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Ursprünglich bezeichnete die Elegie einen Klagegesang, und die Klage um eine verlorene Liebe ist seit Anbeginn der Gattung Teil des Repertoires. Doch das ist nur eine der vielen Schichten, aus denen sich „Das bleibende Thier“, nämlich die Bamberger Elegien von Alban Nikolai Herbst, zusammenfügt. So wird gleich zu Beginn der sechsten Elegie das metaphysische Problem thematisiert, das bis zum Ende im klammen Schliergrau des steigenden Morgens hin- und hergewendet wird: der geraubte Glaube an ein Übersinnliches. Herbst entfaltet da einen Widerspruch, der sich gegen das Dogma sträubt. Die wunderbare Sinnlichkeit überblendet das Wunder des Übersinnlichen, die Sinngebung die Realität: Denn braucht es, was wirkt, daß es wahr ist? Und, dem historischen Verlauf analog, übernimmt die Kunst, wo dem Glauben der Grund schwindet. Hoffart der Kunst! Sie nämlich packt es, … formt es, verklärt es. Erst dadurch können wir schauen und sehn es. Denn wir Menschen sind ja, nach Schopenhauer, metaphysische Lebewesen. Daß Kunst im Sinne von „Umkehren“ (pervertere) eben auch „pervers“ ist, führt Herbst konsequent – wie Stefan George oder auch Arnold Schönberg – zur Kunstreligion: Kunst ist Gebet. Da philosophiert einer, um sich zu lösen aus obsoleten Liebesverstrickungen. Und der Reichtum der Erfahrungen, des Bamberger Erlebens, der Reflexion und die emotionale Dringlichkeit sind aufgehoben in der poetischen Artistik einer zeitgenössischen Elegie. Bernd Leukert

Alban Nikolai Herbst, Foto: Ramune Pigagaite
Alban Nikolai Herbst, Foto: Ramune Pigagaite
Text und Audio

Alban Nikolai Herbst liest

SECHSTE ELEGIE

»Was«, fragte gestern, ich lag schon zur Nacht, Deine, Christìn, SMS, »hat dir den Glauben geraubt, daß es ein Übersinnliches gebe?«
Ich wollte noch schlafen und ließ es so stehen bis eben.
Ein Viertel nach sechs ist’s. Das Licht hinter dem hochschrägen Glas steht verschliert von dem Nebel. Kondenswasser näßt von dem oberen Rahmen bis tief fast hinab zu dem Boden, als wären sie, Sommer und Hitze, als wie eine Liebe verjährt, die es nicht war. Nun besinnt man sie rauchend am Laptop und nippt instant coffee, der gegen sein Bitteres süß und mit Milch gegen Schwermut verrührt ist. Die Tür zur Terrasse ist Schleuse zum Tag. Von der Regnitz weht’s morgenklamm hoch und weht klamm in den Nacken. Die Zeit ist es wieder für Schals, wenn sie, mehrfach um Kopf und den Nacken gelegt, wie ein Leben so lang sind, Umarmungen werden – ach dunkeles Haar meiner Frau! Fällt mir die Schultern hinunter und halb übern Rücken: so hell sind die Schals, die ich trage. Und sitze und denke um Antwort. Wie mach ich’s dir greifbar, so daß dir dein unentsetzt ruhiger Glaube bewahrt bleibt?
Ich höre das Wehr, höre erwachende Enten. Zwei Bänke, sie stehen auf Kies, weinrot dem Meer gleich Homers. Und der Tisch ist so weiß wie der Nebel darüber und matt. Rechtsregnitzsch drüben erwachen die Farben der Häuserfassaden: ein halbes konturloses Dämmern von Fallermodellen. Das Schliergrau des steigenden Morgens erhebt sich, die Lippen noch blau. Durch das Gewölk aber drängt eine schmale Erwartung von Sonne. Ein Über sinnliches? Nein! Nur das Sinnliche ist. Reicht es denn nicht und warum nicht? Wozu das organische Wunder verkleinern? Des Schmerzes, die Blutungen auch sind, der Trennungen halber, die bluten? Damit nicht ein Nichts sei, sowie wir versterben? Es ist diese Angst, einzeln zu bleiben im, seit wir geboren sind, tiefsten Moment? Wir blieben Getrennte doch immer. Was hilft ein Entkörpertes? Geist, esoterisch fürs Jenseits, ergibt sich. Das Unglück, er läßt es rein sein. Billigt es. Doch die Erhebung ist irdisch. Herauserhoben – das wollten wir, wollen wir sein. Das erschuf Welt: menschlich. Gehn freilich doch in das Erdreich als molekular zu Zersetzendes ein. Wie das vergessen?

