Theaterkritik

Hamlet, Prinz von Dänemark

Von Ruthard Stäblein

Ein Gespenst erscheint Hamlet; sieht aus wie sein Vater, der Ex-König von Dänemark. Es sagt: Sein Bruder hat ihn vergiftet. Sich die Krone und die Mutter angeeignet. Hamlet soll Blutrache üben. Hamlet hält das Gespenst und schließlich alles, was er sieht, für ein Gespinst. Fast bis zum Schluss des Dramas.

1. Als Erstes fällt auf: Hamlet ist eine Frau. Von Bettina Hoppe in Reithosen verkörpert. Hoppe ist auf Hosenrollen geeicht. Sie spielte schon den Rebellen Michael Kohlhaas, nach Kleist. Es klingt zwar befremdlich, wenn ausgerechnet eine Frau den Chauvispruch von Shakespeare übernimmt: „Schwäche, dein Name ist Frau“, in der für das Frankfurter Schauspiel beauftragten Neuübersetzung von Roland Schimmelpfennig, oder wie es in der früheren Übersetzung von August Wilhelm Schlegel noch deutlicher war: „Schwachheit, dein Name ist Weib“. Hier aber erhält der Spruch einen Moment der Selbsterkenntnis: Hamlet hat nicht den Mut zum Königsmörder. Er bekennt sich zu seiner schwachen Seite. Und er bzw. Bettina Hoppe akzentuiert in Frankfurt eine andere weibliche Seite von Hamlet: Er überlegt, bevor er handelt. Er stürmt nicht drauf los und rächt seinen Vater. Nein, Hamlet ist kein klassischer Held, sondern einer, der zögert und zaudert und alles in Frage stellt.
Bettina Hoppe reizt diese unmännliche Seite von Hamlet bis zum letzten aus. Bis sie fast geschlechtslos erscheint. Weder Ophelia noch die Mutter begehrt dieser Hamlet, diese Frau. Er ist unfähig zur Liebe.

2. So wird Hamlet reduziert auf die Rolle: Ein moderner Mensch, im Zeitalter des Argwohns (Nathalie Sarraute), des Verdachts, der allgemeinen Verunsicherung. Hamlet als Skeptiker, wie Hoppe alles und jeden aus dem Augenwinkel betrachtet, wie sie an allem zweifelt, das wird in der Frankfurter Inszenierung durch radikale Streichungen pointiert. Die einzige Vertrauensperson, der einzige Freund von Hamlet ist gestrichen: die Figur von Horatio.
Einsamkeit wird potenziert, auch die Modernität. Hamlet kann sich mit niemandem austauschen; sich nicht vergewissern im Dialog. Aber er braucht Gewissheit. So greift er zu stärkeren Mitteln. Er verstellt sich, er spielt den Wahnsinnigen, er wird Schauspieler, um die Reaktion der anderen zu testen. Und er engagiert Schauspieler für sein Stück. Aber die sind auch gestrichen

3. Die „Mausefalle“ wird von Rosenkranz und Güldenstern übernommen. Die beiden spielen die Spaßmacherrollen, im Glitzerkostüm, als Doppelgänger, schwarze Schmalzlocke, gegelt, als Parodie auf ein schwules Pärchen.
Und dann im Stück im Stück, in der Komödie, mit der Hamlet beweisen will, dass sein Onkel Claudius seinen Vater umgebracht hat, in dem er eine solche Komödie mit dem Hinweis auf den Brudermord vorspielt. Hier wird es zur Slapsticknummer heruntergespielt, mit wippendem, aufgeblasenen Gummirock und Gummihose, als Lachnummer überreizt; das Publikum reagiert nicht auf den Gag. Überhaupt fehlt der Inszenierung insgesamt der bissige Witz von Shakespeare. Alles todernst hier. Aber hier im Stück wird auch die wesentliche Aufgabe der „Mise en abyme“ verfehlt. Bei Shakespeare soll ja die Szene zum Tribunal werden, der Onkel und die Mutter überführt werden. Hamlet testet die Mutter. Die Mutter fällt in üblichen Inszenierungen auf den Test herein, gibt zu erkennen, dass sie betroffen ist. In Frankfurt spielt Stefanie Eidt die Mutter und Königin Gertrude nur halbherzig. Sie steht nur blass herum wie ein Ölgötze, verschluckt den wichtigsten Satz, den Hamlet ihr herauslocken wollte, das Geständnis, die Betroffenheit, ihre Schamesröte. Das Beweisstück verkommt zum Gag. Bei Shakespeare funktioniert das Stück im Stück, die Mise en abyme, als Brandbeschleuniger und führt direkt in den „abyme“ also in den Abgrund. Ab jetzt könnte Hamlet die Gewissheit haben, dass sein Onkel den Vater ermordet und die eigene Mutter den Mörder kurz nach der Tat und im Wissen um die Tat geheiratet hat.
Hamlet muss danach sagen: „Von jetzt gehen meine Gedanken aufs Blut.“
Und das Vatergespenst, glänzend gespielt von Felix von Manteuffel, reimt ergänzend: „Oder sie sind zu nichts gut.“ Bis zum „Stück im Stück“ drehte sich Hamlet im Kreis des ewigen Verdachts, der Unsicherheit, jetzt weiß er Bescheid, und er tötet kurzerhand glatt den Falschen, Polonius, der unter dem Bett von seiner Mutter lauschte.

