DER KAUFMANN VON VENEDIG  © Birgit Hupfeld

DER KAUFMANN VON VENEDIG. Regie Barrie Kosky

Am Schauspiel Frankfurt wird Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig” neu inszeniert: „Ein Stück über die Dinge, die der Mensch aus Liebe tut. Oder aus Hass. Ein Stück über das Geld.” lautet die Ankündigung. Tatsächlich arbeitet der Regisseur Barrie Kosky in seiner Inszenierung sowohl die psychologischen Abgründe der verhängnisvollen Hassbeziehung zwischen den venezianischen Kaufmännern Antonio und Shylock als auch die antisemitischen Reflexe aus, die die Rezeptionsgeschichte des Stücks begleitet haben. Die Inszenierung geht von einer virulenten Aktualität des Shakespeareschen Stücks aus: Antonio und Shylock sind unter uns – das implizieren auch der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank und die Literaturkritikerin Stefana Sabin in ihren sehr unterschiedlichen Büchern, aus denen FAUST Auszüge vorab veröffentlicht.

Das Erbe Shylocks: Über Schuld, Zins und Pfand

Von Rainer Hank

Antonio, der Kaufmann von Venedig, ist viel mehr als nur ein „ehrbarer Kaufmann“. Er ist ein genialer Abenteurer, der das große Geld auf See gemacht hat und weiterhin machen will. Er liebt das „venture“, ein Ausdruck, welcher zu Shakespeares Zeit nicht nur die Unternehmung im kaufmännischen Sinn meinte, sondern auch Abenteuer, Glück, Wagnis oder Risiko. „All my fortunes are at sea“, alle seine Besitztümer hat Antonio auf See. Er setzt alles auf eine Karte. Wenn die Rechnung aufgeht, wird sich das Abenteuer für ihn mannigfach auszahlen. Welch unglaubliche Renditen im Seehandel zu machen waren, bezeugt der Weltumsegler Sir Francis Drake, ein Verwandter im Geiste des Antonio, der nach der Überlieferung bei Rückkehr von seiner Weltumsegelung 1577 bis 1580, also in nur drei Jahren, seinen Aktionären eine Rendite von 4700 Prozent auf das eingesetzte Kapital gebracht hat. Dass die Sache riskant ist, weiß Antonio: Auf See gibt es Sandbänke und Untiefen, zuweilen neigt der Mast des Schiffes sich bedrohlich und küsst sein eigenes Grab. Keine Frage: Was eben jetzt noch so viel wert war, kann plötzlich zerrinnen. Nichts ist beständig, alles ist vergänglich.

Antonio, der Bürger, ist Abenteurer, aber kein Hasardeur. Denn er muss sein Geschäft nüchtern und rational kalkulieren, er braucht Seeleute, die Schiffe zu navigieren verstehen, und muss ein Wissen haben über die Märkte ferner Länder und die politischen Gegebenheiten auf der ganzen Welt. Antonios Risikofreude ist die des bürgerlichen Kaufmanns der Moderne.

Antonio ist zwar reich, aber nicht liquide, da seine Schiffe erst in einigen Wochen mit den Handelserlösen zurückkehren werden. Mit Bedauern lässt er Bassanio wissen, er habe „weder Geld noch Ware, um eine Summe in bar aufzubringen“. Bassanio möge selbst sehen, „was mein Kredit in Venedig vermag“, rät ihm Antonio. Damit hat er sich als Bürge angeboten und ein Dreiecksgeschäft vorgeschlagen.

Shylock, ein jüdischer Geldverleiher, soll das Geld beibringen. Der Weg zu Shylock fällt Antonio besonders schwer, gibt es doch zwischen dem Christen und dem Juden einen Jahrhunderte alten Konflikt darüber, ob es erlaubt ist, Zinsen zu nehmen für das Verleihen von Geld. Den Christen ist das Zinsnehmen verboten, den Juden nicht, zumindest nicht von Christen, was im Wettbewerb das Geschäft für Shylock erschwert. „Ich hasse ihn, weil er ein Christ ist, aber mehr noch deshalb, weil er in niederträchtiger Einfalt Geld gratis ausleiht und den Satz der Zinserträge hier bei uns in Venedig drückt.“ Da scheint ein Wettlauf um das billige Geld in Gang gewesen zu sein.

