Rudi Dutschke konnte sich wiedererkennen in den frühen Gedichten von Gerald Zschorsch.
„Glaubt bloß nicht, dass ich traurig bin – Prosa, Lieder, Gedichte“ hieß das erste, zunächst als Broschüre, dann 1981 in der edition suhrkamp erschienene Buch Zschorschs: literarische Kritik an den Verhältnissen der DDR. Gerald Zschorsch, geboren am 25. Dezember 1951 in Elsterberg im Vogtland, war 1968 nicht der einzige Jugendliche, der gegen den Einmarsch der Truppen der Warschauer Paktstaaten öffentlich protestierte. Er kam ins Gefängnis und wurde später in den Westen verkauft. Er gehört zu der Generation, über die Thomas Brasch den Titel: „Vor den Vätern sterben die Söhne“ setzte, und man liest Dutschkes Nachwort „Wenn Mütter sterben, müssen die Kinder weiterleben – aber wie?“ sicherlich richtig, wenn man die Korrespondenz der Titel bemerkt.
Seit über dreißig Jahren lebt Gerald Zschorsch in Frankfurt am Main und hat die Stadt beschrieben in den Bänden „Klappmesser“(1983), „Stadthunde“ (1987) und „Spitznasen“ (1990). Es verwundert nicht, wenn in den überwiegend kurzen, lakonischen Gedichten eine Radikalität erscheint, die der Gewalt, die ihm zugefügt wurde, eine Bereitschaft zu Streit und Kampf entgegensetzt. Dieser lyrischen Militanz dient auch der Reim. Er ist nie Mittel der Beschwichtigung oder Harmonisierung, sondern setzt harte Pointen wie Schläge.
Gerald Zschorsch hat in bewundernswerter Weise seine Dichterexistenz gelebt. Er hat kaum so genannte Brotarbeiten ausgeführt. Auch hier kann man fragen: „Aber wie?“ und eine Antwort finden in folgendem Gedicht aus dem 2009 erschienen Band „Zur elften Stunde“:

Jedem das Seine

Ich habe kein Brot
Ich habe kein Salz
Und geh durch die Stube
Mit dem Strick um den Hals.

Ich habe kein Fett;
Ich habe kein Bier
Und summe ein Lied,
das schicke ich dir.

Seit den Prosagedichten, die 2006 in dem Band „Czerwonka“ veröffentlicht wurden, hat sich Gerald Zschorsch Landschaften im Osten zugewandt, dem Ermland, der kurischen Nehrung und schließlich auch dem Vogtland, aus dem er stammt. Mit dem Bild des Jungen, der zur elften Stunde mit der Schleuder nach dem goldenen Kranich im Wappen von Greiz zielt und vor dessen Schönheit erschrickt, ist ihm dabei ein unverwechselbares Bild gelungen, Metapher und Emblem.

Am 25. Dezember 2012 ist Gerald Zschorsch 60 Jahre alt geworden. Ein Auswahlband seiner Gedichte ist unter dem Titel „Es war einmal eine Frau“ im Berlin Verlag erschienen.

Das Gespräch mit Gerald Zschorsch fand am 19. Dezember 2011 im Hessischen Literaturforum im Mousonturm statt. (ho)

Faust-Gespräch

Absichtlich absichtslos

Harry Oberländer (rot) spricht mit Gerald Zschorsch

Es ist nicht lange her, dass Vaclav Havel gestorben ist. Mich erinnert das an die Okkupation 1968 in der Tschechoslowakei. Das war für Dich ein sehr einschneidendes Ereignis. Für mich war das auch ein einschneidendes Ereignis, weil ich damals große Hoffnungen in die Entwicklung der Tschechoslowakei gesetzt habe und dann schon sehr niedergeschlagen war, als dieser Einmarsch stattfand und deswegen aber auch ein waches Sensorium hatte für das, was im Zusammenhang damit passierte, auch in der DDR. Und darüber habe ich wahrgenommen, dass Du dann in die Bundesrepublik gekommen bist. Aber vielleicht erzählst Du erst Deinen Teil, warum es für Dich biographisch ein einschneidendes Ereignis gewesen ist.

Es ist ja manchmal so, dass die Ironie der Geschichte einen einholt, wenn man sie nicht erwartet. Auf der Titelseite des Feuilletons der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist ein großer Geburtstagsgruß von Lorenz Jäger zu meinem Geburtstag, der ja erst in einer Woche ist. Und gleichzeitig ist der Aufmacher in der FAZ zu Vaclav Havel. Und diesen Zusammenhang in einer Zeitung hätte ich mir nie vorstellen können als Siebzehnjähriger, und zwar heute in einem ungewöhnlichen Zustand: Denn er geht ab, und ich bin da. Das ist schon sehr merkwürdig. Und das meine ich mit der Ironie. Denn es gibt dann doch Zusammenhänge, die man nicht weiß – gottseidank nicht – die immer wieder zusammenspielen, und bestimmte Kausalitäten zeigen, was dann doch eine Bejahung der Geschichte ist.

Also Du warst zu dem Zeitpunkt siebzehn?

Ja.

Und Du hast Flugblätter verteilt?

Ja.

Wie kam es dazu?

