Gerhard Ruiss' Nachdichtung des Oswalds von Wolkenstein (1376/78–1445).

Buchkritik

Ein Heiligtum im Schuber

Von Bernd Leukert

Oswald von Wolkenstein, heißt es, sei in Österreich lange ein unerwünschter Autor gewesen. Warum? Weil er nicht nur ein gelernter Ritter, sondern auch ein Raubritter war? Weil er sich an Frauen und Mädchen „vergriffen“ hat? Weil er seinen Tiroler Landesfürsten, Herzog Heinrich IV. von Österreich, bekämpfte? Nein. Der Wolkensteiner war nicht vorzeigbar, weil er Verse geschrieben hatte, die dem heutigen Alpenvolk obszön vorkamen. Nicht nur seine Rechtsauffassung war also gemäß unseren Gepflogenheiten politisch unkorrekt, sondern auch sein literarisches Selbstverständnis.
Oswald lebt in einer Zeit, in der Spätmittelalter und Frührenaissance gleichzeitig wirksam sind. Geboren wird er 1377 auf Burg Schöneck, im Südtiroler Pustertal. Als Zehnjähriger wird er vier Jahre lang zum Ritter ausgebildet. Das abendländische Schisma und die Hussitenkriege prägen den politischen Horizont seines Bewußtseins, die Auseinandersetzungen zwischen kaiserlichen, bischöflichen und landesherrlichen Interessen berühren und lenken sein Handeln. Sein Erbe, ein Drittel der Burg Hauenstein, wird von seinem älteren Bruder Michael verwaltet und für Oswald nicht nutzbar. 1417 heiratet er Margarete von Schwangau, mit der er sieben Kinder hat. Oswald nimmt standesgemäß an erfolgreichen und erfolglosen Kriegen teil, verteidigt das Kloster St. Gallen gegen die Appenzeller und ist im adligen Elefantenbund und im Falkenbund gegen den Tiroler Landesherrn Friedrich IV. aktiv. Er wird gefangengenommen und an den Füßen aufgehängt. Er stiftet das St. Oswald Benefizium (eine Kapelle mit zwei Kaplänen) im Brixner Dom und wird Domhauptmann, also weltlicher Stellvertreter des Bischofs. Er pilgert zum Heiligen Grab und erhält im Augustinerchorherrenstift Neustift das Recht auf Wohnung und Unterhalt. Er nimmt als Mitglied der Tiroler Delegation am Konstanzer Konzil teil und wird in das Gefolge König Sigmunds (oder Sigismund) aufgenommen. Über seine Tätigkeit als kämpfender Ritter hinaus wird er vom König immer wieder in den diplomatischen Dienst genommen. Und er wird offensichtlich als unterhaltsamer Vortragskünstler geschätzt. Ein großer Teil der Lieder und Gedichte, die Oswald von Wolkenstein in zwei Handschriften hinterlassen hat, verdankt sich dieser glamourösen Nebentätigkeit. 1445 stirbt er in Meran als angesehener Diplomat und Kaiserberater.
Man hat in ihm den letzten Minnesänger und einen viel zu frühen Lautpoeten gesehen. Denn einerseits hat er mittelalterliche Liedgattungen wie das Tagelied gepflegt und spielerisch vom Fürsten- in den Handwerker- oder Bauernhof transponiert, andererseits hat er die formale Beweglichkeit des Lai (auch: Leich) ins Artistische getrieben und wortakrobatisch alliterative Reihungen, Vogelrufe oder Silbenpermutationen in Verse gebracht; manche Lieder bestehen hauptsächlich aus Sternbildern, überhaupt schreibt er gerne Katalogpoesie, angefüllt mit Tieren, Pflanzen, Ländern oder Heiligennamen. Auch liebt er das Experiment – und das macht ihn uns so vertraut – dichtet in französischer oder italienischer Sprache oder verfaßt Polyglottes: slowenisch, deutsch, provenzalisch, lateinisch, französisch, italienisch, jede Zeile ein andere Sprache. Was ihn aber bis heute so wichtig bleiben läßt, ist seine kräftige, intensive, dichte Sprache, die seine Balladen, Trinklieder, dramatischen Gesänge, und vor allem seine vielen Liebeslieder prägt, in denen er nicht müde wird, den ‚wunigklichen laip’ der Geliebten detailliert zu beschreiben.
Nachdem Dieter Kühn 1977 mit seiner faktenreichen Biographie „Ich Wolkenstein“ (insel taschenbuch) den Tiroler Musikerdichter uns in Erinnerung gerufen hatte, konnte man zwei Jahre später in Klaus J. Schönmetzlers zweisprachiger Ausgabe „Oswald von Wolkenstein. Die Lieder“ (Emil Vollmer Verlag, München) Texte und die ins heutige Notenbild übertragene Musik nachlesen. Dabei handelt es sich nicht um eine Interlinearübersetzung, sondern um eine der mittelhochdeutschen Versstruktur nachgebildete, neue Nachdichtung mit all ihren inhaltlichen Abweichungen.
