Gerhard Ruiss, der neben seinen vielen beruflichen Aktivitäten seit 1979 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der IG Autorinnen und Autoren ist, des Berufsverbands österreichischer Schriftsteller und Schriftstellervereinigungen, hat auch auf der Frankfurter Buchmesse mehrere Rollen gleichzeitig ausgefüllt. Vom Gespräch mit dem Messechef eilt er zum Besuch der Ministerin, vom Gemeinschaftsstand der österreichischen Belletristik-Verlage, den er vertritt, zum Stand des Folio-Verlages, in dem seine Wolkenstein-Übertragung erschienen ist. Und dann, mitten im geschäftigen Lärm, ist auch noch ein kurzes, ruhiges Gespräch über dieses dreibändige Gemeinschaftswerk der beiden Dichter Gerhard Ruiss und Oswald von Wolkenstein möglich.
Bernd Leukert sprach mit Gerhard Ruiss.

Faust-Gespräch

Ich habe es nicht für möglich gehalten

Herr Ruiss, was hat die Neuübersetzung der Wolkensteintexte notwendig gemacht?

Einerseits gab es ja schon einige Übertragungen. Das waren allerdings wissenschaftliche Übertragungen, die erklärt haben, was Wolkenstein geschrieben haben könnte zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Andererseits hat es aber eigentlich keine literarischen oder lyrischen Äquivalente gegeben. Und das Problem ist doch: Es ist zwar ein spätes Mittelhochdeutsch des Oswald von Wolkenstein, aber es ist Mittelhochdeutsch. Es ist für heutige Leserinnen und Leser schwer verständlich bis gar nicht verständlich. Es ist eher nur für die Germanistik zugänglich gewesen. Und meine Idee war, diese wunderbaren Gedichte in die Gegenwart zu holen.

Was bedeutet in diesem Falle „literarisch“? Sind das Nachdichtungen oder sind es genauere Zugriffe auf die Bedeutungsvalenzen des späten Mittelhochdeutschs?

Also, erklärt wird hier nichts, was sich nicht aus den Gedichten selber heraus erklärt. Die Gedichte sind Nachdichtungen. Mir war es wichtig, sie in der Form zu erhalten, in ihrem Inhalt zu erhalten, in ihrem Rhythmus zu erhalten, in ihrer Lautlichkeit, Klanglichkeit zu erhalten, weil sie ja auch sehr hohe experimentelle Anteile haben und zugleich trotzdem konventionelle Dichtungen sind, weil sie das Mittelalter noch einmal in seiner Dichtkunst zusammenfassen, anreichern um regionale Sprachen vor allem des alemannischen und des süddeutschen Raums, damit auch des Schweizerischen und des Österreichischen. Also, das ist fast eine Dreiländersprache und eine hohe Individualsprache. Und mich hat interessiert, auch diese Sprachklänge zu knacken, diese Bilder wiedererstehen zu lassen. Das war eine große literarische Herausforderung. Und das Ergebnis sollte wieder ein literarisches sein. Das Ergebnis sollte nicht sein: Wie erkläre ich jetzt den Oswald von Wolkenstein? Wie erkläre ich jetzt das 15. Jahrhundert, und welche Bedeutungen könnte das noch haben? Sondern Dichtungsbilder wiederherzustellen, die da sind; also so etwas, wie versunkene Städte wieder zu errichten und ähnliches mehr bei einem, der ja kein Chronist seiner Zeit im vereinfachten Sinn ist, sondern Chronist der Stimmungen seiner Zeit ist, des Lebensgefühls seiner Zeit ist. Und das ist natürlich spannend. Das ist auch so eine Art Ausgrabungsarbeit, weil man hier eine Geschichte, die vor 600 Jahren gefühlt worden ist, wieder als Gefühlsgeschichte wieder rekonstruieren kann.

Haben Sie die Texte auch in Hinsicht ihrer Funktion rekonstruiert oder nachempfunden? Das heißt, manche Sachen sind sicher aus einer Situation der Einsamkeit – er ist ja auch gefoltert worden oder saß auf seiner Burg, was ja auch nicht so voller Lebensfreude gewesen sein muss, wenn man sich das ansieht, – andere Sachen sind bei Sigismund im Gefolge entstanden, wo er als Entertainer tätig war, würde man heute sagen, – das sind grundverschiedene Situationen, demnach müssten auch die Texte…

Die starke Wechselhaftigkeit der Stimmungslagen war ein wesentliches Motiv. Und die Unmittelbarkeit. Wir dürfen ja nicht vergessen: Wir haben ja vieles gedämpft heute. Das geht bis dahin, dass wir keine Kälte mehr erleiden müssen in unseren Breiten, weil wir Heizungen haben und ähnliche Dinge. Das war ja ein direkt Daraufgeworfensein, ein direkt Daraufgestoßensein auf Empfindungen wie Schmerz, Liebe, Kälte, Wärme. Und daraus resultieren natürlich sehr unmittelbare, sehr extrovertierte Äußerungen, die auch sehr eindringlich werden können. Und das ist, glaube ich, auch das Moderne daran, dass man diese Wechselhaftigkeit, diese Raschlebigkeit in den Gedichten gut nachvollziehen kann – wobei das Leben ja nicht so schnell gewesen sein wird und nicht so schnell war, – andererseits auch die Suche nach sich, nach dem Standort, die bricht ja bei Wolkenstein sehr stark auf, also die Suche nach dem Individuum. Das ist ja vorher nur angedeutet in der mittelalterlichen Literatur. Bei Wolkenstein wird das radikal angesteuert. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, wenn Wolkenstein an x Stellen sagt: Ich, Wolkenstein! Sondern er sagt damit gegen alle Lehrmeinung, gegen jedes Dogma, ich „sage Ich als Ich, wie es ist, wie ich es sehe, wie ich es spüre, wie es zu sein hat“. Und das hat mich fasziniert, denn das ist natürlich eine sehr moderne Haltung zur Gesellschaft, sich als Ego zur gesamten Gesellschaft zu verhalten, – wobei Ego ja schon tendenziös ist – aber eben als Individuum zur Gesellschaft zu verhalten. Und das hat mich interessiert als Umgangsform, und vor allem die vielen wechselvollen Situationen, die er durchlebt, die ja wirklich davon gehen, in höchste Höhen aufzusteigen, als – in seinen letzten Lebensjahren – engster Berater des deutschen Kaisers, und ganz tief gefallen zu sein, wie ein vom Tod bedrohter, eingekerkerter, im Hochsicherheitstrakt des Fürsten von Tirol.