Einfach aus einer inneren Stimme heraus. Es waren ja auch nur fünf Stück, denn die musste ich ja alle mit der Hand schreiben! Es gab ja keine Pausen oder Vervielfältigungsgeräte. Und die habe ich dann in der Stadt verteilt. Ja.

In welcher Stadt war das?

In Plauen, wo die Russen einmarschiert sind über die Grenze nach Prag.

Das heißt, Du bist damals in Plauen zur Schule gegangen?

Ja. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Gar nix. Ich habe einfach gemacht, was mein Herz gesagt hat. Ganz naiv. Der Vorteil war, dass ich dadurch auch keine Angst hatte. Man hätte ja auch im vorauseilenden Gehorsam sich denken können: Mach das nicht! Denn dann ist das soundso. Sondern ich habe sporadisch und spontan argumentiert. Und dann war’s halt so, wie’s war.

Und was passierte dann?

Ja, die Verhaftung …

Von der Stelle weg?

Na, einen Tag später habe ich das Gleiche nochmal gemacht. Und dann weg, und dann Untersuchungshaft, und dann Schnellverfahren, und dann war das das. Anderthalb Jahre!

Eine lange Zeit.

Ja. Ja, aber es war dann sozusagen im Nachhinein für mich gut. Wie ein Abenteuer für ein Kind. Ich habe natürlich ganz früh und jung, ohne psychische Konstellation oder Benennung weder der Psychologie, noch der Psychoanalyse, Materie kennengelernt: Materie einer Gesellschaft – durch alle Schichten hindurch. Es war zwar ein Jugendgefängnis, aber im Jugendgefängnis waren auch Altstrafler, also Erwachsene, die dann die Magazine bedient haben, – und ich hatte ein staunendes Herz.

Und hast Du zu der Zeit schon geschrieben, Gedichte geschrieben, oder hattest Du Zugang zur Literatur?

Ja, ich war im Gefängnis bereit, aber noch nicht schwanger.

Dann bist Du raus. Konntest Du Deine Schulbildung fortsetzen?

Ja, ich konnte die Schule fortsetzen, und dann war ich beim Theater in Plauen als Kulissenschieber, Bühnenarbeiter. Und dann hat sich das sozusagen radikalisiert, oder es hat sich künstlerisch geformt, oder wie auch immer. Aber ich habe da etwas gekriegt für mich. Da war irgendwas. Und da wollte ich auch nicht darauf verzichten. Dass das dann später mal für mich kompliziert wurde, denn es gibt ja die Benennung eines Mehrfachtäters, eines Wiederholungstäters, – das war mir alles gar nicht klar. Ich war da dran und blieb da dran.

Und kannst Du sagen, wann das Gedichteschreiben …

Unmittelbar nach dem Gefängnis. Es gab halt, wie in allen DDR-Gefängnissen, eine hervorragende Bibliothek. Und ich hatte alles das, was ich vorher gar nicht so hatte – hatte dafür auch keine Muße. Ich habe die ganzen Russen gelesen. Auch Bücher, die offiziell verboten waren, die gab es im Gefängnis, weil irgendeine aufgelöste Bibliothek da reinkam. Und man hatte ja Zeit zum Lesen.

Du warst dann in Plauen beim Theater?

Ja.

Du hast aber auch Abitur gemacht zu der Zeit.

Ja.

Und dann ist es schon sehr bald zur zweiten Verhaftung gekommen …

Ja, bald: Die zweite Verhaftung war im Sommer 1972, im August. Ich habe dann im Nachhinein von der Staatssicherheit erfahren: Die hatten mich schon lange auf dem Kieker gehabt, was ich natürlich nicht wusste. Und dann gab’s so ein Vierländertreffen in Plauen, ein Kultur-Vierländertreffen. Denn Plauen liegt in so’m komischen Geviert an der polnisch-deutsch-tschechischen Grenze. Und da habe ich halt so Texte geschrieben und Gitarre gespielt, die ich gar nicht spielen konnte, geklimpert und so. Und dann ist irgend so eine Band nicht gekommen in einer Veranstaltungshalle, dann fingen die da an rumzumachen. Und dann bin ich auf die Bühne gegangen, ohne eingeladen zu sein, und habe die Leute unterhalten mit staatsfeindlicher Hetze, – was mir aber nicht klar war.

Du hast Lieder gesungen?

Ja, ich habe Lieder gesungen. Zum Beispiel das erste, „Expression“, das ist aus der Zeit. Und dann haben die sich das so ein bisschen angehört. Und die Menschen dort fanden das in Ordnung. Dann kam ein junger Mann, der hat gesagt, geh’n Sie mal weg, die Staatssicherheit kommt gleich. Und dann bin ich weggegangen, nach Hause. Und dann, am nächsten Tag war ich normal im Theater arbeiten, und dann kam um zehn die Staatssicherheit. Und das war’s dann.

Das heißt: Prozess?

U-Haft erstmal, lange. Dann Prozess, dann extrem hohes Urteil, dann Berufung. Dann wurde ein Jahr von den fünfeinhalb Jahren zurückgenommen, weil ein paar von den Gedichten nicht „Hetze“ sind und keine Staatsaufwiegelung, sondern nur pessimistisch waren.

Die zählen dann nicht mit?

