Während die ägyptische Journalistin und Autorin Mansura Eseddin im Herbst 2011 ihre erste Lesereise durch Deutschland macht, eskalieren in Kairo die gewaltsamen Unruhen auf dem Tahrir-Platz. Die Sorge ist ihr anzumerken. Vor wenigen Monaten hatte Mansura Eseddin selbst zu den Kämpfenden in den Straßen gezählt. Als Autorin ist Mansura Eseddin im deutschsprachigen Raum nur wenigen bekannt. Durch ihre politischen Analysen beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung und Neuen Zürcher Zeitung hat sie sich hingegen als versierte Journalistin bereits auch hier einen Namen gemacht.
1976 wurde Mansura Eseddin in einem Dorf am Nil geboren und hätte in konservativer Umgebung den Weg einer traditionell verschleierten Frau wählen können. Stattdessen entschied sie sich mit 18 Jahren allein nach Kairo zu gehen und Journalismus zu studieren. Dort nahm sie zur intellektuellen Elite Kontakt auf, publizierte im revolutionären Nischen-Verlag Merit, dessen Verleger für sein Engagement den Hermann-Kesten-Preis 2011 des Deutschen P.E.N. erhalten hat. Für ihren ersten Roman, der jetzt im Unionsverlag unter dem Titel „Hinter dem Paradies“ durch die Übersetzung von Hartmut Fähndrich auch auf Deutsch zugänglich ist, wurde sie 2010 als einzige Frau für den arabischen Booker: den International Prize for Arabic Fiction nominiert.
Im Faust-Gespräch berichtet Mansura Eseddin über korrumpierte Sprachwelten, die Rückkehr von Folter und Angst unter der Militärregierung und von den unterschiedlichen Freiheitsbildern arabischer Frauen, die in ihrem Roman sichtbar werden.

Kairoer Tahrir-Platz
Faust-Gespräch mit Mansura Eseddin

Die Bedeutung der Nischen

Mansura Eseddin, Sie sind in Ägypten nicht nur eine renommierte Schriftstellerin, sondern auch eine engagierte Journalistin. Sie arbeiten für die bekannte staatliche Literaturzeitschrift Akhbar al-Adab und sind auch in der Befreiungsbewegung aktiv. Wie funktioniert das alles zusammen?

Seit zehn Jahren arbeite ich bei Akhbar al-Adab und bin dort nicht nur für die „Buchrezensionen“ verantwortlich, sondern gestalte eine 12-seitige Monatsbeilage, die über nationale und internationale Buchproduktionen informiert. Sie setzt sich außerdem mit Problemen der Verleger und der Zensur in der arabischen Welt auseinander. In Ägypten gibt es keine Zensurbehörde, die alle Bücher vor der Veröffentlichung prüft. Risiken entstehen jedoch, wenn das Buch bereits auf dem Markt ist, und jemand aus unvorhersehbaren Gründen vor Gericht geht, um das Buch verbieten zu lassen. Das heißt, es gibt keine Zensur vor der Veröffentlichung. Das ist einesteils gut, birgt aber die Gefahr, dass man nie weiß, was mit einem Buch nach der Publikation geschieht. Mit Hilfe der Beilage versuchen wir, Verleger zur Veröffentlichung in Ägypten zu ermutigen.

Warum konnte die Literaturzeitschrift so freiheitlich agieren?

Die Zeitschriftenbeilage ist zwar staatlich, hat aber einen besonderen Status, weil sie eine Literaturzeitschrift ist. Die ägyptischen Autoren haben immer für mehr Freiheit gekämpft und andere ermutigt, sich kreativ mit der Zensur auseinanderzusetzen. So ist ein kleiner Freiraum entstanden, man lebte zwar unter einem diktatorischen Regime, konnte aber an diesem Nischenplatz freiheitliche Themen behandeln. Das Mubarak-Regime hat, obwohl es ein unterdrückerisches Regime war, doch so getan, als wäre es ein freies oder demokratisches Regime. Das war zwar nur die Fassade, um diese Lüge zu untermauern, hat den Zeitschriften jedoch einen kleinen Freiraum gelassen.

Die Autoren konnten also in einer Art Parallelgesellschaft ihre Werke veröffentlichen?

