der kaufmann von venedig
Theater in Frankfurt

Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig

Von Ruthard Stäblein

1.

Von dem Stück bleibt nicht viel übrig. Es beginnt bei Shakespeare mit der Werbung um die reiche Erbin Porzia. Ein mittelloser Bewerber gewinnt sie, weil sein Freund ihm Geld gibt, das er sich vom Juden Shylock geliehen hat. Als Pfand verlangt der Jude ein Pfund Fleisch, Menschenfleisch seines Gläubigers. Als der Jude Shylock sein Pfand einfordert, verkleiden sich Porzia und ihre Freundin als Anwälte. Sie führen zum Schein einen Prozess, bei dem Shylock alles verliert. Am Ende, im Nachspiel mit Musik, feiern drei glückliche Paare ihre gelungenen Finten. Aber Porzia und ihre Freundin fehlen bei Barrie Kosky. Und seiner Dramaturgin. Die Verstellung, die Verkleidung, die komplexen Beziehungen zwischen Mann und Frau, alles Magische und Märchenhafte, all das fehlt in dieser Frankfurter Inszenierung.

2.

Barrie Kosky konzentriert sich auf die Figur des Juden Shylock. Im ersten Teil will er noch das Komödiantische ausreizen. Eine beleibte, vollbusige Sängerin aus Brooklyn im engen Glitzerkleid jiddelt Arien nach Richard Wagner, diesem Antisemiten. Aber ihr Jiddisch ist so angestrengt und ihr Gesang so grauenhaft, dass diese Variete-Einlagen ins Groteske, in Klamauk umkippen. Besser noch die Jazz-Combo „contrast Quartet“, die die Songs begleitet und das Stück wenigstens musikalisch auf die Sprünge hilft. Das Stück selbst kommt bei Kosky nur schleppend in die Gänge. Die Figuren sind keine Charaktere, die sich entwickeln, sondern Charaktermasken, männerbündelnde Typen, außer Shylock. Und in Grenzen noch Lanzelot, der Diener, gespielt von Nils Kahnwald, der sich wenigstens auf den Spaß und das Nasedrehen von Shakespeare versteht.
Barrie Kosky hat Shakespeare völlig demontiert und aus allen möglichen Fremdanteilen neu zusammengesetzt. Am Anfang und am Ende Parabeln von Franz Kafka, in der Mitte antisemitische Hetzpredigten von Martin Luther; dazwischen Liedverschnitte von Richard Wagner und ein Chanson von Friedrich Holländer: An allem sind die Juden schuld. Das so penetrant gesungen wird, dass es als Ohrwurm hängen bleibt.
Aber die Demontage von Kosky funktioniert und ergibt einen Sinn. Schon der Einstieg mit Kafka ist gelungen. Michael Benthin beeindruckt mit Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“. Durch diese Parabel fällt ein schräges Licht auf das Stück: Die Suche nach Gerechtigkeit ist absolut und unerfüllt. Kafkas Mensch wartet vergeblich auf sein Recht wie Shakespeares Shylock.
Auch Kafkas Parabel auf den Geier, der im Blut seines Opfers ersäuft, gibt der Inszenierung am Ende eine Klammer, und einen Kick fürs Weiterdenken.
Der Bühnenbildner Klaus Grünberg macht die Demontage und den Zugriff von Kosky auf Shakespeare anschaulich. Die Hinterbühne ist in 3 Rängen eingeteilt, von denen sich die Schauspieler sportlich herunter hangeln und auf einer Glasscheibe in die Szene, in die Handlung eingreifen. Wenigstens eine Anspielung auf das Tribunal, das Theater im Theater von Shakespeare. Nun bildet diese Hinterbühne eine Parabelform. Und damit trifft der Bühnenbildner des Pudels Kern, Koskys Kern. Der australische Opernregisseur hat aus Shakespeares Kaufmann in Venedig eine Parabel gemacht, eine Parabel auf die Geschichte der deutschen Mentalität, auf den deutschen Antisemitismus. Höhepunkt ist der Zusammenschnitt von Lutherpredigten, zuerst unterkühlt, dann propagandistisch perfekt auf Effekt getrimmt von Peter Schröder. Luther ruft auf zum Niederbrennen von Synagogen mit der rhetorischen Verve eines islamistischen Hasspredigers. Luther als protestantischer Taliban und Antisemit, diese Ohrfeige sitzt. Nur die Dramaturgie, die wackelt und hat zu viel Luft. Da hat sich ein Opernregisseur in der Gattung geirrt. Zu lange Pausen, zu viele Wiederholungen, die etwas beweisen sollen. Dass z.B. die Frankfurter „Finanzer Gurgelstecher“ sind – und damit der Antikapitalismus schon bei Luther antisemitisch gefärbt ist..

3.

Zum Glück gibt es noch den Schauspieler Wolfgang Michael. Er schafft das, was man sich von einem Shakespeare-Schauspieler erwartet: das Wechselbad der Gefühle. Am Anfang zeigt er sich noch zu sehr als Charge, zu inbrünstig. Dann aber sieht er die Gelegenheit, an seinem Erzfeind Antonio Rache zu nehmen. Der hatte ihn auf der Rialto-Brücke bespuckt und gedemütigt. Jetzt braucht der Christ von Shylock Geld. Shylock genießt den Augenblick, zynisch und böse. Er kaut wie ein Affe; spuckt Erdnussschalen weg. Im nächsten Moment sieht er seine Tochter. Und seine Rachsucht verwandelt sich mit einer Miene in Liebe. Am Ende pocht Shylock auf sein Recht, sein Pfund Menschenfleisch. Und er erhält als Antwort die Rache der Serenissima Venedig. Von einer Stimme des Dogen aus dem Off muss Shylock Schmach und Schande ertragen. Statt des Rechts, statt Zinsen zu erhalten, wird ihm sein Hab und Gut genommen, nachdem er schon die Tochter an einen Christen verloren hatte, soll er jetzt auch noch zum Christentum konvertieren. Wolfgang Michael übt die Bosheit, die die Christen dem Juden Shylock lehren, bis zur Perfektion.

Resümee:

Gemischte Gefühle: mit der Dramatik von Shakespeare hat die Kosky-Inszenierung wenig zu tun. Insbesondere die Frauenfiguren fehlen. Alles lastet auf den Schultern von Shylock. Aber als Parabel ist diese Demontage gelungen. Ein Gleichnis auf die Geschichte der deutschen Mentalität, mit Lutherpredigt und Wagner-Verschnitt als Beweis und – als Parabel-Klammer – mit Kafkas Mahnung an das jüdische Denken, das in der Idee der Gerechtigkeit und dem Gesetz gipfelt.

erstellt am 19.1.2012

Regie Barrie Kosky. Mit Wolfgang Michael, Michael Goldberg, © Birgit Hupfeld
Regie Barrie Kosky. Mit Wolfgang Michael, Michael Goldberg, © Birgit Hupfeld

DER KAUFMANN VON VENEDIG (Regie: Barrie Kosky) am Schauspiel Frankfurt