Nee, die haben mir ein Jahr geschenkt. – Das ist das Schöne von der Birthler-Behörde: Das habe ich alles in meinen Akten, Gedichte und Textfragmente, die ich heute alle gar nicht mehr weiß. Das ist alles kommentiert, und zwar einmal von der Staatssicherheit und einmal von mir selbst, weil ich ja nichts zurückgenommen habe. Ich habe gesagt, nein, ich sehe das so. Ich bin ein junger Mensch. Wir müssen das anders machen im Sozialismus. Und mit Ihnen geht das halt nicht.

Und hattest Du, während Du im Knast gesessen hast, irgendwelche Unterstützung von außen?

Nein, gar nix. Ich habe in drei Schichten gearbeitet, und da gab’s auch keine Zeit. Und es gab ja auch kein Außen, weil es mich ja nicht gab. Sie haben mich weggefangen, und dann war ich weg. Und erst jetzt, als ich vor kurzem wieder in Plauen war, hat man mir „von außen“ erzählt, ja, Du warst plötzlich weg! – Und dann wurde das ganze Theater umgekrempelt. Die haben das ganze Theater verhört, haben alles protokolliert, und alle im Theater haben sich im Prinzip auf eine faire und sehr schöne Art und Weise darauf zurückgezogen, indem sie gesagt haben: Wir haben den ja nicht ernst genommen. Wir haben gedacht, der hat ‘ne Macke. – Hatt’ ich ja vielleicht auch! Ich weiß es nicht so. Aber dieses Unbedarftsein hat mich sozusagen auch gerettet. Und die, die da gefragt wurden, hatten eine Möglichkeit, sich rauszureden, oder es war vielleicht auch so gemeint, wie es gesagt war: Der hat halt eine große Klappe.

Du bist aber dann in den Westen gekommen, bist freigekauft worden oder verkauft worden; Du hast die Formulierung irgendwann mal gebraucht. Wie kam das denn zustande?

Na ja, diese Geschichte mit dem Freikauf gibt es ja schon sehr lange, seit den 60er Jahren. Und wie man das heute aus den Akten weiß, sind zwischen 1962 und 1989 knapp 40.000 Menschen verkauft worden. Und das war eine Deviseneinnahme der DDR.

Aber Dein Name muss ja irgendwie auf diese Liste gekommen sein, so dass Dich auch jemand freikaufen wollte!

Das weiß ich nicht. Da hat man auch keinen Zugang zu den Akten. Mir hat man gesagt, das war ein Fall für Amnesty International. Und ich habe da auch gar nicht danach gefragt. Ich war einfach nur froh, da raus zu sein.

Aber wie hast Du das dann erfahren? Da kommt jemand und sagt, Sie können jetzt in den Westen? Oder wie hat das funktioniert?

Es ist ja so. Nicht nur die DDR, sondern natürlich die Kommandozentrale ist ja sehr lustig, weil, es ist ja eigentlich ein Theaterstück. Es war klar. Ich saß in Cottbus. Und zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Spätherbst, verschwanden Leute aus dem Gefängnis. Und dann hörte man, nach einer gewissen Zeit, die sind im Westen. Und bei mir war das so: Ich kam von der Nachtschicht. Wir haben da gearbeitet für Pentacon Six, diese Kamerafirma in Dresden. Und ich lag quasi im Bett, war gerade eingeschlafen. Da kam ein Schließer, der hieß in der Anstalt ‚Sheriff’, weil der immer so rumfuchtelte, und hat gesagt: Anziehen! Packen! Sie gehen auf Transport! Und da habe ich ja nicht gewusst, was das ist, weil das ja außerhalb dieser Transportzeit war. Und man munkelte, diese Transporte gehen nicht mehr zweimal im Jahr, sondern vielleicht nur noch einmal. Bei mir war das ja schon der 18. Dezember! Also da gingen eigentlich keine Transporte mehr. Und dann bin ich in eine andere Zelle gelegt worden. Plötzlich kamen noch andere Leute aus der Anstalt. Und dann ging’s in den Bus. Und dann sind wir gefahren worden von Cottbus nach Chemnitz (Karl-Marx-Stadt). Diese Untersuchunganstalt kannte ich, weil ich da ich in U-Haft war. Dachte ich, ist ja komisch. Mal gucken, was das jetzt ist. Und dann kam ich zum Verhör zu dem Vernehmer, den ich auch vorher mal hatte, also ein Staatssicherheitsmajor. Der hat gesagt: Na, jetzt geht’s auf! Zuckzuck! Sage ich: wie? Ja, Sie kommen in den Westen. Wir brauchen Sie nicht mehr. Sie werden in den Westen entlassen. Gab mir die Papiere. Unterschreiben Sie mal alles! Habe ich gelesen… Laut Papier habe ich einen Antrag gestellt auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft. Als ob’s das gibt! So was gab’s doch gar nicht! Durch meine Akten habe ich im Nachhinein erfahren, dass die auch – laut Gefängnisakten bin ich wegen guter Leistungen aus Cottbus nach Plauen entlassen worden! Da steht nirgends BRD! Gar nix! Sie haben den eigenen Kumpels nicht getraut. Und dann war ich dann in Karl-Marx-Stadt auf dem Kaßberg – etwa zwei Tage – und dann bin ich mit dem Bus mit noch 23, 25 Leuten von Karl-Marx-Stadt an die innerdeutsche Grenze gefahren, nach Herleshausen. Zwischendurch hielt der Bus kurz auf einem Parkplatz – alles noch auf DDR-Gebiet – da stiegen Herr Vogel und Herr Stange zu. Das sind diese Anwälte gewesen, die die Abwicklung machten. Die machten so bestimmte Sachen, wenn Sie nach dem Westen, hier ist meine Karte, wegen Dokumenten und so und so und so, und sagten zum Schluss zwar nicht ‚Grüß Gott’, aber ‚Alles Gute!’ und stiegen aus dem Bus wieder aus, und zwar an der Grenze. Und da war eine Tür, die ging auf. Und da fuhr der Bus, der ein Gießener Kennzeichen hatte – das war schon ein Westbus – in Herleshausen über die Grenze. Und dann waren wir im Westen. Und als wir über die Grenze waren, das Erste, was der Busfahrer machte, er schaltete das Radio an – vielleicht war’s eine Kassette, jedenfalls drückte er einen Knopf – und dann lief das Deutschlandlied. Willkommen im Westen, willkommen in der Freiheit.