»Mach dich mal locker!« Das Grinsen der Ökonomie ruft uns zum Positive thinking. Es wär übersinnlich wohl das, daß wir leiden, aber’s verulken? Da ist auch die Lust nicht mehr ernst. Jedes Geheimnis, für Jux, grätscht sich. Vampire tanzen zu Schlagern. Das Biest selbst, es buhlt um den Massengeschmack, seit es die Schönheit gefällt hat. Die Tragik wird Musicalei: klatscht voll begeistert, damit es den Grund des Geschöpfs nicht mehr spürt, seinen düsteren unterm Gelächter. So johlt man und feixt.
Was mir den Glauben nahm, fragst du? Das Entertainment und wie wir uns schänden in Bäumen und Bergen. Zuhanden die Meere als Tonne; Morganen ernüchtern am Lager; Kalkül respektlosen Handels und Handelns: damit es uns nicht länger nahkommt, woher wir immer noch kommen und daß aufeinander nicht stimmen das Selbst und die aufgeklärte Verfassung. Emanzipation und Genese. Ach daß wir nicht ganz sind, nicht eindeutig, und uns nicht lösen! Darum verflachen wir beides, den Alltag, den Mythos, und tauschen es weg, feiern zunehmend schrill. Wie wenn wir schrien.
Nie warn wir ganz, sind gespaltene Spalte, die Füße im Schlick. Fahl ist der Himmel und untranszendiert, dessen Geheimnis wir, weil’s keines gibt, furchtsam verscherbeln. Den zeugenden Irrtum indes, der das, was er sieht, erst erschafft, gibt es noch immer. Untechnisch wirkt er, doch chemisch: das Wort schöpft als Klangreiz, ein Feingriff bedeutungstragender Schwingungen, molekular. Ob lindernde Aura aus Steinen, ob Bachblüten heilen, ob Hände skurril auf die Wunde gelegt sind. Ein Unfug ist’s, sicher. Doch hilft er. Es wäre das kein Wunder?

Längst wurd es Tag. Drin sannst du, mein Junge, sannst an der Regnitz wie einer, der alles schon weiß. Nächster, ein nochnächster Abend ward’s, nächstferner Morgen, wurd heute. Verweint warn aufs Neue die Fenster. Sehr hoch sind sie, türhoch und höher. Sie reichen zum Himmel. Jetzt ist er farbig. In Rot steigt das Feuer der Sonne, darunter das düstere Dickicht sich ballender Wolken, die brandig zerflocken. Das zupft ein ganz blättriges Grün von sich ab, das fasrige Flammen entzündet. Sie werden schon überall blau.
Rauchend betrachte ich’s. Hab mich vom Schreibtisch erhoben und steh in der Tür. Physik und die Physiologie – Wunder, Christìn, sind sie nicht? Zwar ist die Wissenschaft Notwehr und Abwehr, Erklärung als Werkzeug, mit Knochen begann es, und dennoch: erschauern und staunen, das können wir trotzdem. Es gäbe sonst keine Musik, gäb nicht die menschliche Hoffart, die durchsetzt, was Alltag und Anbau nicht wollen. Sich Fügen vernichtet’s. Das Kindchenschema, wir wissen, es täuscht zu den Brauen der Abstand, und klein ist das Kinnchen und zärtlich. Statistiken haben wir drüber. Und dennoch, wir sprechen zu recht von der Schönheit der Frauen, interpretieren sie, schaffen sie, ganz, und wir fühln sie. Realität ist das nicht, aber wirklich. Übersinnlich – ist es nicht das?
Esoterik? Wozu?

