Nicht nur das offizielle China meidet die Erinnerung an die Unruhen, die die Demokratiebewegung in China vor mehr als zwanzig Jahren ausgelöst haben. In einem Faust-Interview, das Liao Yiwu am 20. Oktober 2010 im Literaturhaus Frankfurt führte, macht Liao Yiwu deutlich, dass sich teilweise auch deutsche Sinologen der offiziellen Verdrängungslinie angepasst haben. Tienchi Martin-Liao hat Liao Yiwus Antworten übersetzt.

Kurzgespräch mit Liao Yiwu

Gedächtnisvakuum

Im Juni 1989 gab es eine Gruppe chinesischer Künstler, die zur 40-Jahr-Feier der Volksrepublik China in Deutschland war. Damals konnten die Künstler nicht glauben, dass Panzer über den Tiananmen Platz fuhren. Sie hielten die Fernsehbilder zunächst für irreführende Propaganda des Westens. Gibt es diese Unsicherheit in Teilen der chinesischen Bevölkerung noch bis heute?

Tienchi Martin-Liao (Übersetzerin):
Chinesen haben ein Gedächtnisvakuum, sie wollen nicht mehr zurück blicken. Sie wollen nach vorn schauen, das entspricht auch der Politik der Regierung. Man will das individuelle Gedächtnis der historischen Geschehnisse ausradieren, doch das geht nicht, wir wehren uns gegen diese Tendenzen. Es gibt aber auch deutsche Sinologen, die ihre Augen zu machen und nicht mehr wissen wollen, was in China wirklich passiert ist. Sie teilen die Interessen der offiziellen Chinesen. Wer sich an die offizielle Sichtweise anlehnt, bekommt viele Vorteile. Vor solchen Personen habe ich keine Hochachtung.

Es gibt junge Chinesen, die in Deutschland leben und inzwischen mit einem schlechten Gewissen kämpfen, weil sie 1989 an den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens teilgenommen haben. Sie leben jetzt fern von ihrer Heimat und möchten sich loyal zu ihrem Land erweisen. Aus diesem Grund fällt es ihnen schwer, sich von den Vorwürfen abzugrenzen, die von offizieller Seite gegen die damalige Demokratiebewegung ausgesprochen werden.

Tienchi Martin-Liao:
Es ist Teil der menschlichen Natur unangenehme, grausame Dinge zu verdrängen. Das kann man einerseits verstehen, andererseits kann man das nicht verzeihen. Heute war Liao an der Judengasse und hat an der Mauer gesehen, wie Namen von einzelnen jüdischen Bürgern aus Frankfurt an der Gedenkstätte aufgeführt worden sind. Liao war sehr bewegt und meint, dass die Chinesen hiervon lernen sollten. Man darf die sehr schmerzlichen Geschehnisse in der Geschichte nicht vergessen, es ist ein Verbrechen, das zu verdrängen.

Die Fragen stellte Andrea Pollmeier

erstellt am 17.11.2011

Erste Antwort von Lioa Yiwu
in der Übersetzung von Tienchi Martin-Liao