Die Geschichte der Psychoanalyse ist bisher vor allem aus der Perspektive ihres Begründers Sigmund Freud erzählt worden. Der renommierte, in New York lehrende Psychiater George Makari erweitert diesen Zugang: neues Archivmaterial und zehnjährige Forschungsarbeit haben es ermöglicht, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzuführen und die Geburtsstunde der Psychoanalyse von 1870 bis 1945 nachzuvollziehen.

Makari ordnet Freuds frühe psychologische Arbeit in den Kontext der Zeit ein und zeigt Freud als kreativen, interdisziplinären Forscher, der auf der Grundlage bestehender Studiengebieten die weiterführende Freud´sche Theorie entwickelt hat. Der Autor folgt den heterogenen Wegen der jungen Psychoanalyse bis zum Weggang von Bleuler, Jung und Adler. Er schließt die Zeit der oft vernachlässigten Weimarer Phase ein und beschreibt ihren Versuch, eine pluralistischere psychoanalytische Gemeinschaft aufzubauen.

George Makari »Revolution der Seele« ist jetzt erstmals in deutscher Übersetzung beim Psychosozial-Verlag erschienen. Faust veröffentlicht einen Auszug aus dem ersten Teil.

Kapitel-Auszug

Die Entstehung der Freud’schen Theorie

1. Die Wissenschaft im Sinn

Von George Makari

»Es ist falsch zu sagen:
Ich denke: man müßte sagen:
Es denkt mich. […]
Ich ist ein anderer.«
Arthur Rimbaud (1979)

I.

Als die Aufklärung den wissenschaftlichen Rationalismus nach oben auf die Himmelskörper ausdehnte und nach unten auf das Gewusel mikroskopischen Lebens, da gab es einen Gegenstand, zu dem scheinbar unmöglich vorgedrungen werden konnte: die Psyche. Der französische Verfechter der Wissenschaft und des rationalen Skeptizismus, René Descartes, begründete dies in seiner Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, indem er erklärte, dass das Ich jenseits einer rationalen Prüfung liege, denn es sei nichts anderes als die von den Kirchenvätern beschriebene immaterielle Seele (1637, S. 31–32). Religiöse Überzeugungen bezüglich des Seelenlebens erwiesen sich als langlebig und einflussreich, doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen solche Vorstellungen etwas an Glaubwürdigkeit zu verlieren, und in dem verloren gegangenen Grund und Boden schlug eine Wissenschaft des Geisteslebens Wurzeln.
Als Sigmund Freud 1885 in Paris eintraf, hatte sich Frankreich als Zentrum für innovative Forschung zu psychologischen Fragestellungen etabliert. In Berlin und Wien bemühten sich wenige Wissenschaftler um die Erforschung der Psyche, des Ichs, der Seele, des Selbst oder des Geistes – Bereiche, die mit Religion oder spekulativer Metaphysik behaftet waren. In Paris jedoch wurden die Wissenschaftler dank einer neuen Methode vom Studium des Seelenlebens angezogen. Diese Methode, die »psychologie nouvelle«, verwandelte Frankreich in eine Brutstätte des Studiums des Somnambulismus, menschlicher Automatismen, der multiplen Persönlichkeit, des doppelten Bewusstseins und des zweiten Selbst sowie von Dämonismus, Dämmerzuständen, Wachträumen und dem Gesundbeten. Die Wunderlichen und die Wundertätigen fanden den Weg von abgeschiedenen Dörfern, Klöstern und Jahrmärkten, von Exorzisten, Scharlatanen und betagten Heilmagnetiseuren in die Hallen der französischen Wissenschaft.
Die Geburt dieser neuen Psychologie fand statt, als Frankreich selbst wiedergeboren wurde. Fast ein Jahrhundert nach der Revolution unterlagen die Franzosen 1870 schmachvoll den Preußen, was zum Sturz Kaiser Louis Napoleons III. und zur Gründung der Dritten Republik führte. Viele gaben die Schuld für dieses militärische Debakel der französischen Wissenschaft, da diese mit den Fortschritten, die in deutschen Ländern gemacht worden waren, nicht Schritt gehalten hatte. Der französische Republikanismus verband den Antiklerikalismus mit der Verpflichtung, die Wissenschaft neu zu beleben. Als die Autorität der französischen katholischen Kirche hinsichtlich der Bestimmung des Denkens über die Seele schwand, bildete sich eine kühne, neue wissenschaftliche Psychologie heraus.
Zur damaligen Zeit wurde die Psychologie als ein Ableger der Philosophie betrachtet und nicht als Naturwissenschaft, doch der Vorkämpfer der »psychologie nouvelle«, Théodule Ribot, schickte sich an, dies zu ändern (Nicolas & Murray 1999, 277–301). Théodule wurde 1839 als Sohn eines Kleinstadtapothekers geboren und später von seinem Vater gezwungen, in den Staatsdienst zu gehen. Nach drei Jahren Plackerei kündigte er an, dass er nach Paris gehen und versuchen würde, an der Elitehochschule École normale supérieure aufgenommen zu werden. Zwei Jahre später erhielt Ribot einen Platz an dieser Universität, wo er schnell eine Abneigung gegen die vorherrschende, von Victor Cousin vertretene spiritistisch orientierte Philosophie entwickelte. Cousins Psychologie – eine seltsame Mixtur aus Vernunft und Glauben – vermischte Vorstellungen von der Seele und von Gott mit naturalistischen Darstellungen des Geistes.
Ribot konnte das nicht ertragen. Trotz der Anprangerung durch den ortsansässigen Klerus machte er sich auf die Suche nach einer Methode, durch die die Psychologie für wissenschaftliche Untersuchungen voll zugänglich würde. Ribot tauchte in die Schriften britischer Denker ein und erschien 1870 mit La Psychologie anglaise contemporaine (école expérimentale) (1) auf der Bildfläche. Ungeachtet des nüchternen Titels wurde das Buch von einem kühnen Manifest eingeleitet, das die Psychologie in Frankreich über Jahrzehnte bestimmen würde.
Konventionelle Vorstellungen sowohl der Philosophie als auch der Naturwissenschaft machten das objektive Studium des Geistes unmöglich, erklärte Ribot. Er attackierte Philosophien wie die von Descartes und Cousin und beharrte darauf, dass sich die Psychologie von der Metaphysik und Religion befreien müsse. Psychologen könnten nicht zu metaphysischen Fragen Stellung nehmen oder offen von der Seele sprechen; und sie könnten sich nicht auf die praxisfernen Methoden der Philosophie stützen, sondern müssten die naturwissenschaftlichen Methoden anwenden (ebd., S. 21–22).
Für all das hatte Ribot ein begieriges Publikum. Viele seiner Zeitgenossen waren bereit, ältere Philosophien der Seele zugunsten der naturwissenschaftlichen Erforschung über Bord zu werfen. Doch wie sollte die Psychologie in eine Wissenschaft umgearbeitet werden? Um diese Frage zu beantworten, griff Ribot eine andere Gruppe Kritiker auf, angeführt von Auguste Comte, dem glühenden Vordenker der Wissenschaft (Guillin 2004, S. 165–181). Obwohl er ein unstetes Leben als gesellschaftlicher Außenseiter führte, errang Auguste Comte außerordentlichen Einfluss auf die Intellektuellen, Politiker und Wissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts. 1855 legte der Franzose einen Werdegang der gesamten menschlichen Erkenntnis dar und erklärte, dass Theologie, Mythen und Belletristik das primitivste Stadium bildeten, welches sich dann zum zweiten Stadium weiterentwickelte, das der metaphysischen Abstraktion. Schließlich würden die philosophischen Vorstellungen vom vollendeten Wissensstand übertroffen, der wissenschaftlich und »positiv« war. Comtes Konzept erhielt daher die Bezeichnung »Positivismus« (s. Comte 1855). Mit dem Aufkommen der Dritten Republik im Jahr 1870 wurde Comtes Vorstellung von der Entwicklung der politischen Elite Frankreichs als Muster sowohl für die Wissenschaft als auch für die soziale Reform angenommen.
Comtes Denken brachte Ribot in eine schwere Zwickmühle, denn der Begründer des Positivismus glaubte, dass der psychologischen Erkenntnis ein unlösbares Problem zugrunde lag. Psychologen bauten auf Selbstbeobachtungen, um Dinge wie Gedanken, Gefühle und Begehren aufzudecken. Genau solche innere Beobachtungen – das Wissen, das von einem sich selbst beobachtenden Geist stammte – erzeugten Subjektivität. Daher kam Comte zu dem Schluss, dass die Psychologie niemals objektiv sein könne, und seine kurze Bestandsaufnahme früherer Bemühungen schien diese vernichtende Feststellung zu stützen:

»Nach zweitausend Jahren des psychologischen Strebens ist kein einziges für ihre Anhänger befriedigendes Theorem aufgestellt worden. Bis zum heutigen Tag spalten sie sich in eine Vielzahl von Schulen auf und streiten sich noch immer über die absoluten Grundbegriffe ihrer Lehre. Diese innere Beobachtung lässt fast so viele Theorien entstehen, wie es Beobachter gibt« (ebd., S. 33).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste jeder, der versuchte, die Grundlagen für eine wissenschaftliche Psychologie zu schaffen – John Stuart Mill in England, Franz Brentano in Österreich und William James in den Vereinigten Staaten eingeschlossen –, gegen Auguste Comtes niederschmetternde Anklage antreten.
Comte wies den Positivisten den einzigen vertretbaren Weg, den er für die Psychologie sah: Das Fachgebiet sollte sich auf beobachtbare Hinweise wie die Physiognomie oder das Verhalten beschränken. Zur Beschämung seiner Bewunderer prognostizierte Comte somit, dass die Zukunft der Psychologie in der Phrenologie lag. Ursprünglich als Studium der Lokalisierung im Gehirn konzipiert, war die Phrenologie zur Quacksalberei und zum Studium der kranialen Wölbungen und Rundungen verkommen und beruhte auf der Überzeugung, dass diese Höcker geistige Fähigkeiten und Defizite widerspiegelten. Zu dem Zeitpunkt, als Ribot zu schreiben begann, war Comtes Vorschlag lächerlich.
Zudem war Ribot nicht bereit, der Psychologie das Denken, die Emotionen und alle anderen inneren Erfahrungen zu nehmen. Stattdessen regte er eine andere Art der Wissenschaft des Geistes an, in der legitime Behauptungen über dieses dunkle und sich wandelnde Feld aufgestellt werden konnten. Die Psychologie musste Introspektion und äußere Beobachtung sorgfältig miteinander verbinden. Die Introspektion war entscheidend, um geistige Phänomene aufzudecken, aber diese subjektiven Eindrücke mussten in unzähligen Verfahren gefestigt und bestätigt werden, unter anderem durch »die Wahrnehmung von Hinweisen und Gesten, die Interpretation von Hinweisen, die Induktion von Ursachen aus Auswirkungen, die Deduktion, die Schlussfolgerung durch Analogien« (Ribot 1870, S. 23). Streitereien zwischen subjektiven und objektiven Methoden waren unproduktiv: Ribots wissenschaftliche Psychologie benötigte beides (ebd., S. 30).
Das war Ribots Hybridmethode, aber er musste sein Studienobjekt noch abgrenzen. Wenn nicht manifestes Verhalten oder Schädelhöcker, was dann würde in seiner Psychologie die Psyche definieren? Statt einen bestimmten Ansatz zu wählen, stellte Ribot drei zusammenhängende Perspektiven auf. Das innere Erleben ließ sich durch eine schlichte Analyse dessen untersuchen, wie Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle verknüpft, gebildet und ins Bewusstsein überführt wurden. Der Weg für eine solche »Assoziationspsychologie« war im 17. Jahrhundert in England von John Locke und David Hume geebnet worden, den Philosophen, die auch den wissenschaftlichen Empirismus begründet hatten. Die beiden Denkansätze ähnelten sich. Der Empirismus versuchte zu erklären, wie der Mensch die Welt um sich herum erfährt, und betonte dabei die Beobachtung sowie die kausalen, künstlichen Verbindungen, die durch die menschliche Erfahrung (sogar inszenierte menschliche Erfahrungen oder Experimente) geformt werden konnten. Versuche zu erklären, wie der Mensch die Außenwelt erfährt, brachten diese Philosophen zwangsläufig dazu, das Modell unserer Wissensmaschine zu entwickeln, den Geist, und führten damit die Assoziationspsychologie ein.
Später von David Hartley, James Mill, John Stuart Mill und Alexander Bain ausgebaut, räumte der Assoziationismus mit den angenommenen angeborenen Fähigkeiten wie Vernunft, Einbildungskraft oder Moral auf und versuchte stattdessen zu zeigen, wie derartig komplexe Funktionen allein aus der Verbindung grundlegender psychischer Elemente wie Ideen und Sinneswahrnehmungen heraus entstehen konnten. Sie betrachteten den Geist als Webstuhl, der Gesehenes, Geräusche, Ideen und Gefühle zu einem einzigen Ganzen verwob. Natürlich konnte bei diesem Prozess vieles schieflaufen; Fehlassoziationen waren für menschliches Fehlverhalten, Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen verantwortlich. John Locke (1690, S. 314) hielt solche falschen Verknüpfungen für so normal wie die Unvernunft, so normal wie die Kindheit, so normal wie den alltäglichen Wahnsinn der »meisten Menschen«.
Der Assoziationismus bot der wissenschaftlichen Psychologie große Vorteile, denn er sprach nicht von der Seele und beharrte nicht auf hypothetischen Fähigkeiten, die letztendlich häufig willkürlich wirkten. Stattdessen ermöglichte das in theoretischer Hinsicht minimale Instrument die genaue Analyse der flüchtigen Strömungen des inneren Erlebens. Diese Theory of Mind harmonierte darüber hinaus wunderbar mit dem (implizierten) Geist in der empirischen Wissenschaft. Um die Innenwelt einer anderen Person zu verstehen, genügte es, ihre Assoziationen zu erforschen und die eigenen Assoziationen zu diesen zu betrachten. Ribot prophezeite – und hatte recht, wie sich herausstellte –, dass der Assoziationismus einen soliden Rahmen für die Durchführung psychologischer Experimente liefern würde.
Diese britische Lehre hatte jedoch auch ihre Grenzen. In Bezug auf Emotionen stellten die Assoziationisten nur einen einfachen Grundsatz auf: Der Mensch strebe nach Lust und der Vermeidung von Schmerz. Lust und Schmerz, so argumentierten sie, konnten als die Bausteine komplexer menschlicher Leidenschaften wie Liebe, Hass, Hoffnung und Leid dienen. Trotz dieser überzeugenden Auffassung führte der Assoziationismus grundsätzlich, wie Ribot hervorhob, zu einer Konzentration auf das innere Spiel der Ideen, eher ein Spiel aus »den Empfindungen, den Gefühlen, affektiven Phänomenen im Allgemeinen« (1870, S. 72–73). Zum Zweiten setzte ein Großteil der Assoziationspsychologie voraus, dass einzig die Erfahrung einen ansonsten kahlen Geist ausstattete. Als Ausgleich für dieses Vorurteil schlug Ribot einen zweiten Schwerpunkt für die Psychologie vor: Vererbung. 1873 veröffentlichte Ribot L’hérédité: étude psychologique: sur ses phénomènes, ses lois, ses causes, ses conséquences (Die Erblichkeit. Eine psychologische Untersuchung ihrer Erscheinungen, Gesetze, Ursachen und Folgen), worin er die Auffassung vertrat, dass die Evolution und die biologischen Anlagen zum großen Teil für die psychologischen Befindlichkeit verantwortlich waren.
Damit entwarf Ribot einen soliden Rahmen, an dem sich die psychologischen Untersuchungen in Frankreich in den nächsten 30 Jahren ausrichten würden. Der psychologische Inhalt wurde anhand assoziationsbezogener Grundsätze erforscht, während sich Behauptungen hinsichtlich psychischer Fähigkeiten und Funktionen auf Vererbungstheorien stützten. Zudem fügte er diesem Forschungsprogramm ein abschließendes Standbein hinzu. Da Laborexperimente zu Gehirn und Geist nur schwer durchgeführt werden konnten, schlug Ribot vor, dass die Geisteskrankheit als der experimentelle Zweig der Psychologie dienen sollte: »[D]ie krankhaften Verwirrungen des Organismus, der die Störungen des Verstands auslöst; die Anomalien, die Monster der psychischen Ordnung, sind für uns wie von der Natur bereitete Experimente und umso wertvoller, da Versuche selten sind« (1870, S. 31).
Théodule Ribots Lösungskonzepte wurden von vielen übernommen und es dauerte nicht lange, bis er zum Mittelpunkt einer wachsenden interdisziplinären Gemeinschaft psychologischer Forscher geworden war. Vor neuen Ideen sprühend und umringt von einer Schar brillanter Kollegen, rief er aus: »Welch eine zerebrale Orgie!« (Lenoir 1957, S. 13). 1876 zum Herausgeber der Revue philosophique de la France et de l’étranger berufen, fuhr Ribot damit fort, die »psychologie nouvelle« über ein Netzwerk aus Psychiatern, Ärzten, Philosophen und Wissenschaftlern in Europa und den Vereinigten Staaten zu verbreiten. Zwischen 1881 und 1885 veröffentlichte er Les maladies de la mémoire, Les maladies de la volonté und Les maladies de la personnalité. Alle Publikationen waren sehr gefragt und erzielten allein in Frankreich 36 Auflagen. (2) 1888 erhielt Ribot am angesehenen Collège de France den Lehrstuhl für experimentelle Psychologie. Als er 14 Jahre später emeritierte, lobte sein Nachfolger Pierre Janet (1902) ihn als den Mann, der für die Definierung der französischen Psychologie am meisten verantwortlich zeichnete und ihr eine in hohem Maße originäre, fruchtbare Orientierung verliehen hatte.
Janet übertrieb nicht. Zwischen 1870 und 1900 formte Ribot eine wissenschaftliche Psychologie, die Frankreich berühmt machte. Doch sein Ruhm sollte von einem Mediziner verdunkelt werden, der über Jahre hinweg keinen Respekt vor der Psychologie zu haben schien. 1884 berichtete Ribot ahnungslos, dass er eine einfache Möglichkeit gefunden habe, an neue Artikel für die Revue zu kommen (Lenoir 1975, S. 157): »Charcot und seine Studenten (die Schule der Salpêtrière) würden sehr gerne einen Ausflug in die physiologische Psychologie unternehmen. Da ich sie laufend treffe und mit ihnen auf gutem Fuß stehe, habe ich dort einen guten Stand.«