Juden und Christen hielten beide von alters her den Zins für Wucher, da es nach damaliger Auffassung als pervers galt, Geld für Geld zu verlangen. Geld sei steril, so die Lehre, weswegen mit Geld nicht abermals Geld erzeugt werden dürfe (das ist übrigens bis heute der Kern der stets heftigen Kritik am Spekulanten). Die Begründung dieses Verbots steht im Buch Deuteronomium, wo es heißt (Dt. 23, 19f.): „Du sollst von Deinen Brüdern keinen Zins nehmen, weder Zins für Geld, noch Zins für Speise, noch Zins für irgendetwas, das man leihen kann.“ Während nun die Juden dieses Verbot wörtlich nahmen, was bedeutet, dass das Zinsverbot zwar gegenüber Brüdern galt, gegenüber Nichtjuden aber nicht, interpretierten die Christen es universal, da Christen ja auch alle Welt zu Brüdern haben sollten. „Tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft“, sagt Jesus nach dem Bericht des Lukas-Evangeliums in der Bergpredigt.

Shylocks Verständnis des Zinses erweist sich dabei gleich in mehrfachem Sinn als moderner und der christlichen Wirtschaftsmoral überlegen: Während im Nahbereich der Familie zinslose Darlehen sinnvoll sein mögen, weil die soziale Kontrolle da, wo alle einander kennen, die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung erhöht, zwingt im anonymen Fernbereich der Zins den Schuldner zur Tilgung. Er diszipliniert ihn aber auch, mit dem geliehenen Geld effizient zu wirtschaften: Er zieht das knappe Kapital immer dorthin, wo es den höchsten Ertrag erzielt.

Mehr noch: Der kluge Shylock leiht Geld gegen Zins, damit Bassanio, wie Shylock sagt, seine „gegenwärtigen Bedürfnisse“ befriedigen kann. „Thrift is a blessing if men steal it not“: Gewinn, auch der Zinsgewinn, ist ein Segen so lange die Leute nicht stehlen. Shylock, das ist ziemlich revolutionär, weiß also, dass der Zins nicht der Preis des Geldes ist, sondern der Preis für die Zeit, durch welche jemand in die Lage versetzt wird, seine „gegenwärtigen Bedürfnisse“ heute schon und nicht erst in Zukunft zu stillen. Weil wir den gegenwärtigen Genuss dem künftigen vorziehen, muss ein anderer, darauf verzichten. Für diesen Verzicht verlangt der Kreditgeber Shylock einen Aufschlag, den er ökonomisch und moralisch für gerechtfertigt hält. Irving Fisher (und vorher schon Eugen Böhm-Bawerk) haben aus der Erfahrung der Zeitinkonsistenz ihre Theorie der „Impatience“ gemacht, jener Anerkennung „menschlicher Ungeduld“, wonach wir den Genuss desselben Gutes in der Zukunft als minder bewerten im Vergleich zum augenblicklichen Verzehr (1). Denn die Zukunft ist unsicher: Wer weiß, ob wir dann überhaupt noch leben?

Schließlich, letzter Beweis von Shylocks Modernität, geht es um die konkreten Kreditverhandlungen: die zentrale Frage, zu welchem Zins Shylock die gewünschten 3000 Dukaten verleihen soll. Klug wie er ist, macht er nämlich die Höhe des Zinses abhängig vom Wert der Sicherheiten. Je riskanter das Geschäft, je unsicherer der Schuldner, desto höher der Zins, das versteht sich. Dass man sich auf Antonios Schiffe, wenn es hart auf hart kommt, nicht verlassen kann, wissen wir schon: Wer weiß, ob sie nicht längst auf fernen Meeren „ihr eigenes Grab geküsst haben“. Die Schiffe scheiden als Pfand somit aus. Aber er hätte ja auch die Immobilien und Ländereien Bassanios verlangen können. Letztlich kommt der Jude mit einem sehr ungewöhnlichen Vorschlag: Sollte Antonio den Kredit nicht bedienen können, beansprucht Shylock, „a pound of flesh“, „ein wohlabgewogenes Pfund von eurem feinen Fleisch abzuschneiden“. Dieses Pfand, so denkt er, ist sicher, solange Antonio am Leben ist.