Ja, das gab es in Ägypten. In den Jahrzehnten der Diktatur war der kulturelle Bereich besonders aktiv, die Zeitungen, die die Intellektuellen produziert und unter sich verteilt haben, hatten ein gewisses Maß an Freiheit. Im Jahr 2003 habe ich darüber einen Artikel geschrieben. Er hat den Titel: „Die Bedeutung der Nischen.“ Ich habe darin an einigen Beispielen gezeigt, dass ein Autor umso freier ist, umso mehr er „marginalisiert“ ist, sich also in einer Nische befindet. Die jungen ägyptischen Autoren sind alle im Merit-Verlag publiziert worden. Als Nischen-Verlag, dessen Verleger Mohamed Hashem übrigens gerade vom Deutschen P.E.N. ausgezeichnet worden ist, besaß er ziemlich große Freiheiten, er hat es dieser Generation ermöglicht, hinsichtlich Themen und Stil ganz frei zu schreiben, er hat der ägyptischen Literatur eine neue Vitalität gegeben.

Sie haben schon während Ihres Journalismus-Studiums in Kairo diese schriftstellerische Freiheit genutzt. Ihre Kurzgeschichten sind in großen ägyptischen Zeitungen veröffentlicht worden. Gab es im Studienkreis Gruppen, die sich gemeinsam mit Ihnen engagierten?

Während meines Studiums haben sich nur wenige für kreatives Schreiben interessiert, ich war eher eine Außenseiterin. Der Schriftsteller wird in der ägyptischen Gesellschaft zwar hoch geschätzt, lebt jedoch in einer Art geschlossenen Gesellschaft, es ist ein Ausnahmeberuf ohne große Erfolgschancen. Und wenn ein Buch großen Erfolg hat, kann es Probleme geben. Leser versuchen dann beispielsweise wegen Passagen, über die sie sich ärgern, die Zensur zu aktivieren.

Gehen Sie beim Schreiben solche Risiken bewusst ein?

Ich kann während des Schreibens nicht einschätzen, welche Passagen als provozierend aufgefasst werden. In meinem aktuellen Buch beschreibe ich die großen Augen einer Figur und sage, dass Gott bei der Erschaffung dieses Wesens seine ursprüngliche Vorstellung geändert habe. Ein Leser hat diese Passage nicht akzeptiert, Gott könne nicht seine Meinung ändern …, der Leser hat den Satz nicht metaphorisch aufgenommen und wollte das Buch aus religiösen Gründen verbieten lassen.
Es kann passieren, dass irgendwelche gewöhnlichen Dinge Leser ärgern und sie darum die Zensur bemühen. Die Behörden unter Mubarak reagierten vor allem mit Zensur, wenn eine Passage politisch war und das Mubarak-Regime betroffen hat.

Sie sprechen sehr frei ihre Kritik an der gegenwärtigen Militärregierung aus und veröffentlichen in westlichen Zeitungen ihre politische Analyse der Entwicklungen im arabischen Raum. In wenigen Tagen sind Wahlen, auf dem Tahrir-Platz wird grausam gekämpft. Haben Sie Angst vor Repressionen nach Ihrer Rückkehr?

Angst ist ein menschliches Gefühl, besonders, wenn sie in einer Diktatur leben. Durch einen Zufall kann in jedem Augenblick ihre Freiheit und ihre Menschenwürde verletzt werden. Ich möchte mich dieser Angst nicht ergeben, darüber habe ich vor allem während der Revolution immer wieder nachgedacht. Damals haben wir die Barriere der Angst überwunden, es gab in uns keinen Ort mehr für diese Angst. Am 28. Januar war ich mit anderen auf der Straße, damals hat es in mir einen Wendepunkt gegeben. Man hat uns mit Tränengas und mit scharfer Munition beschossen. Viele Menschen sind an dem Tag gestorben, und zugleich ist unsere Angst verschwunden. Alle, die auf die Straße gegangen sind, standen in diesem Moment an der Schwelle des Todes, sie haben sich dem Tod entgegengestellt. Das hat dazu geführt, dass man die Angst nicht mehr empfindet, man hat das Gefühl, ich bin auch nicht besser als die, die jetzt gestorben sind. Man kann sich jetzt nicht einfach nur aus Angst zurückziehen, das wäre wie ein Verrat an denen, die erschossen worden sind.

Sind Sie persönlich wegen Ihres Engagements bedroht worden?