Die haben Euch dann nach Gießen gebracht. Darüber gibt es einen Text in dem Band „Zur elften Stunde“, nämlich, wie Du bei der Entlassung aus dem Auffanglager fast ums Leben gekommen bist. Das ist eine sehr markante Geschichte, finde ich.

Es war kurz vor Weihnachten. Gießen war darauf nicht vorbereitet, weil um diese Zeit die Transporte ja gar nicht gingen. Wir kamen in dieses Lager. Und dann hat dieser Lagerkommandant in Gießen gesagt, das ist ja alles völlig durcheinander. Wir haben gar keine Zeit, ein richtiges Notaufnahmeverfahren mit Ihnen zu machen, weil ich zu Weihnachten mein Lager leer haben will. Und Sie müssen raus in die Freiheit, zu Ihren Verwandten oder egal wie, aber wir müssen ein verkürztes Notaufnahmeverfahren mit Ihnen machen. Also, was in der Regel drei Wochen dauert, haben wir gemacht vom 18. bis 24., also in einer Woche, d.h. zu den Geheimdiensten, zu den Amerikanern, zu den Engländern, zu den Franzosen. Und dann wurde gesagt: So, jetzt sind Sie entlassen. Sie können auch Ihre Angehörigen anrufen. Zwischen acht Uhr morgens und zwölf Uhr mittags, am 24. werden Sie entlassen. Ihre Angehörigen können Sie ja dann hier abholen.

Das setzt ja voraus, dass man Angehörige hat.

Klar! Ich hatte ja niemanden. Gar niemanden. Und was ich intuitiv nicht wollte, ich wollte nicht nach West-Berlin! Weil, das war mir zu sehr an der DDR dran. Und dann wirst Du gefragt, wo willst Du hin? Und dann kriegst Du eine Fahrkarte und so. Was? Ich hatte ja niemanden. Keine Ahnung. Ich bleibe jetzt erstmal hier. Wie man das so sagt, so dummes Zeug, aber das reine Herz ist doch die einzige Hilfe, die man hat. Dann habe ich 50 Mark Begrüßungsgeld bekommen und einen Passierschein: Der Bürger heißt soundso und ist jetzt Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Mit so’m Stempel. Und dann habe ich gewartet, weil, ich wollte halt so lange wie möglich im Lager bleiben, weil ich nicht wusste, wo ich hin sollte. Es war ja Heiligabend!

Am Tag vor Deinem Geburtstag.

Ja. Und dann bin ich halt ans Klo gegangen, bin durch den Schlagbaum gegangen, dann wurde der Schlagbaum zugemacht. Ich war der letzte. Im Nachhinein erklär’ ich mir, ich dachte, jetzt geh’ ich mal in die Stadt. Ich wusste doch gar nicht, was für eine Stadt Gießen ist. Und das Lager liegt am Rande der Stadt. Das gibt es ja heute noch. Nur dass heute Schwarzafrikaner drin sind. Es liegt am Güterbahnhof an der Frankfurter Straße, Du läufst durch’s Elefantentor, dann bist Du auf dem Seltersweg.

An der Lahn.

Ja. Und dann wollte ich mich auf den Weg machen. Und dann war ich tot.
Dann weiß ich gar nichts mehr. Ein schwarzes Loch. Ich lag auf der Straße und bin aufgewacht, weil mir immer eine Stimme – ich weiß gar nicht, wie das geht -, eine Frauenstimme ins Ohr murmelte: Sei bitte nicht tot! Dann hab’ ich geguckt, habe die Augen aufgemacht, und über mir war eine Frau! Eine wunderschöne Frau war da, hat mir ihre Hand entgegengestreckt. Ich bin aufgestanden. Und dann hat sie erzählt: ich bin Jurastudentin; ich fahre hier Bücher aus, um mir Geld zu verdienen. Das ist meine letzte Tour. Ich hab’ Dich nicht gesehen! Wo kommst Du denn plötzlich her?! Hier wohnen doch gar keine Menschen! Die wusste doch gar nichts von dem Lager. Das war halt irgendeine Barackensiedlung für sie. Sie hat mich dann auf’s Auto hochgenommen, zack, bin ich runtergefallen auf den Hinterkopf und habe nicht gehabt, außer ein paar Kratzern aber gar nichts! Und dann hat sie gesagt, was machen wir denn jetzt mit Dir? Die letzten Bücher muß ich jetzt noch ausfahren, und dann will ich zu meinen Eltern nach Witten. Ich komme aus Witten an der Ruhr. Und wo willst Du hin, kann ich Dich … Weiß ich nicht. Wollte in die Stadt. Sagte sie: Heiligabend machen die Geschäfte da auch zu. Was willst Du in der Stadt? Sagt sie: Kommst Du mit zu mir. Nehme ich Dich mit. Sage ich: Ist mir völlig egal. Ja, gerne! Und dann sind wir nach Witten an der Ruhr gefahren.

