Slava Seidel

CORPUS CALLOSUM, 2011, 130 × 150 cm, Sepiatusche auf Leinwand

Künstler-Porträt

Capriccio – nachgefragt bei Slava Seidel

Von Claudia Olbrych

Es könnten Zeichnungen sein, es ist aber Malerei. Es könnte sich um kleinformatige Werke handeln, doch sprengen die gemalten Szenerien jedes Format. Obwohl stets nur die eine Farbe und Technik verwendet wird, sind mehrere Farbtöne und komplexe Bildwelten zu sehen. Bei der Malerei von Slava Seidel entstehen ungewöhnliche Arbeiten.

Die Künstlerin wurde 1974 in Krivoj Rog/Ukraine geboren, studierte Innenarchitektur in St. Petersburg und arbeitete kurze Zeit als Bühnenbildnerin, bevor sie im Jahr 2000 nach Deutschland kam und sich der Malerei an der Frankfurter Städelschule bei Christa Näher widmete.

Seit 2005 verwendet Slava Seidel ausschließlich Sepia-Tusche zum Malen, ihr durchschnittliches Lieblingsformat liegt bei ca. 130 × 150 cm. In mehreren, lasierenden Schichten wird ohne Vorzeichnung die Tusche auf die Leinwände aufgetragen und während die einen trocknen, werden parallel gleich andere bearbeitet. Die Bilder liegen auf dem Boden, die Künstlerin malt stehend darüber mit gebücktem Rücken, ausgestreckten Armen, impulsiv und mit vollem Körpereinsatz. An verschiedenen Stellen wird Wasser auf die Malerei gegeben, das, wieder weg genommen und je nachdem, wohin es fließt, Pfützen bildet, die Malerei verändert und die Sepia-Tusche in verschiedene Farben aufspaltet. So entsteht eine Dynamik, die die Künstlerin zu diesem Zeitpunkt selbst nur teilweise beeinflussen kann. Ohne die Verwendung von Wasser würden ihre Arbeiten zu statisch wirken und das Ergebnis wäre zu vorhersehbar, sagt die Künstlerin. Slava Seidel überlässt damit einen Teil ihrer Malerei bewusst sich selbst. Durch die Zugabe von Wasser, das zusammen mit der Tusche reagiert, schaltet sie einen unberechenbaren Faktor dazwischen, der ihren Arbeiten Leben einhaucht und dem Betrachter mehr Raum für Assoziationen lässt. Fast so als ob eine weitere Ebene dazu kommt, die neuen Raum und Tiefe schafft. Nicht jedes Bild entwickelt sich dabei so, wie es sich die Künstlerin wünscht; die Arbeiten, die es schaffen, werden zum Abschluss mit einer dünnen Schicht Lack fixiert.

Fast jedes ihrer Bilder hat einen architektonischen Rahmen, der Einfluss ihres Architekturstudiums und die Arbeit als Bühnenbildnerin sind dabei unverkennbar, doch kombiniert sie, was nicht zusammengehört, und dreht an den Regeln von Statik und Logik. Anfangs tauchten nur Tiere in ihren Arbeiten auf, die Menschen kamen erst später dazu, allerdings nur männliche Gestalten. Typen, die durch vielfache Wiederholung eher Archetypen sind und größtmögliche Neutralität ausstrahlen oder Schneiderpuppen, die ohne Kopf auskommen müssen. Nur selten lassen sich Physiognomien erkennen. Die vielbeschriebene Assoziation zu Träumen liegt nah, bei denen man sich nicht an Gesichter oder Details erinnern kann, bei denen man Orte und Dinge kombiniert, die nur im Traum möglich sind.

Slava Seidel sagt, sie kombiniere alltägliche Motive. Es handele sich um Elemente und Orte ihrer sich wiederholenden Träume, die in ihrer Malerei auftauchen und die sie in ihrer Malerei wiedererkennt. In ihren bizarren Gebäudekulissen, die Elemente aus Renaissance, Barock und Rokoko vereinen, tummeln sich übergroße Hasen, die aus der Höhe über seltsam verzerrten Architekturmodellen auf den Betrachter herunterschauen, Windhunde und Raubkatzen jagen unter ausladenden Deckenkonstruktionen durch leerstehende Kinosäle, erscheinen übergroße Uhren und Irrgärten, die sich in ihre geometrischen Grundformen auflösen. An anderen Stellen erzeugt die Künstlerin Muster, die durch die Wiederholung einzelner Motive entstehen: Astronauten, Clowns, Billardtische, Klaviere, Dominosteine reihen sich aneinander ins Endlose.

Mit ihrer ungewöhnlichen Technik und ihren ganz eigenen Bildwelten nimmt uns Slava Seidel jedes Mal aufs Neue mit in ihre Traumwelten.

Slava Seidel

Ex situ I, 2011, 130 × 150 cm, Sepiatusche auf Leinwand

Slava Seidel

Engaging Types, 2009, 180 × 200 cm, Sepiatusche auf Leinwand

Slava Seidel

Wildlife Area II, 2011, 130 × 150 cm, Sepiatusche auf Leinwand

Slava Seidel

PORTAL, 2011, 200 × 150 cm, Sepiatusche auf Leinwand

erstellt am 07.12.2011

Alle Abbildungen sind diesem Katalog entnommen:
Slava Seidel
Traumrevier
56 Seiten, dt/en,
herausgegeben von der Jörg Heitsch
Galerie München
Verlag: Verlag f. mod. Kunst
ISBN 978-3940748867