Der Dialog zwischen Antonio und Shylock über Zins und Pfand als Sicherheit zeigt sehr eindrucksvoll, dass Kreditverhandlungen immer mit zwei Unbekannten spielen. Es steht nicht nur zur Debatte, zu welchem Preis der Gläubiger seinen Kredit an den Schuldner verkauft. Es steht auch zur Debatte, was im Falle des Kreditausfalls als Pfand dienen soll und welchen Wert die Vertragspartner diesem Pfand beimessen. Wenn Staaten, worauf wir noch zu sprechen kommen, Verhandlungspartner sind, wird die Sache noch komplizierter. Riskant ist die Geschichte deswegen, weil der Wert des Pfands auch die Höhe des Kreditvolumens bestimmt, soll es doch im Idealfall garantieren, dass der Gläubiger sich daran schadlos halten kann. Da zwei Unbekannte aber schwer auszuhalten sind, verfallen die Menschen gerne in den folgenreichen Fehler, den Wert des Pfandes als fix und von Marktschwankungen unabhängig anzunehmen: Offen bleiben dann nur Kreditvolumen und Zinssatz.

Dass dieser Fehler folgenreich ist, hat die Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt. Häuser galten als risikolose Sicherheiten für eine üppige Vergabe von Immobilienkrediten (und den üppigen Weiterverkauf der darauf gegründeten Forderungen), solange man ihren Wert als sicher ansah. Verführerisch war dieses Geschäft erst recht dadurch, dass die großzügige Vergabe von Krediten auch die Preise an den Gütermärkten steigen ließ, mithin auch der Wert der Pfänder wuchs und der Ausfall eines Kredits nie wirklich zum Problem werden konnte, weil der Schaden durch die im Wert gesteigerten Sicherheiten jederzeit kompensiert werden konnte. Erst als sich der Zyklus drehte und Geld knapp wurde, weil plötzlich viel Unsicherheit in die Welt hineinrieselte, waren zugleich die scheinbar sicheren Pfänder nichts mehr wert, was sich merkwürdigerweise vorher niemand vorstellen wollte.

Noch komplizierter ist die Frage des Pfandes bei Staaten: Im Falle Griechenlands gibt es billigen Kredit und Bürgschaft der europäischen „Solidargemeinschaft“ nur gegen das Versprechen der Budgetkonsolidierung, auch eine Art Pfand, was wiederum die Voraussetzung dafür ist, dass die Griechen auch ihre Kredite zurückzahlen könnten, nachdem ihr Land wieder wettbewerbsfähig geworden ist. Aber was, wenn die Griechen sich nicht an ihr Versprechen halten, weil das die politische Legitimation der Regierung unterminiert? Sollen dann die Gläubiger mit der Kavallerie einrücken und den Konsolidierungs- und Privatisierungsprozess durchdrücken, der ihnen doch als Gegenleistung versprochen wurde? Oder sich, wie häufig gespottet wird, ein paar Inseln nebst Akropolis sichern?

Noch einmal zurück zu Antonio und Shylock. Auch Antonio hat sich verspekuliert. Denn es kam, wie es kommen musste: Der Kaufmann verliert alles. Seine Schiffe gehen zu Bruch, er wird ein Bankrotteur, der seinen Kredit nicht mehr bedienen kann. Das Angebot Bassanios, der inzwischen finanziell ausgesorgt hat, weil er die schöne Portia freien konnte, ihn um ein Vielfaches zu entschädigen, schlägt Shylock stolz aus. Zwar braucht auch er Geld, weil seine Tochter mit großen Teilen seines Vermögens durchgebrannt ist, doch lieber besteht er auf der Einlösung seines Pfandes. Sein Charakter hat sich gewandelt: Rache ist ihm wichtiger als Rendite.

1) Irving Fisher: The Theory of Interest, as determined by Impatience to Spend Income and Opportunity to Invest it (1930). Online auf der Internetseite des Liberty Fund zu finden: hier

Auszug aus Rainer Hank: Die Pleite-Republik. Warum der Schuldenstaat uns entmündigt und wie wir uns befreien können. Blessing-Verlag: München. Februar 2012

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erstellt am 11.1.2012

DER KAUFMANN VON VENEDIG, © Birgit Hupfeld

Mit Wolfgang Michael, Michael Goldberg, © Birgit Hupfeld

Premiere von DER KAUFMANN VON VENEDIG (Regie: Barrie Kosky) ist am 14. 1. 2012 im Schauspiel Frankfurt.