Daß ich nicht wegdenken kann! Von Strenge zu Wähnen, methodischem vagen, diffusen Gefühl, daß ein Gerechtes nicht sei, nur ein recht gutes Als-ob, willentlich imaginär, das uns heraushebt und singt, wie es Tiere nicht können. Sofern’s sich begreift.
Sinnlich, Geliebte, auch das ist’s. Der Geist ein natürlicher Duftstoff, des Sinnlichen goldener Schnitt.

Was in den Städten verging. Bamberg hält mild daran fest. Zeit kennt es wohl, nicht aber Zeiten, moderne, die Rom schon zu Stein für Eventzüge fror, lärmende, weißem aus Marmor, den Historismen, verklärende, cleanen. Das Bamberg ist still. Touristengedränge herrscht nur auf der Brücke am Wehr neben dem farbigen Rathausbaröckchen, wo’s Eis leckt, entspannt zwischen Bürger- und Bergstadt, die sieben, wie Rom, Hügel hat. Aufsteigend gehn sie da ein, aufgeleckt, eingeleckt in sie: ach Stille des kleineren Roms. Eingeatmet von mürbem Gemäuer, so stehen die Orgien der Rosen als Hecken verwunschener Gärtchen zu Füßen der rot leuchtenden Sattel aus Dächern. Hier meditiern konzentriert Katecheten in weiten Gebäuden machtloser Schönheit ermildet bergan. Missionen wolln nichts mehr als schlafen, doch sind selbst im Träumen noch streng. Deswegen ist hier kein Kitsch. Unter erneuerten Anstrichen bröckeln sie, schmecken dem warmen Verlust des ins Bedeutungslose geschwundenen Glaubens noch nach. Darum, Geliebte, betrauern wir’s hier, das uns bleibende, das uns verbliebene Thier.

Daß ich dich wiedergewönne! Daß ich den Glauben verlor – daß ich ihn damals verriet! – unseren, an uns. Ach, wär es doch wahr, daß es sich findet und daß, was einander erkannte, sich wiedererkennt – jäh Anagnorisis, plötzlich, naturhaft vulkanisch, kein Ich mehr, biblisch Erkennender, amalgamierend, ein Schenkel ich dir, du meine Lunge, bis als ich schon längst einem anderen Weg, der dich blind ausschloß und uns, folgte. Da gingst du. Ich raste. Wie hab ich drum seither gekämpft, daß es gelänge, so daß sich das Wunder noch einmal vollbrächte, doch reif nun, e r w a c h s e n, des Glaubens: es- ist aus ist- nicht, andächtig, zähe und stolz. Stolz aber trieb ihn mir aus, testosteroner, Christìn, männlicher, der den Rivalen verscheucht. Übersinnlich auch er, der uns – sowie er’s – bestimmt. Wir haben nichts, haben gar nichts im Griff. Plötzlich legt was die Hand auf. Bleibt dabei schwitzig, bleibt einfache Hand. Aber sie heilt. Wie aus dem Leeren, so wirkt das. Verweht, erzählt U., sind die Schmerzen. Unheimlich ist’s. Und erschauernd, so liegt man da unautonom, steht endlich auf, sagt sein Danke und zahlt. Aber das Schwert auch, der Sprenggurt, sind Glaube. Nicht Macht und Interesse allein treiben das an. Die ziehn nur mit oder schüren’s, damit kein vernünftiges Wort sie noch mäßigen könne.

