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Animatonsfilm-Maestro Brad Bird („Ratatouille”) haucht der Agentenserie um Tom Cruise neues Leben ein

Filmkritik

Mission: Impossible – Phantom Protokoll

Von Kai Mihm

Vor 16 Jahren startete der erste „Mission: Impossible“-Film in den Kinos, erklärtermaßen als Beginn einer Reihe angelegt. Allerdings waren die Produktionen der ersten drei Teile von Querelen und Problemen begleitet, sodass jedesmal über das mutmaßliche Aus der Serie spekuliert wurde. Auch die Idee, jeden Film durch die ganz persönliche Stilistik des Regisseur zu prägen, ging mitunter nach hinten los. Besitzt Brian De Palmas erster Teil eine altmodische Finesse, die auch heute noch begeistert, wirkte John Woos „M:I-2” mit seinen endlosen Zeitlupen und den fortwähren durchs Bild flatternden Täubchen wie eine unfreiwillige Selbstparodie. Im Gegensatz dazu zeichnete sich Teil 3 von J. J. Abrams vor allem dadurch aus, dass er überhaupt keine individuelle Handschrift erkennen ließ und außer einem famosen Phillip Seymour Hoffman auch sonst nichts Erinnerungswürdiges zu bieten hat.

Ganz anders der neueste Streich von Brad Bird, der nach drei meisterhaften Animationsfilmen sein Debüt als Realfilmregisseur gibt. Bereits in „Die Unglaublichen” bewies er ein unerhörtes Talent für Actionszenen, ohne dabei die Figuren aus dem Blick zu verlieren. Dementsprechend lässt er hier den schmerzlich vermissten Teamgeist der Serie aufleben und stellt Tom Cruises Ethan Hunt eine Crew aus echten Charakterköpfen zur Seite. Jeremy Renner als smarter Analytiker, Paula Patton als schlagkräftige Feldagentin und Simon Pegg als High-Tech-Wizard gewinnen im Lauf des Geschehens immer mehr an Profil, und zum ersten Mal verlässt man das Kino mit dem Gefühl, dass man dieses Team gerne wieder in gemeinsamer Aktion sehen würde.
Die Grundlinie des Plots ist simpel. Nach einem missglückten Einsatz im Kreml gerät Ethan Hunt als vermeintlicher Terrorist selbst ins Visier und muss mit seinen Gefährten einen Plan austüfteln, um den wahren Bösewicht zur Strecke zu bringen. Wie das in guten Agentenfilmen so ist, geht es aber gar nicht so sehr um das „Was und Warum”, sondern vielmehr um das „Wie”. Der Weg ist das Ziel, und die Feinheiten liegen in den Details der Erzählung.
Wenngleich das Drehbuch in einigen Motiven direkt an „Mission: Impossible 3” anknüpft, erinnert Birds Film in vielen Szenen vor allem an den ersten Teil der Reihe: Vom Auftakt in einer osteuropäischen Metropole über einen nahezu geräuschlosen Einbruch bis hin zum aberwitzig überdrehten Finale. Das wirkt gleichwohl in keinem Moment epigonal, sondern eher wie der geglückte Versuch, die Qualitäten des Eröffnungsfilms für die heutige Zeit zu adaptieren und eine gewisse Kontinuität in die Serie zu bringen. Auch die Kameraarbeit von Robert Elswitt („There Will Be Blood”) erinnert mit ihrer enormen Tiefenschärfe, den majestätischen Flügen und den ausschweifenden Fahrten eher an Brian De Palmas klassizistische Eleganz als an Woos pubertäres Pathos oder Abrams' nervöse TV-Ästhetik. Die Inszenierung legt ein enormes Tempo vor, dennoch strahlt das Ganze eine angenehme Gelassenheit aus. Mit origineller Eigenwilligkeit wechselt Bird den Tonfall, inszeniert etwa die Rückblenden auf einen missglückten Einsatz theatralisch wie ein Bühnenstück oder einen tödlichen Zweikampf als comichafte Slapstick-Nummer. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang auch die Arbeit des Cutters Paul Hirsch, der dafür sorgt, dass man selbst bei komplexen Montagesequenzen nie den Überblick verliert. „Phantom Protokoll” mag nicht die intellektuelle Doppelbödigkeit des ersten Films haben, bei dem Brian De Palma sich als auteuristischer „Schmuggler” par excellence erwies und eine ganze Reihe seiner typischen Motive und Obsessionen in die Agentenerzählung einbaute. Aber nach den beiden holprigen Sequels legt Brad Bird einen mehr als souveränen Neustart vor.

Kai Mihm

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erstellt am 13.12.2011