Es hat während der Revolution eine indirekte Bedrohung gegeben. Ich bin nicht nur auf die Straße gegangen, sondern war auch auf Facebook sehr aktiv. Man hat meinen Facebook-Account gehackt, und auch den von meiner Tochter, außerdem gab es viele Offiziere, die Freundschaftsanfragen gestellt haben, ihre Botschaft war: Wir verfolgen genau, was du machst. Zum Glück hat sich die ägyptische Revolution sehr schnell entwickelt, darum war das Regime hauptsächlich mit dem eigenen Überlebenskampf beschäftigt. Jetzt gilt mein Kampf eigentlich eher dem Militärrat, der die Übergangsperiode regiert. Ich stelle fest, dass der Militärrat versucht, den Menschen wieder Angst zu machen, sie wollen bei den Revolutionären den Geist der Revolution töten. Unsere Aufgabe ist es jetzt, den revolutionären Geist am Leben zu erhalten. Wir tun dies wegen der Menschen, die gestorben sind, und wegen unserer Ziele, nämlich Freiheit und sozialer Gerechtigkeit.

Worin besteht in dieser Zeit die besondere Aufgabe der Schriftsteller?

Die Aufgabe der Autoren beschränkt sich natürlich nicht auf den politischen Bereich, wir müssen auch versuchen, die Methoden zu zerstören, mit denen das Regime die freie Meinungsäußerung unterdrückt. Schriftsteller müssen sehen, was andere nicht sehen, sie müssen Dinge erkennen, die noch im Verborgen liegen.

In wenigen Tagen gibt es in Ägypten Wahlen. Diese Situation hat zu einer Eskalation der Gewalt geführt. Die revolutionäre Bewegung wird mit militärischer Gewalt niedergeschlagen. Wie sehen Sie die Zukunftschancen der Freiheitsbewegung?

Ich bin nicht sehr optimistisch, was die nächsten Wahlen betrifft. Sie finden im nichtdemokratischen Kontext statt, und es ist für die Ägypter auch noch nicht eindeutig, wie diese Wahlen genau stattfinden werden. Mich beschäftigt im Moment besonders das Problem der Folter. Ich versuche zu untersuchen, wie sich die Überreste des Mubarak-Regimes jetzt wieder weiter entwickeln. Ein zentrales Problem ist, dass Militärgerichte die Zivilisten verurteilen. Seit dem Sturz von Mubarak bis Ende August sind mehr als 12.000 Ägypter von diesen Militärgerichten verurteilt worden! Das ist meiner Meinung nach eine Katastrophe. Zivilisten dürfen eigentlich nicht von Militärgerichten verurteilt werden. Ich habe darüber Artikel geschrieben, habe auch viele Fälle auf der Basis von Zeugenaussagen vorgestellt. Die Beschreibungen dieser Personen, denen das selber passiert ist, sind schrecklich, diese Leute sind während dieser Verfahren ganz ungerecht behandelt worden. Durch diese Gerichtsverfahren versucht der Militärrat jetzt, die Revolutionäre loszuwerden.

Sie sagen, dass Unterdrückung auch mit Mitteln der Sprache erfolgt?

Der Militärrat bezeichnet die Revolutionäre jetzt als Rowdys oder Schlägertrupps, das ist jedoch der Name jener Trupps, die von Mubarak bezahlt worden sind, damit sie die Revolutionäre angreifen. Als Zivilisten haben sie die Revolutionäre geschlagen, nun beschuldigt der Militärrat diejenigen Revolutionäre, die jetzt vor Gericht stehen, sie seien die Rowdys oder Schläger. Indem der Militärrat dasselbe Wort benutzt, vergeht er sich auch an der Sprache. In der letzten Zeit hat man sehr häufig versucht, die Sprache zu korrumpieren. Es ist sehr schwierig, wenn die Sprache nicht mehr eindeutig ist, sondern korrumpiert.
Kurz nach dem Sturz von Mubarak habe ich einen Artikel geschrieben, in dem ich sage: Die ägyptische Revolution ist auch ein Versuch, die Sprache zu befreien. Der Text wurde in einer libanesischen Kulturzeitschrift und über die Heinrich-Böll-Stiftung publiziert. Während der Revolution gab es also einen Konflikt zwischen zwei Sprachen. Unter Mubarak wurde die Sprache ein Partner der Korruption, man hat die Werte umgekehrt und den Sätzen eine gegensätzliche Bedeutung gegeben. Die regimetreuen Medien beispielsweise haben über das „Zeitalter der Freiheit“ gesprochen, wenn sie die Zeit von Mubarak meinten. Die Revolutionäre sind zu den ursprünglichen Wortbedeutungen zurückgekehrt, doch durch den Militärrat fällt man wieder zurück und die Sprache wird erneut korrumpiert. Der politische Kampf zwischen den revolutionären Kräften und dem jetzigen Militärrat wird sehr lange andauern.

