Buchkritik

Im Koffer die Bombe und im Kopf die Revolution

Bahman Nirumand, ein Mann, der unser Land verändert hat

Von Martin Lüdke

Die Gelegenheit gibt es nicht so oft: einen Mann, der Geschichte gemacht hat, aus nächster Nähe zu sehen und zu hören. Bahman Nirumand ist solch eine historische Gestalt. Mit seinem Buch »Persien. Modell eines Entwicklungslandes« hat er die Proteste gegen den Besuch des Schahs initiiert. Dabei wurde am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg erschossen. Danach und dadurch kam die Bewegung von '68 richtig in Schwung.

Im März 1968 flogen Rudi Dutschke und Bahman Nirumand von Berlin nach Frankfurt am Main. Sie holten ihren Koffer vom Gepäckband und machten sich auf den Weg zum Schalter einer Autovermietung. Sie wollten nach Saarbrücken weiterfahren, zu dem (vor einigen Tagen gestorbenen) Liedermacher Franz-Josef Degenhardt, um dort, mit dessen Hilfe, einen Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN in die Luft zu sprengen. Noch bevor sie die Mietwagenfirma erreicht hatten, wurden sie von zwei Polizisten vorläufig festgenommen.
Nirumand, dem der Gedanke, mit einer Bombe ins Polizeipräsidium zu fahren, nicht ganz geheuer war, fragte darum höflich, ob sie vielleicht den Koffer in einem Schließfach, das gab es damals noch, deponieren könnten, und ob er einmal kurz telefonieren dürfe. Beides wurde ihm gestattet. Nirumand verstaute den Koffer und rief danach einen Freund an, der, das gab es damals schon, eine telefonische Rundruf-Aktion organisierte, so dass bei der Ankunft der Pseudo-Revolutionäre bereits eine ansehnliche Anzahl von Protestanten in Sprechchören vor dem Präsidium die Freilassung der beiden forderte. (Ich meine mich zu erinnern, damals dabei gewesen zu sein.) Nach einer kurzen Befragung wurden Dutschke und Nirumand wieder freigelassen. Sie fuhren zurück zum Flughafen und von dort, mit der Bombe, weiter nach Saarbrücken. In der Zwischenzeit hatte Degenhardt allerdings kalte Füße bekommen. Er weigerte sich nicht nur mitzumachen, sondern auch, die nötigen Informationen über den Sendemast herauszurücken. Die beiden zogen also, insgeheim nicht undankbar, wie Nirumand heute vermutet, unverrichteter Dinge und mitsamt ihrer Bombe wieder ab, zurück nach Berlin. Nachdem sie den Sprengsatz einige Wochen bei einem Freund untergestellt hatten, gaben sie das gefährliche Spielzeug dem Techniker zurück, der es ihnen verschafft hatte: Peter Urbach, einem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes. (Die Episode ist seit langem bekannt. NPD und NSU konnten daraus lernen, der Verfassungsschutz offenbar nicht!)

Nirumands Autobiographie enthält einige solcher hübschen, nicht immer harmlosen Anekdoten. Aber er erzählt uns auch, auf bewegende Weise, von einem Leben, wie der Titel seines Buches lautet, „Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste“. Das heißt von einem Leben im Exil. Mit fünfzehn Jahren war er nach Deutschland gekommen, um hier Abitur zu machen und zu studieren. 1960 hat er in Tübingen, übrigens über Brecht, promoviert und war dann nach Persien zurückgekehrt, bis er vor den Schergen des Schahs fliehen musste. Was Nirumand über die Verhältnisse in Persien zu erzählen weiß – sein Vater war eine Art persönlicher Adjutant des Schahs gewesen – und was er über die verheerende Politik der Amerikaner, nicht nur in Persien, sondern im gesamten Nahen Osten berichten kann, das zieht einem heute noch die Schuhe aus. Er erzählt auch vom Sturz des Schahs und von den Enttäuschungen, die danach folgten.

Er beschreibt seinen Weg vom jungen Revoluzzer zum aufgeklärten Liberalen, der gelernt hat, dass jedes Regime, das sich auf eine Ideologie stützt, in einer Gewaltherrschaft enden muss. Seine Autobiographie ist darum zu einem bewegenden, faszinierenden und spannenden Buch geworden. Die Lebensgeschichte eines Mannes, der nicht nur Geschichte geschrieben, sondern tatsächlich auch Geschichte gemacht hat.

erstellt am 29.11.2011

Bahman Nirumand
Bahman Nirumand

Bahman Nirumand
Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste
Autobiographie
Ein außergewöhnliches Leben zwischen Orient und Okzident
Rowohlt
Hardcover

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