Brazil LS1, 2010, Plastic, Metal Glass, 160 x 125 x 90 cm
Brazil LS1, 2010, Plastic, Metal Glass, 160 x 125 x 90 cm

Lebhaft farbig und vielgestaltig kommen sie daher, die Raumobjekte der Künstlerin Sofi Žezmer. Doch so verspielt sie erscheinen, bei näherer Betrachtung offenbaren sie eine große Ernsthaftigkeit: Farben und Formen finden wohlüberlegt zueinander. Die Dinge selbst sind zwar aus ihrem eigentlichen Funktionskontext befreit, bei der Betrachtung gibt es ein jeweiliges Erkennen, das sich dann wieder vom Gegenstand löst und im Zusammenhang mit den Form- und Farbnachbarn auf einer sinnlich-sinnigen Ebene die Lust am Schauen zurückkehren lässt. Nur wenige Künstler vermögen den Betrachter auf diese Weise visuell als auch gedanklich anzuregen. Faust stellt die Künstlerin in einem Portrait vor.

Porträt

Objektkunst im Zeitalter der Smart Materials –

Sofi Žezmer

Die Dinge blicken zurück

Von Ludwig Seyfarth

Sofi Žezmers Collagen, an der Wand hängende Objekte oder freistehende oder – hängende größere dreidimensionale Werke sind hybride, oft sehr detailreiche Gebilde, die man begrifflich nicht leicht einordnen kann und man deshalb dazu tendiert, sie allgemein als „surreal“ zu bezeichnen. In der Tradition der surrealistischen Objektkunst steht die Kombination von Alltagsgegenständen, die in überraschende Zusammenhänge gestellt werden, auch ungewöhnliche Kombination von Materialien, so bei „Frühstück im Pelz“, der berühmten Pelztasse von Meret Oppenheim.

Auch bei Sofi Žezmer werden die Dinge Ausdrucksträger. Sie können traumhafte Assoziationen auslösen, die jedoch weniger in das Reich des Unbewussten als in das Unterbewusstsein der alltäglichen Automatismen führen, die ?ezmer auf subtile Weise aushebelt. Damit steht sie den philosophischen Sprach-Bild-Reflexionen René Magrittes näher als den „typischen“ Surrealisten. Ihre Assemblagen entstehen auch ohne den Blick in die Vergangenheit, also ohne das nostalgische Element und ohne den Geschmack für Altmodisches und Ausgedientes, der den Surrealismus häufig kennzeichnet. Sie legt großen Wert darauf, dass das verwendete Material neuwertig ist oder zumindest so aussieht. Etwaige Gebrauchsspuren beseitigt sie sorgfältig oder schneidet sie heraus. Zur Verwendung kommen meist farbige massenproduzierte Artikel oder Teile von ihnen, wobei das Spektrum von Plastikspielzeug bis zu medizinischen Geräten oder wissenschaftlichen Modellen reicht.

Die Herkunft des Materials steht für Sofi Žezmer jedoch nicht im Vordergrund. Indem sie die Dinge aus ihren Funktionszusammenhängen löst, sollen diese auch gleichsam überlagert, „überschrieben“ werden, um aus einer „Kakophonie“ von Bedeutungen heraus Raum für neue Assoziationspotentiale zu schaffen. Diese findet die Künstlerin in „Science Fiction, Weltallforschung, Kernkraftspaltung, Nanotechnologie, genetischer Manipulation, skurrilem Mode- und Möbeldesign, der Gestaltung von Flugzeugen und Raumschiffen oder in der dekonstruktiven Architektur.“

Decoy LS1, 2010, Plastic, Metal, Fur, Glassbeads, 19 x 21 x 26 cm
Decoy LS1, 2010, Plastic, Metal, Fur, Glassbeads, 19 x 21 x 26 cm

So erinnert Camouflage LS1, 2009 an ein unbekanntes Flugobjekt oder ein futuristisches Gebäude. Und wie viele Werke Žezmers enthält auch dieses Objekt einen scheinbaren Widerspruch: Zum einen entsteht ein starkes, sich auf den ersten Blick einprägendes Bild; zum anderen ist das Objekt mehransichtig konzipiert, also erst aus mehreren Perspektiven voll zu erfassen. Bei der Betrachtung entsteht jedoch auch das Gefühl, selbst beobachtet zu werden. An den in verschiedene Richtungen weisenden, länglichen, bauchigen Formen befinden sich Öffnungen, die wie kleine Kameras oder Objektive wirken. Bei „Trans-Plant LS1“ können wir gleichsam in ein künstliches Auge hineinblicken; bei „Out of the Blue“ ist ein Designobjekt aus den 1970er Jahren horizontal an der Wand befestigt. Vorne gibt es ein Guckloch, durch das man aber erst aus einem Abstand von zwei Metern ein klares Bild sieht.