In Ihrem 2009 in Ägypten und jetzt auf Deutsch im Unionsverlag erschienenen Roman „Hinter dem Paradies“ ist diese politische Seite Ihres Schreibens nicht auf den ersten Blick sichtbar. Wie nah gehören Literatur und politisches Engagement zusammen?

Wenn ich kreative Texte schreibe, kümmere ich mich eher um Ästhetik und künstlerische Dinge, wenn ich meine politische Meinung ausdrücken will, schreibe ich einen Artikel. Wenn ich kreativ schreibe, möchte ich künstlerisch experimentell arbeiten.

Bestimmt ihre sozialkritische Sicht nicht auch die Themen Ihrer literarischen Texte?

Es geht weniger um die Themen, sondern mehr um die Art, wie man sie darstellt. Ich kann über jedes Thema schreiben, doch muss dies auf künstlerische Weise geschehen. In meinem Roman geht es auch um das Leiden der Frauen. Ich spreche mit der Stimme der handelnden Personen, schlüpfe in diese Rollen und beschreibe auf diese Weise sehr unterschiedliche Frauentypen.
Jede Frau beschreibe ich, wie sie in ihrem Umfeld ist, ohne ihr etwas von außen aufzudrücken. Ich lege ihr nicht meine Meinung in den Mund, dann wären alle Personen in meinem Roman eine einzige Person, nämlich ich.

Sie beschreiben in Ihrem Roman, der auf dem Land in einem Nildeltadorf angesiedelt ist, sehr starke Frauen. Haben wir ein klischeehaftes Bild von dem Leben der Frauen in Ägypten, wenn wir es als ein unterdrücktes, unfreies Leben sehen?

Was die Frage der Frau angeht, leugne ich nicht, dass die ägyptische Frau insbesondere auf dem Land unter sehr schwierigen Bedingungen lebt. Aber viele dieser Frauen reagieren mit großer Stärke auf diese Probleme und ordnen sich nicht unbedingt dem Milieu unter, in dem sie leben. Ich glaube, dass die eigentliche Unterdrückung innen beginnt. Wenn ich mich so verhalte, wie die anderen es erwarten, dann ist das ein Problem. Manchmal handelt das Opfer als Partner des Unterdrückers, das ist das eigentliche Problem.

Woher kommt die Kraft der Frauen, Widerstand zu zeigen?

Bis ich 18 Jahre war lebte ich in einem kleinen und konservativen Dorf auf dem Land. Ich habe dort ganz verschiedene Frauentypen gesehen, die meisten waren sehr starke Frauen, in den meisten Fällen bildeten sie das Zentrum der Familie. Allerdings haben sie sich ihrer Umgebung gegenüber häufig loyal verhalten, sie sind stark, aber auf ihre ganz eigene Art und Weise.
Stark sein heißt also nicht unbedingt, dass sie Freiheit fordern. Diese Frauen ordnen sich den gesellschaftlichen Traditionen unter und wenn ich, Mansura Eseddin, von Freiheit als Frau spreche, dann verstehen diese Frauen auf dem Land unter dieser Freiheit etwas ganz anderes. Sie wollen nicht die Freiheit, alleine zu leben oder ihr Kopftuch abzunehmen, sie wollen etwas völlig anderes. Diese Frauen leben in ihrem Milieu und bleiben in ihrem Milieu, das heißt aber nicht, dass sie nicht stark sind. Sie nutzen ihre Stärke häufig, um die herrschende Tradition zu stärken, sie multiplizieren diese und tragen sie weiter in die nächste Generation. Stärke allein ist nicht unbedingt die Voraussetzung, um Freiheit zu erlangen.

Welche Wurzeln haben ihre eigene Stärke und Unabhängigkeit?

