Arno Camenisch
„Ustrinkata“
Prosa deutsch,
100 Seiten,
Engeler-Verlag, Solothurn

Erscheint am 1. Februar 2012

Es ist der letzte Abend in der Helvezia, der Alkohol fließt in Strömen wie der junge Rhein, und wes des Herzen voll ist, des geht der Mund über: Jetzt heisst es Austrinken! Noch einmal sitzen sie um den runden Tisch, der Otto, die Tante, der Luis, der Giachen und mit ihnen all die andern, die noch leben oder schon lange tot sind. Arno Camenisch hört ihren tragischen und zugleich komischen Geschichten genau zu, mit seinem präzisen Sinn für den Klang und die Eigentümlichkeiten ihrer Sprache hält er diese von Tod und Vergessen, von Naturgewalten und menschlichen Abgründen, von Hochwassern und Liebeswirren, von Steinschlägen und Händeln bedrohte Welt lebendig. Auf unverkennbar eigenwillige Art beschliesst Arno Camenisch mit „Ustrinkata“ nach „Sez Ner” und „Hinter dem Bahnhof” seine äußerst erfolgreiche Bündner Trilogie – es geht alles zu Ende, aber so lange einer noch erzählt, ist das letzte Glas nicht ausgetrunken.

Auszüge aus dem dritten Band der Trilogie von Arno Camenisch: Ustrinkate, der Februar 2012 im Schweizer Engeler-Verlag erscheinen wird.

Habt ihr den Rhein gesehen, fragt der Otto, jetzt ist dann mal gut, gell, der grosse Stein ist zur Hälfte im Wasser, und regnet es so weiter, dann Grüssgott, er trinkt. Im fünfundachtzig, sagt der Luis, der gros-se Stein war fast ganz unter Wasser, Gopfertammi, und hier drin sassen wir mit dem Wasser bis zu den Knien, im siebenundachtzig war das, sagt die Tante, man hätte Gold waschen können am Stammtisch, sagt der Otto, wären sicher noch ein paar Gebisse mit Goldzähnen im Sieb hängen geblieben, nachdem Gott die Hänge gewässert hatte und das Wasser über den Friedhof zog, weil die Friedhofmauer nachgab und die Hälfte der Gräber aushob und mit hinunter ins Dorf schwemmte. Ja das Vermögen, das die Filomena im Mund herumtrug, sagt der Luis, das hätte ich gut gebrauchen können dann, die Hälfte meiner Kälber ertrank im Hochwasser, dass ich das Bauern beinahe habe sein lassen müssen danach, gegen die Posaunen Gottes kommt man halt nicht an, sagt der Otto, der Luis holt den Schnupftabak aus der Hosentasche, und auf der Brücke standen die Leute und schauten wie Japaner, er zieht den Schnupftabak hoch, buah, willst du auch, der Otto streckt seinen Handrücken hin, schauen heisst nicht, dass man auch sieht, sagt der Otto, der Luis steckt die Büchse in die Hosentasche, auch meine Grossmutter hatte es mitgeschwemmt, sagt er, haben wir aber erst zu spät gemerkt. Oha, sagt der Otto und holt den Schnudderlumpen aus der Hosentasche.

