Der Frankfurter Literaturkritiker Martin Lüdke blickt auf seine Lese- und Schreiblaufbahn zurück. Seine private Literaturgeschichte ist gerade im Verlag Das Wunderhorn erschienen. Faust veröffentlicht Auszüge aus dem Vorwort.

Neuerscheinung

Meine Moderne

Von Martin Lüdke

Einige Auszüge aus dem kleinen, auch wehmütigen Vorwort zu den Zeugnissen einer großen, aber vergangenen Welt.

In zweifelhaften Fällen, entscheide man sich, das lässt sich von Karl Kraus lernen, für das Richtige. Der Fall, um den es mir hier geht, kann hingegen als unzweifelhaft gelten. Mir macht, um das offen zu bekennen, der Gedanke etwas zu schaffen, dass meine Lebenswelt langsam, dafür kontinuierlich hinter dem Horizont verschwindet, ähnlich wie das Ufer des Meeres, von dem man sich mit einem Schiff entfernt. Irgendwann bleibt noch ein grauer Streifen und dann, gute Frage, wohin geht dann der Blick? Nur noch nach vorn?
Oder? Andere Frage: Wer, zum Beispiel, war Hans Erich Nossack? Um nicht von Ernst Weiß und Franz Werfel zu reden. Warum sehen viele meiner vielen Bücher nach nur einigen Jahrzehnten so uralt aus? Ich weiß, die Toten sind tot. Wenn auch offenbar nicht alle. Hans Fallada erfährt, fast schon vergessen, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod eine unerklärlich seltsame Wiedergeburt, weltweit. Dennoch, der Tod bleibt die größte Belastungsprobe für ein lebendiges Werk. Wenn nichts Neues nachkommt, muss das Vorhandene seine Beständigkeit erweisen. Das gelingt nur in den seltensten Fällen. Auch manch lebender Autor hat sich selbst überlebt, wie Gabriele Wohmann kürzlich in einem Gedicht klagte. Schon Peter Schneiders einst legendäre Erzählung „Lenz“, 1973 erschienen, wird heute allenfalls noch von Versorgungsempfängern in vager Erinnerung gehalten. Wer sich einmal den Tort antut, die Programme unserer berühmten Verlage, sagen wir S. Fischer um 1900, Rowohlt, etwa zwei Jahrzehnte später, oder Suhrkamp in den frühen Sechzigern des letzten Jahrhunderts durchzusehen, reibt sich verwundert die Augen. Fast alles Namen, die keiner mehr kennt. Größen von einst, vergessen. Nur einige, wenige Gestalten schaffen es, sich zu halten. Ich nenne sie die „Klassiker der Moderne“. Sie sind im Bildungskanon verankert, in der Schule Pflichtlektüre und sie gehören zum Grundbestand eines offen sichtbaren Bücherregals. Auch da bröckelt es. Der Kanon verändert sich. Wenn in der Schule Bernhard Schlink statt Brecht gelesen wird und im mittleren Management die Wahl zwischen Mario Götze und Mesut Özil mehr Interesse erweckt, als die Unterschiede zwischen Grass und Walser, wenn also der Distinktionsgewinn literarischer Bildung immer mehr schwindet, dann ist erst einmal einzugestehen, dass die Rolle, die Literatur heute noch in unserer Gesellschaft spielt, immer marginaler wird. Eine Randerscheinung. Deswegen wird nicht unbedingt weniger gelesen. Doch dieser Prozess beschleunigt wohl noch die Verschiebung des Horizonts. Die Richtung ist vorgegeben, es geht fast immer nur nach vorne, in die Zukunft. Der Blick ist auf das gerichtet, was kommen wird. Im gleichen Maße fällt das Alte, was vergangen ist, ‚hinten’ runter. Diese Horizontverschiebung wird jedem Leser im Laufe eines langen Lese-Lebens irgendwann einmal, mehr oder weniger schmerzlich, bewusst. Wenn er dann zurückblickt, anders als der Benjaminsche Engel der Geschichte, sieht er, die ungewisse Zukunft vor sich, hinter sich den Trümmerberg, seine Gewissheiten mehr und mehr verschwinden.

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Klar, die Welt war auch „Morgens um sieben“, also damals nicht in Ordnung. Aber es war noch das Gerüst erkennbar, in dem sich der Zerfall ihrer Ordnung beschreiben ließ. Und es war noch Hoffnung in der Welt, die sich nicht aufs Jenseits berufen musste. Der utopische Kern, der jeder großen (wie wir gerne sagten: bürgerlichen) Literatur innewohnt, glühte noch. Wenigstens ein bisschen. Ernst Bloch sprach mit einer prägnanten Formel von der Kunst als dem Vorschein einer besseren Welt. In den Jahren, in denen der größere Teil der folgenden Texte geschrieben wurde, leuchtete noch dieser Vorschein, wenn auch von Jahr zu Jahr schwächer und schwächer. Und als dann sogar Helmut Heißenbüttel, unbestrittener Cheftheoretiker einer experimentell-avantgardistischen Literatur und damit der diensthabende Fortschrittsapostel unseres deutschen Teilstaates, das Ende der Moderne verkündete und fröhlich zur Feier einer neuen Beliebigkeit aufrief, es war Mitte der achtziger Jahres des letzten Jahrhunderts, da ließ sich nicht länger übersehen, dass sich etwas an der Geschäftsgrundlage verändert hatte, beziehungsweise um mit Marx zu reden, die „Beleuchtung“ gewechselt worden war. Alles ist möglich, vom Sozialistischen Realismus über die Novelle und dem Sonett bis zur gereimten Parabel, deklarierte Heißenbüttel. Die geschichtsphilosophische Bindung der ästhetischen Form war endgültig aufgehoben. Habermas proklamierte kurz darauf seine „Neue Unübersichtlichkeit“. Und die Literaturkritik kehrte ziemlich ungeniert wieder zurück zum Geschmacksurteil.