***

Der Franzose Jean-Martin Charcot war einer der berühmtesten Mediziner in Europa, vor 1884 hatte er an Ribots Arbeitsrichtung aber wenig Interesse gezeigt. Als Arzt, Neurologe und strenger Positivist glaubte er, dass der Geist einfach eine Begleiterscheinung der Hirnfunktionen sei, nicht mehr als Schaum, den das Meer aufwühlt (Fouille 1891). Doch wie Ribot selbst herausfand, war der berühmte Neurologe gezwungen, diese Annahmen zu überdenken, und im Verlauf dieses Prozesses begann er, außergewöhnliche Behauptungen über das psychische Leben aufzustellen, die Medizinerkreise in der gesamten westlichen Welt fesselten.
Geboren und ausgebildet in Paris, nahm Charcots Karriere 1862 ihren Lauf: Er wurde als Mediziner an die Salpêtrière berufen, einer ausgedehnten Anlage, in der etwa 5.000 Frauen untergebracht waren, von denen viele wahnsinnig, verrückt oder mittellos waren oder als unheilbar galten. (3) Als Anhänger Comtes machten sich Charcot und sein Ärzteteam daran, das Durcheinander von Leiden, das sie vorfanden, zu studieren. Während viele Mediziner hofften, dass Laboruntersuchungen von erkranktem Gewebe die Medizin wissenschaftlicher machen würde, übernahm Charcot positivistische Methoden für die klinische Medizin und verfocht die genaue Beobachtung der Patienten, um Krankheiten neu zu klassifizieren. Bis 1870 war es Charcot und seinen Kollegen gelungen, mustergültige Beschreibungen der amyotrophen Lateralsklerose und der multiplen Sklerose zu liefern, und sie leisteten wichtige Beiträge zur Erforschung von Rheumatismus, Gicht, Arthrose und Rückenmarksschwindsucht.
Charcot begab sich dann auf das zwielichtige Terrain der »névroses« oder »neuroses«, wie die Engländer sie nannten. Bestimmt dadurch, was sie nicht waren, definierte man »Névroses« als Nervenleiden, bei denen sich keine Verletzungen am Gehirn oder Rückenmark zeigten. Dem Wirrwarr schwierig zu definierender Symptomkomplexe und Störungen gehörte eine der ältesten und mysteriösesten Erkrankungen an: die Hysterie. Laut seinem Assistenten Pierre Marie begann Charcot aus einem rein zufälligem Grund, diese rätselhafte Krankheit zu untersuchen. Die Krankenhausverwaltung musste eine heruntergekommene Einrichtung instand setzen, weswegen Epileptiker auf eine Station voller psychisch kranker Frauen verlegt wurden. Plötzlich bekamen die Hysterikerinnen Anfälle. Die Ärzte steckten nun in dem Dilemma, hysterische Anfälle von echten Anfällen unterscheiden zu müssen. Damit waren Charcot und seine Kollegen gezwungen, sich einer noch verzwickteren Frage zu stellen: Was war Hysterie? (4)
Man glaubte lange, die vor über 2500 Jahren zum ersten Mal diagnostizierte Hysterie sei eine Frauenkrankheit. Wie die Etymologie des Wortes zeigt, wurde dieses Leiden zunächst als Umherwandern der Gebärmutter angesehen, und noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Hysterie mit der weiblichen Sexualität verbunden. Dies begann sich zu ändern, als der Pariser Mediziner Paul Briquet 1859 eine bahnbrechende Studie veröffentlichte. Er untersuchte über 400 Erkrankungsfälle und stellte fest, dass die Hysterie hauptsächlich, aber nicht ausschließlich bei Frauen auftrat; auf zwölf erkrankte Frauen kam nach Briquets Beobachtungen ein erkrankter Mann. Der Mediziner berichtete auch von einer geringen Verbreitung der Krankheit bei Nonnen und einer hohen Verbreitung bei Prostituierten, was die alte Vorstellung widerlegte, dass sexuelle Frustration diese Krankheit verursachte. Die Hysterie, so folgerte er, war eine Neurose des Gehirns, die den Gefühlsausdruck störte. Briquet hob außerdem hervor, dass eine schlechte Erbanlage zusammen mit heftigen Emotionen die Krankheit auslöste. Während viele Gynäkologen weiter darauf beharrten, dass die Hysterie auf einer »chose génitale« beruhe, ermöglichte Briquet (1859) den Neurologen und Psychiatern, die Krankheit unter diesen neueren Gesichtspunkten zu sehen.
Im Anschluss an Briquet und andere nahm sich Charcot diesen Krankheits-Proteus vor. Als veränderliches Kaleidoskop verwirrender Symptome, die Klassifikationsversuche lange scheitern ließen, schien die Hysterie kein objektives Muster zu haben. Viele glaubten, dass sie gar keine Krankheit sei, sondern vielmehr eine weibliche List und Vortäuschung. Jean-Martin Charcot entdeckte eine Ordnung, wo kein anderer sie sah. Nach eingehenden Untersuchungen kam er zu dem Schluss, dass Hysterikerinnen unter Anfällen litten, die eigenständige pathophysiologische Stadien aufwiesen. In ihrem reinsten Zustand war die »grande hystérie« durch die »grande attaque« gekennzeichnet, während der die Leidtragenden eine komplizierte Abfolge von vier Stadien durchliefen. Die Symptome konnte man leicht beobachten; der Grund war eine schlechte Erbanlage. Über die Gedanken oder Gefühle der Hysterikerin, ihre Psychologie, ihre subjektive Welt musste nichts gesagt werden. Die Hysterie ließ sich allein durch objektiv beobachtbare äußere Anzeichen erkennen (Charcot 1982a, S. 96–99).
Charcots Leistung sprach sich herum. Erstaunte Schaulustige standen im Auditorium der Salpêtrière Schlange, wo sich Hysterikerinnen während ihrer komplizierten Anfälle krümmten, schüttelten und erstarrten. In der Hoffnung, dies wäre ein wissenschaftlicher Beweis, sozusagen eine Version des mikroskopischen Objektträgers des Pathologen, begannen Charcot und sein Team damit, Hysterikerinnen in den verschiedenen Stadien ihrer Krankheit zu fotografieren (Bourneville & Regnard 1879–1880).