Die Tante legt den Zeitungsbericht vom Steinschlag zurück in den Schrank. Die Türe zur Küche geht auf, und auf der Türschwelle steht die Grossmutter. In der Hand hat sie ihr Gütterli mit Weihwasser und im Mund hat sie eine Zigarette. Lass den Saich, sagt die Tante und nimmt ihr die Zigarette aus dem Mund. Die Grossmutter hinkt hinüber zum Stammtisch, die Tante stützt sie dabei, wer ist denn heute gestorben, fragt die Grossmutter und bekreuzigt sich. Niemand, sagt die Tante, setz dich jetzt. Die Tante holt ihr einen Schnaps. Siehst du, sagt der Otto, bald hundert, und warum denk, er klopft auf den Stammtisch und zeigt auf den Alexi, zur Vesper einen Kirsch und du bleibst frisch wie ein Pantoffel. Kannst ja auch einen Tropfen Weihwasser reinschütten, wenn es dir denn um den Orapronobis geht, aber nur das Wasser reicht nicht, wo denkst du denn hin, wenn die Grossmutter nur Weihwasser trinken würde, sagt der Otto, ich sag’s dir, dann wäre sie durchsichtig wie Glas. Die Grossmutter steckt ihr Gütterli in die Tasche ihrer Strickjacke und setzt das Schnäpsli an. Meine Urgrossmutter ist hundertdrei geworden, und den Schnaps hat sie bis zuletzt in Ehren gehalten, sagt die Silvia und bläst den Rauch aus, sie konnte nicht mehr stehen, nicht mehr gehen, nicht reden, nicht sehen, und hören konnte sie am Schluss auch nichts mehr, aber dem Schnäpsli blieb sie treu, bis zum Seligabend, und vermutlich lässt sie sich den Schnaps auch nicht im Himmel nehmen. Alt wie Brot und Milch wäre sie wohl kaum geworden sonst, sagt der Luis. Als sie hundert war, sagt die Silvia, hat der Pfarrer, der alte Josefi noch, eine Mess für sie gehalten, um Gott zu bitten und die Heilige Maria und ihre ganze Onturasch, dass sie sterben dürfe. Aber kasch tenka, grad noch drei Jahre drauf gelegt hat sie, für die Heilige Dreifaltigkeit und aus Trotz, hundertdrei, halb tot halb Stein. Ha, fragt die Grossmutter.

Der Alexi will aufstehen, nichts da, sagt der Luis, oh darf ich nicht mal mehr schiffen gehen, der Cleveri, ist halt mit allen Wassern gewaschen, sagt der Otto, so verschlagen sind wir denn auch. Wer nicht trinkt, der muss auch nicht saichen, sagt der Luis. Jetzt lass ihn, sagt die Tante, muss ja nur Wasser lassen, nicht dass er mir in die Hosen macht wie der Georg, ist auch schon Jahre tot, wer ist gestorben, fragt die Grossmutter, niemand, sagt die Tante und steckt sich eine neue Mary Long zwischen die Lippen, ich habe geträumt, sagt die Grossmutter, das Ross sei im grünen Gras am jungen Rhein gestorben, es lag da ganz müde und tot, die Tante bläst den Rauch aus, der Georg also, sagt die Tante, der sass jeweils da auf dem Bänkli, immer auf dem gleichen Platz, ganze Nachmittage sass er da und sagte nichts, und wenn er genug intus hatte, zog er den Kopf in die Schultern, und gestorben ist er auf der Toilette, sagt die Silvia und hält das brennende Zündhölzchen der Tante hin, hatten ja auch alle gestaunt, dass er plötzlich auf die Toilette wollte, wo er doch nie ging, sie zündet ihre Select an, nur dass er nicht mehr zurückkam. Dann gib noch einen Quintin, sagt der Luis zur Tante. Ist denn heute niemand gestorben, fragt die Grossmutter. Noch ist niemand gestorben heute, sagt die Tante, willst du noch einen Schnaps, ha, fragt die Grossmutter, ich bringe dir noch einen, und wir -stossen auf den Heiligen Antonius an. Wo habe ich nur meine Hostien hingelegt, fragt die Grossmutter, und die Tante steht auf.

erstellt am 19.12.2011

Arno Camenisch

Arno Camenisch, geboren 1978 in Tavanasa in Graubünden, schreibt auf Deutsch und Romanisch (Sursilvan) Gedichte, Prosa und für die Bühne. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo er auch lebt. Er ist Mitglied des Spoken-Word-Ensembles Bern und gilt als brillanter Performer seiner Texte. Camenischs Texte wurden in 15 Sprachen übersetzt. Zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem ZKB Schillerpreis und Berner Literaturpreis für „Sez Ner“ (2010) sowie Berner Literaturpreis 2011 für „Hinter dem Bahnhof“.

Arno Camenisch