Galt Aufklärung nicht der Verscheuchung von Geisterndem, das, esoterisch, wir auch wieder holen, New Age, wiederholen? Selbst Technik kennt Sehnsucht. Als bliebe man unverführt einsam, stünde gesperrt ins Gehirn wie in blinde Aquarien und steht so und schwimmt. Seinen Schädel rammt man ans Glas, schlägt gegen Scheiben und faßt nach was-immer-uns-rausziehen möchte aus der Monade, vielleicht, packt jede Mythe, die mutig macht, an. Singend, an Tauen, so ziehn wir’s, das Ich, kraftvoll verbissen empor, und wir hissen’s. Nicht anders läßt auch Tintoretto Maria zum Sohn auffahren dort, in der Oberen Pfarre; sie sitzt ihm, noch Kore, noch heidnisch, zur Seite. Gänzlich zerküßt in S. Pietro ihr Fuß, der von Lippen geheiligten Isis, nach deren Erscheinung, der eignen, sie uns und Sein Bildnis, so heißt es, durch Ausatmen schuf. Wär’s so, das gäbe uns Hoffnung.
Denn braucht es, was wirkt, daß es wahr ist? Ist Freiheit nicht selbst Illusion? Läßt denn Natur sich anders ertragen, ihr Unbedingtes, als daß man noch glaubt, selbst zu entscheiden, und folgt doch? Was bleibt denn da übrig vom Geist? Besser, wir schauen nicht hin. Solln vor der Physis hinab auf die Knie? Roboter tun so, Gerät, das Programmen gehorcht, aber doch wir nicht! Waschmaschinen, praktisch gebastelte, die…! Tragisch erfüllt sich die Genesis technisch, in fremder Techné, die es doch abwenden sollte, die Dinge für Dinge erschaffend, und immer noch Sturköpfe weiter, so lebhaft gewiß ist das Ich autonom. Bis wir mal ernstlich erkranken. Erst dann trauen wir uns der Chemie an, ja rufen nach ihr, rufen sie an, und wir fordern den Determinismus jetzt ein. Austauschbar sind die Organe; wir wolln für frei nur, solang es gesund ist. Danach wird’s, wie Föten, zu Formel und Nutzzeug. Da nehmen auch wir aus den Lagern die Nieren von Kindern. Längst nährn wir in Schalen die Gene, ein Reproduktionsgut, steril archiviert. Gravidität wie bei Viehzucht. Kein Blick ist, kein Handschlag, was nicht Biologisches wäre, – nicht Liebe, selbst Mutterliebe, enzymische, nicht, die hormonell organisierte. Kein Zufall noch Schuld. Schuldlos, so fallen die Blüten und tanzen im Herbstwind. Der Fluß, schuldlos, fließt unaufhaltsam dem Wehr zu und trägt die Geschicke, Turbinen zerschredderte, neben des Steinmüllers Haus unters Rathaus zur schmaleren Fußgängerbrücke, als Gischtkraft in Strudeln, und weiter. Wie konnten wir hoffen, je mehr als ein Bündel aus konditionierten Reflexen zu sein? Hoffart der Kunst! Sie nämlich packt es, derweil wir zerfallen und wegsehen, dreht es und ordnet es um – formt es, verklärt es. Erst dadurch können wir schauen und sehn es.

Kunst ist pervers, pervertere, ein »Umkehren« ist sie, Luzifer immer. Sie trägt den Prometheus im Rucksack und schwillt am Entsetzen erst an: helle entflammt sie’s, erflammt sie und lichtet es. U n s macht sie hell, nicht das Entsetzen. Wir gehn nur, indem wir verfallen, beleuchtet drin auf. Kunst krempelt Leiden zu Lust um; sie wäre nicht ohne ein Elendes: Schönheit wie Schuld auch, und beider Gewicht.
Weiß sie es? Machtlos und stur, formt sie selbst das noch. Leinwand und Stoff der Verblendungen, die das Entsetzliche blenden. Ihr Hochmut hat recht: welcherart Unheil auch immer, sie macht es begeistern. Vor Qual nicht, nicht vor dem Haß hält sie ein, vor den Krankheiten nicht, sondern sie wühlt drin und knetet’s, beseelt es,
»Atman« – irreal, phantasmagorisch, doch sichtbar und spürbar im Bild und als Klang: artlos, entartet, blasphemisch, Revolte … solch eine Kraft! Ist nur behauptet, doch s t e h t, und es leuchtet. (Es gibt aber keinem die Beine, keinem geschändete Töchter zurück, unter dem Steinwurf zermatschte. – Was mir den Glauben an Übersinnliches nahm? Dieses. Und Demut.)