Nun hat der österreichische Autor, Kulturpublizist, Aktionist, Musiker, Schauspieler, Entertainer, Regisseur, Moderator, Universitätslehrer und Vortragsreisender Gerhard Ruiss 2010 den dritten Band seiner Wolkensteinübertragung abgeschlossen. Zusammen mit Band I „Und wenn ich nun noch länger schwieg’“ und Band II „Herz, dein Verlangen“ ist Band III „So sie mir pfiff zum Katzenlohn“ unter dem Titel Gerhard Ruiss / Oswald von Wolkenstein. Lieder. Nachdichtungen im Schuber beim FolioVerlag, Wien, Bozen erschienen. Ruiss ist selbst Dichter, der eine Vielzahl von Büchern mit aphoristischen Sammlungen und dramatischen Kurztexten veröffentlicht hat.
Fast ein Jahrzehnt hat Gerhard Ruiss den Nuancen der alpinen Version des späten Mittelhochdeutsch Wolkensteins nachgespürt, um die alte Kraft, den Witz und die besondere Kunstfertigkeit des Tiroler Ritters ins moderne Hochdeutsch zu transportieren. Zuallererst ist diese große Leistung zu würdigen, denn die 142 zum Teil sehr langen Gedichte und Lieder stecken voller Tücken, die Wortwahl der Handschriften erschließt sich oft nur aus der Kenntnis der zeitgenössischen politischen Situation, der jeweils aktuellen Verhältnisse Wolkensteins oder der jeweiligen Zuhörer. Hinzu kommen das heterogene Vokabular, die ungeregelte Grammatik und Orthographie, aber auch die „falschen Freunde“, also mittelhochdeutsche Wörter, die unserem Hochdeutsch so ähnlich sind, daß man gerne die Ähnlichkeit für Identität hält. Fügt man dieser Übersetzungsarbeit noch den Anspruch einer am Urtext orientierten, rhythmischen und lautlichen Vergegenwärtigung hinzu, die den modischen Jargon vermeidet, dann ahnt man, welche Mühe für’s Detail diese drei Bände ermöglicht haben. Am Ergebnis fällt eine Leichtigkeit auf, auch eine Einfachheit, die man bei Wolkenstein gar nicht vermutet hatte. Ja, fast zu geschmeidig fließen die Verse vorüber, als daß man der Gefahr und Entbehrung unter der Abenteuerpoesie oder der Not und Verzweiflung unter den Liebesbitten gewahr werden könnte. Denn bei Wolkenstein sind die Stimmungen und Affekte immer intensiv: die Lust, die Melancholie, die Frömmigkeit, die Heiterkeit und die Traurigkeit. In den mittelhochdeutschen Originaltexten, die den schön aufgemachten und mit Schwarzweiß-Faksimiles aus den Handschriften versehenen Bänden angehängt sind, finden sich die attraktiven Ecken und Kanten, die in der sorgfältigen und ausgefeilten Nachdichtung dann doch nicht zur Wirkung gebracht werden können. Manches darin gibt, bei allen Konzessionen an das Verfahren der Nach-Dichtung, dennoch Rätsel auf. Warum wird zum Beispiel aus der beziehungsvollen Schäferin „Agneslein“ im Gedicht „Treib her“ bei Ruiss ein „Bärbelein“? Oder warum wird aus der Wolkensteinschen „conscientz“ im Gedicht „Will man wissen, wie vom Heizqualm Augen brennen“ bei Ruiss eine unerklärliche „Kontinenz“? Die anfangs erwähnte Obszönität kann uns, nachdem sie von der modernen Literatur mit einer niederschmetternden Wucht potenziert wurde, vielleicht noch ein amüsantes Lächeln abtrotzen. Umso mehr befremden bei den wenigen einschlägigen Stellen, die nicht einmal jugendgefährdend sind, merkwürdig ausweichende Wendungen. Der Schluß des bekannten Liedes „Fröhlich, zärtlich, freundlich und friedlich, ruhig, sanft, sacht, leise“ lautet bei Wolkenstein „mund mündlin gekust/zung an zünglin, prustlin an brust/pauch an/peuchlin/rauch an/reuchlin/snel/zu fleis/allzeit frisch getusst“ „Getusst“, das ist „gedrückt, gepreßt“. Gerhard Ruiss dichtet nun nach: „Von Mund zu Mund ein Kuß,/ Zung an Zünglein, Brüstchen an Brust,/ Bauch an Bäuchlein, Pelz an Pelzchen,/ heftig, mit Fleiß, so wie du’s tust.“ Was sagt man dazu? Oswald von Wolkenstein, so ist zu hören, sei aber inzwischen auch in seiner Heimat rehabilitiert und dabei, zum österreichischen Nationalheiligtum zu avancieren. Gerhard Ruiss hat vermutlich seinen Anteil daran.

erstellt am 11.1.2012

Oswald von Wolkenstein
Oswald von Wolkenstein
Oswald von Wolkenstein, Federzeichnung von ca. 1420
Oswald von Wolkenstein, Federzeichnung von ca. 1420

Ein FAUST-GESPRÄCH mit Gerhard Ruiss hier

LIEDER von Ruiss/Wolkenstein: hier

Gerhard Ruiss
Oswald von Wolkenstein
Und wenn ich nun noch länger schwieg’
Lieder. Nachdichtungen. Band I
Mit Originaltexten im Anhang
Gebunden mit Schutzumschlag

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Gerhard Ruiss
Oswald von Wolkenstein
Herz, dein Verlangen
Lieder. Nachdichtungen. Band II
Gebunden mit Schutzumschlag
Mit Originaltexten im Anhang

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Gerhard Ruiss
Oswald von Wolkenstein
So sie mir pfiff zum Katzenlohn
Lieder. Nachdichtungen. Band III
Mit Originaltexten im Anhang?
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