Charcots Studie reichte über medizinische Kreise hinaus. Er stand Positivisten und Reformern der Regierung nahe und teilte die Auffassung, dass es Fortschritt geben würde, wenn sich die Religion der Wissenschaft beugte. In den ersten Jahre der Dritten Republik, als geistliche Kräfte noch immer einen festen Stand in politischen Kreisen hatten, berichteten Spione, die Charcots Unterricht besuchten, von seinen vielen kirchenfeindlichen Witzen (Goldstein 1987, S. 360). Um die politischen Auswirkungen einer Forschung zu erkennen, die ekstatische und göttliche Visionen pathologisierte, brauchte es jedoch keinen Spion. Man musste nur die Schriften von Charcots Kollegin Désiré-Magloire Bourneville lesen, die prophezeite, dass sich sowohl diejenigen, die Wunder, als auch diejenigen, die Dämonen sahen, schon bald als schlicht hysterisch erweisen würden (Goetz, Bonduelle & Gelfand 1995, S. 183).
Entmystifizierende, kirchenfeindliche Ansichten mögen Charcot auch in seiner nächsten schicksalhaften Wendung bestärkt haben. 1878 nahm der Neurologe seine Untersuchungen zur Hypnose auf. Ein Jahrhundert zuvor war ein Arzt namens Franz Anton Mesmer unter dem Vorwurf der Quacksalberei und des sexuell ungebührlichen Verhaltens nach der Flucht aus Wien in Paris eingetroffen. Mesmer wurde mit dramatischen Heilungen, die der unsichtbaren Kraft des animalischen Magnetismus zugeschrieben wurden, eine Sensation in Paris, die Französische Akademie der Wissenschaften aber berief ein Gremium ein, um den Gehalt seiner Behauptungen zu bewerten. Sie verurteilten ihn als Verführer und Betrüger und legten damit in Frankreich die Erforschung veränderter Geisteszustände für Jahrzehnte auf Eis (s. Gauld 1992 und Crabtree 1993).
Der berühmte französische Physiologe Charles Richet entfachte in den 1870er Jahren erneut das allgemeine Interesse an hypnotischen Zuständen. Richet verwendete die Bezeichnung des britischen Arztes James Braid und führte die »Hypnose« auf eine physiologische Funktionsstörung zurück. 1878 brachte Charcot seinen guten Namen in die Untersuchung dieser bizarren Zustände ein, und fünf Jahre später trat er vor eben die Akademie der Wissenschaften, die Mesmer verurteilt hatte, um zu veranschaulichen, wie anders seine eigene Erforschung der Hypnose war. Die Hypnose sei eine physiologische und neuropathologische Störung, nicht irgendeine spukhafte heilmagnetische Kraft (Charcot 1883, S. 149). Zwei Verbündete Charcots, Alfred Binet und Charles Féré, erläuterten, dass sie sich im Gegensatz zu früheren Experimentatoren erst gar nicht mit »komplexen psychischen Phänomenen« aufhielten, denn diesen mangele es an materiellen Eigenschaften, die sie unstrittig machen würden. Somit wurde die Erforschung der Hypnose dank dieser strikten Betonung körperlicher Symptome wissenschaftlich legitim (Binet & Féré 1887, S. 85). Als er vor der Akademie sprach, beschrieb Charcot (1892b, S. 95–100) detailliert die dramatischen Kontrakturen und Anfälle des »grand hypnotisme«, die allesamt bewiesen, dass die Hypnose weder übernatürlich noch Quacksalberei war, sondern schlicht das traurige Resultat eines abnormalen nervösen Zustands.
In bemerkenswertem Tempo hatte Charcot zwei monumentale medizinische Rätsel bezwungen: die Hysterie und die Hypnose. Währenddessen wahrte er geflissentlich die Distanz zu magischen zwischenmenschlichen Kräften oder obskuren psychologischen Einflussmöglichkeiten, die in irgendeiner Weise auf immaterielle, unsichtbare Kräfte hinweisen könnten. Alle diese Geisteszustände waren die Folge neurologischer Störungen. Die Ursächlichkeit verlief in nur einer Richtung, vom Körper zum Geist. So glaubte Charcot jedenfalls.
Die Wandlung von Jean-Martin Charcot begann recht einfach. Er und seine Kollegen entdeckten, dass es zu einer Lähmung kam, wenn sie einer hypnotisierten Hysterikerin suggerierten, ihr Arm sei gelähmt. Unglaublicherweise schien die Vorstellung einer Lähmung in diesem seltsamen Zustand eine Lähmung zu erzeugen. Um zu erklären, wie das möglich sein konnte, brauchten sie ein Modell dafür, wie sich eine Vorstellung auf den Körper auswirken konnte. Das heißt, Charcot benötigte eine Psychologie. Damit begaben sich der berühmte Positivist und seine Anhänger direkt in August Comtes verbotenen Garten.

***

Sigmund Freud traf 1885 an der Salpêtrière ein, als Charcot und sein Team bereits in das Studium der unbewussten Vorstellung und Emotionen, und wie sie neurologische Symptome hervorrufen konnten, vertieft waren. Der französische Neurologe übernahm Ribots Modell und verwendete die Assoziationspsychologie neben hereditären Erklärungen. Eine hypnotische Suggestion, so folgerte er, ermögliche es einer Vorstellung, in abgespaltenem, unbewusstem, recht isoliertem Zustand in den Geist einzudringen. Suggestionen fielen in einen Bereich, der sich von der verwobenen Ansammlung von Assoziationen unterschied, die normalerweise das Bewusstsein bildeten. In dieser unbekannten Region schienen die abgespaltenen Vorstellungen unbehindert und unwillkürlich auf den Körper zu wirken (Charcot 1886, S. 274). (5)
Im späten 19. Jahrhundert war die Vorstellung unbewussten physiologischen Handelns alltäglich. Einige, zum Beispiel William Carpenter in England und William James in Amerika, mutmaßten sogar, dass der Mensch vielleicht ein Automat und von der unbewussten Physiologie völlig beherrscht sein könnte. Doch Charcots Erörterung der hypnotischen Suggestion stützte sich nicht auf die Physiologie sondern vielmehr auf die Psychologie. Unbewusste Vorstellungen konnten von einem Körper Besitz ergreifen. Man suggeriere einer hypnotisierten Hysterikerin, dass ihr Bein gelähmt ist, et voilà: Ohne zu wissen, wie ihr geschieht, wird ihr Bein leblos.
Die Ärzte der Salpêtrière entwickelten eine besondere Faszination für den seltsamen Fall zweier Männer, die sie Pin und Porcen nannten. Die beiden französischen Arbeiter zeigten Lähmungen, die anatomisch betrachtet unmöglich waren. Gleichzeitig schienen Pin und Porcen ihre Krankheit nicht vorzutäuschen. Vielleicht waren sie Hysteriker unter dem Einfluss unbewusster Vorstellungen. Doch die zwei Männer ließen sich nicht hypnotisieren, und für Charcot bedeutete dies, dass sie keine Hysteriker sein konnten. Er glaubte, alle Hysteriker seien hypnotisierbar; das war eines ihrer auffälligsten Merkmale.
Pin und Porcen hatten Erschütterungen an den Armen erlitten, aber diese Verletzungen waren zu geringfügig, um echte Nervenschädigungen zur Folge zu haben. Die beiden Männer rappelten sich auf und wandten sich ihrem normalen Leben zu, nur um Tage später unter Lähmungserscheinungen zu leiden. Fasziniert untersuchte Charcot die Männer und kam zu dem Schluss, dass ihr Trauma auf ihre Psyche wie auch auf ihren Körper gewirkt hatte. Er begann seine Untersuchungen und war verblüfft, als er entdeckte, dass ein harter Schlag auf den Arm eines Hysterikers unter Hypnose die gleichen Symptome auslösen konnte, die Pin und Porcen plagten. Der Schlag allein hatte gewirkt wie eine verbale Suggestion.
Charcot folgerte, dass dies alles psychische Lähmungen oder Lähmungen infolge von Vorstellungen waren (ebd., S. 273). Im Fall von Pin und Porcen argumentierte er, dass der Schock des anfänglichen Traumas ihr Nervensystem in etwas wie einen hypnotischen Zustand verfallen ließ, und an diesem Punkt hegten beide Männer die Vorstellung: Ich kann meinen Arm nicht bewegen. Diesem beunruhigenden Gedanken würde normalerweise eine ganze Reihe begleitender Vorstellungen entgegenschlagen, darunter auch beruhigende Gedanken, die sich nach einer Prüfung des Arms und der Feststellung, dass er in Ordnung zu sein scheint, einstellen könnten. Aber die vom traumatischen Schock erzeugte »Vernichtung des Ichs« ließ diese beängstigende Vorstellung – ich kann meinen Arm nicht bewegen – isoliert, unbewusst zurück. Von dort aus wurde sie wirksam, ungehindert wie ein hypnotischer Befehl (ebd., S. 288–290). Die Angst der Männer vor der Lähmung wirkte als Autosuggestion, und die Lähmung wurde Realität (s. Charcot & Marie 1892).
Es schien, als könne die Einbildungskraft einen Menschen krankmachen, allerdings nur im Falle eines Traumas. Aus dem chirurgischen Wortschatz übernommen, kam das Trauma in der Psychiatrie und Neurologie des 19. Jahrhunderts auf, um Nervenschocks wie die Eisenbahnkrankheit (»railway spine« und »railway brain«) zu erklären. Man ging davon aus, dass sie von den holprigen Fahrten in diesem neuen Monster, der Lokomotive, ausgelöst wurde (vgl. hierzu Caplan 1995). Es war allgemein anerkannt, dass ein traumatischer Schock die assoziativen Prozesse im Gehirn unterbrechen konnte. Charcots Konzentration auf die Autosuggestion jedoch war neuartig und schuf Verwirrung. Wenn die Autosuggestion der eigenen Psyche des Patienten entsprang, wie gelangte diese Vorstellung in den Bereich außerhalb der Bewusstseinsgrenzen (Binet & Féré 1888, S. 182)? Die Hypnose veranschaulichte, wie Suggestionen von außen im Unbewussten landen konnten, aber wie konnte das mit den eigenen Vorstellungen geschehen? Charcot schlussfolgerte, dass eine traumatisierte Psyche anfällig für Dissoziationen war, sodass Vorstellungen von der stabilen Matrix bewusster Assoziationen abblätterten. Zudem behauptete er, dass starke Emotionen wie Wut oder schreckliche Furcht als Trauma dienen und zu Dissoziation und Autosuggestion führen konnten (Charcot 1886, S. 325–326).
Die sich entwickelnde psychologische Theorie Charcots barg faszinierende therapeutische Konsequenzen. Wenn eine Vorstellung eine Lähmung schaffen konnte, dann konnte sie vielleicht auch eine Lähmung heilen. Von 1885 bis 1886 versuchten Charcot und seine Kollegen, Pin und Porcen mit Gesprächen zu behandeln:

»Zunächst haben wir versucht und versuchen fortwährend, auf ihre Vorstellungen einzuwirken, indem wir ihnen auf’s nachdrücklichste versichern, wovon wir übrigens selbst fest überzeugt sind, dass ihre Lähmung trotz ihres langen Bestandes keineswegs unheilbar ist, und dass sie im Gegentheil mit Hilfe einer geeigneten Behandlung sicherlich […] heilen wird, wenn sie uns dabei behilflich sein wollen« (ebd., S. 292; s. auch S. 278).

Die therapeutische Suggestion zielte darauf ab, Autosuggestionen entgegenzuwirken und Symptome zu lindern, obwohl das keine Heilung war. Charcot wich nie von seiner Überzeugung ab, dass die traumatische Neurose nur Personen treffen konnte, die von degenerativen Erbanlagen belastet waren. Das konnte kein Gespräch heilen (vgl. z.B. Charcot 1877, S. 449).
Als Freud in Paris eintraf, beschäftige sich eine ganze französische Psychologen- und Medizinergemeinschaft damit, das Seelenleben nachzuvollziehen, indem sie Assoziationen, Dissoziationen und die Rolle der Anlagen untersuchte sowie das Licht, das die Psychopathologie auf normale mentale Funktionen werfen könnte. Hatten Jean-Martin Charcot und seine Kollegen zunächst die Hysterie und die Hypnose bezwungen, ohne sich auf das wissenschaftlich zweifelhafte Feld der Psychologie zu begeben, fanden sie sich inmitten von Diskussionen über die Rolle unbewusster Geisteszustände bei psychischen Automatismen, doppeltem Bewusstsein, multipler Persönlichkeit und Dämmerzuständen wieder. Ärzte aus ganz Europa strömten nach Paris, um verblüffende Fälle von Hypnose, seltsame, von Hysterikerinnen aufgeführte Tänze und bizarre, von Vorstellungen hervorgerufene Beschwerden mitzuerleben. Sie erfuhren von Studien, die sich auf die wissenschaftliche Methode der »psychologie nouvelle« stützten; Studien, für die die Autorität von Männern wie Ribot und Charcot garantierte; Studien, die sich auf vieles stützten, das im Begriff war zu bröckeln, denn es war etwas furchtbar schief gelaufen.

II.