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Syhlocks Hass und Portias Gnade

Von Stefana Sabin

Shylocks Hass wie seine Unversöhnlichkeit sind individuelle Charakterzüge, aber sie sind untrennbar von seinem Judentum, und er erklärt sich selbst als Erbe eines ethnisch verpflichtenden Zorns. „Verflucht mein Stamm, Wenn ich ihm je vergebe!,“ murmelt Shylock „für sich“, als er seinen schicksalhaften Vertrag mit Antonio ausheckt. (I, 3, 319) Wenn man Jagos Wut, bei der Beförderung übergangen worden zu sein, weglässt, bleibt Jago immer noch ein böser Intrigant; wenn man von der körperlichen Missbildung Richards des III. absieht, ist Richard immer noch der teuflische Manipulator. Aber wenn man von seinem Judentum absieht, bleibt von Shylock nichts übrig – und tatsächlich verschwindet er aus dem Stück, nachdem er sein Judentum ablegen und konvertieren musste. Das Judentum, so der amerikanische Kulturwissenschaftler Stephen Greenblatt, ist das bestimmende, essentielle Merkmal Shylocks.

Als Jude wird Shylock auch durch sein Verhältnis zum Geld definiert. Der Jude ist Wucherer. Aber der Wucherer ist bei Shakespeare nicht unbedingt Jude, sondern, wie in „Was Ihr wollt“, ein Puritaner; Shakespeare soll deutliche Antipathien gegen die Puritaner gehegt haben. Sein Missfallen gegen die Puritaner richtete sich gegen eine Kultur, die durch eine alttestamentarische Schriftherrlichkeit, durch gesellschaftliche Autonomie und durch das Hochhalten des wirtschaftlichen Erfolgs geprägt und somit der jüdischen Kultur nicht unähnlich war. Der ständigen Fröhlichkeit der venezianischen Lebemänner hält Shylock strenge Lebensführung entgegen, und er ist der einzige im Stück, der klar definierten Regeln handelt. „Die Beziehung zwischen Shylocks Verhalten und seinen Worten ist nie zweifelhaft“, schreibt der französisch-amerikanische Literatursoziologe René Girard. „Seine Gesetzesauslegung mag eng und negativ sein, aber wir können darauf zählen, dass er dementsprechend handelt und seinen Handlungen entsprechend redet.“ Shylocks Strenge, seine Sparsamkeit, sein Widerwille gegen Musik, Karnevalsumzüge und Volksbelustigung sind vielleicht weniger jüdisch als puritanisch; Puritanismus und Judentum erscheinen als verwandte Formen frühbürgerlicher, frühkapitalistischer Existenz. Nicht zufällig sah Max Weber im Puritanismus die tiefe Wurzel des Kapitalismus, und Werner Sombart hielt die jüdische Kultur für protokapitalistisch.

Der Geruch des Geldes, so das Vorurteil, haftet den Juden an. Wie die Juden ist das Geld heimatlos, zugleich tot und lebendig, blutsaugerisch und parasitär, geil und doch steril, mächtig und unsichtbar – unheimlich eben! Die Verbindung zwischen Geld und Fleisch ist besonders effektvoll. Nach römischem Gesetz war jemand, der sich Geld lieh und es nicht zurückzahlen konnte, mit seinem Körper dem Gläubiger verfallen: Qui non habet in aere, luat in cute – wer kein Geld hat, büßt es im Fleisch. Zwar waren solche Bestimmungen schon seit römischer Zeit nicht mehr gültig, aber sie waren in Verstümmelungen wie Handabhacken als Strafe für Diebstahl oder Zungeabschneiden als Strafe für Gotteslästerung, die im Elisabethanischen Strafrecht noch galten, erhalten geblieben.

Der Vertrag, in dem das Pfund Christenfleisch als Sicherheit vereinbart wird, kehrte eine unterschwellige Angst vor gerichtlicher Bestrafung in eine offene Angst vor fremden Riten um. Durch Kleidung, Sprache und Verhalten wird Shykock als Fremder und als Jude vorgeführt: keine Seiden- und Samtkleider, sondern schlichter Wollstoff; keine gefällige Rhetorik, sondern harte Sachlichkeit; kein heiterer Genuss, sondern besorgte Strenge. Wenn die venezianischen Patrizier ständigem Triebdurchbruch frönen, pflegt Shylock den ständigen Triebverzicht. Er repräsentiert, meinte Heine, „ein düstern Missgeschick.“

Shylocks Leiden und seine Wut ebenso wie seine intellektuelle Nüchternheit geben ihm ontologisches Gewicht, seine Würde gibt ihm dramatische Kraft. Noch unter höchstem emotionalem und existentiellem Druck hält er den edlen Venezianern ihre Verlogenheit vor, wenn er sie, die von ihm Mitleid verlangen, an die eigene mitleidslose Sklavenhaltung und an die Verfolgung erinnert, die er erleiden musste. In kurzen prägnanten Sätzen mahnt Shylock Menschen-Gleichheit an: „Er hat mich beschimpft, mir ‚ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. “ (III, 1, 418-19)

