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Berühmte Briefwechsel – vorgestellt von Raimund Fellinger

Briefe sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Es sei denn, sie wurden von Schriftstellern verfasst, die ohnehin irgendwann ein Leben führen müssen, das sie auch beschreiben können (Max Frisch). Auf diese Weise schreiben sie auch ihre Briefe auf eine bedeutsame Weise, also schließlich für die Nachwelt. Und wenn nicht, werden sie so gelesen. Solche Briefwechsel, schriftliche Gespräche unter vier Augen, die von der ganzen Welt mitgehört werden wollen, sind stets mit einer besonderen Sorgfalt formuliert, und die attraktive Mixtur aus persönlicher Befindlichkeit und (welt-)politischer Bezugnahme, aus Intimität und kulturellem Interesse weckt unsere Neugier.
Mit einer Reihe von Briefen berühmter Autoren, die Raimund Fellinger auswählt und vorstellt, wollen wir dieser Neugier entgegenkommen. Wir beginnen mit einem Brief von Joseph Roth an Stefan Zweig aus dem Jahr 1935.

Briefwechsel: Joseph Roth und Stefan Zweig

»Wie soll ich leben?«

In welchem Zustand muss jemand sich befinden, unter welchen materiellen Umständen muss jemand leben, der einem Kollegen, Schriftsteller wie er selbst, einen solchen Brief (siehe unten) schreibt?

Die politisch-persönlich-literarische Konstellation erlaubt eine erste Annäherung an diese Fragen: Joseph Roth, der sich als Journalist einen Namen gemacht hatte und mit den beiden Romanen Hiob (1930) und Radetzkymarsch (1932) dabei war, sich als Romancier Anerkennung zu verschaffen und Leser zu gewinnen, musste sich nach 1933 im Gefolge der Emigration nach Frankreich umorientieren: Einigermaßen erträgliche Honorare für Zeitungsartikel fielen bei der auflagenschwachen Exilpresse weg; die im Exil gegründeten Verlage, da ihnen der deutsche Buchmarkt verschlossen war, konnten nur niedrige Auflagen und folglich nur niedrige Vorauszahlungen leisten. Auf Vorschüsse war Roth mangels anderer Einkommensquellen jedoch angewiesen, um seine Romane zu Papier bringen zu können.
Stefan Zweig, 1935 noch im Besitz seines Hauses auf dem Salzburger Kapuzinerberg, gleichzeitig in London lebend und Vorbereitungen für den Fall der von ihm befürchteten Annexion Österreichs treffend, war ein angesehener und weltweit erfolgreicher Autor – vielleicht der in der Zwischenkriegszeit außerhalb des deutschen Sprachraums meist verbreitete Schriftsteller.
Offensichtlich handelt es sich bei dem Forderungsbrief vom 16. November 1935 um Roths Antwort auf Stefan Zweigs Reaktion auf eine vorangehende Bitte um finanzielle Unterstützung an ihn durch Joseph Roth. Beide unmittelbar vorausliegenden Korrespondenzen haben sich nicht erhalten. Allerdings deutet der Brief Roths indirekt den Tenor des Zweig-Briefs an: In ihm hatte Zweig offensichtlich Roth ermahnt (dem stößt das ungut auf als »Pädagogie«, die seiner besonderen Situation nicht gerecht wird), seine Ausgaben an seinen Einnahmen auszurichten, also nicht ständig um Vorauszahlungen zu feilschen, die ihn unter Schreibzwang setzen, sich aus der Exilszene zu lösen durch einen Umzug nach London und, vor allem, seine »verfluchte Trinkhörigkeit« abzustellen (so Zweig 1939 in einem Brief an Trebitsch) – sie sei die Ursache allen Übels.
