Vierteljährig erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust -Lesern vorstellt.

Die Weltempfänger-Bestenliste Nr. 13

Anita Djafaris Buchtipp

Diesmal ist – für mich so überraschend wie erfreulich – die Neuauflage eines sehr alten Titels die Nummer 1 geworden: „Die tiefen Flüsse“ des Peruaners José Maria Arguedas. Bereits 1954 erschienen, gab es seither immer wieder in verschiedenen Ausgaben bei unterschiedlichen Verlagen auch die deutsche Übersetzung von Susanne Heintz zu lesen und wurde jetzt unverändert bei Wagenbach erneut zugänglich gemacht. Arguedas und Vargas Llosa seien zwei Seiten einer Medaille, konstatierte der peruanische Schriftstellerkollege Santiago Roncagliolo. Sie sind es auch für mich. Vor über zwanzig Jahren, als ich für drei Jahre zusammen mit meinem Mann nach Peru ging, half mir (wie immer) die Lektüre von Romanen, mich auf das Leben in diesem Land vorzubereiten. Nicht erst seit dieser Zeit bin ich eine Bewunderin des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa, allerdings schätze ich vor allem seine frühen Werke, die späteren – und dazu gehört auch sein letzter Roman „Der Traum des Kelten“ – finde ich nach wie vor handwerklich tadellos. Doch werde ich den Eindruck nicht los, dass da nur noch nach verwertbarem Stoff gesucht wird, der mich aber als Literatur nicht mehr so erreicht wie seine ersten Romane.

Eine richtige Entdeckung aber war Jose Maria Arguedas, als ich bereits in Cusco hoch oben in den Anden lebte, und „Die tiefen Flüsse“ las. Es ist zum einen eine klassische „coming of age“- Geschichte des jungen Ernesto, das Alter Ego des Autors, Sohn eines Anwalts, mit dem er zunächst durch die Dörfer zieht und der ihn dann aber auf ein Internat in Abancay schickt. Dort erlebt er hautnah den alltäglichen Rassismus, den die indigene Bevölkerung, also die Indios, erleiden müssen. Zudem macht ihm die Bigotterie der Padres, die das Internat leiten, zu schaffen. Neben den „altersüblichen“ Schwierigkeiten des Heranwachsenden – erste zarte Liebe, erwachende Sexualität, die ganz normale Frage nach dem „Wer bin ich“ – fühlt sich Ernesto mit seiner besonderen Sensibilität für Ungerechtigkeit zerrissen und einsam mit seiner Sympathie für die Unterdrückten, besonders auch, als es einen Aufstand der Frauen gibt, denen er sich verbunden fühlt. Darüber hinaus ist seine Beschreibung der Natur, in die er sich immer wieder zurückzieht, um Kraft zu schöpfen und die ihm Trost spendet, eine große Liebeserklärung an die herb-schöne Landschaft seiner Heimat. Es ist die Kraft seiner Sprache, mit der er die Fremdheit und Spannung zwischen den Kulturen – hier die Herrschenden, die Großgrundbesitzer und dort die Indios, die für sie schuften und wie Dreck behandelt werden – zum Ausdruck bringt, die ihn zu einem wichtigen Vertreter der „indigenen Literatur“ machen. Dieses Buch hat nichts an Aktualität eingebüßt – auch wenn sich die Verhältnisse in Peru deutlich geändert haben. Aber wenn man heute durch Cusco geht, sieht und spürt man das Spannungsverhältnis bereits durch die Architektur, die den unbehauenen Riesensteinen der Inkas den spanischen Kolonialstil aufgesetzt hat. Entfernt man sich etwas weiter von der Plaza de Armas mit den großen Kathedralen und fährt in die Andendörfer, erlebt man die in dem Roman beschriebene Landschaft mit seiner indigenen Bevölkerung. Für die hat sich nicht so sehr viel verändert. Nur gut, dass sie von José Maria Arguedas eine so gewichtige Stimme bekommen hat. Und gut, dass uns der Wagenbach Verlag daran erinnert.

Leseprobe aus

José María Arguedas: »Die tiefen Flüsse«

Am Gitter der großen Hacienda, die Abancay umgibt und die Stadt erwürgt, hörte ich manchmal einen unbekannten Walzer. Lerchen und Hunderte von Distelfinken sangen in den Bäumen neben der Galerie des Herrenhauses. Ich konnte nie herausfinden, wer am Klavier saß, doch glaubte ich, daß eine weiße Frau mit blondem Haar diese langsame Musik spielen müsse.