Ich bin mir nicht unbedingt bewusst, wo die Quellen für diese Stärke liegen. In meiner Kindheit hat man gesagt, ich ähnle sehr der Großmutter, der Mutter meiner Mutter. Sie war eine sehr starke Frau, die wichtigste Frau in der Familie und im Dorf. Ich bin in einer sehr geschlossenen Gesellschaft aufgewachsen, aber das Wichtigste war, dass man Stärke respektiert und Wert geschätzt hat. Mein Vater hat mir schon früh gesagt, ich sei anders als meine Geschwister. Schon in meiner Kindheit hat man mich als starke Person bezeichnet. Diese Charaktereigenschaft ist in mir weiter gewachsen. Ich kann mich gut erinnern, dass meine Mutter oft gelacht hat und zu meinem Vater sagte, Du erziehst einen Jungen und kein Mädchen. Sie hatte damals Angst, dass es ein Fehler sei, ein Mädchen nicht zum Gehorsam zu erziehen. Mein Vater ist gestorben, als ich neun Jahre alt war. Zu meiner Überraschung hat meine Mutter mich plötzlich genauso erzogen und behandelt, wie zuvor mein Vater. Ich konnte also schon früh die verschiedenen Seiten der Persönlichkeit meiner Mutter kennen lernen. Zuerst war sie eine zarte und sehr schöne Person, die praktisch nicht aus dem Haus ging. Mit 24 Jahren und fünf Kindern wurde sie jedoch plötzlich Witwe und in diesem Moment eine ganz starke Frau. Für mich war es verblüffend festzustellen, dass eine Person offensichtlich mehrere Seiten in sich trägt.
Aufgrund dieser Erfahrung betrachte ich die Menschen auf dem Land anders, als die Städter oder das westliche Ausland diese Menschen betrachten. Ich urteile nicht nach dem Äußeren, sondern nach dem Milieu. Stärke bedeutet je nach der gesellschaftlichen Situation etwas anderes. Stark sind auf dem Land auch diejenigen, die sich unterordnen. Ich betrachte die Traditionen und die Gesellschaft, wie sie funktioniert. Die einzelnen Frauen beurteile ich nicht nach äußerlichen Kriterien und sage aufgrund dessen, die ist jetzt unterdrückt. Ich versuche, ihre eigentlichen Stärken zu erkennen und so ihre Lage einzuschätzen.

Gibt es eine Art Missverständnis im westlichen Blick auf die arabischen Frauen? Wir finden sie zum Teil bemitleidenswert unterdrückt?

Mitleid ist das Schädlichste überhaupt. Mitleid resultiert zwar einesteils aus einem Mitgefühl, auf der anderen Seite jedoch auch aus einem arroganten Blickwinkel, auch wenn das nicht unbedingt beabsichtigt ist. Die Frauen im Westen denken immer, die Frauen in der arabischen Welt müssten auf eine Art und Weise befreit sein, wie das den westlichen Vorstellungen entspricht.
Ich selbst bin so, wie die Frauen im Westen sich das vorstellen, ich bin früh vom Land weggegangen, habe allein gelebt, ich entspreche diesem Muster, aber ich respektiere auch das Recht und den Willen der anderen Frauen, so zu leben, wie sie das für richtig halten. Meine älteste Schwester zum Beispiel ist verschleiert, trägt ein Kopftuch und ist eine fromme Frau. Ich respektiere diese Wahl, weil ich weiß, dass sie daran wirklich glaubt, aber ich verlange von ihr, dass sie auch mich respektiert und meine Wahl so zu leben, wie ich lebe. Ich könnte es nicht akzeptieren, wenn sie mich auffordern würde, das Kopftuch wieder anzuziehen.
Der Blick der westlichen Frauen auf die arabischen Frauen ist allerdings auch nicht vollkommen falsch. Natürlich gibt es viele Frauen in der arabischen Welt, die unter ganz vielen Problemen leiden. Diese Gesellschaften geben den Frauen zu wenig Freiraum und sind ihnen nicht freundlich gesonnen. Dennoch meine ich, die Situation der Frauen ist nicht so linear, es gilt viele Faktoren zu beachten. Frauen haben verschiedene Wünsche, das muss man respektieren.

Religiöse Gruppierungen werden in dieser Übergangsphase wieder dominanter, sehen Sie durch diese Bewegungen die eigene Freiheit gefährdet?