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Deshalb habe ich hier Überlegungen aus einer kurzen Periode ausgewählt, die kaum zwei Jahrzehnte umfasst, von meinen ersten Schreibversuchen bis hin zum nicht mehr übersehbaren Zerfall der Moderne.
Und ich habe das Vorhaben „Meine Moderne“ genannt. Mir geht es nämlich auch um einen Zusammenhang, der mit dem Begriff Horizontverschiebung angedeutet werden könnte. Nicht nur unser Handeln, auch unsere Wahrnehmung ist von einer Art Rahmen begrenzt. Bestimmte Zeitvorstellungen und -Strukturen definieren unseren Erfahrungshorizont. Was sich dahinter alles verbirgt, darüber machen wir uns selten Gedanken. Wir erleben es als natürliche Gegebenheiten. Um diesen Zusammenhang etwas deutlicher zu machen, möchte ich an meine Urgroßmutter, „die Oma Toni“, erinnern, zu deren Füßen ich einst, in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, zumal dann gerne saß, wenn dank einer „Stromsperre“ nur das spärliche Licht einer flackernden Kerze die, wie man sagte, von „oben verordnete“ Dunkelheit kaum durchbrach. Ich fühlte mich geborgen, doch etwas unheimlich war mir schon. Deshalb hockte ich gerne auf der Fußbank vor dieser alten Frau, die oft noch an ihrer Nähmaschine saß. Sie hatte, als das Licht ausging, die Arbeit unterbrochen. Bald begann sie zu erzählen, eigentlich immer von „damals“, ihrer Kindheit, ihrer Jugend, von den Kriegen, merkwürdigerweise auch immer wieder gerne von Turnfesten. Vom Turnvater Jahn schwärmte sie regelrecht. Je länger die Ereignisse zurücklagen, die näher schienen sie ihr. Geboren war sie in den frühen fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, in Apolda, einer kleinen thüringischen Stadt, gleich weit von Weimar und Jena entfernt. Sie hatte natürlich Leute gekannt, die Goethe persönlich gekannt hatten. Trotzdem war Goethe für sie viel weiter weg als ihr Idol Schiller, der für sie eine Art Held geblieben war. Sie hatte auch Kriegsteilnehmer von 1866 gekannt. Einer ihrer vielen Brüder war 1870/71 gegen Frankreich zu Felde gezogen. Und ihre Schwiegersöhne hatten vierzig Jahre später vor Verdun gelegen. Jene Zeit – das war ihre Zeit. Die Eisenbahn, die Erfurt mit Berlin verband. Der Gasstrumpf, der erstmals künstliches Licht brachte. Dann das elektrische Licht, Fahrrad, Auto, Telefon, Flugzeuge, auch der erste Zeppelin, der auf einer großen Wiese am Rande der Stadt gelandet war. Immer wieder erzählte, rezitierte sie Schillers Balladen. Sie war über neunzig Jahre alt, aber die „Kraniche des Ibykus“ waren ihr noch immer präsent. Eine Glockengießerei in Apolda, in der auch die größte Glocke des Kölner Doms gegossen worden war, hatte Schiller Anregung und Vorbild für seine wohl populärste Ballade geliefert. Diese Welt, von der sie mir erzählte, das war ihre Welt. Den Zweiten Weltkrieg nahm sie nur notgedrungen noch zur Kenntnis. Die Lebensspanne meiner Ur-Großmutter deckt also ziemlich genau jene Zeitraum ab, der in der ästhetischen Theorie als Moderne firmiert: von den „Fleure du Mal“ bis zum „Endspiel“, von Baudelaire bis Beckett.