Und da war Weihnachten erstmal gesichert.

Ja. Die Eltern von der Eva Maria haben gefragt: Was hast’n da für’n Mann? Wo kommt der denn her? Aus der SBZ? Um Gottes Willen, ein Verbrecher, ein Mörder! Wie das alles so ist! Ganz normale Bürger! – Und dann blieb ich über die Feiertage und wurde da aufgenommen. Und das war auch alles so ganz schön. Ich habe halt so geguckt, ich habe immer gedacht, ich träume. Ja. So war das. – Und dann habe ich diese ganzen Sachen gemacht, dieses Anmelden und das ganze Zeug. Und dann hat die Eva gesagt: Wo willst Du denn eigentlich hin?! Und dann fing die Liebe an. Ich war natürlich ausgehungert. Ein Schakal. Ich habe gesagt: Liebe ist für mich da, wo Du bist. – Wo fährst Du denn nach den Weihnachtsfeiertagen hin? – Nach Gießen. – Na, dann fahr’ ich mit nach Gießen! Und dadurch kam ich nach Gießen. Und dadurch habe ich da meine Rehabilitation durchgemacht und habe mich dann an der Uni in Gießen, an der Justus-Liebig-Universität eingeschrieben und hatte mitgekriegt, der Odo Marquard ist da Dekan für Philosophie. Habe ich gesagt, mach’ ich Philosophie. Marquard, das passt mir irgendwie, nachdem ich mich eingelesen hatte, dann studier’ ich eben in Gießen Philosophie! So war das: unglaublich kausal, aber völlig blauäugig. Da war ich 23.

Das muss um die Zeit gewesen sein, als ich Dich zum ersten Mal gesehen habe. Ich habe also mitbekommen, dass es Dich gibt und dass Du aus der DDR gekommen bist. Das hat meine Aufmerksamkeit geweckt, weil das auch in Zusammenhang mit der Tschechoslowakei besprochen worden ist. Das war im Theater am Turm. Ich habe das nur als Bild im Kopf. Da saß Gerhard Zwerenz oben auf dem Podium, und ich saß unten in der dritten Reihe, und Du kamst von der Seite rein und hast den Gerhard begrüßt.

Genau. Da habe ich noch in Pohlheim, in der Wetterau gewohnt. Das war vor ?80. Denn in Frankfurt, und das ist auch eine schöne Geschichte in Verbindung mit dem 26. Hier: Eine Woche später, am 1. Februar, bin ich 30 Jahre in Frankfurt. Und da bin ich mit meinem Ford Taunus, den ich hatte, von Gießen an der Autobahn, in der Nähe von Butzbach, nach Frankfurt gefahren. Da war so eine Matinee am TAT.

Und hattest Du da Deinen Band schon veröffentlicht „Glaubt bloß nicht, dass ich traurig bin“?

Ja. Das war 1977.

Und da hattest Du schon sozusagen den deutschen Literaturbetrieb betreten mir diesem Buch.

Egal wie, – auf alle Fälle habe ich Kontakte gesucht, aber im Literaturbetrieb nicht so. Ich hatte Kontakt zu Osteuropagruppen. Da war an der Uni so eine Gruppe, wo ich dann auch mitgemacht habe, 1978, gegen die Ausbürgerung von Biermann. Und da habe ich Dutschke kennengelernt. Dutschke und Milan Horacek. Da hatte ich eher zu denen Kontakte. Da habe ich für „Listy“, für diese illegale Zeitung geschrieben, usw. Und zu diesem Literaturbetrieb, wenn man das überhaupt so sagen darf, habe ich Kontakt gehabt durch Müller-Schwefe. Denn der hat mich 1979 in Klagenfurt lesen gehört, hat sich erkundigt und hat dann geholfen, dass diese Art Broschüre meines ersten Bandes als Band bei Suhrkamp erscheint, in der edition. Und da war, wenn überhaupt, ich in diesem Betrieb.

Und Du hattest Dein Studium in der Zwischenzeit abgeschlossen in Gießen?

Nicht richtig abgeschlossen. Ich habe ja auch auf dieses „Glaubt bloß nicht, dass ich traurig bin“ – das sind ja alles Sachen, die es heute gar nicht mehr gibt – das ist ja ein Heft gewesen, eine Broschüre! Aufgrund dessen – … Das, was lustigerweise mein erster Verleger, Andreas W. Mytze, dessen Verlag hieß „Europäische Ideen“, also ich bin von Haus aus europäisch! Das muss ich mir nicht jetzt erst überlegen. Und dann bin ich mit dem Suhrkamp-Buch in die Literatur reingekommen. Es war eher erstmal politisch, und dann literarisch, – was ja auch unter anderem die Schwächen dieses ersten Bandes sind. Aber das macht man halt. Das ist halt zu Anfang so, weil, ich habe ja auch keine Vorbilder gehabt. Ich habe ja erstmal gesucht, was ich machen kann.