Sie sprachen von der Suche nach dem Individuum und der Frage „Was ist das Individuum?“, und gerade in dem selbstbiographischen Text, wo er sagt: Ich, Wolkenstein!, findet sich die Aufzählung der Orte, in denen er war, die Reisen. Das entspricht dem damaligen literarischen Reisekatalog. Also er muss nicht dort gewesen sein. Sondern seine Weltläufigkeit wird damit ausgestellt. Es entsteht also der größere Widerspruch zwischen der Suche nach dem Individuum und dem Klischee.

Für mich ist der Wolkenstein auch ein Spieler. Der spielt auch mit Rollen. Der spielt auch mit Möglichkeiten. Und wir wissen alle nicht in vielen Fällen, ob das wirklich tatsächlich Erfahrungen sind, von denen er ausgeht. Wir wissen aber, dass er seit dem 10. Lebensjahr als Ritter ausgebildet worden ist und Knappe eines fahrenden Ritters war und eigentlich nach heutigen Worten mindestens eineinhalb Jahrzehnte im Krieg war, wenn nicht mehr. Das heißt, der ist mit der Nase auf alles gestoßen worden an Erbärmlichkeit, an Brutalitäten in der Welt, an Gemeinheit in der Welt, – von mir aus auch an Hoffnung in der Welt. Er ist auf alles Mögliche sehr, sehr direkt gestoßen worden. Und ob er jetzt tatsächlich alle diese Länder real gesehen hat und ob er bei jedem geschehen real dabei war, das ist gar nicht so wichtig, weil ich glaube, er bezieht das halt alles mit ein: Was macht den modernen Menschen seiner Zeit aus? Was macht den weltläufigen Menschen seiner Zeit aus? Was macht den gebildeten Menschen seiner Zeit aus? Ich glaube aber, dass es eine unleugbare Tatsache ist, dass er sehr vielfältig und sehr verschieden gebildet gewesen sein muss. Ich meine, wir wissen es ja nicht, wir waren nicht dabei. Aber das sagen seine Gedichte. Seine Gedichte sind von einem tiefen Wissen über die Dinge seiner Zeit, so dass er zumindest sehr, sehr gut gewesen sein muss im Nachlesen der Dinge. Er muss mindestens sehr gebildet gewesen sein, und er war ein unglaublicher Könner. Wir können heute auch sagen, er war der Vorläufer der modernen Dichtung. Und er war vielleicht der erste experimentelle Autor in der Geschichte der experimentellen Literatur.

Können Sie vielleicht da ein Beispiel bringen?

Ja, seine lautmalerischen, kurzen, extrem verknappten Dinge, die so spielerisch sind, – wo man nicht weiß, ist das jetzt ein Kinderspiel?, also, wo er wirklich nur noch mit den Lauten spielt und weiter verknappt und weiter verknappt, so dass es im Neuhochdeutschen fast keine Möglichkeiten mehr gab. Ich habe mir gedacht: Das schafft das Neuhochdeutsche nicht, in dieser Verknappung; in dieser Substantivierung können wir nichts mehr Vieldeutiges, Vielschichtiges sagen. Und es waren meine größten Glücksgefühle, wenn es mir gelungen ist, Äquivalente zu finden, also auch im Neuhochdeutschen Möglichkeiten, und zwar nur zwischen zwei Lyrikern, zwischen Lyriker und Lyriker etwas zu finden, wo ich sage: Ja, es ist möglich. Ich kann dem entsprechen. Ich kann dem auch literarisch entsprechen, ich kann dem nicht nur inhaltlich entsprechen, ich kann ihm sogar lautlich und rhythmisch entsprechen und reimlich entsprechen. Also das waren die größten Glücksmomente. Und das macht der in einer Extremform. Er begnügt sich nicht mit Endreimen. Er macht Binnenreime, er macht Reimketten, die überhaupt nicht mehr aufhören und die aber zugleich dann trotzdem Sätze bilden. Also das ist eigentlich ein faszinierendes Ausgangswerk, dass ich zu Recht lange geglaubt habe, das ist unknackbar in diesem Sinne, dass man es nur im Original wirklich haben kann und nicht als Nachdichtung. Ich habe es selber nicht für möglich gehalten, dass es gehen könnte. Und es hat auch sieben Jahre meines Lebens gebraucht und viele, viele Jahre Erfahrungen als Lyriker, als Verfasser von eher lakonischen, kurzen sinnspruchartigen oder aphoristischen Gedichten und ein begeisterter Lyrikleser, damit ich überhaupt einen Zugang gefunden habe. Und ich habe ein Jahr allein gebraucht, um diese eine Sprache zu finden, die weder historisierend ist, noch zwangsmodernisiert, sondern um eine Sprache zu finden, die ich gemeinsam haben könnte mit diesem Oswald von Wolkenstein.

erstellt am 11.1.2012