Mit einer neuen Prosaübersetzung lädt der Mediävist Kurt Flasch zur Dante-Lektüre ein und zeigt, dass das Jenseits das Diesseits ist. Stefana Sabin hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Wie in einem fernen Spiegel

Von Stefana Sabin

Die Zeitläufe waren unruhig, gewaltsame politische und religiöse Kämpfe erschütterten das Land, und Sympathien waren von kurzer Dauer. So geschah es, dass der Florentiner Dichter und Philosoph Dante Alighieri zwischen verfeindete Fraktionen geriet und aus seiner Heimatstadt verbannt wurde. Im Exil in Verona und Ravenna, wo er 1321 starb, schuf Dante ein großangelegtes episches Gedicht (14.233 Verse!): eine Jenseitsvision, die er „Komödie“ nannte und in der er seine Epoche religionsphilosophisch reflektierte und literarisch gestaltete.

Die Handlung erzählt von der Wanderung der Dichterfigur Dante durch Hölle und Läuterungsberg und von seiner Ankunft im Paradies. Mal in kurzen Szenen und mal in ausführlichen Episoden werden Erlebnisse und Begegnungen von unterwegs wiedergegeben, wird eine Vielzahl von historischen, mythologischen und biblischen Gestalten eingeführt und ihre jeweilige Strafe, Busse oder Seligkeit beschrieben, wobei Beurteilungen nicht dem göttlichen Weltenrichter überlassen, sondern mit souveräner poetischer Eigenmächtigkeit vorgenommen werden.(Päpste und Krieger sitzen in der Hölle, Künstler eher auf dem Läuterungsberg und Philosophen im Paradies.) Als Führer tritt zuerst der römische Dichter Vergil auf, später der christliche Dichter Statius, der an der Schwelle zum Paradies wiederum von einer Frauengestalt, Matelda, abgelöst wird. Sie ist es, die den Jenseitsreisenden zu seiner Geliebten Beatrice bringt.

Das Happyend erklärt nur bedingt den Bezug auf die dramatische Gattung der Komödie. Der Titel, so Dante, sollte ein Hinweis auf die Spannweite der Handlung ebenso wie auf den programmatischen Verzicht auf Erhabenheit sein. Denn Dante schrieb die „Komödie“ nicht in Latein, wie damals für hohe Literatur üblich, sondern in der Volkssprache, also auf Italienisch, und er hielt sich nicht an eine sublime Bildlichkeit, sondern zog alle Stilregister – derb, ekstatisch, lyrisch. Mit Dantes „Komödie“ beginnt die italienische Literatur – und sie gilt bis heute als ihr Hauptwerk.

Schon im 14. Jahrhundert war die „Komödie“ in Italien verbreitet – etwa 450 Handschriften waren im Umlauf. 1472 erschien die erste gedruckte Fassung, fast ein Jahrhundert später wurde das Beiwort „göttlich“ hinzugefügt – und ein Missverständnis geschaffen. Denn in Dantes fiktionalem Jenseits geht es um rein menschliche Befindlichkeiten und Gefühle, Dante ist ganz und gar ein „Dichter der irdischen Welt“ (Erich Auerbach). Es ist die dichterische Erfassung der Weltwirklichkeit, die die „Komödie“ bis heute relevant macht.

Nicht zufällig nannte Karl Witte seine Übersetzung von 1865 „Die grossen Geschichten der Menschheit.“ Wittes war damals die elfte Gesamtübersetzung – inzwischen gibt es etwa 60, die meisten davon, wie diejenige Wittes, in Blankversen, nur wenige in Terzinen, wie diejenige von Rudolf Borchardt von 1923, einige in Prosa.

Auch der Mainzer Mediävist Kurt Flasch hat Dantes Terzinen in Prosa übertragen – in einer rhythmisierten, unprätentiösen und dennoch suggestiven Sprache. Flasch, dessen Studien über Augustinus, Cusanus und Meister Eckhart philosophische und philologische Maßstäbe setzten, hatte seine Übersetzungsfeder sozusagen an Boccaccio geschärft, bevor er sich die „Komödie“ vornahm. Je nach Zeitrechnung hat er ein Jahrzehnt oder ein Leben daran gearbeitet – jedenfalls zeugt die prächtige Dante-Ausgabe, die jetzt im Jubiläumsprogramm des S. Fischer Verlags erschienen ist, von jener „Geduld zur Sache,“ die Adorno jeder Gelehrtheit unterstellte.

Die Gelehrtheit hat Flasch in einem separaten Band mit dem Titel „Einladung, Dante zu lesen“ zusammengefasst: Biographisches zu Dante, Erklärungen zu den Figuren, sprach-, religions- und kulturhistorische Überblicke machen die „Komödie“ zu einer „summa mundi“. Flasch versteht sie als einen fernen Spiegel der Gegenwart, sieht, ganz im Sinne Auerbachs, in Dantes Jenseits eine literarische Gestaltung des Diesseits.

Auch deshalb vertraut Flasch auf die Kraft der sprachlichen Bilder. Er habe, schreibt er, den Text lassen wollen, „wie er ist: alt, fremd, sperrig, beladen mit historischem Stoff, mit theologischer Spekulation, mit bizarren Einfällen,“ und sich dennoch um Durchsichtigkeit und Verständlichkeit bemüht. Einerseits orientiert Flasch sich am heutigen deutschen Sprachgebrauch, andererseits versucht er so nahe am Original zu bleiben, daß etwas von der Frische herüberkommt, die es sich im Italienischen bis heute bewahrt hat.

Wenn Witte die Reise ins Jenseits mit einem irdischen Orientierungsverlust beginnen lässt: „Es war in unseres Lebensweges Mitte,/ Als ich mich fand in einem dunklen Walde; / Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege;“ und wenn Borchardt hinter der Verirrung eine Selbstaufgabe sieht: „Es war inmitten unseres wegs im leben,/ Ich wandelte dahin durch finstre bäume / Da ich die rechte strasse aufgegeben;“ so stellt Flasch in suggestiver Knappheit den Anfang einer Selbstfindung dar: „In der Mitte unseres Lebenswegs kam ich zu mir in einem dunklen Wald. Der rechte Weg war da verfehlt.“

Es ist fast eine Abenteuerreise, jedenfalls eine seelische und geistige Abenteuerreise, die Flasch in der „Komödie“ freilegt. Nicht das philosophische Hintergrundwissen und auch nicht die philologische Bildung, sondern das sprachliche Einfühlungsvermögen macht Flaschs Übersetzung zu einer tatsächlichen „Einladung, Dante zu lesen“.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 08.12.2011

Dante, gemalt von Botticelli
Dante Alighieri, gemalt von Botticelli

Dante Alighieri
Commedia
In deutscher Prosa von Kurt Flasch
Gebunden, 640 Seiten
ISBN: 978-3-596-95006-5
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

Buch bestellen