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Louis Aragon erinnert in diesem Zusammenhang an Ereignisse, die wie Blitze aufleuchten und eine ganze Generation prägen, ihre Denkweisen bestimmen, ihre Assoziationsräume begrenzen. Das gemeinsame Erlebnis, etwa im gleichen Alter, verbinde. Das mag die Dreyfus-Affäre gewesen sein oder Neil Armstrongs Botschaft vom Mond. Auch die „poetische Mentalität einer Epoche“ lasse sich darauf zurückführen. „Sie entsteht inmitten der unendlich variierenden Umstände jener paar jähen Blitze“. Aragons Überlegungen beziehen sich auf die (Vor-) Geschichte des Surrealismus, die er am Horizont seiner Generation ablesen möchte.
Unser Rezeptionsvermögen scheint an diesen Horizont gebunden. Unser Wissensbestand bleibt zeitbezogen. Unsere Kapazitäten lassen sich offenbar nicht beliebig vergrößern. Was sich nach vorn eröffnet, Platz für die Zukunft schafft, muss hinten, in der Vergangenheit, entsorgt werden. Dabei sind quantitative Vergleiche sicher ebenso problematisch wie räumliche Übersetzungen dieser temporalen Prozesse. Zudem stand, ästhetisch betrachtet, die Moderne stets unter dem Diktat des Neuen.
Hinzu kommt, dass wir immer auch mit Ungleichzeitigkeiten leben, die das alles noch weiter komplizieren. Johann Peter Hebel erzählt im „Unverhofften Wiedersehen“ die Geschichte einer Frau, die am Ende eines langen Lebens vor dem Leichnam ihres Bräutigams steht, der einst bei einen Grubenunglück verschüttet worden war. Hebel verdeutlicht den Zeitraum, der zwischen den beiden Ereignissen vergangen ist, mit einem ganzen Katalog historischer Geschehnisse. Der Bräutigam, gleichsam balsamiert, war, über alle die Jahrzehnte hinweg, jung geblieben, seine Braut hingegen zu einer alten Frau geworden.
Michel Serres, der französische Philosoph, Mathematiker und Kunsttheoretiker berichtet von einer ähnlichen Geschichte. Einige Brüder, um die sechzig Jahre alt, stehen am Sarg ihres Vaters, eines ehemaligen Bergführers, und wollen nun einen Toten von dreißig Jahren begraben. Der Vater war vor einem halben Jahrhundert in eine Gletscherspalte gestürzt und im tiefen Eis gleichsam konserviert worden. Jetzt stehen die alt gewordenen Söhne vor dem Körper eines jungen Mannes, der ihr Vater war.
Die Spanne der Ungleichzeitigkeit, die in diesen Fällen beschrieben wird, deckt sich jeweils mit der einer entsprechenden Horizontverschiebung. Um Robert Gernhardt zu zitieren: „Mein Gott, ist das beziehungsreich. Ich glaub, ich übergeb’ mich gleich“.
Denn nicht genug damit, dass sich unser Bildungsbestand fortwährend umwälzt, er muss sozusagen auch tagtäglich neu gedeutet werden. Denn jeder neue Tag erneuert nun einmal auch unsere ganze Vergangenheit. Erst die kopernikanische Wende hat das ptolemäische Weltbild ins rechte, also richtige Licht gerückt. Der Zweite Weltkrieg hat dem Ersten sogar erst seinen Namen gegeben. Wenn die Zukunft offen ist, könne die Vergangenheit nicht verschlossen sein, meint dazu A. C. Danto.

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Die Ereignisse, die für meine Generation wie Aragons „Blitze“ aufleuchteten, der 17. Juni 1953, der Ungarn-Aufstand, der Mauer-Bau und der Mauer-Fall, Kennedys Ermordung, Filme wie Bergmanns „Schweigen“, Goddards „Außer Atem“, Bogdanovichs „Last Picture Show“, „Rio Bravo“ und Constantin Costa Gavras „Z“ (Drehbuch: Jorge Semprun), Kinderladenbewegung und überhaupt ‚68, die Schleyer-Entführung und Ermordung, damit sind solche „Blitze“ bezeichnet, also Momente eines Erfahrungshorizonts. Dazu gehören dann natürlich auch Figuren wie Adorno und Beckett, Brigitte Bardot und Romy Schneider, Habermas, Gadamer, die Beatles und Bob Dylan. Meine Lebenswelt. Erst in ihrem Horizont sind ‚meine’ Bücher verortet. Aus diesem Zusammenhang gelöst, fehlt ihnen, nach meinem Empfinden, möglicherweise etwas Entscheidendes. Ich habe, anders gesagt, in Becketts „Warten auf Godot“ auch meine eigene Situation deuten können. Aber ich habe Kafka damals auch anders gelesen als heute, und, beispielsweise, Camus in einen unziemlich engen Zusammenhang mit James Dean gestellt.

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„Meine Moderne“ ist Geschichte geworden. Für die jüngeren Zeitgenossen ein Stück Literaturgeschichte. Für die älteren ein Stück Lebensgeschichte, in der sie ihre eigene Biographie spiegeln können. Und überhaupt? Die Literatur einer Epoche, die sich jetzt vielleicht, mit Richard Wagner, auf die Formel bringen lässt: „Ich schreite kaum, doch wähn’ ich mich schon weit. Du siehst, mein Sohn, zum Raum ward hier die Zeit.“

Mit freundlicher Genehmigung vom Autor und vom Verlag Das Wunderhorn.

erstellt am 05.1.2012

Martin Lüdke, Foto: Wolfgang Becker
Martin Lüdke, Foto: Wolfgang Becker

Martin Lüdke
Meine Moderne
Bausteine zu einer
persönlichen Literaturgeschichte
Essays
Herausgeber: Michael Buselmeier
64 Seiten, gebunden, bibliophile Ausgabe
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg

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