Buchkritik

Jenseits aller Grenzen

Steve Sam-Sandbergs Roman: „Die Elenden von Lodz“

Von Martin Lüdke

Es gibt Situationen, die dem Menschen die Sprache verschlagen. Es gibt auch Situationen, vor denen die Sprache versagt. Und es gibt die Literatur, die auch das Verstummen beschreiben kann. Zum Beispiel den Roman eines schwedischen Journalisten, der Schriftsteller geworden ist. Erfolgreich dazu. Schweden hat gerade neun Millionen Einwohner. Mehr als hunderttausend von ihnen haben den Roman „Die Elenden von Lodz“ gekauft. Dabei handelt es sich hier um große Literatur. Allerdings auch spannend und das bis zum Ende, obwohl der Ausgang am Anfang feststeht.

Steve Sam-Sandberg hat offenbar das richtige Rezept für ein (an sich) unlösbares Dilemma gefunden.

„Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Mit dieser starken Behauptung begann Karl Kraus „Die dritte Walpurgisnacht“, seine 1933 geschriebene und immerhin dreihundert Seiten umfassende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Es war sein Versuch, sich über die Sprachlosigkeit angesichts des aufgezogenen „Übels“ Rechenschaft abzulegen. Ein ähnlicher Gedanke hatte Adorno zu seiner viel geschmähten und heute fast vergessenen Aussage bewogen: „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es heute unmöglich ward, Gedichte zu schreiben.“

Steve Sam-Sandberg wurde 1958 in Oslo geboren. Bereits 1976 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Lange Jahre leitete er den Kulturteil des Svenska Dagbladet.
Mittlerweile sind mindestens fünfzehn Bücher von ihm erschienen, darunter, 1996, „Theres“, einen Roman über Ulrike Meinhoff, der nächstes Jahr bei Klett-Cotta erscheinen wird. 2009
kamen „Die Elenden von Lodz“ heraus, keine Dokumentation, auch kein Dokumentar-Roman, obwohl sich Sem-Sandberg, wo immer möglich, auf dokumentarisches Material stützt, vor allem auf die mehrere tausend Seiten umfassende Chronik des Gettos von Lodz. Er verwandelt vielmehr die Fakten in Fiktion. Ich möchte, in Anlehnung an den Marxschen Begriff der Realabstraktion von einer „Real-Fiktion“ sprechen. „Die Elenden von Lodz“ beschreiben etwas, was sich nicht beschreiben lässt. Schweigen wäre tatsächlich die angemessene Reaktion. Doch, um die Wahrheit zu sagen, muss das Schweigen beredt werden. Sem-Sandberg re-konstruiert, aus dem vorhandenen Material, das er nach ästhetischen Gesichtspunkten arrangiert, die Geschichte. Im Ergebnis erscheint, nur scheinbar paradox, Wahrheit. Sein Verfahren ähnelt dem Sartres in dessen Flaubert-Studie „Der Idiot der Familie“. Auch Sartre überbrückte fehlende Fakten durch Fiktion, mit Hilfe einer Konstruktion, die er „Totalisierung“ nannte. Ähnlich, das heißt ebenso transparent geht Sem-Sandberg vor.

Es gibt ein Foto, das einen Besuch des Reichsführers SS im Ghetto von Lodz zeigt. Eine Gruppe von zwanzig bis dreißig deutschen Offizieren umringt das Auto Heinrich Himmlers, ein Cabriolet mit dem Kennzeichen SS – 1. Das Dach ist offen, das Fenster auf der Beifahrerseite heruntergekurbelt. Himmler selbst sitzt im Auto und spricht mit dem einzigen Mann auf diesem Bild, der keine Uniform trägt, sondern einen grauen Anzug mit einem großen, gelben Judenstern. Die Offiziere haben, etwas verblüffend, fast ausnahmslos den Kopf erhoben, einige blicken geradeaus, auf Himmler, andere in die Gegend. Nur der Jude hält, die Schultern leicht gebeugt, seinen Kopf gesenkt. Es ist Mordechai Chaim Rumkowski, der Vorsitzende des Ältestenrates der Juden im Ghetto von Lodz. Seine Haltung drückt Demut, ja Unterwürfigkeit aus und zeigt doch zugleich die herausgehobene Stellung des Juden, unter all den deutschen Offizieren. Ihre Aufmerksamkeit gilt ihm. Im Roman Sem-Sandbergs erfahren wir zudem, dass Rumkowski es bei dieser Gelegenheit wagte, Himmler zu widersprechen. Er habe den Reichsführer SS auf die enorme Produktivität des Lagers, und damit auf den Beitrag der Juden zur Kriegsführung des Deutschen Reiches hingewiesen. Dieser Mordechai Chaim Rumkowski, die zentrale Figur in dem Roman „Die Elenden von Lodz“, ist bis heute umstritten. Er war, meinen die einen, ein Kollaborateur, ein Verräter an seinem Volk, ein Ekel von Mensch und ein Päderast dazu. Er war, meinen andere, ein vernünftiger, aufrechter Kämpfer. Gut und Böse sind in ihm untrennbar verknüpft. Er war, historisch betrachtet, ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Aber, so fragt sich, darf man eine Geschichte, ja Geschichte überhaupt immer nur vom Ende her beurteilen. Das Wahre, meinte Hegel (in seiner Phänomenologie), sei das Ganze, „das Resultat samt seinem Werden“. Damit hat er recht, wie sich hier zeigt.