Dem Übersinnlichen sperrt sich das Handwerk. Maniera, Christìn, ist Gestaltung aus denkender Hand. Unautomatisch das Wort, wieder und wieder verworfen, belauscht, neugesetzt, bis es sich ausspricht, was man bewußt n i c h t sagen kann. Wie wenn’s sich aufbäumt gegen die Form, die’s beengt. Nun macht es glauben sogar, wo es an Schönheiten fehlt: in den entsinnlichten Werken, abstrakten, beschwört es sie doch – dem Unnennbaren gleich, den keiner lästere. Innen errichtet sie’s, richtet es auf. Stünde es bloß, man verkaufte die Blöße, dünnte sie, schminkte sie, wie eine Prostituierte erschwinglich, sich aufzuspreizen für jedermann. Was mich so ungläubig macht? Daß diese Frau nichts mehr rettet. Angerotzt wird sie gezerrt, bis ihr die Kopfhaut zerreißt. Dann schmeißt man das votzige Restding zu Haufen von Schrott müllwärts. Des Israels Lendchen, des Libanons Händchen. Es liegen die Schenkel aus dem Iran. Hälftlings der Orient recycelt uns so. Da ist rein gar nichts harmonisch.
Übersinnliches? Wo? Jammer ist. Kunst verleiht ihm den Ausdruck, als würde er plötzlich voll Sinn und es würd sinnvoll für etwas krepiert. Wird’s aber nicht. Säuglinge tief in der Mast ihrer sprengstoffgespickten Umwindlung, voll Quetschhafer Unheils die Gans. Buslinie 18, so bombt sich der Glaube hindurch, verheert sich, barbarischer Rückbau, und merkt’s nicht. Drum zweifelt, wer glaubt, der Kultur glaubt, am Glauben und sagt nicht »Allah« und »ein Übersinnliches ist«, dreht’s aber dennoch und dreht’s, bis sich allmählich die Schönheit herausdreht.
So lebt kein sonstiges Leben. Nur wir leben so. Jedweder Baum Illusion, jedes Meer Zeichen. »Nie naalaaten!« ruft selbst der Abfall, bewahrt sein Geheimnis für Altertumsforscher. Das läßt niemals nach, parallele Bewegung der Völker zum teigigen Mahlen dauernder Geogonie. Ich, schreibst du, würd nicht mehr glauben? Ja, wer außer mir, der den Glauben nicht hat, stärkt ihn denn mehr?

Kunst ist Gebet, epochales, dem Irrtum entäußert, ein biegsames, warmes, das bebt wie die Lippen des Tiers, da es zu küssen gelernt hat: den Speichel verfüttern. Wir saugen ihn auf. Letztlich schuf Physiologie Notre Dame und das Haus Mahalakshmis in Bombay, die Jama Masjid, und in Mekka die Kaaba. Ikarugas Ho-ryu-ji. Welch Grande Messe des Morts op. 5! Auch die Edda, der Saal des Talmuds. Sphingen und Häuser aus Luft und My Lai. Deir Yassin und des Sudans ethnisches Schlachtfest der kurzen, wahlweise längeren Ärmel. Die Kinder, fünfhunderttausende, dörrn im Irak. Das kommt aus Irrtum, dem Glaube, ja auch wie die vier paradiesischen Flüsse. Der Blues, die Gouaches. Meucheln und dichten. »Ich glaube nicht an die Photosynthese«, doch drückt schon den Spaltknopf. Es hat die Balance im Visier, wie sich das Thier reibt aneinander, noch immer, und daß es noch immer aufsteht, das Gras, aufersteht, wieder. Die Regnitz eilt immer noch weiter und trägt uns, es schwemmt uns. Wir schwimmen nicht selber, wir treideln, Balance des bleibenden Thieres, wir wirbeln geflößt –
Dann kommt das Meer.
Blaue, bei Licht, Endlosigkeit.
Schwarzes Vergessen, Geliebte. Den Sohn vergessen und Dich. Nie mehr, Christìn, Dir Antworten schreiben. Euch lassen und mich.
Stocken.
Und hochsehn.
Ach schau nur die Sonne, sie trägt uns zur Kante der Meere. Sie dreht uns darunter. Es stürzt. Bamberg, mein Studio. Die Scheiben stürzen, der Kies stürzt, die Tische, die Bänke, die Brüstung, der Garten. Noch holn wir Luft an der Mündung, wie eingeholt Fische auf Trockenem schnappen – um Atem.

erstellt am 26.11.2011

Alban Nikolai Herbst

liest die

Sechste Elegie:

Sechste Elegie aus:
Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier: Bamberger Elegien
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Elfenbein Verlag