Und was war der Grund, weshalb Du nach Frankfurt gekommen bist?

Die Massimo ( = das Stipendium und der Aufenthalt in der römischen Villa Massimo) war irgendwann zuende, in Frankfurt, in meinem Verlag war dann schon der zweite Band in der edition erschienen, „Der Duft der anderen Haut“, und Müller-Schwefe, der damals in einer Wohngemeinschaft gewohnt hat, hat mir angeboten, bei ihm vorerst, bis ich was habe, zu wohnen. Und das habe ich angenommen. Und deshalb: Am 1. Februar 2012 bin ich 30 Jahre in Frankfurt.

Und in diesen 30 Jahren hast Du in Frankfurt als Dichter gelebt?

Ja.

Hast Du überhaupt irgend etwas anderes gemacht, als Gedichte geschrieben?

Nein.

Es sind ja eine ganze Reihe von Bänden …

Dreizehn!

Ich will sie mit erwähnen; ich komm dann auch noch auf die Titel zu sprechen. „Glaubt bloß nicht, dass ich traurig bin“ haben wir schon genannt, dann kam „Der Duft der anderen Haut“ 1982, „Klappmesser“ 1983, „Stadthunde“ 1986 …

Ja, und dann habe ich den Verlag gewechselt. Es gab eine Irritation nach „Klappmesser“, das ist 1983 gewesen. – Ich sage das jetzt nicht, weil ich stolz darauf bin. Das bin ich sicher nicht. Aber es ist eine Zwangsläufigkeit in meinem turbulenten Leben. Da gab es eine Turbulenz im Suhrkamp Verlag, nämlich dass damals mein damaliger Verleger, Gott hab’ ihn selig, halt solche Frauenaffären hatte. Und eine von diesen Pippimädchen, die bei irgendeinem Empfang mit am Tisch saßen, hat bei einer Diskussion – was, das weiß ich nicht mehr – zu mir gesagt: „Ach, Sie haben so eine Meinung?! Das werde ich dann später doch mal dem Siggi sagen.“ Und da ich damals doch eher eruptiv war, bin ich aufgestanden und habe ihr eine geschmiert, – eine Ordnungsschelle, nicht geprügelt, eine Ohrfeige. Das hat sie auch dem Siggi gesagt.

Also ein Skandal.

Ja. Und dann hat Unseld mir einen Brief geschrieben, ob ich denn das nicht auch so sehen würde – unter Männern – dass meine Anwesenheit im Verlag Suhrkamp doch mal ausgesetzt werden müsste. Und dann bin ich zu Klett gegangen. Und das erste Buch bei Klett war „Stadthunde“. Das ist das, was keine Titel hat.

Aber die Frage, die einen interessiert, ist doch: Wie kann man existieren, wenn man wirklich als Dichter lebt und nur als Dichter lebt?

Na ja, es gibt verschiedene Spielarten: Kein Radio, kein Fernsehen, kein Telefon. Und damals, 1. Februar 1982, – das Westend, wo ich dann gelandet bin, denn Müller-Schwefe war auch im Westend, war ein völlig anderes Westend als heute. Es gab im Westend viele leere Wohnungen für ganz kleines Geld, weil niemand da hinziehen wollte, die Decken zu hoch waren, knarrende Parkettböden …

Ich war damals auch da, in einer Wohngemeinschaft.

Da wollte ja niemand wohnen. Und ich habe zufällig erfahren, dass ein Anwalt – ich habe das erst im Nachhinein erfahren. Da mussten Leute aus einer großen Wohnung ausziehen, weil die eine Anzeige hatten wegen Wohnraumentfremdung. Das war Fischer & Euler, dieses Anwaltsbüro. Da bin ich hingegangen, habe geklingelt und gesagt, Sie müssen hier raus. – Ja, morgen! – Ja, kann ich denn nachmieten? – Wissen wir nicht, müssen Sie den Vermieter fragen. Das war der Herr Schönstädt. Und der hat gesagt, haben Sie einen Beruf? Habe ich gesagt, ich schreibe Gedichte. Hat es gesagt, oh, wie schön! Dann kann ich Ihnen auch einen Mietvertrag geben. Also völlig absurd, von einer völlig anderen Ecke. Und dann bin ich in die Anwaltskanzlei Fischer & Euler gezogen, als Wohnung. Die war groß und leer, nicht renoviert und kalt. Da hatte ich endlich diese hohen Decken und knarrenden Parkettböden. Und da drin habe ich 20 Jahre lang gewohnt. Und der Rest von der Hand in den Mund. Immer irgendwas. Irgendwas. Ich habe in der Buchhandlung Kohl gejobt ein halbes Jahr, und immer so Sachen halt. Und ich hatte – was halt eine hohe Form der Armut ist – im Gegensatz zu heute auch wirklich keine Ansprüche. Dass es das alles gibt, was man sich wünschen kann, sprich: kaufen kann, das weiß ich heute. Damals wusste ich gar nichts. Es war mir nur eines klar: Ich bin ja nicht mehr in der Villa Massimo.