Im Tal des Apurímac, auf einer der Reisen mit meinem Vater, übernachteten wir einmal in einer Hacienda. Der Viehtreiber führte uns zum Wirtshaus, das weit vom Herrenhaus entfernt lag. Mein Gesicht war von der Hitze und von Moskitostichen verschwollen. Wir schritten unter dem hohen Erker des Herrenhauses entlang. Noch lag auf den verschneiten Gipfeln Sonne, und der Glanz dieses gelblichen fernen Lichts schien sich im Zuckerrohr widerzuspiegeln. Ich war betäubt, fiebrig, erregt von den Stichen der Insekten, vom leisen Summen ihrer Flügel und der alles übertönenden Stimme des großen Flusses. Als ich zum Erker des Herrenhauses hinaufsah, bemerkte ich ein junges schlankes Mädchen in einem gelben Kleid, das die schwarzen Wände des gegenüberliegenden Abgrunds betrachtete. An den großen Kakteen, die auf den schwarzen feuchten Felsen wuchsen, hingen unzählige aufgespießte Tiere. Wir schliefen in jener Nacht zwischen Ballen duftenden Alfalfagrases, in der Nähe des Pferdestalls.

Die ganze Nacht fühlte ich das Blut in meinem Gesicht klopfen. Trotzdem erinnerte ich mich an den gleichgültigen Ausdruck des jungen, weißen Mädchens, an ihr kastanienfarbenes Haar, ihre schlanken Arme, die sie auf das Geländer stützte, und ihr schönes Bild begleitete mich die ganze Nacht. Die Musik, die ich im Herrenhaus von Patibamba hörte, besaß eine sonderbare Ähnlichkeit mit dem Haar, den Händen und der Haltung jenes Mädchens. Welche Kluft war zwischen ihrer und meiner Welt? Sie war wohl genauso tief wie jene zwischen dem Erker mit den großen Fenstern, in dem ich das Mädchen sah, und dem Staub des Alfalfa-Grases, dem Geruch der Exkremente, in dem ich die Nacht, vom Tanz der gierigen Insekten gepeinigt, verbrachte. Trotz allem war ich sicher, daß ich diese Kluft wie ein Pfeil, wie ein brennender Funke, der in die Höhe steigt, überfliegen konnte. Der Brief, den ich für die Angebetete Markask’as schreiben sollte, würde an die Tore dieser Welt klopfen. »Diesmal darfst du deine besten Worte wählen«, sagte ich zu mir, »und sie schreiben.« Es war nicht wichtig, daß ich den Brief für jemand anders schrieb, vielleicht war es sogar besser, so anzufangen. »Mach dich auf zu deinem Flug, blinder Sperber, wandernder Sperber«, rief ich.

Ein neuer Stolz brannte in mir. Und wie jemand, der im Begriff steht, in den Kampf zu ziehen, begann ich den Brief für Markask’a zu schreiben: »Sie sind die Herrin meiner Seele, mein angebetetes Fräulein. Sie sehe ich in der Sonne, im Wind, im Regenbogen, der unter den Brücken leuchtet, in meinen Träumen, in den Seiten meiner Bücher, im Gesang der Lerche, in der Musik der Weiden, die neben klaren Bächen wachsen. Meine Königin, Königin von Abancay, Königin der blühenden pisonayes; ich bin im Morgengrauen bis an Deine Tür gegangen. Die sanften Sterne der Dämmerung ruhten in Deinen Fenstern; das Licht des jungen Tages umhüllte Dein Haus und bildete darüber einen Kranz. Und als die Distelfinken kamen, um auf den Zweigen der Maulbeerbäume zu singen, und als die Drosseln und Lerchen geflogen kamen, glich die Straße dem Paradies. Dann war es mir, als sähe ich Dich, wie du allein zwischen zwei Reihen leuchtender Bäume daherschrittest. Angebetete Nymphe, Du spieltest zwischen den Maulbeerbäumen wie ein Schmetterling…«

