Gerhard Ruiss/Oswald von Wolkenstein

Komm, liebster Mann

Komm, liebster Mann,
nimm, was ich geben kann,
hab’s gern getan.
Komm schnell, Gesell,
leicht macht es dir die Seel.
Komm, größter Schatz, zufleiß
Den losen Mündern sei’s.
Komm gleich, das Leid im Leib vertreib:
Was tröstet mich so armes Weib?
Wie stark du bist, reicht gern und gut,
der Rest soll sehen, wie er tut.

Als träg und schwer
Stell mich nicht her,
Frau, lieber mehr
Sei mein Begehr,
jung, stolz und schön bist du dafür.
Glückliches Herz, dich stört’s
Nicht, daß ich älter wird,
hast du nur deinen Paß dabei.
Weil sie gar so reizend sei,
ich nicht alt, denn sonst säh’ man es
am den Augen, die sie wegdreht.

Scheiden ist Not, gehst du von mir, der Tod,
heulendes Rot,
das nur noch zuckt,
ganz und gar krank macht, verrückt.
Mein Anstand ist mir nicht
So wichtig, wie du es bist.
Wie lang es dauert, bis du schreibst,
und noch viel länger, wo du bleibst.
Komm bald wieder, sonst fürcht’ ich sehr,
dich seh ich leider nimmermehr.

Oh wundervoller, reich geschmückter Mai

Oh wundervoller, reich geschmückter Mai,
dein Prunk, dein Jubelschrei birgt vielerlei,
es tanzen zwei in einer langen Reih,
die nicht mehr von sich lassen.

Grün sind Wald, Au, Feld, Berg, Baum, Strauch und Tal,
die Nachtigall und aller Vögel Vielzahl
singen dir zu ringsum mit einem Mal.

Da nun die Zeit so fröhlich macht,
erwach, Lieb, ach, wie sehn ich mich danach,
mich einzufinden unter deinem Dach,
von deinen Armen zart umfangen.

Drauf los!

„Drauf los!“ sprach Michael von Wolkenstein.
„Die hetzen wir!“ sprach Oswald von Wolkenstein.
„Tun wir’s!“ sprach Leonhard von Wolkenstein.
„Die haben wir vertrieben von Greifenstein sogleich.“

An da hon ein Gestöber, voller Glut,
hinunter von den Felsen, daß es Funken schlug,
Panzer und Armbrust und ihren Eisenhut,
die ließen sie uns liegen, das hat uns wohl gereicht.

Wurfmaschinen, Hütten und ihr ganzes Gezelt
Machten wir zu Asche, soviel es gab am Feld.
Wer übel ausleiht, hat verdient, was er erhält,
so wollen wir bezahlen, wenn der Herzog leiht.

Scharmützel, ein Gemetzel, niemand unterschied,
wie es geschah beim Rafenstein im Ried,
manch einem eingezogen spannenlang die Niet,
mit einem Pfeil geflogen, wie die Armbrust pikt.

Sankt Georgens Bauern schworen falsche Treue,
vollzählig, und jeder sonst dort Gemeine,
uns zu Hilfe kamen die vom Rauhensteine,
treu aufs Neue: „Hier ist unsre, wo ist eure?“

Ein Schleudern und Schießen begann, weit verstreut,
verdroß keinen lang und war voller Geschrei.
Nun rühr dich, Edelmann, damit du’s nicht bereust,
bis zu den Dächern hat’s gebrannt, mitsamt den Mäus’.

Die Bozner, die vom Ritten und die von Meran,
Hafling und Mölten kamen von oben an,
Sarntaler, Jenesier, trutzig, Mann für Mann,
wollten uns fangen, doch wir warteten nicht so lang.

Fröhlich, zärtlich, freundlich und friedlich, ruhig, sanft, sacht, leise

Fröhlich, zärtlich, freundlich und friedlich, ruhig, sanft, sacht, leise,
nach und nach, still, rein, auf deine Weise,
wach auf, geliebtes, schönes Weib,
reck, streck, zeig: zart ist dein stolzer Leib!
Schließ auf dein strahlendes Augenpaar,
trau dem Blick, nimm wahr
den verblaßten Sternengarten
im hellen, heiteren Sonnenglanz!
Wohlauf, nun zum Tanz!
Laß ihn uns winden, den Kranz,
gebunden aus vielerlei Blüten,
dazu da, uns zu schmücken.

Mir schmeicheln, mich küssen, zischeln, wispern, Verliebtes reden,
das Beste der schönsten Sachen mir geben
soll dein wohlgeformter roter Mund,
der mich ganz tief ins Herz traf, schwer, und
mich tausend Mal wieder erweckt.
Freundlich aufgeschreckt,
halb noch im Traum, erkenn ich kaum,
wie wohlgestalt er mir einen schmalen Spalt
mit weißen Zähnen
liebevoll entgegenstrahlt,
üppig, füllig, lieblich, rosig
leuchtend, wie dort hingemalt.

Wollt sie, sollt sie, tät sie, käm sie, nähm sie meinem Herzen
Die allzu schweren, ärgsten, stärksten Schmerzen.
Ihre Brüste, weiß, an mich gedrückt,
schon wär ein Teil davon geglückt.
Was möchte sonst der saubern, zarten Dirn
Ziemen und sie ziern,
mein Herz befrein von aller Pein,
als die reine, wundervolle, süße Lust?
Von Mund zu Mund ein Kuß,
Zung an Zünglein, Brüstchen an Brust,
Bauch an Bäuchlein, Pelz an Pelzchen,
heftig, mit Fleiß, so wie du’s tust.

Mit freundlicher Genehmigung des Folio Verlags

Aus:
Gerhard Ruiss
Oswald von Wolkenstein
Herz, dein Verlangen
Lieder. Nachdichtungen. Band II
Gebunden mit Schutzumschlag

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erstellt am 11.1.2012