Als Sigmund Freud vom Jubiläumsfonds der Universität Wien ein Stipendium für eine Studienreise erhielt, hatte er sich an einer Reihe von Möglichkeiten für seine Zukunft versucht, und keine hatte richtig gepasst.6 Nachdem er eine Laufbahn in der Zoologie, dann in der Physiologie und der Neuroanatomie angestrebt hatte, hatte er sich der Medizin zugewandt, wo er Spezialgebiete wie die Neurologie und die Psychiatrie ins Auge fasste. Mit 29 war er noch immer arm, nicht mehr sonderlich jung und hatte keine Aussichten auf eine Stellung an der Universität. Seine Verlobte wartete darauf, dass er sich eine Heirat leisten konnte. Er wartete verzweifelt auf eine Chance, hatte seine Hoffnungen auf eine neue histologische Methode zur Einfärbung von Nervenzellen gesetzt und dann auf einen neuen pharmakologischen Wirkstoff namens Kokain vertraut. Doch die erstaunliche Wirkung von Kokain zeigte bald seine dunkle Seite, und so kam Freud, der von Charcots Forschungsarbeiten über die Neurosen gehört hatte, für einen neuen Anlauf nach Paris.
Am 6. Mai 1856 in Freiberg/Mähren als Sohn jüdischer Eltern geboren, lautete sein eigentlicher Name Sigismund Freud. Als der Junge vier war, zog seine Familie in die Hauptstadt des österreichisch-ungarischen Reichs, nach Wien. Dort besuchte »Sigmund« das Leopoldstädter Gymnasium, wo er sich als außergewöhnlicher Schüler erwies. Er war bewandert in Latein, Griechisch und Klassikern wie Ovid, Horaz, Cicero, Virgil, Sophokles, Homer und Plato und hatte in seiner Klasse bald einen vorderen Platz. Als Jude war er Mitglied einer schlecht behandelten, an den Rand gedrängten Minderheit, doch es war eine Zeit der Liberalisierung im Habsburgischen Reich. Kaiser Franz Josef hatte die Bürgerrechte der Juden erweitert und sogar einige jüdische Minister in sein Kabinett aufgenommen. Für Freud und seine jungen jüdischen Freunde waren diese Männer Helden.
Der Junge fühlte sich zu historischen Persönlichkeiten wie Brutus und Hannibal hingezogen, malte sich aus, wie er die Tyrannei bekämpft, und dachte an eine Zukunft als Jurist. Er bezeichnete sich selbst als einen antiaristokratischen, antiklerikalen Republikaner und überzeugten Materialisten. Nachdem sich der junge Mann im Herbst 1873 an der Universität von Wien eingeschrieben hatte, erwies er sich als jemand, der kein Blatt vor den Mund nahm, auch wenn dies bedeutete, in der Opposition zu stehen. Obwohl er von vielen unterstützt wurde, begegnete er überall um sich herum dem Antisemitismus und musste sich einmal einer kleinen Meute entgegenstellen, die sich gegen den »elenden Juden« formiert hatte (Freud 1960a, S. 76–77).
Zu der Zeit, als sein Studentenleben begann, interessierte sich Sigmund aber nicht mehr vorrangig für Politik und Recht. Er war gefesselt von Goethes Aufsatz über die Natur und verlagerte seine Pläne auf die Naturwissenschaft und die Medizin. Nachdem er sich für ein Medizinstudium eingeschrieben hatte, meldete er sich für Anatomie, Chemie, »Allgemeine Zoologie; Darwinismus«, Botanik, Physiologie und Physik an (s. Bernfeld 1951, S. 149–150). Im Winter 1874 nahm er auch das Studium der Philosophie auf, der einzigen nicht naturwissenschaftlichen Disziplin, der er nachging, und arbeitete mit einem Professor zusammen, der kurz zuvor nach Wien geflüchtet war: Franz Brentano.
Der katholische Priester und Philosoph Brentano entfremdete sich von der Kirche, nachdem diese die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet hatte. Seine lautstarke Verachtung für dieses Dogma machte seine akademische Stellung in Würzburg zunehmend unhaltbar. Gleichzeitig entdeckte Brentano Comte und die Arbeit der britischen Assoziationsphilosophen. Brentano legte seine Professur nieder, trat aus der Kirche aus und begann, ein neues Leben für sich zu planen. Seine Eintrittskarte dazu sollte eine Arbeit über wissenschaftliche Psychologie werden.
Wie Ribot war Brentano bestrebt, die Psychologie von der Philosophie zu trennen, ohne das ganze Unterfangen angesichts positivistischer Vorstellungen von Wissenschaft scheitern zu lassen. Zu diesem Zweck griff er das Problem der Introspektion auf. In seiner Psychologie vom empirischen Standpunkt aus dem Jahr 1874 gab sich Brentano große Mühe, die Introspektion von der inneren Wahrnehmung zu unterscheiden. Erstere war eine Form geschulter innerer Beobachtung, von der einige behaupteten, sie entspräche in etwa der empirischen Beobachtung der Außenwelt. Brentano erklärte das alles für unmöglichen Unsinn. Wir könnten nicht außerhalb des eigenen Verstands stehen, um unseren Verstand mit unserem Verstand zu beobachten. Die innere Wahrnehmung aber war etwas völlig anderes. Sie war so alltäglich wie das Empfinden von Freude, die Rückbesinnung an eine Erinnerung oder das Abwägen eines Gedankens. Die innere Wahrnehmung war vielleicht nicht objektiv, aber sie blieb ein entscheidender Ausgangspunkt für jegliche Psychologie. Glücklicherweise ermöglichte es das menschliche Gedächtnis, sich dieser flüchtigen Momente zu erinnern und sie zu untersuchen. Brentano unterstrich nicht nur die Ordnungsmacht der Erinnerung, sondern forderte auch ein gründliches Studium der Sprache und der Gestik, um unser Verständnis der Innenwelt eines anderen zu fördern. Psychologen sollten Kindern und Tieren sowie krankhaften Seelenzuständen und entarteten psychischen Erscheinungen ebenfalls besondere Aufmerksamkeit schenken, riet er (1874, S. 34–54).
Seine Arbeit trug ihm 1874 eine Professur in Wien ein; im gleichen Jahr wurde Sigmund Freud sein Student (s. Fancher 1977).7 War Freud anfangs belustigt, dass Brentano für die Existenz Gottes eintrat, so fragte er sich früh, ob er seinen Materialismus gegen Brentanos messerscharfe Logik verteidigen konnte. Nachdem sie ihrem Professor eine förmliche Kritik seiner Positionen hatten zukommen lassen, fanden sich Freud und sein Freund Josef Paneth als eingeladene Diskussionsgäste in Brentanos Haus wieder. Bald stand Freud ganz unter dem Einfluss des Philosophen. Sein Professor war ein »Gottesgläubiger, Teleolog (!) und Darwinianer, und ein verdammt gescheiter, ja genialer Kerl«, schrieb der junge Mann (Freud 1989a, S. 109).
Brentano ermutigte seine Studenten, die gesamte Tradition der Philosophie als einen Weg zu sehen, der zur Wissenschaft führt. Er nahm theoriegestützte Herangehensweisen an die Psychologie aufs Korn, schimpfte auf diejenigen, die sich nie die Mühe machten, ihre Konzepte in der Praxis zu überprüfen, und er »bekannte sich unumwunden zur empiristischen Schule, die die Methode der Naturwissenschaften auf die Philosophie und besonders die Psychologie überträgt« (Freud 1989, S. 116). Brentano riet seinen Studenten, Locke, Hume, Kant und Comte zu studieren, und warnte sie auch vor verfrühten Versuchen, die Physiologie mit der Psychologie zu verbinden, da die Wissenschaft des Geistes für eine solche Verbindung noch nicht weit genug entwickelt sei (ebd., S. 117). Diese Lektion würde Freud erst nach jahrelangem Ringen annehmen, gab sie aber später selbst seinen eigenen Studenten weiter.
Gleichzeitig begann der Bewunderer Hannibals, seine Vorstellungen davon, was einen Menschen radikal machte, neu zu formen. Freud erklärte, er sympathisiere durchaus mit dem Sozialismus, der Bildungsreform, der Umverteilung des Vermögens und anderen Reformen, die den Darwin’schen Überlebenskampf entschärfen könnten (ebd., S. 111). Er glaube aber, dass wahre Radikale ihren revolutionären Geist äußerten, indem sie religiöse Glaubenslehren ablehnten und das Diktat des Materialismus und des Empirismus anerkannten.
Viele aus Freuds Generation waren überzeugt, dass die Naturwissenschaft das politische und soziale Leben reformieren würde. Die Forscher würden dazu beitragen, den Aberglauben, religiöse Annahmen und ideologische Illusionen zu bezwingen, indem sie stichhaltige Erkenntnisse erbrachten, die eine klarere Sicht der Realität ermöglichten, wodurch eine politische Elite gerechter und vernünftiger regieren konnte.
Nach zweieinhalb Jahren Unterricht begann Freud mit seinem ersten Versuch, neues Wissen zu entdecken, indem er Forschung in der Zoologie betrieb; dem Feld, das der Evolutionstheorie einen großen Teil der Beweise geliefert hatte. Sechs Monate, nachdem er die Keimdrüsen von Aalen studiert hatte, schloss sich Freud dem physiologischen Labor Ernst Wilhelm von Brückes an, dem Mann, der die Laborwissenschaft nach Wien gebracht hatte. Die folgenden sechs Jahre schuftete Freud in Brückes Labor und untersuchte glücklich Nervenzellen. Er machte einige kleinere Entdeckungen, entwickelte ein neues Färbemittel und konnte sich im Alter von 26 Jahren einiger Publikationen zu seiner Arbeit rühmen. (8)
Mitten in diesen Studien leistete Freud seinen einjährigen Wehrdienst ab, währenddessen er einige Essays von John Stuart Mill zu Themen wie der Emanzipation der Frau übersetzte, um sich zu beschäftigen (s. Molnar 1999 und Bernfeld 1949). Nach seiner Rückkehr nach Wien machte er 1881 schließlich sein medizinisches Examen; siebeneinhalb Jahre, nachdem er seine medizinische Ausbildung begonnen hatte, und zweieinhalb Jahre später als der Durchschnitt der Studenten. Freud bestand und führte später seinen Erfolg auf sein außergewöhnliches Gedächtnis zurück, da er sich nicht die Mühe einer gründlichen Vorbereitung gemacht hatte.
Tatsächlich hatte eine Zukunft als Arzt für den jungen Freud geringere Priorität, als wissenschaftliche Entdeckungen zu machen und Universitätsprofessor zu werden. Freud träumte davon, in Brückes Labor zu bleiben, doch als er sich 1882 mit Martha Bernays aus Hamburg verlobte, platzte sein Traum. Freud informierte Brücke von seinen Heiratsabsichten, und sein Mentor nahm ihn beiseite und hielt ihn dazu an, realistisch zu sein. Brückes zwei Assistenten waren außergewöhnliche Forscher und nicht annähernd im Pensionsalter. Freud, auf den jetzt eine Verlobte wartete, konnten keine weiteren bezahlten Stellen angeboten werden. Entmutigt nahm Freud Brückes Rat an und nahm sich vor, praktizierender Arzt zu werden.
In den kommenden drei Jahren verschwand Freud in den Stationen und Kliniken des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien. Er lebte auf dem Gelände und kehrte nur an den Wochenenden nach Hause zurück. Während er auch weiter im Labor forschte, kämpfte er damit, seinen Weg als Kliniker zu finden. In der Hoffnung, Aspirant am Krankenhaus zu werden, wodurch junge Ärzte auf die Aufgabe eines Sekundararztes (Assistenzarzt) hinarbeiten konnten, trat er an Hermann Nothnagel heran, einen Medizinprofessor. Als ehemaliger Neuropathologe brachte Nothnagel Verständnis für Freuds histologische Arbeit auf. Er nahm Freud an und erwies sich in den folgenden zwei Jahrzehnten als wichtiger Verbündeter.
Nothnagel erhielt eine Empfehlung eines anderen labororientierten Arztes, dem Psychiater Theodor Meynert, bei dem Freud im Winter 1877 studiert hatte (Freud 1960a, S. 32). Meynerts Ruhm entstammte seinen anatomischen Studien des Nervensystems, er hatte aber auch durch Anstaltsärzte Berühmtheit erlangt, die seine klinischen Fähigkeiten in Zweifel zogen. 1875 forderte der Direktor der Anstalt, in der Meynerts Abteilung untergebracht war, seinen Rücktritt, doch der Dekan der Wiener Medizinischen Fakultät wurde umgehend aktiv und schuf für seinen Schützling eine zweite Professur für Psychiatrie. Dank diesem Zufall der Geschichte behielt Wien zwei Universitätsprofessuren der Psychiatrie, was eine Meinungsvielfalt ermöglichte, die sich für Einzelgänger wie Freud als entscheidend erweisen würden (s. Lesky 1965, S. 378–381). (9)
In seiner akademischen Stellung gesichert, hatte Meynert mit der Arbeit an seinem Hauptwerk begonnen, von dem er hoffte, dass es die Psychiatrie definieren und die jeweiligen Rollen von Psyche und Gehirn darlegen würde. Für Meynert war eine Erkrankung des Gehirns die alleinige Ursache psychischer Störungen; psychologische Faktoren waren irrelevant. Als Meynert den ersten Band seines Werkes abschließend bearbeitete, kam Freud in seine Abteilung. Von Mai bis September 1883 stand Freud Fällen von Alkoholismus, progressiver Paralyse und Patienten gegenüber, die unbestimmt als verrückt diagnostiziert wurden. Er traf auch auf einige Hysterikerinnen, die aber anscheinend keinen großen Eindruck bei ihm hinterließen. (10)
Während Freud in die klinische Medizin vertieft war, war er weiter ehrgeizig und suchte nun nach neuen bahnbrechenden Behandlungen (Freud 1960a, S. 106). Er stieß auf einen Artikel, der Kokain anpries; ein neues Heilmittel, das in Amerika zur Behandlung des Morphiumentzugs verwendet wurde. »Mehr als einen solchen glücklichen Wurf brauchen wir nicht, um an unsere Hauseinrichtung denken zu dürfen« schrieb er Martha, seiner Verlobten (ebd.). Freud bestellte Kokain, probierte es und gelangte zu der Überzeugung, dass diese erstaunliche Substanz Herzkrankheiten, nervöse Erschöpfung und leichte Depressionen heilen konnte, ganz zu schweigen von den Qualen des Morphiumentzugs. Freuds Freund und Lehrer aus Brückes Labor, Ernst Fleischl von Marxow, war nach einer Amputation, von der er chronische Schmerzen zurückbehielt, von Morphium abhängig geworden. In der Hoffnung, es würde dabei helfen, seine Sucht zu beenden, verschaffte Freud Fleischl das neue Heilmittel (ebd., S. 106, 195, 204).
Sechs Wochen, nachdem Freud zum ersten Mal Kokain versucht hatte, schrieb er einen überschwänglichen Artikel über das Heilmittel für das Centralblatt für die gesammte Therapie (Freud 1884e). Er wollte unbedingt Aufmerksamkeit erregen, besonders, nachdem er das Lob gesehen hatte, mit dem ein Kollege überhäuft worden war, der – auf Freuds Rat hin – das Heilmittel erfolgreich als chirurgisches Anästhetikum eingesetzt hatte. Freud setzte sich für die mögliche medizinische und psychiatrische Verwendung von Kokain ein, und sein Aufruf erhielt zunehmend Beachtung. Seine Monografie über Kokain wurde von der angesehenen Wiener Zeitung Neue Freie Presse erwähnt. Es dauerte nicht lange, und Freud wurde von Anfragen überschwemmt. Bei einer Präsentation seiner Forschungsergebnisse vor der Physiologischen Gesellschaft zu Wien und der Wiener Gesellschaft für Psychiatrie kündigte er das Heilmittel als wirksam und unbedenklich an (s. Bernfeld 1953 und Swales 1989).
Doch Kokain war nicht unbedenklich. Im Frühjahr 1885 wusste Freud, dass Fleischls sogenannte Kokainbehandlung ihn nicht von seiner Morphiumsucht befreit, sondern stattdessen eine Abhängigkeit von beiden Substanzen erzeugt hatte. Darüber hinaus führte Fleischls steigender Kokainkonsum zu entsetzlichen Intoxikationspsychosen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis andere diese Gefahren erkennen und über Freud herfallen würden, weil er die Anwendung von Kokain voreilig empfohlen hatte. Eine solche öffentliche Schmach konnte dem Ruf eines jungen Doktors nachhaltig schaden, aber Freud hatte noch immer mächtige Befürworter an der Universität. Als sich das Kokaindebakel zuspitzte, holte sich Freud die Unterstützung von Brücke, Meynert, Nothnagel und anderen und erhielt das Stipendium des Jubiläumsfonds der Universität Wien für eine Studienreise nach Paris. Es war ein guter Zeitpunkt für ihn, aus der Stadt herauszukommen. Bevor er nach Frankreich abreiste, schied Freud aus dem Allgemeinen Krankenhaus aus. Seine Verlobung mit Martha Bernays zog sich jetzt über dreieinhalb Jahre hin. Er war nicht imstande, sich selbst zu ernähren, und sehr von einigen Gönnern abhängig, die ihm Geld zum Überleben geliehen hatten. Er bereitete sich darauf vor, Wien zu verlassen, und hatte die Universitätsdirektion davon überzeugt, dass er an der Salpêtrière atrophische Neuropathologien bei Kindern erforschen würde. Doch Freud vertraute seiner Verlobten seine wahren Pläne an: Er würde sich mit den nervösen Störungen einen Namen machen (Freud 1960a, 87). Durch diese Reise würde er ein berühmter Nervenspezialist werden. Als er das Stipendium erhielt, schrieb ein kindischer Freud an Martha (ebd., S. 149):