Obwohl der Briefschreiber die 5000 Francs zum Überleben und Weiterschreiben von keiner anderen Institution oder Person glaubt zu erhalten ist, schüchtern ihn die Vorhaltungen Zweigs nicht ein, verfällt er nicht in Demut, schwört er keine Besserung oder übt sich gar in Reue: Er rechtfertigt seine Existenzweise offensiv. Dabei besteht seine Entgegnung im rhetorisch geschickten Widerlegen der in den Ermahnungen implizierten Voraussetzungen: Wenn er sich nach seinen »Einnahmen einrichten« solle, setze das voraus, er habe welche – er verfüge jedoch über keine, außer den Vorschüssen der Verlage; sich noch weiter zurückzuziehen aus den Pariser Exilkreisen, als er dies tue, sei nicht möglich: »Sagen Sie einer Schnecke, sie soll sich noch ein Landhaus mieten.« Nach London übersiedeln kann er schlicht und einfach nicht.
Dann erklärt er sein Trinken zu einer der vielen unumgänglichen menschlichen Wirrungen, indem er zurückfrägt: »Wo soll ich mich einschränken? Im Trinken? […] Jeder hat Fehler. Ich will so leben, daß ich meine Fehler noch tragen kann.«
In einem weiteren Brief erklärt er seinen Alkoholverbrauch als Folge seiner Situation, nicht als deren Ursache. Damit kehrt er Zweigs Ermahnung an ihn in eine Ermahnung an Zweig um: Nur weil Sie mich nicht unterstützen, ist meine Existenz gefährdet, weshalb ich trinke – wenn Sie mich also finanziell nicht retten, sind Sie, nicht ich, an meinem Alkoholismus schuld.
Schließlich entkräftet er im voraus mögliche Gegenargumente: Sicher habe Zweig viele »Sorgen«, sprich: zahlreiche Bittsteller. Und sein nächster Roman verändere seine Situation keinesfalls: Er ist sich sicher, sein nächster Roman werde » kein Erfolg«.
Da Roth sich nicht sicher ist, ob seine Strategie erfolgreich sein wird, schreibt er am nächsten Tag einen weiteren Brief, in dem er den Eindruck wiederlegen will, er sei ein übler Bittsteller – und dies selbstbewußt und selbstüberzeugt. »Es kann selbstverständlich – so billig bin ich nicht – keine Rede davon sein, daß ich jemals glauben könnte, Sie hätten es leicht, mir billige Ratschläge zu geben, oder auch teure, da Sie doch ›gesichert‹ seien. So denkt, wem sage ich das, ein Schnorrer.«
Knappe zwei Monate später, Anfang Januar 1936, erhält Joseph Roth 3000 Francs von Stefan Zweig.
Das verhindert nicht, dass Roth auf die nächste Mahnung Zweigs, einen Plan zu seiner finanziellen Sicherung zu erstellen, ähnliche rhetorische Strategien anwendet: »Alle Ihre an sich richtigen Überlegungen haben in diesem Fall gar keine Voraussetzungen. Sie müssen Sich nur einmal hineindenken, Das können Sie doch, in meinen Tag, ich habe Ihnen den Verlauf ja beschrieben. Ich habe keine Nächte mehr. Ich irre bis 3 h morgens herum, ich lege mich angezogen um 4 h hin, ich erwache um 5 h und wandere irr durchs Zimmer. Ich bin seit 2 Wochen nicht aus den Kleidern gekommen. Sie wissen doch, was Zeit bedeutet, eine Stunde ist ein See, ein Tag ein Meer, die Nacht eine Ewigkeit, das Erwachen ein Höllenschreck, das Aufstehen ein Kampf um Klarheit gegen einen bösen Fiebertraum. Zeit, Zeit, Zeit haben, das ist es, und ich habe ja keine.«