Indem er vor Gericht das Recht auf Rache für sich beansprucht, legitimiert Shylock sein Handeln als Notwehr. Aber Porzia hält ihm christliche Gnade entgegen und postuliert ein geradezu modernes Rechtverständnis, das Gnade als eine unabdingbare Komponente der Rechtssprechung vorsieht:

„Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,
Sie träufelt, wie des Himmels milder Regen,
Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:
Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;
Am mächtigsten in Mächt’gen, zieret sie
Den Fürsten auf dem Thron mehr wie die Krone;
Das Szepter zeigt die weltliche Gewalt,
Das Attribut der Würd’ und Majestät.
Worin die Furcht und Scheu der Kön’ge sitzt.
Doch Gnad’ ist über diese Szeptermacht,
Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,
Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,
Und ird’sche Macht kommt göttlicher am nächsten,
Wenn Gnade bei dem Recht steht.“ (IV, 1, S. 442-3)

Die schreckliche Ironie dieser schönen Rede liegt in ihrer Verlogenheit, denn Porzia appelliert an Gnade und Barmherzigkeit, während sie ihrerseits gnadenlos und unbarmherzig handelt. Porzias Verlogenheit – und die Verlogenheit aller – wird in dem scheinheilig vorgetragenen Gnadenappell evident, denn ihm folgt eine rabiate Rachejustiz. Shylock ist der einzige, der auf Porzias süßliche Einlassungen nicht herreinfällt, der ihr in Unversöhnlichkeit ebenbürtig ist. “Aber der Genius des Dichters,“ so Heinrich Heine, „steht immer höher als sein Privatwille, und so geschah es, daß er in Shylock, trotz der grellen Fratzenhaftigkeit, die Justifikation einer unglücklichen Sekte aussprach, welche von der Vorsehung, aus geheimnisvollen Gründen, mit dem Haß des niedern und vornehmen Pöbels belastet worden, und diesen Haß nicht immer mit Liebe vergelten wollte.“ So löst sich Shylock von der alttestamentarischen Vorschrift über die Verhältnismäßigkeit der Strafe, die in der Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ enthalten ist, und macht sich eine Rachejustiz zueigen, wie er sie den Christen vorwirft – und wie er selbst sie wieder einmal erfährt. „Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mir lehrt, die will ich ausüben.“ (III, 1, 418-19)

In seiner zuerst unterdrückten und schließlich eruptiven Gier nach Rache liegt Shylocks Menschlichkeit, fand Ludwig Börne. In seinem Aufsatz „Der Jude Shylock im ‚Kaufmann von Venedig’“ hat er das Recht der Juden auf Rache und Hass eingeklagt. Shylock, so Börne, „will sein geschmähtes, niedergetretenes Volk an dessen Peiniger, dem Christenvolke, rächen. Den Geldteufel im Shylock verabscheuen wir, den geplagten Mann bedauern wir, aber den Rächer unmenschlicher Verfolgung lieben und bewundern wir.“ (188)

Indem er Rache zum Menschenrecht deklariert und dieses entschlossen für sich beansprucht, mutiert Shylock von einem komischen zu einem tragischen Bösewicht. Auch der Prozess bewegt sich zwischen Komik und Tragik. Der Prozess, so der englische Philologe Frank Kermode, „ist Folklore und das Urteil wird von einem folkloristischen Richter gefällt.“ Porzias Hinweis auf einen Widerspruch zwischen dem Vertrag und der Möglichkeit seiner Erfüllung ist juristischer Unsinn und weist auf einen innerchristlichen Konflikt zwischen Katholizismus und Protestantismus hin; es ist vor allem aber komödiantisches Glanzstück, das die Spannung löst, bevor die Stimmung wechselt. Denn da Shylock, um den Schuldschein einzulösen, einem venezianischen Edelmann ans Leben will, mutiert der Fall von einem zivilrechtlichen zu einem strafrechtlichen – und Shylock wird vom Kläger zum Angeklagten! So wird der Jude wieder zur geschundenen Figur. Er verliert sein Vermögen, seinen Glauben und seinen Namen – er wird ausgelöscht, und tatsächlich verschwindet er aus dem Stück. Von hier an kommt Shylock nicht mehr vor.

Auszüge aus Stefana Sabin: ’Es ist ein Unmensch keines Mitleids fähig’. Shakespeares Shylock und der Antisemitismusvorwurf.“ Göttinger Sudelblätter im Wallstein Verlag. März 2012

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