Die Fusion des Technoiden und Biologischen bringt Sofi Žezmer fast stillebenhaft zum Ausdruck, wenn Schnüre und Schläuche wie Fühler von Insekten aussehen oder bei „Safari LS1“ der Eindruck eines Geflechts aus tropischen Gräsern entsteht. Mit dem Aufgreifen von Prozessen, die sich jenseits des menschlichen Wahrnehmungsvermögens abspielen, spannt Žezmers künstlerisches Universum gleichsam einen Bogen zwischen Mikro- und Makrowelt.

Wie man sich an kleinste biologische Strukturen erinnert fühlen kann, so auch an Konstellationen von Planeten im Weltraum, vor allem bei der riesigen, frei im Raum hängenden Installation „Es darf kein Mangel herrschen“ in der Nassauischen Sparkasse Wiesbaden. Hier steht deutlich die astronomische Modellbildung Pate, die sich ein verkleinertes „Bild“ von Zusammenhängen macht, welche sich durch ihre Größe und Entfernung dem menschlichen Auge entziehen. Andererseits versuchen stark vergrößernde Modelle, Vorgänge in den Bereich menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit zu holen, die sich im subatomaren Bereich abspielen. Insofern wäre Sofi Žezmers Kunst auch als eine Modellbildung zu begreifen, die allerdings nicht wissenschaftlichen oder funktionalen, sondern ästhetischen Kriterien folgt. Es geht nicht darum, das modellhaft Dargestellte rational nachzuvollziehen, sondern darum, dass ein poetischer Funke überspringt.

White Sequence LS1, 2011, Fundament Foundation, Lustwarande 11'– Raw, Tilburg, NL,
White Sequence LS1, 2011, Fundament Foundation, Lustwarande 11'– Raw, Tilburg, NL, Stainless Steel, Lacquer Paint, 180 x 375 x 490 cm
White Sequence LS1, 2011
White Sequence LS1, 2011

Ludwig Seyfarth ist Kunstkritiker und Kurator und lebt in Berlin. 1960 in Hamburg geboren, studierte er an der dortigen Universität Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie. Er hat an den Kunsthochschulen in Braunschweig, Hamburg und Stuttgart gelehrt, seit 2010 an der Kunstakademie Münster. 2007 erhielt er den ADKV-ART COLOGNE Preis für Kunstkritik. 2008 erschien sein Aufsatzband “Unsichtbare Sammlungen. Kunst nach der Postmoderne” in der Reihe Fundus im Philo Fine Arts Verlag, Hamburg.

erstellt am 13.1.2012

Re-Cap LS3, 2004, Metal, Synthetic Materials, Nylon, Detail
Re-Cap LS3, 2004, Metal, Synthetic Materials, Nylon, Detail
Out of the Blue LS1'2010, Plastic, Metal, Glass, 13 x 13 x 33 cm
Out of the Blue LS1'2010, Plastic, Metal, Glass, 13 x 13 x 33 cm
'Es darf kein Mangel herrschen' 2008 ( Scarcity is not allowed to reign) Installation
Es darf kein Mangel herrschen' 2008 ( Scarcity is not allowed to reign) Installation, Nassauische Sparkasse, Wiesbaden, Stainless Steel, Synthetic Materials 14 m x 6 m x 4
Wave Section LS2, 2010, Plastic, Metal, Glass, 35 x 18 x 36 cm
Wave Section LS2, 2010, Plastic, Metal, Glass, 35 x 18 x 36 cm
Grace LS1, 2009, Synthetic Materials, Metal, 55 x 50 x 31 cm
Grace LS1, 2009, Synthetic Materials, Metal, 55 x 50 x 31 cm
Studio von Sofi Žezmer
Studio von Sofi Žezmer

Auszug aus:
Ludwig Seyfarth: Sofi Žezmer SIGHT SEEING
Salon Verlag, Köln
ISBN-Nummer: 978-3-89770-402-2
Sprache: Englisch, Deutsch

Das Buch ist im Landes Museum Wiesbaden erhältlich und kann von jeder Buchhandlung beim Vice Versa Vertrieb Berlin bestellt werden.