Für Rumkowskis Dilemma gab es keine Lösung. Er hatte die einzige Chance zu überleben erkannt. Sie lag darin, sich durch Arbeit unentbehrlich zu machen. Arbeit, Arbeit, nochmal Arbeit. Der Nutzen für das “Dritte Reich” musste unübersehbar werden. Damit wollte – und konnte – er sogar einem Himmler imponieren.
Die Folgen waren auch klar: Er trug auf diese Weise zur Stabilisierung der Verhältnisse und zur Verlängerung des Krieges bei. Das Reich profitierte auf allen Ebenen.

Die Juden litten dafür. Sie mussten bis über die Grenze der Erschöpfung hinaus arbeiten, unter meist unmenschlichen Bedingungen, bei einer Verpflegung, die kaum so genannt werden konnte. Nur: Als die anderen Ghettos längst geräumt, ihre Bewohner längst ermordet waren, lief in Lodz der Betrieb noch immer weiter. Unter immer größeren Opfern.

Rumkowski versuchte, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um so viele wie möglich vor den Vernichtungslagern zu retten. Das war – wer könnte darüber richten? – vielleicht nur möglich, wenn er die Vollmachten, die er hatte, auch nutzte und, zugespitzt gesagt, sich als Diktator aufführte. Sein Adoptivsohn fragte ihn einmal: „Bestimmst Du, wer sterben soll?“ Er gibt keine Antwort.
Im Spätsommer 1942 kommt es zu einer tragischen Zuspitzung. Berlin verlangt von der Lagerverwaltung, alle unnützen Esser, die Alten, Kranken und Kinder, zu eliminieren. Rumkowski versucht, vergeblich, zu taktieren. Ihm wird entgegnet: er „habe seine Chance gehabt und sie verspielt.“ Er beruft eine Versammlung ein. Dort erklärt er, mit „veränderter Stimme“, so „als bereite ihm das Aussprechen eines jeden Wortes Qualen“, dass er nicht gekommen sei, um zu trösten, nicht, um euch zu beruhigen. Sondern „wie ein Räuber“ sei er gekommen, „um Euch die zu nehmen, die ihr am meisten liebt“: „Gebt sie mir! Gebt mir eure Kinder“. Was sich nach dieser Rede abgespielt hat, entzieht sich unserer Vorstellungskraft.
Die Frankfurter Schriftstellerin Minka Pradelski („Und da kam Frau Kugelmann“) ist die Tochter eines Überlebenden des Gettos von Lodz. Sie weiß, dass sie ihre Existenz diesem Rumkowski verdankt. Sie besteht darauf: Richtige Entscheidungen gab es nicht.

Sem-Sandbergs Fiktion setzt auf der Schnittstelle zwischen Ästhetik und Moral an. Ohne Pathos, sachlich berichtend, aus der Perspektive mehrerer, auch erfundener Protagonisten. Der Roman wirft viele Fragen auf, aber verzichtet konsequent auf jede Antwort.
In einem Gespräch mit Andreas Platthaus sagte Sem-Sandberg, mit wissenschaftlicher Wahrheit habe sein Roman nichts zu tun. Das Gegenteil ist richtig. Der Roman erreicht mehr, als es die wissenschaftliche Analyse (hier) vermag. Sartre, Alexander Kluge, Kempowski haben es ihm vorgemacht. Rekonstruktion der Fakten und Konstruktion der Fiktion durchdringen sich wechselseitig. Auf solche Weise hat jetzt auch Steve Sem-Sandberg eine Geschichte des Holocaust, am Beispiel der Elenden von Lodz, erzählen können. Ein bedrückend Mut machendes, erschütternd großartiges, ein wirklich großes Buch.

erstellt am 08.12.2011

Das Ghetto Lodz (Litzmannstadt) mit Wachtposten
Foto: Liselotte Orgel-Köhne
Lodz, 1940

Steve Sem-Sandberg
Die Elenden von Lodz
Roman.
Aus dem Schwedischen
von Gisela Kosubek.
Verlag Klett-Cotta,
Stuttgart 2011,
651 S.

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