Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Theaterkritik

Leben oder Sein?

Hamlet und Rosenkranz und Güldenstern sind tot am Schauspiel Frankfurt.

Von Stefana Sabin

Die Bühne zeigt einen hell erleuchteten, leeren Festsaal, der ganz in Weiß gehalten ist. An den Seiten stehen – wie oft in Festsälen – Stühle, die weiß lackiert sind. Nach hinten steigt eine bühnenbreite Treppe zu einer Spiegelwand hinab, auch die Seitenwände sind verspiegelt. Alles ist hell und weiß. Nur der Flügel, der in der linken Hälfte des Raums steht, ist schwarz – und auch Hamlet, der darauf spielt, ist schwarz gekleidet. Auf dem Flügel rekelt sich Ophelia, die ein orangefarbenes Kleid trägt. Ihr scheinbar ausgelassenes Flirten wird jäh unterbrochen, als sich die hintere Spiegelwand öffnet und das neue königliche Paar – Gertrud in einem glänzend-grünen Kleid und Claudius in einem weißen Anzug – hereinkommt. Von da an wirkt die niedrige Decke erdrückend. Und tatsächlich werden alle Figuren von den Konflikten, in die sie verstrickt sind, erdrückt – am Ende liegen sie tot auf der hellen Bühne. Oliver Reese lässt „Hamlet“ als ein Beziehungsdrama vor einem eleganten Hintergrund spielen. Sein Hamlet ist kein Getriebener, sondern ein Zweifelnder, der zwischen Rachsucht und Aggressionshemmung zerrissen ist – ein empfindsamer Pianist, der sich hinter dem gespielten Wahnsinn versteckt, bis er sich darin verliert. (Dass die Flöte, die Shakespeare vorgesehen hatte, durch einen Flügel ersetzt wurde, ist handlungstechnisch nicht nachvollziehbar, aber inszenatorisch effektvoll!) Die Partie des Hamlet hat Reese mit der Schauspielerin Bettina Hoppe, die seit 2009 dem Frankfurter Ensemble angehört und für ihre Darstellung der Cäcilie in Goethes „Stella“ bei den Hessischen Theatertagen 2011 als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, besetzt. Sie spielt Hamlet mit einer leichten Selbstironie und erträgt die lange Aufführung, ohne sich an der Neuübersetzung von Roland Schimmelpfennig erkennbar zu stören. Bravourös macht sie sich den berühmten Monolog, der bei Shakespeare „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage” heißt, in der Schimmelpfennigschen Verfremdung „Leben oder nicht leben, das ist die Frage” zu eigen, und tatsächlich suggeriert diese Inszenierung, dass es für Hamlet weniger existentiell um Sein als real um Leben geht.

Um das Leben geht es auch Hamlets Freunden Rosenkranz und Güldenstern, die bei Reese in glitzernden Kostümen auftreten und die Schauspielertruppe ersetzen. Diese beiden Nebenfiguren hat der britische Dramatiker Tom Stoppard zu Hauptfiguren in seinem schon lange berühmten Stück „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ gemacht. Als eine Art Begleitaufführung zu „Hamlet“ hat Barbara Wolf, Regieassistentin am Schauspiel Frankfurt, Stoppards Stück in der Box auf die Bühne gebracht. Stoppard stellt die beiden Weggefährten Hamlets in den Mittelpunkt der Handlung und lässt sie über sich selbst und über ihre neue Rolle am Hof nachdenken. „Wer hätte gedacht, dass wir so wichtig sind?!“, sinnieren sie verwundert und geschmeichelt zugleich. Hinter der ironischen Oberfläche hat Stoppards Kammerstück eine existentielle Dimension, die Wolf zwischen einem Pessimismus à la Beckett und einer Komik à la Dario Fo wirkungsvoll herausarbeitet. Auch Wolf hat die ursprünglich männlichen Figuren mit Schauspielerinnen besetzt: Lisa Stiegler, die für ihre Darstellung der Lucie in Goethes „Stella“ bei den Hessischen Theatertagen 2011 als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde und seit der Spielzeit 2010/11 Ensemblemitglied im STUDIO am Schauspiel Frankfurt ist, und Henrike Johanna Jörissen, die seit der Spielzeit 2009/10 festes Ensemblemitglied ist, changieren geschickt zwischen Lebhaftigkeit und Lethargie und verleihen den Figuren einen traurig-komischen Charme.

erstellt am 05.12.2011

Nächste Aufführungen siehe:
schauspielfrankfurt

Bettina Hoppe als Hamlet

Bettina Hoppe als Hamlet in Oliver Reeses Inszenierung © Birgit Hupfeld

Hamlet-Inszenierung

Stephanie Eidt als Getrud, Christian Bo Salle als Güldenstern, Mathis Reinhardt als Rosenkranz, Sandra Gerling als Ophelia © Birgit Hupfeld

Henrike Johanna Jörissen als Güldenstern und Lisa Stiegler als Rosenkranz

Henrike Johanna Jörissen als Güldenstern und Lisa Stiegler als Rosenkranz in „ROSENKRANZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT“ © Ladislaus-Eduarth Szekely