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Gerald Zschorsch ist ein Dichter aus Elsterberg im Voigtland, an dem, seit 30 Jahren in Frankfurt am Main ansässig, die Gefängniszelle seiner rebellischen Jugend festsitzt wie an der Schnecke das Haus; einzige Sicherheit eines Frei- und Einzelgängers, der lange Wege zurückgelegt hat: von Elsterberg nach Plauen, um Rebell zu werden, von da in die Knäste von Gräfentonna und Cottbus. Herausgekauft und abgeschoben, ging er nach Gießen, um zu leben und zu studieren, und weiter nach Frankfurt, um Flaneur zu werden. Auf all seinen Wegen entstanden Lieder und viele, sehr unterschiedliche Gedichte, die in ihrem Ton, wie die Proben aus frühen und späteren Jahren zeigen, ganz unverkennbar und bis heute eigentlich nicht zu vergleichen sind. Ich bin Gerald Zschorsch zum ersten Mal 1979 in Klagenfurt begegnet und Lektor einiger seiner Bücher geworden.
Hans-Ulrich Mueller-Schwefe

Siehe auch:
GESPRÄCH: Oberländer–Zschorsch

Gerald Zschorsch, Foto: Wolfgang Becker
Gerald Zschorsch, Foto: Wolfgang Becker
Text und Audio

Gerald Zschorsch liest

Stern

Flitterjacke Hosen aus Leder
an jeder Hand einen Ring.
Stern unter die Augen geklebt
fünf Ecken hat so ein Ding.

Fünf Ecken auch als er
im Kopf noch war und rot.
Der Stern ist untergegangen
und unter den Augen tot.

Expression

Kenn ein Land, wo die Blumen aus Glas,
wo die Blume versteinert sind.
Wo nur dornig wächst das Gras,
wo feurig bläst der Wind.

Kenn ein Land, wo regiert nur die Nacht,
wo der Funke glimmt und erlischt.
Wo man niemals wieder mehr lacht,
wo man Masken trägt, statt ein Gesicht.

Kenn ein Land, wo man Sterne verehrt,
wo man Menschen zu Göttern macht.
Wo man fördert das was verkehrt,
wo man hinter Mauern erwacht.

Kenn ein Land, wo man scharf ist auf Blut,
wo man Kinder zu Greisen macht.
Wo man schlecht ist, und man sagt gut,
wo man’s weinen hört fast jede Nacht.

Kenn ein Land, wo die Liebe zum Tod,
wo das nicht sein erstrebenswert ist.
Wo die Menschen in geistiger Not,
wo man eines Tages zerbricht.

Kenn den Tag, wo ein jeder bezahlt,
wo entschieden wird, wer, wie und wann.
Wo man letztmalig hört einen Schrei,
wo man sich wieder anschauen kann.

Das Geld

Das Geld hat Hände wie das Beil: es greift ein.
Und der Weg der Verletzung kann verschieden.
Und auch andersfarbig sein.

Das Geld macht Schlieren wie der Regen: es ist naß.
Und ob auf die Haut oder drunter.
Wen kümmert das.

Das Geld hat eine Ohnmacht: es sind manchmal auch zwei.
Und die eine zerfetzt dir den Kopf.
Und die andere freut sich dabei.

Die Ebene

Die Ebene der Zeichen ist verarmt.
Armut macht hart den Blick und scheuer.
Der Knutschfleck auf der Schulter sitzt und blüht. Ist
Das Brennen der Haut vom Feuer.
Anmut lehrte das Empfangen.
Leidenschaft nicht den Verstand.
Und so zogen engumschlungen
Muttersprache Vaterland.

Haut

Die Flecken der Seele.
Das leichte Erschrecken
beim Anbruch des Tages.

Erst vorsichtig;
dann böse die Spur
des Fingers.
Betasten.
Begrenzen.
Den Abstand der Poren.

Den Sprung der Schuppen
verhindern.
Einfetten.
Glattstreichen.

Die Schwellung fühlen.
Den Drang von innen nach außen.
Im Spiegel.
Juckt meine Angst.

Elegie

Engel erscheinen, um zu verschwinden.
Sind Mittler zwischen Dunkel und Licht.
Sichtbar im Kommen; im Gehen unsichtbar nicht.

Engel tragen niemals eine Krone.
Im Reigen schwach und ohne Würde.
Sind Flügel Rucksack. Tragriemen der Bürde.

Engel zwitschern vernehmlich keine Lieder.
Sie hausen mit uns; mental beglückt.
Sind ähnlich lebenden Personen ausgerückt.

Kinderherz

Für Paulina

Geht die Nacht; kommt der Tag.
Fließt das Wasser; türmt der Sand.
Großes Spielzeug Kinderherz,
schreibe doch an Unbekannt.

Wer setzt die Sterne ans Firmament;
wer bewegt den Wind.
Warum ist Wasser flüssig
und wieviel Körner die Sande sind.

Ist Regen ein Weinen der Götter;
Sonnenschein Grillfeuer der Lust.
Oder der Mondstrahl die Rutsche für Spötter,
die du auch einmal rutschen mußt.

Warum warum ist diese Welt
so anders als die eigene.
Vielleicht liegt es am Taschengeld
und an der bösen Fee. Dem Weh.

Zinnen

Wind ist schnelle Luft. Duft
auch vom jeweiligen darunter.
Nimmt die Nase wahr. Haar
zerrt am Schädel. Mädel
jetzt sein im Kleid. Leid
die Hosen, die schlackern.

Gestern von dem Winde verweht; heute gegen ihn ackern.

Die Gedichte wurden mit freundlicher Genehmigung Gerald Zschorschs und des Suhrkamp Verlags dem Band »Torhäuser des Glücks« entnommen.

erstellt am 24.12.2011