Eine plötzliche Unzufriedenheit, heftige Scham veranlaßte mich, den Brief zu unterbrechen. Ich stützte Arme und Kopf aufdie Schreibmappe, verbarg mein Gesicht und hielt inne, um diesem neuen Gefühl zu lauschen. »Wohin gehst du? Wohin gehst du? Warum machst du nicht weiter? Was erschreckt dich? Wer hat deinen Flug unterbrochen?« Von neuem hörte ich begierig in mich hinein. » Und wenn sie lesen könnten? Und wenn ich ihnen schreiben könnte?« Sie waren Justina oder Jacinta, Malicacha oder Felisa, die keinen Bubikopf, keine Locken hatten und auch nicht einen Schleier bis über die Augen trugen, sondern schwarze Zöpfe und wilde Blumen im Band des Hutes. »Wenn ich ihnen schreiben könnte, dann bräche meine Liebe wie ein klarer Fluß hervor; mein Brief wäre wie Gesang, der über den Himmel fliegt und sein Ziel erreicht.« Schreiben! Aber es war sinnlos, an sie zu schreiben, es führte zu nichts. »Geh, erwarte sie auf den Straßen und Wegen und sing!« Und wenn es doch möglich wäre? Wenn ich anfangen könnte? Ich schrieb: »Uyariy chay k’atik’niki siwar k’entita …« »Lausche dem smaragdgrünen Schmetterling, der Dir folgt; er spricht zu Dir von mir, sei nicht grausam, hör ihm zu. Seine kleinen Flügel sind müde, er kann nicht mehr fliegen, bleib stehen. Der weiße Stein, auf dem die Reisenden ruhen, liegt ganz nahe; warte dort und hör ihm zu, hör sein Weinen; er ist der Bote meines jungen Herzens, er wird von mir zu Dir sprechen. Hör, meine Schöne, Deine Augen sind große Sterne, schöne Blume, geh nicht weiter, halt an! Ich bringe Dir einen Befehl des Himmels: Du sollst meine zärtliche Geliebte sein…«

Diesmal hinderten mich die Tränen am Weiterschreiben. Glücklicherweise spielten um diese Zeit die Internen im inneren Hof, und ich war allein im Klassenzimmer. Aber es waren keine Tränen des Kummers oder der Verzweiflung. Aufrecht verließ ich das Zimmer, in dem sicheren Stolz, mit dem ich im Januar, dann, wenn das Wasser am trübsten und wildesten ist, die Flüsse durchschwamm. Kurze Zeit ging ich im gepflasterten Hof spazieren. Die Glocke, die lange zum Essen läutete, weckte mich aus diesen Träumen. Als ich den Eßsaal betrat, standen die anderen Schüler bereits neben ihren Stühlen. Bruder Miguel betete vor, und der Chor der Schüler wiederholte das Gebet. Ich war noch immer wie betäubt; es schien, als bewegten sich meine Gefährten in einem trüben, schaukelnden Raum, und ich sah sie sonderbar verzerrt. »Was hast du?« fragte Palacitos. »Du siehst verstört aus. Die zumbayllus bringen dich durcheinander.« »Ernesto soll aus dem Handbuch von Carreño vorlesen«, befahl Bruder Miguel. Ein Diener gab mir das Buch. Ich begann das Kapitel vorzulesen, das angekreuzt war. Die Genauigkeit, die beim Vorlesen verlangt wurde, brachte meine Gedanken wieder in Ordnung. Das öffentliche Vorlesen hatte mir Ansehen verschafft. Obgleich ich einer der ältesten Schüler meiner Klasse war, konnte ich nicht vorlesen, als ich ins Colegio kam. Beim ersten Versuch scheiterte ich kläglich und wurde nach wenigen Augenblicken abgelöst. Es schien sich zu bestätigen, daß der Grund für mein Versagen nicht nur in meinem früheren Wanderleben lag, sondern schwerwiegender war. Aber nach vierzehn Tagen bat ich, es noch einmal versuchen zu dürfen; ich hatte stundenlang geübt, und alle waren nun überrascht. Ich las mit lauter, klarer und gelassener Stimme. Für einen Augenblick vergaßen die Schüler ihre Suppe und sahen mich an. Von diesem Tag an war ich einer der beliebtesten Vorleser. Jetzt, als mich Romero ablöste, hatte ich mich wieder beruhigt und konnte zu Palacios sagen: »Es war der Hunger, Palacitos! Ich bin nicht so gut mit der Köchin befreundet wie du.« Palacitos reckte den Hals und tuschelte mir ins Ohr: »Ich war in der Küche. Heute nacht geht die Schwachsinnige auf den Hof. Lleras hat sie darum gebeten. Irgend etwas ist los, Brüderchen. Lleras und Añuco haben die Köpfe zusammengesteckt wie zwei Klatschweiber.« »Nun gut. Wir werden nicht hingehen.« »Wir spielen im äußeren Hof mit Chauca rondín.« Lleras begann uns zu beobachten. Palacitos erschrak und sagte nichts mehr. »Er hat es gemerkt. Aber erschrick doch nicht«, sagte ich zu ihm. Seine Angst war groß. Er wagte nicht mehr, den Kopf zu heben, und aß mit gesenktem Blick. So war ich gezwungen, mit Rondinelzu sprechen, der rechts von mir saß; ich mußte etwas zu ihm sagen, obgleich er mich immer von oben herab behandelte. Lleras und Añuco beobachteten mich unverwandt. »Du meinst wohl, daß du sehr gut lesen kannst«, begann Rondinel. »Du glaubst auch, daß du ein großer Meister des zumbayllu bist, aber du bist nur ein kleiner Indio, auch wenn deine Haut weiß zu sein scheint. Nur ein kleiner, mieser Indio.« »Und du bist weiß, aber zu nichts gut. Eine hoffnungslose Null.« Ein paar Schüler, die mich hörten, lachten laut. Palacitos jedoch blieb vorsichtig. »Ich fordere dich am Samstag zum Zweikampf«, rief Rondinel und blickte mich wütend an. Er war sehr mager, nichts als Haut und Knochen. Seine kleinen, tiefliegenden Augen – ich habe nie wieder ähnliche gesehen – erweckten Mitleid; sie waren von dichten, sehr schwarzen Wimpern umgeben, die stark gebogen und unnatürlich lang waren. »Seine Augen könnten sehr schön sein«, sagte Valle, ein Schüler der fünften Klasse, der sehr belesen und sehr elegant war, »sie könnten schön sein, wenn sie nicht wie die eines toten Kindes aussähen.« Gerade aus diesem Grund riefen sie Mitleid hervor. Es schien nämlich, als wären nur die Wimpern und die Augenhöhlen gewachsen, die Augen dagegen sahen aus wie die eines wenige Monate alten Säuglings. »Armer guagua, armer guagua«, sagte ich. Er wurde blaß vor Wut. »Ich befördere dich am Samstag mit Fußtritten ins Jenseits«, keuchte er. Ich antwortete nicht; bei diesem Mittagessen redeten wir nicht mehr miteinander.

