Julia Mantel

Julia Mantel, Jahrgang 1974, Studium der angewandten Kulturwissenschaften, seit 2000 Publikationen in zahlreichen Anthologien, lebt als Autorin, Strickkünstlerin und Sprecherin in Frankfurt am Main.

Buchveröffentlichung:

new poems, verlag im proberaum 3, 2008
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dreh mich nicht um. Gedichte von Julia Mantel, illustriert von Petrus Akkordeon
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Ihre Gedichte

unvermittelbar

Beten im Herbst

Deine Hände zwischen meinen Beinen
zum Gebet gefaltet
Wer möge es erhören
Es gibt eine Liebe, die nichts bringen muss
Lass mich in diesem Leben nicht mehr allein.

nicht mal

es gibt bessere
immer & du guckst
in die röhre & die strecke
auf der du geblieben bist

giesst öl ins feuer &
auf deine problemzonen,
zuckst nicht mal
mit der wimper.

brotlos, brustlos

brotlos bin ich /brustlos nicht
leg dich zu mir/das macht sinn
wir beide/so bemerkenswert
& rumgekommen/steuern gemeinsam
auf die altersarmut hin.

kein twitter/ kein facebook/
handies bleiben bitte ausgeschaltet.

letztes viertel

seit gestern freunden sich
die strassen wieder
mit dem nass an pechschwarz
hängen sie zwischen den alleen
oder schlängeln sich die hügel empor
ach ja, am silvesterabend machen wir
doch immer bleigießen, du hakst deine liste ab
& guckst lange in den timer
unterstreichst dein soll und haben
wie eine gute freundschaft
„in den schaufenstern fangen
sie jetzt schon mit der weihnachstdeko an” sagst du
mutter hat früher immer
reinhard mey gehört:
„wirklich schon wieder ein jahr.”
fand ich damals ziemlich sentimental.

umstellen

die regale umstellen, lieber
heute als gestern & du gerätst
aus der fassung, giesst schnell
die orchidee nach plan,
rufst freunde an & besorgst
ihnen jobs, das soll tatsächlich gut
fürs karma sein, wo jetzt den flug
buchen für einen urlaub,
den du schon zu lange brauchst,
support your local hero, es soll schon
leute gegeben haben, die sich in reisebüros
kennengelernt & dabei elitepartner
gespart haben.

1984

in die zu grossen schuhe
stieg ich ein

kein laufsteg weit und breit

das parfum der lehrerin in der nase
verlieh mir flügel

und niemand wünschte mir zum abschied
hals- und beinbruch.

Schwester

4 Lichtjahre später
im Schatten
gediehst du prächtig
zur vollen Blüte
Dein Charakter
zum Vorschein gekommen
hieltest Du meine Hand
von hinten.

ach dach

gehen die tage vorbei, fällt der regen,
fallen die worte, streichelt
die hand über den schweren kopf, schlafen
wir beide im auto traumlos ein.

geheimnis

und du bekommst spam-
nachrichten aus der ganzen welt,
die menschen sind heute
so verstreut, wenige hotelzimmer
als fluchtpunkte, ein kuss, der traf,
der sein ziel nicht verfehlte, bitte vergiss
mich nicht: ich erinnere mich
an alles: unerpressbar.

nur mal so

auf der straße zum anfassen
dachtest du locker
dahingeschlendert bist du

von wegen, frag nicht
wer immer wieder
deine freunde kauft
für peanuts, versteht sich

und dann fällst du & fällst
im eigenen ansehen & auf die schnauze
& aus allen registern & allen regalen

ich würde zu dir halten, hättest
du dir meinen namen gemerkt.

SITZFLEISCH FFM

ganz langsam

findet sich heimat

und legt sich dir

zu füßen

jahr um jahr

ans herz gewachsen

die bäume, die straßen,

die häuser, die menschen

fallen die worte,

sagen sie das richtige.

spätsommergruß

es geht so oder so
so schnell & vorbei,
früher jung später alt,
an der ecke die kecke
hecke wechselt die
farbe nicht mal für
die pinkelnden hunde
deren tanzbeine
schwingen im flotten
takt bis zum daneben
treten, sag mal du,
nur für den kick, für
den augenblick, hörst
du mir überhaupt zu?

Oktober 2009

Der Herbst
nimmt
dieses Jahr
kein Blatt
vor den Mund.//

Die Bäume
zeigen ihren Blues
nach allen Seiten.//

In der Wohnung
als Klagemauer
gefällt sich
die Heizung.

Herbstsonne

der herbst
bricht ein
wie in einen
gefrorenen see

und am himmel
schwärmen
die schwarzen vögel
vom süden

zur andacht
falte ich
die hände
um eine tasse
heissen tee

während
auf den äckern
die heuballen
am strassenrand
stehen
wie leichte mädchen

ich gebe zu
i feel blue
die reste
des jahres
betrachtend.

Wintergedicht

schnee fällt
vor uns
auf die knie
ein jahr ging rum
zum zeitvertreib
der plumpsack
ging woanders hin
ich weiss es nicht
dreh mich nicht um.

frankfurt am main

wurzeln geschlagen ringe
aus jahren immer
wieder die selben
strassen die selben gesichter
haben falten bekommen wen
kennt man schon richtig im
vorübergehen sesshaft
geworden.

wahrscheinlich

keine ahnung wo
du jetzt liegen
geblieben bist
gemütlich oder
auf der strecke
zuckst du kurz
mit den lidern,
nur kurz.

030

die freunde sollen
dieselben bleiben, die
wege werden sich
nicht trennen, so steht
es in den büchern

der anruf
frühmorgens, die
verschlafene stimme,
verdammt weit weg

030.

notiz

zwischen 2 laken

& 2 staedten meine

aufenthaltsgenehmigung

steckst du mir zu

& ich die haare hoch,

klatschen wir vita auf

vita & in die haende,

beten & beben

gemeinsam im chor.

& ich weiss nicht

& ich weiss
nicht was bleibt,
tür fällt ins schloss,
haar die schulter
herunter, knoten
löst sich
auf sozusagen

dick aufgetischt,
vita, wortwitz &
lippenstift am
tassenrand vorher-
so ging es die
tage & ging
so herum.

in den …

in den zeitschriften zeigen sie schöne gesichter & nennen es multi-tasking

berühre mich nicht, ich soll

die vielen felder pflügen, küssen müssen

will jedoch gelernt sein, beim kochen

fällt der regen in langen tropfen

in die töpfe, meine knöpfe

springen auf, »weil wir soviel zu tun haben«,

sagst du.

ich bin die

ich bin die

heimatlos

auf krücken
laufe ich
?um mein leben
?von dir weg

und erhole
?mich
?im schrebergarten
?den ich schon lange
?glaubte

verlassen zu haben

ein wort

ein satz

fällt wieder
?vor dir
?auf die knie

wenn es diesmal

richtig ist

lass mich die sein

zu der du kommst.

erstellt am 05.9.2010

Julia Mantel
Julia Mantel, fotografiert von Nina Werth