4. Die Rolle des „Spiels im Spiel“ der Spiegelung der Tat in der Komödie, im zentralen Wendepunkt, übernimmt im Frankfurter Schauspiel das Bühnenbild. Ringsum Spiegel, die Verlängerung des Zuschauerraums in die Theaterhölle, mit Treppen, die hinab führen in den Abgrund.
Aber so, dass nicht die Zuschauer sich sehen können, sondern ständig den Akteuren auf der untergründigen Bühne der Spiegel vorgehalten wird. Jeder beobachtet jeden im Spiegel; stellt sich zur Schau; jeder spioniert den anderen aus, verdächtigt ihn. Obendrein überfällt auch den Zuschauer der Hamlet-Verdacht: Das ist doch hier wie im Kaufhaus. Hinter den Spiegeln beobachten Detektive/Agenten potentielle Diebe/Verbrecher.
Und dann verstärkt dieses Spiegelkabinett die allgemeine philosophische, oder erkenntniskritische These des Stücks durch einen besonderen Effekt. Bei Erschütterungen fangen die Spiegel an zu zittern, verwischen den Spiegelreflex, steigern die Unsicherheit, was ist wahr, was ist wirklich. Alles verschwimmt. Die Unsicherheit führt, zumindest für Hamlet, zur „Unentscheidbarkeit“, wie der Philosoph Jacques Derrida Martin Heideggers „Entschlossenheit“ aushebelte, zur Lähmung.

6. In Frankfurt wird Hamlet radikalisiert, auf eine Wurzel zurückgeschnitten. Und die heißt: allgemeine Verdächtigung, allgemeine Verunsicherung. Hamlet wird hier zu einem modernen Menschen par excellence. Er will alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, betrachtet sich und alle ständig im Spiegel, ist unfähig zum Dialog und zur Liebe, und er kann vor allem nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden. Er hat keinen Kompass, weil er radikal einsam ist.
So zieht Hamlet durch seine Unentschlossenheit am Ende alle mit in den Tod. Hamlet wollte sich wie ein Intellektueller die Hände nicht schmutzig machen. Er glaubte, wenn er die Täter durch das Tribunal, durch Aufklärung überführen würde, würden sich die Täter selbst richten, würde seine „Mausefalle“ zuklappen, wie das Stück im Stück heißt. Hamlet bleibt passiv. So übernehmen die anderen, die Herrschenden die Initiative, König Claudius hervorragend und nonchalant gespielt von Till Weinheimer, übernimmt nun die Regie. „Das Ende vom Lied“: Alle sind mausetot.
Das Scheitern Hamlets aber endet als Triumph der Schauspielerin Bettina Hoppe, die diese Traumrolle eines jeden Schauspielers geradezu schlafwandlerisch sicher spielt. Sie zieht alle Register, wechselt ins Sächsisch-Sozialistische oder in das R- von Reich-Ranicki, wenn es sich gerade mal anbietet, sie verfällt kurz mal in Wahnsinn, um ihre, d.h. alle Gegner, zu testen, sie spielt auf dem Klavier und singt in allen Tonlagen, zur Unterhaltung des Publikums. Chapeau für Bettina Hoppe. Und auch die Regie von Intendant Oliver Reese sei gelobt. Sein Hamlet wird zum Sinnbild des modernen Großstadtnomaden, zum geschlechtslosen Nicht-Mann, der zu viel wissen will, dabei nichts in den Griff kriegt und über sich andere entscheiden lässt.

erstellt am 22.12.2011

Bettina Hoppe als Hamlet

Bettina Hoppe als Hamlet in Oliver Reeses Inszenierung © Birgit Hupfeld

HAMLET, PRINZ VON DÄNEMARK
von William Shakespeare
Regie: Oliver Reese im Schauspiel Frankfurt

Schauspiel Frankfurt