Als wir den Eßsaal verließen, kam Lleras auf mich zu. »Wie gut du dich doch verstellen kannst, cholito«, sagte er laut, damit Palacios ihn hören sollte. »Ich weiß aber trotzdem, daß du mit dem Indio Palacios über mich geflüstert hast.« »Nein, das ist nicht wahr, Lleras«, antwortete Palacios fast wimmernd. »Ich habe ihm von meinem rondín erzählt.« »Aufgepaßt, Brüderchen! Rondinel wird dem Fremden die Rippen einschlagen. Seine Arme und Beine sind nicht aus schlechtem Eisen. Sie tun weh. Hah, zumbayllito, zumbayllu.
Er lachte laut und sah mich spöttisch an. Dann nahm er Rondinel am Arm: »Ich werde dich trainieren«, sagte er. »Nur ruhig. Ich garantiere dir, daß du dem Fremden gleich die Augen blau schlagen wirst.« Ich hatte Angst, als ich ihn reden hörte. »Du hast Angst«, sagte Palacitos und sah mich an. »Wenn er dich besiegt, macht er für das ganze Jahr ein Schaf aus dir.«
Ich hatte mich noch nie nach einer formellen Herausforderung mit jemandem geschlagen. Das wäre das erste Mal, und ich fürchtete mich. Ich konnte die schändliche, die ekelhafte Angst, die in mir hochkroch, nicht überwinden.

Auszug aus: José María Arguedas, Die tiefen Flüsse, S. 88 – 93
Mit freundlicher Genehmigung © Wagenbach Verlag, Berlin

erstellt am 12.1.2012

José María Arguedas
José María Arguedas

José María Arguedas, geboren 1911 in Andahuaylas, verfasste seine Romane auf Spanisch, seine Lyrik hingegen auf Quechua. Er war Anthropologe und prominentester Vertreter des literarischen Indigenismus. 1969, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, setzte er seinem Leben selbst ein Ende.

José María Arguedas
Die tiefen Flüsse
Roman
Aus dem peruanischen Spanisch von Suzanne Heintz
288 Seiten
Wagenbach Verlag, Berlin 2011

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