Aber Du hast, kann man sagen, relativ anspruchslos …

Ich habe einfach ein Jahr lang auf dem Fußboden geschlafen.

… relativ schlicht gelebt. Und Du hast auch damals irgendwann ein Interview gegeben, wo Du gesagt hast, dass Du mal Blut getrunken hast.

Ja. Da war ich auch so ein Hänfling, ganz dünn. Dagegen bin ich heute zwar nicht fett, aber korpulent. Ja, klar, ich habe alles gemacht, warmes Wasser getrunken, was irgendwie satt macht. Und ich habe viel geschrieben. Ich habe in der Zeit unglaublich viel gemacht. Unheimlich viel. Da gab’s immer ein bisschen Geld. Bei Klett ist „Stadthunde“ erschienen im Herbst, „Sturmtruppen“ im Frühjahr“ gleich! Das ging zackzackzackzackzack. Dann hat Klett mich mal besucht und gesagt, wie kann man denn so leben?! Hier haben Sie einen Tausender. Tausend Mark war 1983 viel Geld. Da hat man richtig viel gekriegt. Und dann halt keine Frau und hmhmhmhmhmhm. Ich bin da irgendwie so durch. Aber, Harry, letztendlich, ohne viel zu denken!

Also absichtslos.

Absichtlich absichtslos!

Jetzt komme ich mal auf die Gedichte selber zu sprechen. Auffallend bei Deinen Gedichten sind kurze, prägnante Texte. Meistens. Und irgendwo habe ich jetzt auch gelesen, wenn man sich diese Titel anguckt, sind das ja auch sehr zupackende, man könnte auch sagen, aggressive Texte.

Ja.

Ich möchte aber nicht eigentlich sagen: aggressiv, – nicht in dem Sinne. Aber „Klappmesser“, „Stadthunde“, also harte Texte.

Ja, existentiell! Wehrhaft!

Sind sie deshalb so, weil sich darin immer die Reflexion einer schwierigen Existenz ist, also Kampf mit drin ist?

Die spiegeln die Existenz wider. Ja. Es ist halt so nicht gekommen, weil’s nicht so sein sollte, aber ich hätte da auch, weiß ich nicht, gestohlen, ein Brot oder so etwas. Aber das ging natürlich auch Hand in Hand mit so einer Art von Sozialisation! Ich wurde dann auch anders. Ich wurde sozialisiert, und dann kamen solche Gedanken auch gar nicht mehr auf. Es war alles sehr nah. Aber ich habe mir darüber eigentlich keine Gedanken gemacht. Ich habe mir einfach gesagt: Hier stehe ich. Und wenn Du das Gefängnis überlebt hast, überlebst Du auch Frankfurt.

Der Aufenthalt in Frankfurt hat nur länger gedauert.

Ja, ja. In Frankfurt ging das irgendwie. Das war eine ganz andere Zeit als jetzt.

Die Texte haben auch immer etwas Liedhaftes an sich. Du hast als Liedermacher angefangen …

Aber konnte kein Instrument spielen! Ich habe nur so hmhm.

Aber das Liedhafte hast Du beibehalten. Also kurze Lieder, und Du arbeitest auch sehr stark mit dem Reim.

Ja. Heute weiß ich mehr als damals. Ich sage das für das Lied. Wenn ein Lied oder ein liedhaftes Gedicht aufgeht und sich trägt, – Reime bedingen sich auch: Auf kein Reim folgt kein Reim. Aber wenn man das so anlegt, gibt es, gerade in der deutschen Sprache, die ja phänomenal ist, – das ist für mich die größte Sprache der Welt – dann bedingt sich das auch, dass da drauf – einfach würde man sagen: Jeder Topf braucht einen Deckel – so was Einfaches als Bild – das bedingt sich. Man muss nur lange genug warten, oder man muss sozusagen schwingen! Und dann kommt der i-Punkt drauf. Und dann ist es schlüssig in sich. Egal, welche Moden herrschen, – damals war neue Subjektivität, so ganz furchtbare Sachen, Rolf Haufs und Rainer Malkowski, ganz furchtbares Zeug. Das fällt mir ein, weil das in die heutige Zeit reinpasst, so was Furchtbares wie Tomas Tranströmer. Das ist ja eine einzige Zumutung! Was mir heute logisch ist: der Mann war schließlich Psychologe! Das war so. Und das war alles bei mir nicht so. Ich kam immer von der Existenz her und immer in der Hoffnung, ich überleb’ das!

Du hast auch nie Haikus geschrieben.

Nein, nein. Ich weiß gar nicht, wie man das Wort schreibt. Ich halte das für literarische Inkompetenz. Auch Impotenz! Das sind alles Kopfgeburten. Die haben mit dem normalen Leben, mit dem Deutschen – das kommt aus dem Lied – hat das alles nichts zu tun. Das ist sozusagen eine Impotenz des Kopfes. Und man sucht das nur als exotischen Ausweg, meine ich, wenn einem nichts einfällt. Wenn man aber die Straßen entlang geht, bei Tag und bei Nacht, mit ein paar ordentlichen Stiefeln, dann kommt eine Melodey. Und die kommt auch, wenn man sensibel ist, dünn, schlank und hungrig. Dann geht’s durch Mark und Knochen. Und zum Schluss macht man den Kopf hoch und kann singen.