»O wie schön wird das sein! Ich komme mit Geld und bleibe recht lange und bringe was Schönes für Dich mit und gehe dann nach Paris und werde ein großer Gelehrter und komme dann mit einem großen, großen Nimbus nach Wien zurück, und dann heiraten wir bald, und ich kuriere alle unheilbaren Nervenkranken, und Du erhältst mich gesund, und ich küsse Dich bis Du stark und heiter und glücklich bist […].«

Am 29. September 1885 kam Freud in Paris an und nahm sich ein Zimmer im Hôtel de la Paix im Quartier Latin (Jones 1953, Bd. 1, S. 220). Während er fieberhaft Artikel zur Neuropathologie verfasste, begann er mit seinen Besuchen der berühmten Klinik der Salpêtrière. Montags hielt Charcot öffentliche Vorlesungen mit Schwerpunkt auf seinen neuesten Forschungen, während er dienstags rätselhafte Fälle besprach, die für eine Diagnose aus der Ambulanz kamen. Der Mittwoch war ophthalmologischen Untersuchungen vorbehalten, und die restliche Woche wurde mit Visiten gefüllt. Während er viele andere Vorlesungen mied, fand Freud die Zeit, forensischen Autopsien an der Pariser Morgue beizuwohnen (Freud 1956a [1886], S. 37–39).
Dr. Charcot erklärte, dass die Tage der großen Entdeckungen in der pathologischen Anatomie vorüber seien. Die Zukunft liege bei den nervösen Störungen ohne anatomische Verletzungen – den Neurosen. Während Freuds Zeit in Paris konzentrierte sich Charcots Interesse auf die von einem Trauma verursachte Hysterie bei Männern, wie im Fall von Pin und Porcen (ebd., S. 39–40). Die traumatische Hysterie war bei deutschen Neurologen auf Widerstand gestoßen, allen voran bei Hermann Oppenheim aus Berlin. (11) Nach seinem Aufenthalt in Paris reiste ein pflichtbewusster Freud nach Berlin und traf sich mit Oppenheim, der diese Erkrankungen als rein anatomische Angelegenheit betrachtete. Bei seiner Heimkehr war Freud noch immer überzeugt, dass Charcot recht hatte.
Freud kam auch in der Überzeugung aus Paris zurück, dass die unter Hypnose gezeigten veränderten Zustände echt waren. Er erzählte seinen Geldgebern, dass er eigene Erfahrungen über »die so wunderbaren und wenig geglaubten« Phänomene der Hypnose erworben habe (ebd., S. 42). Er wusste jedoch, dass die Ereignisse an der Salpêtrière so skurril waren, dass sie ernsthafte Zweifel auslösen würden, solange man sie nicht selbst miterlebt hatte. Ihm selbst war es sechs Jahre zuvor suspekt gewesen, als der fahrende Hypnotiseur Carl Hansen nach Wien gekommen war, und er hatte einen Freund gewarnt (Freud 1989a, S. 204): »Ich hoffe, Du wirst skeptisch bleiben und daran denken, daß ›wunderbar‹ ein Ausruf der Unwissenheit und nicht die Anerkennung eines Wunders ist.«
Doch was Freud an der Salpêtrière gesehen hatte, war überwältigend. Die übliche Demonstration lief etwa so ab: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl, hypnotisiert. Ein Arzt informiert sie darüber, dass sie ihren rechten Arm nicht wird bewegen können, wenn sie aufwacht. Die Patientin erwacht aus der Trance und kann ihren rechten Arm nicht bewegen. Sie weiß nicht, warum, und erfindet vielleicht eine Geschichte, die ihrer Kraftlosigkeit einen Sinn zu geben schein. Der Arzt versetzt sie wieder in Trance und suggeriert nun, dass ihr Arm in Ordnung ist. Sie erwacht aus der Trance, und ihrem Arm geht es gut. Das war nicht nur eine großartige Vorstellung, es war für Wissenschaftler, die in einer auf dem Gehirn basierenden Herangehensweise an die Psyche geschult waren, auch erschütternd. Außerdem waren diese erstaunlichen Effekte nicht nur ein Quell der Verwunderung, sondern auch Phänomene, die dieser Erzpositivist Charcot analysierte. Französische Psychopathologen hatten bewiesen, dass seltsame unbewusste Geisteszustände existierten. Freuds Welt begann, sich auf den Kopf zu stellen:

