt sei das Ethos ihres Schreibens, gelte es doch „über das Böse zu schreiben“ und in der „Hässlichkeit eines Regimes“ die Hässlichkeit und Gewaltsamkeit einer ganzen Gesellschaft zu erkennen. Allein unter dem Druck der Ereignisse selbst könne die Literatur dem nicht gerecht werden, dazu sei Abstand vonnöten. Was jetzt an Literatur entstünde, sei übereilt.

Und so wurde und war doch auch über Literatur zu reden. Eine ähnliche Position wie Mansura Eseddin nahm die Libanesin Alawiyya Sobh ein, Autorin des 2010 bei Suhrkamp erschienenen Romans „Marjams Geschichten“. Sie macht keinen Hehl aus ihrer persönlichen Traumatisierung durch Bürgerkrieg und Gewalt, gleich, ob solche Gewalt politisch oder auch sexuell – als Gewalt gegen Frauen – motiviert sei: Den Krieg zu verstehen, hieße zu begreifen, dass die Gesellschaft die Gewalt in sich trage – als eine Krankheit. Beide Autorinnen, die miteinander auch ein Podium über Sexualität und Körperlichkeit in ihren Büchern bestritten, durchbrechen – auch mit sehr expliziten Sexszenen – damit nicht nur Tabus, wie sie von starren, durch Klan, Familie und Religion weitergetragenen Geschlechterrollen zementiert werden, sondern verfolgen damit auch poetologische Absichten: Die literarische Befreiung des Körpers aus den Gefängnissen der Schuldhaftigkeit sinnt auf die Wiederherstellung jener engen Beziehung von Körper und Sprache, wie sie in der arabischen Literaturtradition stets auf hohem ästhetischen Niveau und auf höchst sinnliche Art und Weise vorhanden war. Alawiyya Sobh, die wie ein weiblicher Rabelais schreibt (und lacht), setzt dazu massiv Ironie und grotesken Humor ein.

Auffällig an diesen Literaturtagen war, in welchem Maße schreibende Frauen diskursbestimmend waren. Man ahnt im Gegenzug die Krise der patriarchalischen arabisch-männlichen Identitäten. Vielleicht sind ja die Frauen das Subjekt einer arabischen Kulturrevolution, die bereits im Gange ist und auch keines Voltaire mehr bedarf, dessen Fehlen Boualem Sansal beklagte. Wenn das kein „arabischer Traum“ ist, wie jener, von dem Abbas Khider in Frankfurt als „von einer neuen Art Liebe“ sprach. Das wäre dann auch Politik und erst recht Literatur.

Dieser Beitrag ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

erstellt am 30.1.2012

Auszug aus der Abschlussdiskussinon mit Stefan Weidner

Der Lyriker Abbas Khider antwortet auf die Frage, warum er schreibt

Stéphane Bittoun trägt das Gedicht von Abbas Khider „Von den Gräbern der Rosen“ in deutscher Übersetzung vor und Abbas Khider liest „Von den Gräbern der Rosen“ in arabischer Sprache

Audio-Mitschnitte © Andrea Pollmeier, Faust-Redaktion

Abbas Khider, Foto: Wolfgang Becker
Abbas Khider, Foto: Wolfgang Becker
Alawiyya Sobh, Foto: Wolfgang Becker
Alawiyya Sobh, Foto: Wolfgang Becker
Mansura Eseddin, Foto: Wolfgang Becker
Mansura Eseddin, Foto: Wolfgang Becker
Boualem Sansal, Foto: Wolfgang Becker
Boualem Sansal, Foto: Wolfgang Becker
Rosa Yassin Hassan, Foto: Wolfgang Becker
Rosa Yassin Hassan, Foto: Wolfgang Becker