Jetzt haben wir schon gehört, von welchen Lyrikern Du nicht profitiert hast. Aber gibt’s auch welche, auf die Du Dich beziehst oder mit denen das, was Du tust, korrespondiert?

Ja, von den toten, alten natürlich klassisch Benn, Brecht, und von den lebenden, aber auch schon toten natürlich Thomas Brasch. Wir waren auch befreundet.

Außerdem hast Du Dich auch mal mit Bobrowski eine Zeit lang beschäftigt …

Ja, weniger. Ich habe immer aus mir rausgezehrt. Ich habe eigentlich keinen richtigen Lehrer. Ich hab’ das alles so selfmade, so …

Wie ist denn der Titel dieser Landschaftsbilder aus dem Osten?

„Czerwonka“. Das ist Ermland. Ermland, das kennt auch keiner, denn für den Westen ist das alles Masuren! Aber das ist die Geschichtslosigkeit der westdeutschen Gesellschaft, die geschichtlich völlig verblödet ist und geographisch dumm ist. Die wissen vielleicht, wo Mallorca liegt, wissen aber nicht, dass es zu Spanien gehört. Für die ist das alles Masuren. Aber Masuren ist der Süden Ostpreußens! Und was ist der Norden? Der Norden ist das Ermland! Und der große Unterschied ist, dass der Süden immer protestantisch war, aber das Ermland – ermländische Bischöfe ! – immer katholisch! Und das merkt man auch, wenn man da halt mal war. In Masuren können die ja alle mal gewesen sein, in Ermland war nur ich. Denn da gibt’s auch nichts. Es gibt keine Seen, gar nix. Steine auf’m Acker.

Es ist fast ein Ausflug in die Prosa, den Du da gemacht hast.

Ja, aber ich möchte in meinen Texten, ob Gedicht oder Prosa, keine Beiwörter oder Füllsel, die man aber braucht, um Prosa zu schreiben. Gottseidank erspar’ ich mir das. Ich mag das nicht. Die Suppe immer dick und nie mit Wasser!

Das erinnert so ein bisschen an das Programm der Kahlschlag-Lyriker nach dem Krieg. Hast Du da – Ich glaub’ von Wolfgang Weyrauch gibt’s ja sogar einen Text „Mein Gedicht ist mein Messer“. Das korrespondiert ja sehr stark mit Deinem Klappmesser.

Ich kenn’ davon wenig. Ich kenne nur den Namen Eich, Günter Eich, diese Auflistung: das ist meine Tasche, das ist mein Strick. Ja, aber das hat mich nie interessiert, weil das auch nicht lyrisch ist, für mich nicht.

Deine neueren Gedichte, soweit ich sie kenne, thematisieren Frankfurt, Ansichten von Frankfurt.

Vier Bände! „Klappmesser“, „Stadthunde“, „Sturmtruppen“, das ist nur Frankfurt.

Also die Stadt spielt immer eine ganz große Rolle in Deinem Werk.

Ja, wo ich lebe!

Ist ja ganz logisch, – wo Du bist, 30 Jahre! In Deinen neuesten Gedichten bist Du aber in Deine Kindheitslandschaften zurückgekehrt. Du bist auch hingefahren. Was ist das für eine Art von Wiederbegegnung gewesen, die Du Dir da bereitet hast?

Ich habe versucht anzuknüpfen und bin nicht gelandet. Ich kam da hin als Fremder. Und es hat mir auch keiner den Weg gebahnt. Und ich habe das auch jetzt für mich abgeschlossen. Es war eine längere Zeit, es waren vielleicht zwei, drei, vier Jahre, wo ich das wollte. Ich wollte in die Kindheit zurück und wollte zumindestens Frieden haben. Und das ist mir verwehrt worden. Denn für die DDR bin ich westdeutsch. Das liegt vielleicht an der Struktur der Seele – mir ist das, als ich versucht habe, in der DDR wieder anzuknüpfen an bestimmte Sachen, genauso fremd gewesen, dass ich nicht verstanden habe, dass noch Leute sind, die es nie gereizt hat, und sei es für eine längere Zeit, mal in den Westen zu gehen, um mal einen anderen Blick zu kriegen. Ich rede von nach 1989. Die sind immer noch in dieser Stadt, in diesem Kaff, immer in diesem Sumpf, in diesem Muff, in diesem Dreck, in dieser DDR-Wahnsinnssache. Und für die, für Plauener Leute, ist natürlich Frankfurt nicht von dieser Erde.

erstellt am 24.12.2011

Am Donnerstag, 26. Januar, um 20 Uhr wird der 60. Geburstag von Gerald Zschorsch im Hessischen Literaturforum Frankfurt nachgefeiert. Eintritt frei.
Siehe: FAUST-KULTURTIPPS

Gerald Zschorsch, Foto: Jürgen Bauer
Gerald Zschorsch, Foto: Jürgen Bauer
Zeichnung von Gerald Zschorsch
Zeichnung von Gerald Zschorsch
Zeichnung von Gerald Zschorsch
Zeichnung von Gerald Zschorsch
Gerald Zschorsch vor seinem Freikauf in der DDR
Gerald Zschorsch vor seinem Freikauf in der DDR