»Ich bin wirklich jetzt sehr behaglich, und ich glaube, ich verwandle mich sehr. Ich will Dir das einzeln aufzählen, was auf mich einwirkt. Charcot, der einer der größten Ärzte, ein genial nüchterner Mensch ist, reißt meine Ansichten und Absichten einfach um. Nach manchen Vorlesungen gehe ich fort wie aus Notre-Dame, mit neuen Empfindungen vom Vollkommenen« (Freud 1960a, S. 179).

Über seine Reise schrieb er später für die Universität einen Bericht mit anschaulichen Beschreibungen von Charcots Arbeit über Hysterie und Hypnose und mit halbherzigen Entschuldigungen dafür, so wenig Zeit für organische Erkrankungen aufgewendet zu haben. Es tat ihm nicht wirklich Leid. Begeistert von Charcot und seinem Stab hervorragender Kollegen wie Joseph Babinski, Georges Gilles de la Tourette und Paul Richer, kehrte Freud mit einem neuen Ziel aus Paris zurück: Er würde Charcots Mann in Wien werden. Bevor Freud Frankreich verließ, hatte er sich offensiv Zugang zu Charcots engstem Kreis verschafft. Obwohl er sich Martha gegenüber beschwerte, sein Französisch sei so schlecht, dass er sich kaum etwas zu Essen in einem Café bestellen könne, bot der junge Mann Charcot seine Dienste als deutscher Übersetzer an. Charcot nahm an. »Das muss mich in Wien und Deutschland bei Ärzten und Kranken bekannt machen« schwärmte Freud (ebd., S. 183–184). Die beiden Männer korrespondierten miteinander, während Freud den dritten Band von Charcots Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems übersetzte, der sich zum großen Teil mit Hysterie, Hypnose und traumatischen Lähmungen beschäftigte. Freud selbst faszinierten besonders die von der Vorstellungskraft verursachten Lähmungen. (12)

In dem Wissen, dass seine Kollegen dem Psychologischen, Ideogenen, Hypnotischen, Hysterischen und, nicht zu vergessen, den Franzosen gegenüber skeptisch waren, bereitete sich Freud zu Hause auf einen Krieg in Wien vor. Dennoch begann er, Vorträge über Charcots Theorien vor physiologischen und psychiatrischen Gesellschaften zu halten, und er willigte ein, für die Wiener Gesellschaft der Ärzte einen Bericht über seine Erfahrungen zu schreiben. In diesem Bericht stellte Freud das französische Denken über männliche Hysterie dar. Einige Ärzte im Publikum räumten ein, dass Hysterie bei Männern möglich war, andere aber widersprachen scharf den von Charcot festgelegten Stadien. Meynert drängte Freud eindringlich dazu, einen Fall einer traumatischen Lähmung in Wien ausfindig zu machen (s. Freud 1960a, S. 214). (13)
Einen Monat später stellte Freud der Gruppe einen solchen Fall vor (Freud 1886d). Doch sein Triumph schlug unverzüglich um. Ein aufgebrachter Meynert wollte davon nichts hören und behauptete, die Franzosen hätten seinen früheren Schüler verdorben (Freud 1889a). Freud erinnerte sich später: »[I]ch fand mich mit der männlichen Hysterie und der suggestiven Erzeugung hysterischer Lähmungen in die Opposition gedrängt« (Freud 1925d, S. 39; s. auch Jones 1953, S. 273–275). Freud bemerkte bitter, dass Meynert glaubte, er habe sich von »dem bösen Paris« verderben lassen (Freud 1889a, S. 131).
Das Ergebnis dieser kleinen Kontroverse war, dass Sigmund Freud ein prominenter Wiener Repräsentant der französischen Konzepte von Hysterie, Hypnose, Psychologie und Psychopathologie wurde. Obwohl diese Ansichten in österreichischen Kreisen auf starke Ablehnung stießen, schien Freud unbeeindruckt. Er hatte gesehen, wie Hysterikerinnen Charcots Stadien durchliefen, wie Lähmungen durch das bloße Erwähnen einer Vorstellung auftraten, er hatte diese Dinge mit seinen eigenen Augen gesehen. Was seine Kollegen in Wien lasen und was sie verschmähten, hatte Freud miterlebt, und als Jude und Außenseiter hatte er eine Ahnung davon, wie sehr Vorurteile blind machen können. (14) Er hatte keine Angst, in der Minderheit zu sein, und verpflichtete sich dem großen Charcot und seinen Theorien der Hysterie, des Traumas sowie der Hypnose und übernahm die Assoziationspsychologie und eine Zeit lang sogar Charcots Hereditätsschwerpunkt. Die Zukunft lag nun klar vor Sigmund Freud. Er heiratete seine Verlobte, ließ sich in seiner eigenen Arztpraxis nieder und nahm just dann seine Rolle als loyaler Wiener Repräsentant von Jean-Martin Charcots Denken ein, als das Ansehen des Pariser Neurologen zusammenzubrechen begann.

(…)

  • (1) Die englische Psychologie der Gegenwart (experimentelle Schule).
    (2) Die deutschen Übersetzungen dieser Titel Ribots der Jahre 1882, 1883 und 1885 sind im Literaturverzeichnis aufgeführt. Zum Erfolg der Werke vgl. Nicolas & Murray 2000.
    (3) Über Charcot s. Goetz, Bonduelle & Gelfand 1995 (S. 55–67).
    (4) Zur Geschichte dieser schwer zu fassenden Störung s. Veith 1965 und Micale 1995.
    (5) Eine der ungelösten historischen Fragen ist die nach dem Grad, zu dem Charcot von seinem jungen Schützling Pierre Janet beeinflusst wurde. Dieser begann etwa zur gleichen Zeit wie Charcot, über unbewusste psychologische Handlungen und Dissoziation zu publizieren.
    (6) Unter den vielen Freud-Biografien ist noch immer Jones 1953–1957, obwohl voller Fehler, die umfassendste. Siehe auch Gay 1988.
    (7) Im Verlauf der beiden folgenden Jahre belegte Freud fünf Kurse bei Brentano, auch über Logik und Aristoteles. Während Freuds ersten acht Studiensemestern an der Universität waren seine einzigen nicht naturwissenschaftlichen Kurse die bei Brentano; s. Bernfeld 1951.
    (8) Freud 1999 (S. 15–123) enthält eine Bibliografie seiner umfangreichen neurowissenschaftlichen Schriften.
    (9) Zur Spannung zwischen den Anstaltsärzten und den Ärzten der mit der Universität verbundenen Kliniken siehe Engstrom 2003.
    (10) Freuds Fallberichte sind in Hirschmüller 1991 (S. 490) enthalten.
    (11) Zu dieser Auseinandersetzung siehe Lerner 2003 (S. 27–39).
    (12) Einige Jahre später veröffentlichte er einen Artikel zum Thema (Freud 1893).
    (13) Der Bericht über seine Präsentation vor der Gesellschaft der Ärzte in Wien ist in Freud 1886d enthalten. Die Reaktionen von vier Professoren – Rosenthal, Meynert, Bamberger und Leidesdorf – werden dort ebenfalls wiedergegeben.
    (14) Siehe Freuds Erörterung seiner Stellung als Außenseiter mit dem Franzosen Gilles de la Tourette in Freud 1960a (S. 198).

Der Text-Ausschnitt entspricht den Buchseiten 17–42, Kapitel 1.1.1 und 1.1.2. © Psychosozial Verlag

erstellt am 21.12.2011

George Makari
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