Nach dem Sturz von Mubarak sind die Muslimbrüder und die Salafisten sehr stark in Erscheinung getreten. Ich habe Salafisten an Orten gesehen, wo ich ihnen zuvor noch nie begegnet bin. Als liberale und säkulare Menschen haben wir nichts gegen diese Gruppierungen, aber sie sollen uns auch nicht stören. Problem ist, dass die Salafisten uns beschuldigen, wir hätten die Religion verlassen. Ich glaube, das ist gerade für dieses Thema im Moment eine entscheidende Zeit. Zum ersten Mal lernen wir jetzt die verschiedenen Bestandteile der Gesellschaft kennen. Was auch immer da sichtbar wird, es ist wichtig. In diesen diktatorischen Regimen, unter denen wir sechs Jahrzehnte gelebt haben, gab es einen Vorhang, der die Menschen von der Realität getrennt hat. Wir konnten die Gesellschaft, in der wir leben, nicht wirklich sehen. Jetzt versuchen alle gesellschaftlichen Kräfte und Gruppierungen, sich selbst darzustellen und zu zeigen, dass sie da sind. Das ist mit ein Grund, warum jetzt so viele Salafisten und Muslimbrüder aufgetaucht sind und sich zu Wort melden. Auf der anderen Seite gibt es jedoch noch genügend Gruppierungen, die auch in Erscheinung getreten sind, um die Freiheit zu verteidigen.
Es gibt jetzt zum Beispiel homosexuelle Ägypter, die sich entschlossen haben, an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch Anarchisten sind hervorgetreten. Die ägyptische Bloggerin Alia Magda al-Mahdi hat in ihrem Blog Nacktfotos von sich veröffentlicht, um Freiheit zu fordern und sich gegen Unterdrückung auszusprechen. So etwas hat es früher nicht gegeben und einen Aufstand ausgelöst. Wir entdecken uns neu und alles, was in der Gesellschaft bisher verborgen gewesen ist. Ich hoffe, dass wir am Ende in der Lage sind, einen säkularen demokratischen Staat zu bauen und Freiheit zu erlangen.

Welchen Beitrag kann in diesem Moment der Westen leisten?

Westen ist ein breiter Begriff. Wir sind über die weltweite Solidarität der Menschen sehr froh und dankbar gewesen, denn das hat ein weltweites, brüderliches Gefühl sichtbar gemacht. Von den USA erhoffe ich mir insbesondere, dass sie sich nicht wieder auf die Seite von Unterdrückern und Diktaturen stellen. Sie geben den arabischen Diktatoren oft moralische Unterstützung, Mubarak stand den amerikanischen Regierungen sehr nahe. Das Wichtigste ist, dass die Völker sich auf sich selbst besinnen und ihre Rechte einfordern. Der erste Schritt muss aus dem Innern vom Volk her kommen.

Die Fragen stellte Andrea Pollmeier
Die Übersetzung des Gesprächs erfolgte durch Larissa Bender

erstellt am 22.11.2011

Mansura Eseddin

Mansura Eseddin, 1976 im Nildelta geboren, ist Schriftstellerin und Journalistin. Mit 18 Jahren hat sie ihr Heimatdorf verlassen, um in Kairo Journalismus zu studieren. Dort arbeitet sie heute für eine der wichtigsten Literaturzeitschriften Ägyptens Akhbar al-Adab. Während ihres Studiums hat sie bereits begonnen, Kurzgeschichten zu veröffentlichen und hierfür einen Preis der ägyptischen Universität gewonnen. Ihre Kurzgeschichtensammlung Dhaw’a Muhtaz (Shaken Light / Flackerndes Licht) wurde 2001 in Kairo publiziert, der erste Roman Maryam’s Maze erschien 2004 und ist bereits in der 5. Auflage sowie als kostengünstige Volksauflage erschienen. In Englisch wurde er bei AUC Press 2007 veröffentlicht und unter dem Titel „Odyssee von Mariam“ in der Schweizer Zeitschrift für arabische Literatur in Auszügen auf Deutsch übersetzt. 2009 erschien Mansura Eseddins zweiter Roman Wara‘a al-Firdaus, der 2010 auf die Shortlist des International Prize for Arabic Fiction gelangte. 2011 ist dieses Werk unter dem Titel Hinter dem Paradies 2011 im Unionsverlag erschienen.

O-Ton

Mansura Eseddin spricht über die Barriere der Angst auf dem Tahrir-Platz und den Wendepunkt, den sie erlebt hat.

Originalton Arabisch:
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Übersprochene Fassung in Deutsch:
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Audio-Mitschnitte © Andrea Pollmeier, Faust-Redaktion

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