Briefe – das bestätigt diese Ausgabe des Briefwechsels zwischen Roth und Zweig erneut – sind Strategien zur Beeinflussung des Adressaten. Wenn der Adressant, wie in diesem Fall, das gesamte taktisch-strategische Repertoire einsetzt, zeigt das, trotz aller Übertreibungen in den Tatsachenangaben (die die Herausgeber leicht ironisch vermerken), die fast ausweglose Lage Roths an, der 1935 immer noch nicht ganz mit der Welt und dem Schreiben abgeschlossenen hatte.

Die Edition des Briefwechsels durch Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel war ein Desiderat – und sie ist zu loben. Der Kommentar präsentiert die richtigen Informationen, nicht zuviel nicht zu wenig, die Herausgeber bleiben im Hintergrund: sie wissen offensichtlich, was editorischer Dienst am Kunden-Leser bedeutet. Hätte der Verlag den Kunden auch noch ein Lesebändchen spendiert, wäre das Auffinden und Konsultieren der Anmerkungen leichter gewesen …

Stefan Zweig und Joseph Roth
Stefan Zweig und Joseph Roth

Joseph Roth schreibt an Stefan Zweig

Paris, 16. November 1935.

Lieber Freund,
Sie haben wahrscheinlich recht mit Ihren Bedenken gegen Montefiore. Wenn nur 100 Pfund Vorschuß herkommen, ist es sinnlos. Nach der Darstellung Frischauers war das eine »Rettung«.
Nein, es ist nicht Ihr Ton »hart«, sondern Ihre Argumentation, im Allgemeinen richtig und sogar tadellos, keineswegs auf diesen Einzelfall zutreffend. »Harte, grausame« Töne dürfen Sie mir gegenüber gebrauchen, jeden Ton, der Ihnen gerade paßt, jeden Ton, selbstverständlich, und es ist beinahe sinnlos, daß Sie glauben, ich könne Ihren Ton mißverstehen.
Ich spüre da nur eine Pädagogie, die mich nicht ganz begreift, einen Versuch, auf mich zu wirken, in einem Sinne, der allzu »logisch« ist und allzu konsequent.
Ich kann nicht nach London. Ich kann es in London nicht aushalten. Ich hasse das Ozeanische und das Protestantische. Ich hasse diese verlogene Gentlemännerei und das Beffchen. Ich wäre dort nach 3 Tagen krank. Es hätte gar keinen Sinn. Ich könnte dort nicht arbeiten.
Ich kann nicht, seitdem ich zu schreiben angefangen habe, ohne Vorschuß arbeiten. Es ist eine große Sünde, aber es ist eine noch größere, eine Art Selbstmord zu begehen und gar nichts zu schreiben. Ich bin heute 41 Jahre alt. 15 Jahre habe ich trockenes Brot gegessen. Dann kam Butterbrot. Dann kam Krieg. Dann kamen 10 Jahre Brot. Dann kamen Vorschüsse. Journalistik. Ekelhafte Arbeit. Demütigung. 16 Bücher. Erst seit 5 Jahren »Erfolg« – verbunden mit privatem Unglück und also keiner. Darlehen, beschwindelt werden. Hitler. Immer für Andere sorgen.
Ich kann nicht mehr trockenes Brot essen. (Ich esse ohnehin fast gar nichts). Ich kann nicht im Dorf leben. Alle Menschen, die ihr Leben nach ihren Einnahmen einrichten, haben Einnahmen. Meine geringsten Einnahmen aber wären immer noch Vorschüsse. Und da sehe ich nicht ein, warum es gerade die geringsten sein müssen.
Die Demut hat gar nichts mit einer Einschränkung zu tun, die mein Untergang wäre und also eine falsche Einschränkung. So eingeschränkt, wie ich, lebt keiner. So einsam, wie ich im Café, wo ich schreibe, ist kaum Einer in einer Zelle. Ich brauche keine Abgeschlossenheit. Ich bin abgeschlossen. Sagen Sie einer Schnecke, sie soll sich noch ein Landhaus mieten.
Was habe ich davon, wenn ich mit schlechtem Gewissen weglaufe? Mit meiner Arbeit? Ich arbeite immer, überall, solange mein Gewissen rein ist. Auf einer Art Flucht könnte ich nicht arbeiten.
Ohne Vorschuß: wie soll ich leben? Soll ich beim Bäcker Vorschuß nehmen, statt beim Verleger? Ist Das besser oder moralischer, wenn mich der Käsehändler mahnt, statt des de Lange? Wo soll ich mich einschränken? Im Trinken? Bei den Meisten, die nicht trinken, geht das Geld auf’s Essen auf. Es ist gleichgültig. Oder bei Frauen; oder beim Spielen. Es ist richtig: »so viel habe ich und darnach richte ich mich ein«.
– Aber ich habe ja nichts. Wie soll ich da eine Einrichtung vornehmen?
Hätte ich je etwas gehabt, so wäre ich ja nie auf den Gedanken gekommen, mich darnach einzurichten, was ich brauche! Aber ich habe ja nichts, ich hatte nie etwas.
Ich wehre mich nicht, ich sehe Alles ganz klar. Jeder hat Fehler. Ich will so leben, daß ich meine Fehler noch tragen kann. Sie gehören zu mir. Mit all meinen Fehlern brauche ich monatlich 5 000 Francs und Sicherheit für 2 Jahre. Ohne meine Fehler führe ich kein eigenes Leben mehr. Ebenso wenig, wie ohne meine Tugenden. Sicherheit brauche ich noch mehr, als Geld. In einer ständigen Panik kann ich nicht leben. Ich lebe aber in einer Panik. Seit Jahren. So lange ich in dieser Panik lebe, kann ich nicht einmal die Richtigkeit eines Ratschlags sehen. So lange kann ich auch nichts dafür, wenn meine Erwiderungen falsch sind. – Ich weiß es einfach nicht. Man kann einem Menschen, der ständig in einem brennenden Hause sitzt, nicht raten, er möge sich den Mantel holen, bevor er herunterspringt. Das ist sinnlos; selbst, wenn er gehorchen
wollte, hört er nichts.
Ich ahne, wieviel Sorgen Sie haben. Sorgen Sie Sich nicht um mich auch noch, dermaßen, daß ich Ihnen eine Last werde. Das wäre nämlich wirklich eine Sünde, die ich nicht auf mich nehmen kann.
Mein Roman wird kein Erfolg. Ich bin dessen sicher.
Ich umarme Sie herzlich, glauben Sie nie, daß ich Ihre Stimme nicht höre und Ihr großartiges Herz.
Ihr alter
J. R.

Mit freundlicher Genehmigung des Wallstein Verlags, Göttingen

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erstellt am 19.12.2011

Joseph Roth und Stefan Zweig
»Jede Freundschaft mit mir ist verderblich«. Briefwechsel 1927-1938
Hg. von Madeleine Rietra und Rainer-Joachim Siegel
Mit einem Nachwort von Heinz Lunzer
Gebunden, 624 Seiten
ISBN: 9783835308428
Wallstein Verlag, Göttingen 2011

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